Neues zur female choice, dem Sargnagel des Patriarchats

Rezension

Gerade veröffentlichte der Ornithologe Richard O. Prum mit seinem Buch „The Evolution of Beauty: How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us“ (dt. Die Evolution der Schönheit: Wie Darwins vergessene Theorie der Partnerwahl die Tierwelt – und uns – formt) eine Untersuchung an Entenvögeln, mit der er den Beweis führt, dass die female choice auch da arbeitet, wo wir sie nicht vermuten würden, während einer Vergewaltigung, wie sie manchmal bei Enten wahrgenommen wird. Damit wird noch deutlicher, dass die female choice nicht nur bewusst bzw. teilbewusst, sondern auch unbewusst abläuft und von selektierten anatomischen Gegebenheiten geschützt wird.
In einem Interview mit der Zeitschrift „National Geographic“ erläutert er die Beobachtungen seines Teams.
Schon der Titel des Buches verrät, dass der Autor die female choice auch für uns Menschen als evolutionäre Größe ansieht, die durchaus gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. So brillant und schlüssig der Autor die Kraft der Sexuellen Selektion ins Bewusstsein holt und an den Vögeln aufzeigt, so sehr versteigt er sich leider, was die Säugetiere angeht. Er stellt neben die female choice eine male choice und übersieht nun wieder, dass sie nur gewaltsam erstrangig sein kann, also den Namen gar nicht verdient, und als evolutionäre Kraft immer nachrangig bleiben wird. In Bezug auf den Menschen stellt er die These auf, dass Frauen diejenigen Männer bevorzugen, die sich am besten um den Nachwuchs kümmern, und leitet daraus die Paarbindung als menschlich-evolutionäres Faktum ab. Menschen sind aber keine Vögel! Alle Thesen, die die monogame Paarbindung als sehr neue kulturelle und nicht evolutionäre Entwicklung nachweisen, wischt er, ohne substanzielle Kritik zu üben oder üben zu können, vom Tisch, um seine Hypothese von der Evolution der Schönheit auch am Menschen auszuprobieren. Nun sieht er jede female choice als rein ästhetische Wahl an, um quasi eine Ästhetik des Verhaltens zu erfinden. Er ignoriert auf sträfliche Weise Sarah Blaffer Hrdys „Mütter und andere“ (2010), die die Schwierigkeiten der langen Kindheit und die mütterlichen Strategien, diese zu bewältigen, in den Mittelpunkt stellt, und damit einen unumgänglichen Wegweiser in Richtung Matrifokalität gesetzt hat. Er benutzt aber ihre Forschungsergebnisse als Primatenforscherin. Seine ausdrückliche Verwahrung dagegen, eine menschliche Monogamie postulieren zu wollen, verpufft somit, und er bleibt eine Erklärung schuldig, wie er sich die genetische und biologische Vaterschaft in Personalunion ohne Monogamie praktisch vorstellt. Überhaupt ignoriert er alle empirischen Erkenntnisse, um nicht zu sagen Erfahrungen, von Frauen bezüglich der Vaterschaft, und inszeniert sich als guter Ehemann und Vater und sogar als Feminist! Ein letztes Kapitel widmet er der menschlichen Queersexualität. Dabei unterscheidet er ursächlich zwischen weiblicher und männlicher Homosexualität. Um seine These von der Evolution der Schönheit nicht zu gefährden, muss er erstere als Folge einer Mischung aus hauptsächlich adaptiver natürlicher Selektion und sexueller Selektion beschreiben, und letztere als Folge rein der Sexuellen Selektion. Die Hypothese vom „hilfreichen Onkel“, die sich übrigens problemlos in der Matrifokalität eingliedert, wischt er vom Tisch mit dem Argument, es gäbe keine „offensichtliche Korrelation“ zwischen gleichgeschlechtlicher Anziehung und der Neigung, sich um die Kinder der Verwandtschaft zu kümmern. Dass sich Letzteres als Eigenschaft ALLER Menschen aufgrund der Natürlichen Selektion infolge der Sexuellen Selektion ergeben haben könnte, und sich als „Das Soziale“ des Menschen darstellt, ignoriert er. Um diesen Personenkreis im Sozialgefüge irgendwie unterzubringen, d.h. mit seinem sozusagen ästhetisch hergestellten Patriarchat bzw. Pseudofeminismus in Einklang bringen, postuliert er, dass männliche Homosexuelle das in seinem Szenario heraufbeschworene sexuelle Konfliktpotential und die Konflikte bei der angeblich evolutionären elterlichen Fürsorge minimieren. Daher hätten Frauen Männer mit homosexuellen Zügen bevorzugt. Dazu muss er behaupten, dass es keinerlei Anlass gäbe für die Feststellung, dass homosexuelle Neigung zu weniger Nachwuchs führe.
Schade, so gut das Buch begann, so erbärmlich endet es. Wo er eben noch die viktorianische Haltung zu Darwins These kritisierte, restauriert er viktorianisches resp. patriarchalisches Denken durch die Instrumentalisierung der female choice für das Patriarchat. Richard O. Plum bleibt ein Ornithologe, freilich ein sehr guter, dessen pures Starkmachen für die Sexuelle Selektion für die Patriarchatsforschung aber durchaus hilfreich sein kann.

Das Buch liegt noch nicht in dt. Sprache vor.

