Göttinfund in Athen: Rätselhafte Schlangen?


Auf der Agora von Athen, dort in der Verfüllung der Straße, wurde 1932 eine Tontafel mit der Darstellung einer Göttin nebst Schlangen gefunden, welche zunächst irreführend „Schlangengöttin“ genannt wurde. Nun glaubt man zu wissen, dass es sich um Demeter, die gern als Göttin der Ernte bezeichnet wird, handelt.
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Offensichtlich stellt es ein Problem dar, zu erklären, warum die Schlange, die von Patriarchen für ein Symbol des Todes gehalten wird, mit dieser offensichtlich dem Leben zugewandten Göttin verbunden ist.
Der Symbolgehalt der Schlangenhäutung als Wiedergeburt ist eigentlich unübersehbar. Die Schlange ist daher Symbol für Leben, Tod und Regeneration. Sie findet sich überall in den Hinterlassenschaften matrifokaler Völker und ist häufig auch in der sich ein- oder auswickelnden Spirale abstrahiert. Dass sie an Gräbern angebracht ist, bedeutet nicht, dass sie ausschließlich ein Todessymbol ist. In den Häusern, wo Geburten stattfinden, ist sie ebenso zu finden.

Im Kult der vorgriechischen minioschen Kultur hatte die Schlange eine zentrale Bedeutung, wie die Statuetten der sog. Schlangenpriesterinnen es verdeutlichen (S. Abb. unten). Noch im späteren, antiken Griechenland war Pythia die Orakelpriesterin von Delphi, die einen Schlangenkult betrieb. Bis heute trägt der (!) Python ihren Namen. („Die Schlange“, J. Schacht 2012, siehe hier)
Demeter ist eine vorgriechische universelle Muttergöttin. Sie bildet zusammen mit der Kore eine Mutter-Tochter-Dualität ohne eine Vaterfigur bei sich haben, wie es in Leben und Kult matrifokaler Völker typisch ist. Zur Göttin der Ernte wurde Demeter in der patriarchalen Mythologie, in der Zeus zahlreiche GöttInnen unter sich hat. Trotzdem wurde sie von den Mythografen nicht verheiratet, sondern nur auf die Ernte-Funktion reduziert. (vgl. C. Meier-Seethaler 2011,
Siehe).
Es ist anzunehmen, dass Demeter tief in der Volksfrömmigkeit verwurzelt war und daher weitgehend gegen mythografische Verformungen immun war. Sie lies sich lediglich an den Rand drängen, wobei sie aus heutiger Sicht an Bekanntheit einbüßte.

Beim Übergang zum Patriarchat wurde die Schlange in den meisten Kulturen als Drachen oder als Verkörperung des Teufels dämonisiert. Die unzähligen Mythen von Drachentötern sind daher im Zusammenhang mit der Patriarchalisierung zu sehen und stellen einen „heroischen“ Mutter(göttin)mord dar. In Griechenland aber war die schlangenhäuptige Gorgo-Medusa Schreckgespenst und Schutzzeichen zugleich.

Kleine Schlangengöttin 01

Fayencestatuette der „kleinen Schlangengöttin“ (Neupalastzeit um 1600 v. Chr.) aus dem Palast von Knossos, ausgestellt im Archäologischen Museum Iraklio, Kreta, Griechenland (Bild: Wikimedia commons, user Oltau)

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