Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?

Gerade titeln weltweit viele Zeitungen und Zeitschriften mit der Sensationsmeldung, dass nun endlich klar wäre, warum wir in Monogamie leben. Die Geschlechtskrankheiten seien die Ursache:

„Darum leben die meisten Menschen monogam“ (welt.de)
„Computersimulation: Warum wir monogam leben“ (spiegel-online.de)
„Ohne Kondom zur Monogamie: Warum leben wir in Paaren?“ (spektrum.de)

Alle Artikel beziehen sich auf die Studie „Disease dynamics and costly punishment can foster socially imposed monogamy“ der kanadisch/amerikanischen Forscher Chris T. Bauch und Richard McElreath, die am 12. April 2016 in NATURE COMMUNICATIONS veröffentlicht wurde.

Wie leichtgläubig doch jede noch so schlecht gemachte Studie sofort begierig aufgesaugt wird, wenn sie nur die Monogamie, also das uns allen auferlegte Patriarchat, als natürlich bestätigt! Es ist in der Tat kein Einzelfall. Zum wiederholten Male verbreitet insbesondere das SPEKTRUM einen solchen Artikel, der versucht, die Monogamie des Menschen als evolutionär sinnvoll hinzustellen. Ich erinnere an den Artikel Stark als Paar von Blake Edgar. Damals konnte das SPEKTRUM gar nicht anders, als meinen Leserbrief in der Printausgabe Juni/2015 abzudrucken, denn der Autor zitierte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in missbräuchlicher Weise. Ich habe die Redaktion natürlich auch auf den patriarchatsideologischen Antrieb solcher Artikel hingewiesen. Jedoch statt aus diesem Desaster zu lernen, wird jetzt wieder unkritisch nachgebetet. Da es sich um ein Blatt mit wissenschaftlichem Anspruch handelt, wenn gleich populärwissenschaftlich, beziehe ich meine Kritik im Folgenden nur auf den SPEKTRUM-Artikel, die aber auch für all die anderen gelten soll.

Wie die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy unschlagbar schlüssig nachgewiesen hat, beruht die Entwicklung zum Sozialwesen Mensch auf der female choice und der langen Kindheitsphase, die zusammen automatisch in Matrifokalität, d.h. Matrilokalität und Matrilinearität, führen. Noch in den jungsteinzeitlichen Kulturen ist diese Matrifokalität zu finden, z.B. in Çatal Höyük, Kfar Hahoresh, der Starčevo-Kultur usw., wie es Ian Hodder und Kurt W. Alt nachgewiesen haben.
Völlig veraltet sind die Thesen der Anthropologie, die Caroline Bauer einschiebt: „Bisher glaubten Anthropologen und Anthropologinnen, dass es besonders für Frauen vorteilhafter sei, monogam zu leben, weil der Mann sie somit bei der Kinderaufzucht besser unterstützen könne. Oder dass Männer untereinander im Wettbewerb stünden und darum ihre Partnerin gegen Nebenbuhler abschirmten.“ Auch Sarah Blaffer Hrdy hat das einmal geglaubt, wie sie selbst in Fußnote 20 auf Seite 448 ihres Buches „Mütter und andere“ (2010) schrieb, hat aber den fundamentalen Irrtum erkannt.

Heute sprechen Anthropologen von „Gen-Shopping“, wenn eine Frau fremd geht. Sie trauen sich nicht, die evolutionäre Regel, nach der idealerweise jedes Kind einer Frau von einem anderen Mann ist, auszusprechen, da das erhebliche gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Die Regel ist beinahe selbsterklärend, da eine Frau in ihrem Leben vergleichsweise nur wenige Nachkommen hat und genetische Vielfalt zu einer gesunden Population führt.
Unter diesen natürlichen Umständen kann sich kein Bewusstsein für Patrilinearität herausbilden und auch keine Patrilokalität durchgesetzt werden. Kein Vater lebt in der Sippe seiner leiblichen Kinder. Eine Frau braucht auch keinen männlichen Alleinernährer, denn in ihrer matrifokalen Sippe sind alle als sog. Alloeltern an der Kinderpflege beteiligt, wie Sarah Blaffer Hrdy es schlagkräftig nachweisen konnte.
Die female choice dient auch der unmittelbaren Gesunderhaltung, denn ein offensichtlich erkrankter Mann ist für eine Frau eher nicht attraktiv. Eine geschlechtskranke Frau wird sich enthalten, da die Entzündungen Schmerzen beim Sex verursachen.
Auch zur Geschichte der Geschlechtskrankheiten brauchen die Autoren der Studie offenbar noch etwas Nachhilfe: Die Syphilis stammt aus Südamerika. Die Indigenen dort sind seit Jahrzehntausenden an die Syphilis angepasst und ihr Immunsystem kommt damit gut zurecht. Erst in Europa eingeschleppt wurde die Syphilis zum echten Problem. Weil das die These stört, stellen Bauch/McElreath den südamerikanischen Usprung der Syphilis in Frage: „Syphilis existed for certain by the Fifteenth century, although there is debate about whether its origin was Colombian or pre-Colombian“.
Die Gonorrhoe war schon in der Antike bekannt und sie erzeugt sehr unattraktive und unangenehme Symptome, insbesondere beim Mann. Das griechische Patriarchat nahm jedoch keinerlei Rücksicht auf die Wahl der Frau, und Prostitution war an der Tagesordnung. Es wundert nicht, dass sich die Krankheit unter solchen Bedingungen ungehindert ausbreiten konnte, während sie unter natürlichen Bedingungen so gefährlich oder ungefährlich wie jede andere Krankheit auch war.
Viele Menschen haben Chlamydien, ohne jemals daran zu erkranken. Manche Menschen erkranken, ohne es zu merken. Dies ist die Folge einer evolutionären Anpassung, die der Populationsgröße bis heute keinen nennenswerten Abbruch getan hat.
Face of a man affected with tertiary syphilis Wellcome L0062301
Im Bild: Mann mit tertiärer Syphilis.

