Meldungen über Gewalt in der Frühgeschichte gierig verschlungen und daran beinahe erstickt


In letzter Zeit sind gehäuft Schlagzeilen zu lesen, wonach bisher als friedlich eingeschätzte Kulturen doch äußerst gewalttätig gewesen seien. Für die Quote sind Mord und Totschlag natürlich immer gut und auch die Archäologie profitiert davon. Das geht leider aber auf Kosten Anderer und auf Kosten des Erkenntnisgewinns. Aber ist das wirklich nur Sensationspresse? Hanebüchen waren schon die Schlussfolgerungen, die aus den zweifelhaften Untersuchungen an Skeletten aus der Bandkeramischen Kultur (Jungsteinzeit Mitteleuropas) gezogen wurden. Der versuchte Rufmord an der Minoischen Kultur (Bronzezeit Kretas) war hier ebenfalls schon Thema. Jetzt steht auch die Indus-Kultur (= Harappa-Kultur, Bronzezeit Pakistan) im Fokus der vermeintlichen Sensationsarchäologie. Aus den Gräbern der Stadt Harappa wurden Schädel von 18 Männern und Frauen untersucht, von denen die Hälfte unverheilte Verletzungen aufwiesen.

„Ein friedvolles Reich? Trauma und soziale Differenzierung in Harappa“ lautete übersetzt der Titel des englischen Original-Berichts. Daraus kreierte das Magazin „National Geographic“ den Titel „Überraschende Entdeckungen aus der Indus Zivilisation“ und den Untertitel „Archäologen sagen, dass die Indus-Kultur nicht annähernd so friedlich war, wie allgemein gedacht.“
Aber der kriegerische Gesamteindruck trügt und wurde mit der gleichen Methode erzeugt, die schon an der Bandkeramischen und Minoischen Kultur geprobt wurde: Nur beiläufig wird erwähnt, dass die Befunde aus der Endzeit der Kultur stammen. Die Zahl der untersuchten Individuen ist zudem zu gering, um eine generelle Aussage zu treffen.

Zwar ist die Existenz von Gewalt, in welchem Ausmaß auch immer, nun nicht mehr zu leugnen, es müssen aber andere Schlüsse aus den Befunden gezogen werden, die vor allem das Ende der Kultur betreffen. Wie auch bei den anderen Kulturen wurde über das Ende der Indus-Kultur schon viel spekuliert und die Öffentlichkeit nimmt sie als „Rätsel“ wahr. Bei Wikipedia wird immerhin erwähnt, dass es die Theorie gibt, nach der der Untergang der Indus-Kultur mit dem Erscheinen arischer Nomaden im Industal zu erklären sei, sie hätte heute allerdings nicht mehr viele Anhänger. Aufgezählt werden zahlreiche andere Argumente wie Überweidung, Holzbedarf oder ein potentielles Ende von Handelsbeziehungen. Festlegen will man sich nicht. Wenn wir genauer hinsehen, sind all diese Faktoren auf einen Primärfaktor, nämlich den Menschen, zurückzuführen.

Die neuen Untersuchungen in Harappa ergaben – und auch das wurde nur nebenbei erwähnt – dass die Frauen einheimisch, die Männer aber von außen zugezogen waren. Zwar wurden nur 18 Individuen untersucht, aber es wäre schon ein sehr großer Zufallsfund, wenn er sich nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragen ließe. Das eigentlich entscheidende Ergebnis ist also die Bestätigung der Hypothese einer matrilokalen Gesellschaft. Sie hatte in der Vergangenheit schon viele Anhänger und mit ihr wurde die Friedfertigkeit der Harappa-Leute erklärt. Nun ist erkennbar, dass die Kultur an ihrem Ende äußerem männlichen Einfluss ausgesetzt war und damit die Gewalt begann. Zugleich ist damit die Patriarchalisierung, wahrscheinlich durch nomadische Gruppen, dokumentiert, die fatale Nebenwirkungen hatte. Dies sind in erster Linie Respektlosigkeit und Gewalt gegen Frauen, deren Sexualität unter Kontrolle gebracht wurde, und Überbevölkerung und Missgunst, die daraus resultierten.

Dancing girl
Als „Tänzerin“ titulierte Statuette aus Mohenjo Daro. Nur ein Unterhaltungsgirl oder doch vielmehr eine Göttin?

Die Indus-Kultur begann etwa 2.800 v.u.Z. mit plötzlich auftretendem Städtebau. Der Assyriologe Samuel N. Kramer (1986) stellte die These auf, dass sie von Flüchtlingen der mesopotamischen Ubaid-Kultur gegründet wurde. Die Ubaid-Leute seien mit dem Einfall der Sumerer nach Osten ausgewichen und hätten am Indus ihre Kultur fortgesetzt. Die Anmutung der materiellen Hinterlassenschaften lässt dies tatsächlich auch vermuten. Die Ubaid-Leute müssen demnach friedfertige Menschen gewesen sein und tatsächlich waren sie in ihrer Heimat Ureinwohner. Kramers These wird heute abgelehnt, die Indus-Kultur hätte sich aus den Vorgängerkulturen vom Rande des Industals her entwickelt. Die auffälligen Ähnlichkeiten mit der Kultur Mesopotamiens werden mit Handelsbeziehungen erklärt. Dazu muss man wissen, dass das heutige Pakistan, wie viele andere, wenig selbstbewusste Schwellenländer, auch ein Interesse daran hat, sich als uralte Kultur darzustellen, die sich aus sich selbst entwickelt hat. Dass die Ähnlichkeiten mit Mesopotamien Ergebnis von Handelsbeziehungen gewesen seien, lässt sich damit aber nur unter Verbiegungen vereinbaren.