Bildquelle: PenguinRandomHouse

Nachtrag 11.12.2018

Prum wurde zwischenzeitlich für den Pulitzer-Preis nominiert. Auch wenn er dann doch nicht gewonnen hat, macht dieses Beispiel deutlich, dass das Patriarchat nur diejenigen mit ihren größten Orden dekoriert, die dem Patriarchat dienen. Nachdem Sarah Blaffer Hrdy für ihr Buch „Mutter Natur“, das bei weitem noch nicht die Klarheit von „Mütter und andere“ erreicht hatte, mit drei weniger beachteten Preisen bedacht wurde, ging sie mit „Mütter und andere“ ganz leer aus. Immerhin bekam sie für ihr Lebenswerk 2014 den „NAS Award for Scientific Reviewing“. (Nachtrag Ende)

Zur Vorgeschichte:

Die Entdeckung der female choice wurde von Charles Darwin 1874  in seinem Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ (engl. The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex) vorgestellt. Das Missfallen über diese These, die Darwin kurz Sexuelle Selektion nannte, war groß, galt es doch nur dann als schicklich, wenn der Mann wählt und die Frau sich erwählen lässt.
Fortan verschwand diese wichtige Entdeckung in der Versenkung.

Als die Anthropologin Meredith M. Small 1995 ihr Buch „Female Choices. Sexual Behavior of Female Primates (dt. Weibliche Auswahlen. Das sexuelle Verhalten der weiblichen Primaten) herausgab, in dem sie die Sexuelle Selektion als female choice der Primaten beleuchtete, blieb die Begeisterung ebenfalls aus. Dabei liefert das Buch nichts weniger das entscheidende Argument gegen die Existenz eines natürlichen Patriarchats. Zuvor hatte sich der Feminismus ins Aus geschossen mit der Vorgabe, dass jede Betrachtung der Biologie der Frau als Biologismus abzulehnen sei.

Im Jahre 1998 veröffentlichte die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ den Artikel „Wie Weibchen Partner wählen“ des Evolutionsbiologen Lee Alan Dugatkin (Universität Louisville/USA) und des Verhaltensökologen Jean-Guy J. Godin (New Brunswick/Kanada). Damit holten sie Darwins Sexuelle Selektion in die breite deutschsprachige Öffentlichkeit und beschrieben sie an unterschiedlichen Tierarten. Im Artikel, der eine deutsche Übersetzung des Originals aus der amerikanischen Ausgabe der Zeitschrift „Scientific American“ ist, ist statt von female choice von „Damenwahl“ die Rede. Die Forscher beziehen die Erkenntnisse ausdrücklich auch auf den Menschen, räumen aber eine kulturelle Überlagerung ein, und fragen vorsichtig: „Heißt es nicht, Frauen seien bei der Partnersuche wählerischer als Männer?“ (SdW 98/6, S. 77). Im Literaturverzeichnis finden sich die wesentlichen Untersuchungen, die bis zu diesem Zeitraum veröffentlicht wurden, es fehlt aber Smalls Buch. Im Artikel finden sich die alternativen Begriffe wie female mate choice bzw. female mating. Der Artikel ist online abrufbar, leider ohne die reiche Bebilderung.

Im Jahre 2009 brachte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy ihr Buch „Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat, (engl. Mothers and Others. The Evolutionary Origins of Mutual Understanding) heraus, worin sie die Erkenntnisse Smalls mit der Großmutter-These von Kristen Hawkes verknüpfte und damit nachwies, dass die artgemäße Lebensweise der Menschen matrifokal ist.

Der Patriarchatsforscher Gerhard Bott nahm ebenfalls 2009 auf Meredith M. Small Bezug und machte die Unterdrückung der female choice der Menschenfrau in seinem Buch „Die Erfindung der Götter“ zum Ausgangspunkt seiner Entstehungsgeschichte des Patriarchats.

2015 beschrieb ich in meinem Essay „female choice – unser Menschenrecht“ unter Berücksichtigung aller Erkenntnisse die Wirkungen der female choice und die Bedeutung dieses grundlegendsten aller Menschenrechte für die Überwindung des Patriarchats. Der Artikel wird von mir regelmäßig an den Stand der Wissenschaft angepasst.

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Der ‚Vater‘ braucht das Kind!

Um den vollen Beitrag von Stephanie Gogolin (Matrifokale Gegenwart) zu lesen, der ihren fulminanten Satz Der ‚Vater‘ braucht das Kind! erläutert, klicken Sie bitte auf: Ursprünglichen Post anzeigen. Beachten Sie auch die Studie der European Society of Human Reproduction and Embryology, mit der bestätigt wurde, dass es keinen Vater braucht, um Kinder gesund aufwachsen zu lassen, wahlweise Englisch oder Deutsch:

Matrifokale Gegenwart

Unsere „Urnatur“ kommt immer dann zum Vorschein, wenn die Repression der patriarchalen ideologischen und konkret gewaltsamen Zwangsverordnungen an Wucht und Bedeutung in der Gesellschaft verliert.
„… erkennen wir unsere wahre Natur. In unserer etwas freieren westlichen Welt kommt sie langsam wieder an die Oberfläche.“ schreibt Gabriele Uhlmann. Danke, liebe Gabriele, dass du auf diese entscheidenden Punkt hingewiesen hast.
Die Female Choice hatte sich, wie du schon nachgewiesen hast, ohnehin nie völlig unterdrücken lassen, was die Patriarchose einerseits unterlief, andererseits unendlichen vielen Frauen (und auch Kindern) das Leben kostete und heute immer noch als die Sünde schlechthin wider des Vatersystems gewertet wird. Das hat sich seit seinem Beginn bis heute zu der allgemeinen Androzentriertheit ausgewachsen, die sich immer noch in der Gesetzgebung, der Denkungsart des Mainstreams und den kulturellen Dogmen und Tabus der anonymen Großgesellschaft niederschlägt. Dazu gehört auch die sich hartnäckig haltende Behauptung „ein Kind braucht seinen Vater“.

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