Caroline Bauer schreibt in Bezug auf die Geburtenrate: „Im Normalfall wäre es evolutionär günstiger, wenn ein Mann mit mehreren Frauen zusammenlebt“. Die Rechnung „Masse ist Klasse“, die die Macher der Studie aufstellen, könnte eine erschreckende Unkenntnis der evolutionären Zusammenhänge verraten, aber es scheint mir eher, als täuschten sie das nur vor. Denn eigentlich weiß jeder Evolutionsbiologie, dass genetische Vielfalt wesentlich wichtiger ist. Auch ist eine überhöhte Geburtenrate bekanntermaßen evolutionär ungünstig, denn es entsteht Populationsstress, der schließlich zum Zusammenbruch führt. Die female choice wirkt dagegen als eine natürliche Geburtenkontrolle, die nicht nur zur maximal möglichen Vielfalt führt, sondern auch zu einer gleich bleibenden Gruppengröße. Letztere ändert sich nur dann, wenn sich die Umweltbedingungen ändern. Warum das alles so ist, ist hier von mir zusammengefasst: http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm

Sowohl polygame, als auch monogame Völker sind Patriarchate, die immer eine Überbevölkerung produzieren. Die Ehe, ob polygam oder monogam, entzieht der Frau jede sexuelle Entscheidungsfreiheit. Die noch höhere Überlebensrate bei polygamen Völkern hängt nicht mit der männlichen Potenz zusammen, sondern damit, dass sich die Frauen bei der Kinderpflege gegenseitig helfen können und zudem nur einen Mann gemeinsam am Hals haben, der sich von den Frauen versorgt lässt.
„Evolutionär günstiger“ wäre es also, die female choice nicht zu unterdrücken, dann kann die Population gegen eine Krankheit Abwehrkräfte entwickeln, und die Gelegenheiten zur Infektion würden sinken, denn beide Geschlechter haben unter der female choice weniger Sex. Aber zu dieser Entscheidung würde sich kein eingefleischter Patriarch durchringen. Der patriarchale Mann verhält sich im Gegenteil überaus krankheitsfördernd. Der polygame Mann verringert die genetische Vielfalt erheblich und verhindert die natürliche Auslese, das ist evolutionär alles andere als günstig, es ist sogar der ungünstigste Fall.
Der „monogame“ Mann nutzt Prostitution, und schon vor der Ehe kann er sich infizieren, denn von keinem Mann wird verlangt, dass er jungfräulich in die Ehe geht, im Gegenteil! Die Krankheitserreger landen letztlich auch bei der treuen Ehefrau. Bekommt sie deshalb keine Kinder oder stirbt sie, nimmt er sich eine neue…. Der monogame Mann bleibt eine Märchenfigur, und das „costly punishment“ ist ein Mythos, denn Patriarchate feiern die männliche Potenz, statt sie zu unterdrücken.

Keine Frau, kein Mann konnte aber letztlich wissen, dass die Erkrankung die Folge von Sex ist. Warum sollten sie also auf die Idee kommen, deshalb monogam zu leben?

Was also ist dann der Grund, warum Menschen heute in Paaren leben? Die Frage ist doch längst von der Patriarchatsforschung beantwortet worden. Unter natürlichen Bedingungen kann sich kein Patriarchat herausbilden. Kein Mann kann hier die Sexualität der Frauen kontrollieren, es gibt keine Ehe. Der Grund, warum wir heute in Paaren leben, ist keine Geschlechtskrankheit, sondern allein die Unterdrückung der female choice zur Durchsetzung der Ehe. Es ist allein die Krankheit Patriarchat.
Das Patriarchat ist eine Erfindung der ersten Viehnomaden vor ca. 8000 Jahren. Jede außereheliche Beziehung der Frau wäre eine Gefahr für die wirtschaftliche Existenz des Patriarchen gewesen, der seine Herde zusammenhalten musste und Söhne brauchte. Hier entwickelte sich das Bewusstsein für Patrilinearität, die mit Patrilokalität, also der Gefangennahme der Frau, durchgesetzt wurde. Auf meiner Homepage können Sie dies ausführlich nachlesen:
http://www.gabriele-uhlmann.de/patriarchat.htm

Fazit: Dass Anthropologen bisher keinen evolutionären Nutzen in der Monogamie erkennen konnten, wie Caroline Bauer schreibt, ist darin begründet, dass es a) keinen Nutzen gibt und b) die Monogamie nicht evolutionär bedingt ist. Offenbar darf das beides nicht sein.
Entsprechend gestaltete sich die Zusammensetzung der verarbeiteten Daten. Wären matrifokale Völker in die Studie einbezogen worden, wäre herausgekommen, dass hier die Krankheitsrate am niedrigsten ist. Aber das durfte ja nicht passieren. Es wurde also die patriarchale Polygamie der patriarchalen Monogamie gegenübergestellt, als gäbe es keine matrifokalen Völker und als hätte es sie nie gegeben. Polygamie, im Christentum geächtet, kann jetzt als gefährlich dargestellt werden. Das Ergebnis der Studie stand also schon vorher fest.
Mir scheint, die Autoren der Studie wollen Angst vor Geschlechtskrankheiten schüren und damit die Ehe und das christliche Abendland retten.
Informationen zu den Autoren der Studie, Chris T. Bauch und Richard McElreath.
http://www.math.uwaterloo.ca/~cbauch/cv.html
https://www.mpg.de/9349950/anthropologie_wissM4

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27 Gedanken zu “Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?