Harappan small figures
Tonfiguren aus Harappa, ca. 2.500 v.u.Z.

Die frühesten ackerbäuerlichen Kulturen im Großraum am Rande des Industal reichen bis 7.000 v.u.Z. zurück, die älteste ist Mehrgarh, die jüngste ist Amri (4.-3. Jtd). Neben dem Anbau von Gerste, Einkorn und Emmer wurden Kleinhornvieh und Rinder domestiziert. Zu den Funden gehören Ton-Statuetten, die zunächst ausschließlich weiblich waren. Mit der Entwicklung der großen Städte wie Harappa und Mohenjo Daro kommen auch männliche Abbildungen hinzu, so die berühmte Statue des sog. „Priesterkönigs“, die auf 2.500 v.u.Z. datiert wird (Bild unten). Haben wir mit ihm einen Patriarchen vor uns? Zumindest, das ist unzweifelhaft, waren die Männer der Indus-Kultur nicht unterdrückt. Es gibt aber keinerlei Hinweise auf Bauten männlicher Macht wie Paläste oder Befestigungsanlagen. Das größte Gebäude im Zentrum von Mohenjo Daro war eine öffentliche Badeanstalt. Elendsviertel bzw. eine gesellschaftliche Schichtung konnte nicht festgestellt werden. Wirtschaftlich spielte das Wasser des Flusses eine tragende Rolle. Zwei kleinere Städte der Indus-Kultur befanden sich auch direkt an der Küste der Arabischen See. Fisch- und Muschelfang muss also einen bedeutenden Beitrag zur Ernährung geleistet haben. Die wirtschaftliche Grundlage des Patriarchats, die Viehzucht in großen Herden, spielte offenbar keine Rolle. Rinder waren in erster Linie Zugtiere. Dazu kommen nun neu die Belege für eine matrilokale Lebensweise, die aus den Vorgängerkulturen herübergerettet worden sein muss.

Mohenjo-daro Priesterkönig
Statue aus Mohenjo Daro, Harappa Kultur, ca. 2.500 v.u.Z.

Die Statue des vermeintlichen Priesterkönigs trägt ein Gewand, das mit einem floralen, dreiblättrigen Motiv übersät ist. Ich vermute, dass es sich um die Darstellung von Wasserlinsen handelt. Sein Gesichtausdruck ist ruhig und genießerisch. Es ist wahrscheinlich, dass wir hier die Abbildung eines Vegetationsgottes, einen Flussgott, vor uns haben. Ein Flussgott ist übrigens schon für die Ubaid-Kultur belegt. Dessen späterer sumerischer Mythos ist eine von sumerischen Priestern zusammengereimte Schöpfungsgeschichte, die von einer matrilinearen Göttergenealogie zeugt, aber in seinem Namen Enki, übersetzt mit „Herr der Göttin Erde“ verbirgt sich bereits die patriarchale Degradierung der Großen Erdgöttin Ki zur Ehefrau und Gattin eines männlichen Schöpfergottes (Bott 2009).

Kleine Wasserlinse (Entengrütze) Wasserlinsen

Wie auch bei der Bandkeramischen und Minoischen Kultur, bin ich überzeugt, dass die Indus-Kultur an inneren Konflikten, die eine Folge der neuen patriarchalen Herrschaft waren, zugrunde gegangen ist. Diese Konflikte müssen den für das Stadtwesen und die Versorgung notwendigen Zusammenhalt auch mit dem Hinterland empfindlich gestört haben. Der neue Egoismus der Patriarchen entzog der Kultur ihre Lebensgrundlage.

Gewalt, die im Übrigen nicht mit natürlicher Aggression zu verwechseln ist, ist ein Akt krankhaften Verhaltens. Es ist die Folge der Aushebelung der Naturgesetze, die in vorpatriarchaler Zeit noch gepflegt wurden (Blaffer Hrdy 2010). Wir sollen aber glauben, dass das Patriarchat ein Phantom ist und die Menschheit sich schon immer die Köpfe eingeschlagen hat und damit auch noch erfolgreich war. Die Paradoxien, die die Archäologie im Angesicht der Fakten produziert, sollen wir als Schönheitsfleck wahrnehmen.

Literatur:

Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und andere. Berlin 2010

Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter. Norderstedt 2009

Kramer, Samuel Noah: In the World of Sumer. Detroit 1986

Robbins Schuga, Gwen et al.: A peaceful realm? Trauma and social differentiation at Harappa. In: International Journal of Paleopathology. Vol. 2, Issues 2–3, June–September 2012, Pages 136–147

Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Norderstedt 2012

Watson, Traci: „Surprising Discoveries From the Indus Civilization – Archaeologists say the Indus civilization wasn’t nearly as peaceful as popularly thought.” In: National Geographic Daily News online. Published April 29, 2013
http://news.nationalgeographic.com/news/2013/13/130425-indus-civilization-discoveries-harappa-archaeology-science/

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