  1. Die Patrilinearität ist mit unerkannten Kuckuckskindern gesegnet.

    Der Vater als Zeugender wird mit dem Geschlechtsverkehr gleichgesetzt und ist bei der Geburt seines Kindes ein Verweis auf eine Vergangenheit. Ein Vater war, die Mutter ist.

    Nur ein eheliches Kind ist Teil einer Patrilinearität. Die Patrilinearität wird erst durch eine Ehe etabliert.

    Der Vater ist kein Brutpflegender. Ein Vater hat ein Kind, die Mutter ist beim Kind.

    Die Ehe als notwendiger Teil der Patrilinearität wird zwischen zwei fremden Individuen gestiftet und das Vorhandensein einer Mutter ist in der Patrilinearität notwendig. Die Matrilinearität kommt dagegen ohne Ehe und ohne Vater aus.

    Eine Koppelung der Patrilinearität mit der Matrilinearität schließt sich gegenseitig aus.

    Die Matrilinearität ist aufgrund der sicheren Mutter, die über die Schwangerschaft und Geburt definiert wird, ein Konzept, welches nicht überprüft zu werden braucht, während in der Patrilinearität das Damoklesschwert des Kuckuckskindes schwebt, was es in der Matrilinearität nicht gibt.

    In der Patrilinearität ist die Mutter zwar notwendig, aber austauschbar.

    In der Patrilinearität stehen sich zwei Verwandschaftsgruppen gegenüber, im Guten wie im Schlechten.

    In der Patrilinearität ist der Sex, als Voraussetzung für die Zeugung, welche den Vater definiert, indiziert.

    Die Matrilinearität ist ein generationsübergreifendes Kontinuum, während die Patrilinearität durch die Ehe immer wieder neu etabliert werden muss.

    Die Matrilinearität ist ein umfassendes Konzept, dass für jedes Kind gilt. Die Patrilinearität gilt nur den ehelichen Kindern.

    Ein Mann, der nicht heiratet, unterbricht die Patrilinearität, völlig unabhängig davon, ob er Kinder zeugt. Ein leiblicher Vater muss nicht ein Teil einer Patrilinearität sein.

    Die Kurzversion von Wikipedia:
    Patrilinearität (von lat. patria, ‚Vater‘, +
    linea, ‚Linie‘ ⇒ ‚ Väterlinie‘, ‚in der Linie des Vaters‘) oder Vaterfolge bezeichnet die Übertragung und Vererbung von sozialen Eigenschaften und Besitz sowie des Familiennamens ausschließlich über die männliche Linie von Vätern an Söhne.

    Ich glaube nicht einmal, dass wenigstens die Söhne des Vaters gleich gestellt sind. Von seinen Töchtern brauchen wir erst gar nicht zu reden.

    „An dieser Stelle fällt mir Böhmermanns Schmähgedicht ein“

    1. Wie wahr! Inzwischen ist das allerdings durch die sog. „Wilden Ehen“ modifiziert worden. Der Staat legt mit entsprechenden Gesetzen nach, um die alte Ordnung wieder herzustellen.
      „das Vorhandensein einer Mutter ist in der Patrilinearität notwendig“. Ich würde sagen: bedingt. Wenn Du Dir einmal alte Taufregister anschaust, wirst Du zahlreiche Einträge finden, wo nur der Vater genannt wird, sogar bei unehelichen Kindern! Solange die Mutter lebt, wird ihre Anwesenheit in Kauf genommen, sobald sie tot ist, verschwindet sie aus der Erinnerung.

      1. Mein obiger Eintrag läuft unter dem Posttitel „Zwei sehr verschiedene Konzepte“ und ist justamente der letzte Post auf meinem Blog. Kurz vor dem Eintreffen deiner Antwort war ich soweit die Behauptung aufzustellen, dass Vater und Mutter nicht miteinander verglichen werden können. Der Oberbegriff „Eltern“ unter der Mutter und Vater subsumiert werden ist unzulässig.
        Das Patrikonzept ist in allen Belangen unzuverlässig und ist dementsprechend kein Konzept. Ich werden das im Post „Zwei sehr verschiedene Konzepte“ sukzessive erweitern, da meine Behauptung noch Intuition ist.

      2. Eva H.

        Dem muss ich definitiv zustimmen. Leider kann ich eine weibliche Ururgroßmutter aus genau diesem Grund nicht finden. Über die Stiefururgroßmutter wurde noch berichtet, aber die leibliche ist nicht mehr auffindbar. Soviel zur Notwendigkeit. Und Mütter stehen in unserer Gesellschaft nicht im Zentrum. Vielleicht scheint das für manche Menschen der Fall zu sein. Aber wenn man es in allen Konsequenzen durchdenkt ist es nicht der Fall. Schon begonnen damit, dass man in einem gewissen Alter bei Bewerbungen als potentielle Gebärmaschine angesehen wird und aus diesem Grund dann doch lieber eine ältere Frau mit „großen Kindern“ genommen wird.

  2. NACHSCHUB:
    Kennst du den Begriff „weiblicher Brutpflegeparasitismus“, der von einem Professor Dr. Ulrich Kutschera entworfen wurde und welcher ein international renommierter Evolutionsbiologe ist? Die Webseiten „Wikimannia und Kuckucksvater“ sind voll drauf eingestiegen. Wenn du „weiblicher brutpflegeparasitismus“ in die Suchmaschine eingibst findest du auf der ersten Seite einen Eintrag auf meinen Reproduktionsblog, der diesen völlig hirnrissigen Begriff behandelt. Es passt so gut auf die Gegenüberstellung von Matri- und Patrilinearität.

    1. Danke für den Hinweis! Da möchte ich noch hinzufügen, dass die Männerrechtler gar nichts über die Wirkung der female choice wissen, der stärksten Kraft der Evolution. Sie führt zu einer größtmöglichen genetischen Vielfalt. Diese Vielfalt ist letztlich überhaupt der Grund, warum Sexualität vor 565 Mio. Jahren selektiert wurde!
      Machen wir einmal die Gegenprobe. Was wäre, wenn Patrilinearität natürlich wäre?
      Eine Mutter, die in Monogamie mit einem Mann leben muss, der ihr alleiniger Ernährer ist, ist dem hohen Risko ausgeliefert, dass er stirbt, dass er sie verlässt oder dass er die Kinder verschleppt und ihnen dabei Schaden zufügt. Verliert er seine Zeugungsfähigkeit, ist auch ihre Fortpflanzung beendet. Ist er unfruchtbar, bekommt sie gar keine Kinder. Alles wäre für das Überleben der mütterlichen Gene extrem gefährlich, denn eine Frau bekommt in ihrem Leben vergleichsweise nur sehr wenige Kinder, während ein Mann theoretisch Tausende von Nachkommen haben kann.

      Es ist die female choice, mit der sich vor allem entscheidet, ob ein überlebensfähiges Kind zur Welt kommt. Unterdrücken Männer die female choice steigt das Risiko von Fehlgeburten und angeborenen Krankheiten. Die Population verliert zudem ihre Abwehrkräfte gegen Krankheiten, womit wir wieder beim Thema wären. Allein den Kuckuckskindern, dem Fremdgehen der Frau, ist zu verdanken, dass das Patriarchat noch nicht zum genetischen Untergang der Menschheit geführt hat.

  3. Sehr interessanter Beitrag! Was alles (ex post) auf irgendwelche evolutionären Vorteile hin gestriegelt wird, geht auf keine Kuhhaut, und gerade populärwissenschaftliche Magazine lieben sowas, weil ja dann auch noch ein bisschen Sex mitschwingt.
    Allerdings scheint mir die Erklärung der Monogamie als patriarchales Machtprinzip auch etwas kurz gegriffen, zumal z.B. etliche Vogelarten durchaus mehrere Jungtiere zusammen aufziehen, oft sogar so etwas wie monogam zu sein scheinen, ohne dass man ihnen sexistische Machtpolitik unterstellen muss oder ihre Populationen deshalb dem genetischen Untergang geweiht sind.
    Im Rahmen einer Antithese mag es sinnvoll sein, politisch verzerrten Deutungen der Wirklichkeit ebensolche gegenüberzustellen, aber man kann sich davon nur Einsichten über ebendiese Deutungsmechanismen erwarten, nicht jedoch über den Gegenstand.

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar und ich stimme Ihnen im Wesentlichen zu! Nur was die Monogamie und die Vögel angeht, so können wir ihre Monogamie nicht mit der unsrigen vergleichen. Das Weibchen legt die Eier, bevor sich daraus fühlende Organismen entwickeln. Ein Küken hört durch die Eischale die Rufe auch des Männchens. Dabei baut es bereits eine Beziehung zu ihm auf. Wenn es schlüpft, hat es sofort zwei „Bezugspersonen“. Nicht so beim Menschen, der Vater ist als Bezugsperson nicht notwendig. Ein Kind nimmt erst nach Monaten wahr, dass es ein eigenes Individuum ist und baut Sympathie zu anderen Menschen auf. Kinder wählen sich ihre Väter unter natürlichen Bedingungen selbst. Es sind die Männer, die sich am liebevollsten um es kümmern.
      Bei den Vögeln reichen zwei Individuen zur Brutpflege aus. Da die Großeltern der Küken nicht zur Verfügung stehen (sie brüten selbst noch oder sind schon tot), muss logischerweise der Vater ran. Nicht so bei den Menschen, da steht die matrilineare Großmutter voll zur Verfügung. Sie hat mit der Menopause keine weiteren Kinder zu versorgen.
      Mit der Großmutter-Hypothese (Kirsten Hawkes), die wir schon als These bezeichnen müssen, ist übrigens klar geworden, dass die patrilineare Großmutter natürlicherweise keine Rolle spielt. Und das ist auch gut so. Es wurde an norddeutschen Familienbüchern nachgewiesen, dass die Anwesenheit der mütterlichen Großmutter die Überlebenschancen der Kinder deutlich erhöhte gegenüber den Fällen, wo keine Großmutter anwesend war. Die väterliche Großmutter reduzierte die Überlebenschancen sogar! Ohne die Sippe haben Vater-Mutter-Kind in der Natur keine Überlebenschance. Lesen Sie dazu meinen Kommentar oben zu „Christian“.
      Die menschliche Monogamie ist relativ jung. Erst mit den Römern wurde sie bei uns eingeführt. Zwar neigen Patriarchen zu Polygamie bzw. Polygynie, aber dabei bleiben immer Männer unbeweibt, was sozialer Sprengstoff ist. Wenn jeder Mann eine eigene Frau hat, ist dieses Risiko geringer, aber wie wir wissen, werden neue Probleme damit erschaffen.

  4. Christian

    Evolutionär betrachtet lohnt sich für einen Mann die Versorgung seiner Kinder nur, wenn er eine relativ hohe Sicherheit hat, dass es tatsächlich seine sind. Und das ist erst einmal der Vorteil der (zumindest kurzzeitigen ggf seriellen ) Monogamie.
    Wir haben anscheinend auch – im Gegensatz zu anderen Primaten – eine „Liebeschemie“, die auf eine Bindungsfähigkeit an eine Person hindeutet, denn sonst wäre Eifersucht etc schlicht nicht entstanden. All das deutet schon stark auf eine monogamie hin. Allerdings eben keine, die per se ein Leben lang hält und keine Ausbrüche kennt. Fremdgehen lohnt sich im Wege des „genshoppings“ durchaus für beide Geschlechter.
    Insofern würde ich davon sprechen, dass wir auf ggfs serielle aber auch lebenslange Monogamie mit Fremdgehoption ausgelegt sind

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar, der mir Gelegenheit gibt, eine wichtige Erklärung hinzuzufügen! Ihr erster Satz beruht auf den beiden Annahmen, dass evolutionär gesehen ein Menschenmann seine leiblichen Kinder versorgt, und er zudem alleiniger Versorger ist. Dies trifft jedoch nicht zu.
      Die artgemäße Lebensweise des Menschen ist die matrifokale Sippe, in der sich die Mutterbrüder um die Kinder ihrer Schwestern kümmern. Dies liegt in der langen Kleinkindphase begründet, innerhalb derer das Risiko des vorzeitigen Todes des Vaters extrem groß war. Eine alleinerziehende Mutter und ihr Kind hätten nicht überleben können. Hätte eine solche Mutter bei ihrer Schwiegerfamilie weiterleben müssen, wäre das ebenfalls das Todesurteil gewesen, denn eine Schwiegermutter kümmert sich nicht in gleicher Weise um ihr Kind, weil sie sich noch weniger sicher sein kann, dass das Kind von ihrem Sohn ist. Sie wird in jedem Fall die Kinder ihrer Töchter bevorzugen. Im umgekehrten Falle des Todes des Mutter traten ihre Schwestern und die matrilineare Großmutter an ihre Stelle und adoptieren das Kind. Nachlesen können Sie dies bei Sarah Blaffer Hrdy.
      Der evolutionäre Vorteil für den Mutterbruder besteht darin, dass er sich bei den Kindern seiner Schwester immer sicher sein kann, dass diese Kinder zumindest zu einem Teil seine Gene tragen.
      Tatsächlich weiß der Menschenmann erst seit wenigen tausend Jahren um seine Zeugungsfähigkeit. Er entdeckte sie bei der Tierhaltung. Anfangs leitete er daraus keinerlei Ansprüche ab. Bis es zur Patrilinearität, also der Ehe, kam, vergingen nochmals mehr als 3000 Jahre. Die mesopotamischen Mythen geben davon ein beredtes Zeugnis ab. Selbst unter Monogamie kann es ihm passieren, dass kein einziges Kind von ihm ist! Bei den Römern, die ihre Frauen sogar unter Androhung der Todesstrafe gefangen hielten, hieß es nicht umsonst: Pater semper incertus est.
      Übrigens bei den Gibbons ist „Gen-Shopping“, wie die female choice gerne genannt wird, die Regel. Der Gibbonmann fühlt sich davon nicht beeinträchtigt und nimmt die Kuckuckskinder an. Dies fand der Primatologie Volker Sommer heraus.
      Eifersucht ist eine psychische Erkrankung, die entsteht, wenn Menschen existentiell bzw. aufgrund des Status von einem Menschen abhängig sind. Das ist im Patriarchat immer der Fall. Eifersüchtig können auch auch Freundinnen untereinander sein. Damit verbunden ist die Angst vor Einsamkeit und sozialem Abstieg. In der Sippe sind solche Gefühle unbekannt. Bei noch heute lebenden matrifokalen Völkern kann man sich das bestätigen lassen. Schauen Sie sich beispielsweise dieses Video der ARTE-Dokumentation „Vietnam-vielleicht wird mehr draus“ an.

      1. Christian

        Warum aber gibt es dann überhaupt ein Gefühl wie Liebe? Wir bräuchten die dort bestehende Chemie nicht

        https://allesevolution.wordpress.com/2012/06/05/die-chemie-der-liebe/

        Damit die Menschen eine Beziehung eingehen, muss die Natur die Entscheidung für einen Partner versüßen: Adrenalin und Noradrenalin sorgen für ein leidenschaftliches Temperament und dafür, dass wir für Reize aus der Umwelt empfänglicher werden. Dopamin verändert ähnlich wie Drogen unsere Wahrnehmung und unsere gesamte Erkenntnisleistung: Wie durch Scheuklappen wird die Aufmerksamkeit auf die positiven Eigenschaften des Geliebten gelenkt – die schlechten werden ausgeblendet. Und außerdem – zumindest eine Zeit lang – auch alle anderen potentiellen Liebespartner.

        .
        Tierarten, die nicht monogam leben, haben keine Bindungschemie.

        Diese wäre dann sogar für die Männer von Nachteil, sie sollten schlicht so viele Frauen schwängern wie möglich.

      2. Es ist bekannt, dass die Verliebtheit nach 3 Monaten, also nach drei Zyklen der Frau vorbeigeht. Solange muss der Mann bei der Frau bleiben, um einigermaßen sicher zu sein, dass sich sein Engagement bei ihr gelohnt hat. Sobald sie schwanger ist, erlahmt bei ihr das sexuelle Interesse. Wird sie nicht schwanger, muss sie sich einen anderen Mann suchen, der bessere Spermien hat.
        Was wir unter Liebe zwischen Partnern verstehen, ist in Wahrheit eine Art Adoption, die wir vornehmen müssen, weil wir sonst schnell wieder alleine sind. Das hat uns das Patriarchat eingebrockt. Auf einen Liebespartner ist kein großer Verlass, wenn sich alles nur auf Sex gründet. Familien zerfallen spätestens, wenn die Kinder groß sind. In einer langen Ehe hat eine Frau ihren Mann zum Bruder gemacht und zum besten Freund. Gelingt ihr das nicht, weil der Mann nicht mitspielt, zerbricht die Ehe. So ist unser System heute.
        Nicht so die matrifokale Sippe, die hat praktisch ewig bestand und fängt jeden liebevoll auf. Eine Frau braucht keinen Partner als Ernährer und hat in der Sippe immer ANsprache. Ebenso die Männer, die in der Sippe immer auch andere Mänenr finden, mit denen sich „was losmachen“ lässt.

      3. Christian

        „Es ist bekannt, dass die Verliebtheit nach 3 Monaten, also nach drei Zyklen der Frau vorbeigeht“

        Es ist bekannt? Kannst du mir eine Studie dazu nennen?

      4. Das ist bei Sarah Blaffer Hrdy nachlesbar. Bei Wikipedia lesen wir zudem: „Verliebtheit ist ein intensives Gefühl der Zuneigung. Sie wird nach Ansicht von Psychologen von einer Einengung des Bewusstseins begleitet, die zur Fehleinschätzung des Objektes der Zuneigung führen kann. Fehler des anderen können übersehen oder als besonders positive Attribute erlebt werden. Verliebtheit ist kein Dauerzustand, sie besteht als eine Phase über einen längeren oder kürzeren Zeitraum, kann abflauen und sich auflösen oder in Liebe übergehen.“
        Da Verliebtheit auch die Leistungsfähigkeit enorm einschränkt, darf sie gar nicht lange dauern.

      5. Christian

        Hinzu kommt, dass das Kind der Schwester nur 1/8 mit einem Verwandt ist, das eigene Kind aber 1/2.
        Wer also seine eigenen Kinder unterstützt erhält einen wesentlichen höheren Gewinn für seine Mühen.
        Was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum der Einsatz des Bruders relativ gering ist, es lohnt sich eher, seine Ressourcen in Brautwerbung zu investieren.
        Das sind sehr erhebliche Nachteile für diese Ausrichtung, weswegen wahrscheinlich solche Modelle auch nur in eher abgelegenen Regionen mit hohem Verwandtschaftsgrad praktiziert werden.

      6. Zur Sicherheit des Vaters habe ich ja oben schon alles geschrieben. Zum Bruder: Was wir im Patriarchat beobachten, ist immer degeneriert. Wenn wir aber unter die Decke schauen, erkennen wir unsere wahre Natur. In unserer etwas freieren westlichen Welt kommt sie langsam wieder an die Oberfläche. Die Liebe vergeht meist nach 3 Monaten. Ständig wechselnde Beziehungen. Die Väter interessieren sich nicht selten gar nicht für (ihre) Kinder. Die Schwiegermutter ist ein Greuel. Die Mutter verteidigt gegen jeden ihr Kind wie eine Löwin. Die Brüder wehren die Männer der Schwester ab. Die mütterliche Großmutter kümmert sich mehr um das Kind als die väterliche Großmutter. Die Kinder wollen zuhause nicht ausziehen, etc. Uns fällt sicher noch mehr ein, was mit dem System überhaupt nicht zusammenpasst und immer wieder für Stress sorgt.

      7. Christian

        In den wenigsten Völkern vergeht die Liebe nach 3 Monaten. Im Gegenteil, da ist sie noch auf voller Höhe.
        Und es bringt dich auch nicht über die Wirkung der von mir dargelegten Chemie hinweg, die eine Fixierung auf eine Person bewirkt und Suchtmechanismen entspricht (und das recht wörtlich, Sucht bedient sich häufig der gleichen Mechanismen).
        Und es bringt dich auch nicht über die Genmathematik hinweg, die bei eigenen Kindern einfach wesentlich günstiger ist.

        Wenn Väter sich nicht für die Kinder interessieren, dann bräuchten wir, wie etwa Schimpansen, das alles nicht.

      8. Die 3 Monate sind ein Durchschnittswert, der hormonell gut nachprüfbar ist. Die Völker der Erde sind zu großen Teilen patriarchalisiert. Daher versuchen die Menschen die Beziehung zu verlängern.
        Die Genmathematik unterschlägt die Wirkung der female choice, die auf Genvielfalt aus ist. Daher ist jedes Kind einer Frau idealerweise von einem anderen Mann. Denn wo ein Mann theoretisch tausende von Kindern haben kann, wird eine Frau nur zwei bis drei überlebende Kinder haben. Sie hat daher Interesse an mehreren Männern und nicht nur an einem, so wie ein Mann auch nicht nur an einer Frau Interesse hat. Letzteres muss sein, weil sonst kein anderer Mann zur Verfügung stände. Ihr sexuelles Interesse an anderen Männern gibt eine Frau auch nicht am Traualtar ab. Patriarchen handeln immer aus wirtschaftlichen Gründen, die gibt es bei Tieren nicht. Daher muss ein Patriarch die Sexualität seiner Ehefrau unterdrücken.

      9. Christian

        „Die 3 Monate sind ein Durchschnittswert, der hormonell gut nachprüfbar ist.“

        nach welcher Studie?

        „Die Genmathematik unterschlägt die Wirkung der female choice, die auf Genvielfalt aus ist. “

        Genvielfalt ist ein sehr relativer Wert. Es kann durchaus besser sein, 3 Kinder von einem tollen Mann zu haben, der einen auch noch bei ihrer Aufzucht und Ausbildung unterstützt als 3 Kinder mit einem tollen, einem mittleren und einem schlechten Mann zu haben, denen die Kinder jeweils egal sind.

        Außerdem: Warum sollten die alleinigen Interessen der Frau für den Mann maßgeblich sein und die natürlichen sein?

      10. Eine Frau investiert ihr halbes Leben in die Pflege ihrer Kinder, sie trägt sie im Bauch, sie stillt sie, sie sorgt sich noch um sie, wenn sie erwachsen sind. Sollte sie da nicht ganz genau hinsehen, wo wem sie ein Kind bekommt? Die Wirkungen der female choice sind aber noch viel vielfältiger. Ich habe das hier zusammengestellt. Bitte lesen Sie das einmal, bevor wir weiterreden: http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm

      11. Christian

        Insbesondere sollte sie sich jemanden suchen, der sie unterstützt, der genau so wie sie daran interessiert ist, dass das Kind groß wird und selbst nachwuchs bekommt.
        ZB jemanden, der mit dem Kind auch 50% der Gene teilt.
        Weil Menschenkinder eben extrem teuer in der Aufzucht sind.

        Interessanterweise ist ein wesentliches Kriterium in der „Female Choice“ übrigens Status (wie bei Schimpansen auch). Um so höher er Mann in der Hierarchie, um so interessanter ist er häufig.

      12. Sie wollen krampfhaft hier ihre Patriarchatsthese mit der Evolution beweisen. Dabei beruhen Ihre Annahmen auf fundamentalen Irrtümern. Sie denken vom Manne und seinen Vorteilen aus. So funktioniert Evolution aber nicht. Die Evolution wirkt danach, was am Besten für Kind und Mutter ist. Da Sie sich hartnäckig weigern, meinen Artikel zur female choice zu lesen, wie ich an diesem Statement erkenne, haben wir keine gemeinsame Diskussionsbasis.

  5. Der erste Satz des ersten Kommentars von Christian: „“Evolutionär betrachtet lohnt sich für einen Mann die Versorgung seiner Kinder nur, wenn er eine relativ hohe Sicherheit hat, dass es tatsächlich seine sind. Und das ist erst einmal der Vorteil der (zumindest kurzzeitigen ggf seriellen ) Monogamie““

    Das heißt im Umkehrschluss, dass der männliche Organismus originär keine Bereitschaft kennt, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Erst dann, wenn sich die Evolution bereitwillig den Interessen eines individuellen männlichen Organismus unterwirft und für ihn die Monogamie etabliert, entwickelt er zumindest rudimentär „Brutpflegeeigenschaften“. Da aber die Evolution nun mal höhere Interessen kennt, als eben die Interessen eines individuellen männliche Organismus, etabliert sie die Monogamie in kurzzeitiger oder ggf serieller Form.

  6. „… erkennen wir unsere wahre Natur. In unserer etwas freieren westlichen Welt kommt sie langsam wieder an die Oberfläche.“
    Danke, liebe Gabriele, dass du auf diese entscheidenden Punkt hingewiesen hast. Unsere „Urnatur“ kommt eben immer dann zum Vorschein, wenn die Repression der patriarchalen ideologischen und konkret gewaltsamen Zwangsverordnungen an Wucht und Bedeutung in der Gesellschaft verliert.
    Die Female Choice hatte sich, wie du schon nachgewiesen hast, ohnehin nie völlig unterdrücken lassen, was in der Patriarchose unendlichen vielen Frauen (und auch Kindern) das Leben kostete und heute immer noch als die Sünde schlechthin wider des Vatersystems gewertet wird. Das hat sich seit seinem Beginn bis heute zu einer allgemeinen Androzentriertheit ausgewachsen, die sich immer noch in der Gesetzgebung, der Denkungsart des Mainstreams und den kulturellen Dogmen und Tabus der anonymen Großgesellschaft niederschlägt. Dazu gehört auch die sich hartnäckig haltende Behauptung, ein Kind braucht seinen Vater.
    Hier setze ich gern an und behaupte, dass es eher umgekehrt ist: Der Vater braucht das Kind! Jedenfalls heutzutage. Schließlich ist so ein kleines Menschenwesen oft genug seine einzige Anbindung in puncto Zugehörigkeit und Identifikation mit verwandten Angehörigen. Auch Väter sind letztlich verlorene Kinder der nicht mehr existierenden Mutter-Sippe uns der moderne kinderliebe und fürsorgende Vater agiert hier seinen berechtigten immanenten Drang zur Geborgenheit in einer auch ihm wohlwollenden Gemeinschaft aus. Das Patriarchat bietet nun mal seinen Männern neben ein paar privilegierten Machtoption für wenige, nur noch das Kerngeschäft der Paarungsfamilie. (aus http://stephanieursula.blogspot.de/2015/11/das-in-die-pflicht-genommene-elternpaar.html oder
    Nicht nur hier in der Diskussion, auch in der Forschung oder populärwissenschaftlichen Betrachtungen wird sich meiner meiner Meinung nach zu sehr auf Vererbung und den Gen-Anteil kapriziert. Die patriarchale Denke zwingt uns ein Geschacher um das Kind auf. Dabei ist es doch genau so ein berechtigtes Mitglied der Menschengemeinschaft wie ein paar Jahre später als Erwachsener. Das Gerangel wer den größten (pseudo-)berechtigten Anteil an einem Kind und damit welche (Verfügungs)Rechte über das Kind hat, sind Relikte der Patriarchose. Noch ist nur ein paar Jahrzehnte her, dass dem Vater per Gesetz das Kind „gehörte“ oder er es einfach nicht anerkannte. Vaterschaft wurde/wird als eine Art Verursacherprinzip angesetzt, dem zu Grunde lag/ liegt, aus „dem Schwängern“ einer Frau das Recht abzuleiten über diese beiden Menschen, Mutter und Kind, verfügen zu können – das ist Patriarchat.
    Der ‚Vater‘, also der an der Zeugung beteiligte Mann, sah einen Vorteil für sich darin sein Kind und hier vor allem die Söhne, für seinen Clan, seinen Einflussbereich und bei entsprechendem politischen Rang für seine Wehrhaftigkeit rekrutieren.
    Das setzte voraus, dass die Frau und ihre Sexualität und Gebärfähigkeit, unter eine rigide Kontrolle gebracht wird und weil dass (bis heute) die einzige Möglichkeit war, der „eigenen“ Söhne (und Töchter) einigermaßen gewiss zu sein. Der dabei entstandene Ehrbegriff mit dem heute noch kleine Jungs aufgezogen werden, wurde überall da geltend gemacht, wenn unbedingt zu erhaltende Jungfräulichkeit der Tochter und die lebenslange treue und Keuschheit der Ehefrau über die innere Privatheit hinaus zu einem grundsätzlichen Politikum gemacht wurde. Nicht der prinzipielle (und evo-biologische) Wert eines Lebewesens, wie auch das des menschlichen Kindes, ist im patriarchalen Universum von Bedeutung, sondern die bloße quantitative Anwesenheit, seine Arbeitskraft, seine Nutzbarkeit, seine Kampfkraft…
    Leben ist ein unwillkürliches, sich selbst erhaltendes System und nur weil wir Menschen ein paar der möglichen Mechanismen erkannt oder glauben durchschaut zu haben, stellen wir immer wieder Theorien auf, die direkt oder latent den Menschen in den Mittelpunkt der Evolution stellen. Als wären wir tatsächlich die so gern zitierte Krone der Schöpfung. Es wird auf hohem ideellen Niveau philosophiert und leicht dabei vergessen, dass wir als Teil des Natursystems ein abhängiges Individuum sind, das im Falle ‚Mensch‘ einer sozialen fürsorgenden Gemeinschaft bedarf. Denn das (menschliche) Individuum wurde einst in seine Bindungsgruppe hineingeboren und verblieb in der Regel in diesen Lebenszusammenhängen bis zu seinem Tod, vor allem wenn es weiblich war. Diese Grundeinheiten der naturgemäßen Fürsorgegruppe ist eine Spezialität der Spezies Mensch und ich nenne es ‚das Matrifokal‘.
    Das Grundmuster des menschlichen Arterhaltes (in dem der notwendige Selbsterhalt integriert ist) finden wir nun mal der Matrifokalität, welche auf das natürliche Agieren der female choice setzt. Matrifokalität bedeutet Matrilinearität und Matrilokalität und diese beiden Begriffe sind hier nicht gesellschaftstheoretisch zu verstehen, sondern als der Ausdruck konkreten evolutionsbiologischen Daseins. Wir können es noch in den wenigen, meist abgelegenen Gemeinschaften finden, die salopp „Matriarchate“ genannt werden. Es sind aber keine politisch konzipierten Kleingesellschaften, sondern artgemäß homogen gewachsenen Bindungs- und Fürsorgegemeinschaften.

    und noch zu Georg Reischel … du schreibst: „Erst dann, wenn sich die Evolution bereitwillig den Interessen eines individuellen männlichen Organismus unterwirft und für ihn die Monogamie etabliert, entwickelt er zumindest rudimentär “Brutpflegeeigenschaften”…“
    Ich nehme mal an, du hast das satirisch gemeint.. 😉 … denn ich denke, wir sollten uns abgewöhnen in unseren Formulierung ‚die Evolution‘ wie ein handelnd und denkendes Phänomen darzustellen, das auch noch eigene Interessen verfolgt. Als die „Evolution“ bezeichnen wir die unwillkürliche Entwicklung des sich selbsterhaltenden Systems ‚Leben‘, das zwischen den vorhandenen energetischen, chemischen und physikalischen (anorganischen) Parameter, die wir auch als Natur bezeichnen, stattfindet und sich ununterbrochen im Lebewesenuniversum unseres Planeten gegenseitig beienflusst. Das Prinzip der Evolution ist das der Chaostheorie, die thematisiert, dass innerhalb einer Komplexität sich mit jedem „Flügelschlag eines Schmetterlings“ ständig das Gesamtsystem graduell abwandelt und somit in einer ständigen durch nichts zu kontrollierenden, absichtslosen Veränderung befindet.
    Die Monogamie oder was auch immer, selektiert sich dann, wenn es sich für eine Gesamtspezies innerhalb des lebendigen Systems, zum Beispiel im ‚Tierreich‘, als aktueller und weiterführender Vorteil erweist. Wobei wir hier unter Vorteil nicht eine menschlich-maskuline Wunscherfüllung verstehen müssen.

    Beim Flix habe ich gerade ein für mich neues Wort entdeckt: sar-ra-zi-nie-ren. In der Comic-Zeichnung wurde es folgendermaßen erklärt: „etwas biologisch rechtfertigen, obwohl es völliger Quatsch ist…“
    und so sollten wir aufpassen, dass sich beim Argumentieren Ursache und Auswirkung nicht verknoten, so dass sich immer wieder die durch den Menschen kulturell entstandenen Bedingungen grundsätzlich als Selektionsvorteil umgedeutet wird.

  7. Um den Menschen in seinen Qualitäten evolutionär möglich werden zu lassen, mussten die „Instinktzwänge“ aufgelöst werden. Der Mensch hat, wenn überhaupt, nur sehr lose Verbindungen zu seinen ehrmaligen tierischen Instikten, was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Impetus der Evolution aufgebrochen wurde. Beim Sex, welcher als „Trieb“ organisiert ist, also noch am ehesten ein Instinkt wäre, ist der Impetus aufrecht erhalten worden, weil man trotz aller Lebensentwürfe nicht vergessen darf, neue Wesen in die Welt zu setzen und bei der geschlechtlichen Fortpflanzung ist das erst einmal der Geschlechtsverkehr, der für sich erst einmal nicht bedeutet, dass man sich fortpflanzt. Und diese Diskrepanz wird durch die triebliche Organisation des Sexes unterbunden. Durch die sehr sehr lose „Instinktbindung“ verschwindet die angenommene Mitte des Menschen, die er sich neu errichten muss. Dadurch sind wir zur Kultur verdammt, welche aber nie zu einer eigentlichen Mitte führt. Jede kulturelle Tätigkeit hat künstlichen Charakter.

    Ich höre jetzt erst einmal auf, sonst versiebe ich noch alles.

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