Gibt es den matrifokalen Vater?

Von den seltenen Fällen einer Kindsvertauschung in der Klinik abgesehen, ist sich eine Mutter sicher, dass ihr Kind wirklich von ihr abstammt. Ein Vater kann das nicht behaupten, denn er ist an der Schwangerschaft nicht beteiligt. Wenn eine Mutter ihr Kind stillt, wird ihr Körper mit Oxytocin geflutet und es bildet sich das heraus, was wir als Mutterinstinkt bezeichnen (Blaffer Hrdy 2010). Davon zu unterscheiden ist die Mutterliebe, die sich auch herausbildet, wenn sie nicht stillt. So oder so, schon in der Schwangerschaft knüpfen Mutter und Kind ein fast schon magisches zu bezeichnendes Band, durch das sich beide wortlos verstehen und das lebenslang hält. Ein Kind kennt seine Mutter von Beginn an und durchlebt mit ihr alle Gefühle, was in der Stillzeit noch hormonell bedingt ist und später noch lange nachwirkt, weil der wachsende Verstand diese Gefühle auch einzuordnen lernt.

In unserer Welt leben die meisten Väter mit ihren leiblichen Kinder zusammen, doch 10-20 % sind auch Kuckuckskinder und weitere sind adoptiert oder aus einer früheren Beziehung der Mutter. Ein genetischer Vater, der schon 7-9 Monate vor der Geburt mit der Mutter zusammenlebte, kann das nicht unterscheiden, wenn die Mutter ihn nicht aufklärt. Die Liebe, die ein Mann zu einem Kind entwickeln kann, beruht zunächst auf dem Kindchenschema. Er findet das Kind mehr oder weniger süß. Je länger ein Mann mit einem Kind zusammenlebt, desto größer wird die Bindung, denn das Kind beginnt seinerseits auf liebevolle Weise mit dem Vater zu interagieren. Das Kind entwickelt dabei auch eine intensive Bindung, die jedoch der Bindung zur Mutter nicht gleichkommt, denn es spürt, dass die Liebe des Vaters anders ist. Diese Liebe ist stärker von kulturellen Vorstellungen geprägt. Wir können auch sagen, sie erreicht nicht den Grad an Bedingungslosigkeit wie die Mutterliebe. Manche Kinder werden sogar erst geboren, wenn ihr genetischer Vater bereits verstorben ist. Dann kann ein anderer Mann die Stelle des sozialen Vaters einnehmen und auch das Kind wird von seinem leiblichen Vater erst erfahren, wenn die Mutter es aufklärt. Dieser soziale Vater ist nicht wegen des Kindes mit der Mutter zusammen, woraus sich ein noch einmal anderes Verhältnis zum Kind einstellt.

Auch die junge Mutter kann bei der Geburt oder später versterben. Dann bleibt ein Kind zurück, das versorgt werden muss. Seit der Entdeckung der Bedeutung der mütterlichen Großmutter (Großmutter-These) wissen wir, dass ein Kind in jedem Fall die größten Überlebenschancen hat, wenn es in seiner mütterlichen Sippe aufwachsen kann. Warum also sollte es evolutionär selektiert worden sein, dass eine Mutter beim genetischen Vater ihres Kindes und dessen Familie lebt? Die Matrilokalität, das Leben der Kinder bei Mutter und Großmutter hat automatisch Matrilinearität zur Folge, d.h. ein Mensch versteht sich als aus einer Reihe von Müttern geboren.
Die Evolution beruht auf zwei Prinzipien, die Charles Darwin entdeckte: die Natürliche Selektion und die Sexuelle Selektion. Beide wirken völlig unabhängig voneinander (Prum 2017). Mit der Natürlichen Selektion passen sich Arten an ihre Umwelt an. Die Sexuelle Evolution steuert die Ausprägung der Arten im Sinne der vielfältigen Formen der Attraktivität, wozu auch die Intelligenz gehört, sowie ihr Sozialverhalten. Der Motor der Sexuellen Selektion ist die female choice, die freie weibliche Wahl ihrer Sexualpartner. Salopp gesagt kann kein Männchen mit einem Weibchen Kinder haben, wenn sie nicht will bzw. ihr Körper nicht mitspielt. Die female choice läuft in der Natur dreistufig ab, äußerlich mit der Wahl des Partners, innerlich mit der Aufnahme oder Abstoßung der Spermien durch den Körper oder das Ei und schließlich mit dem Grad des Engagements bei der Pflege des Nachwuchses. Das Kind eines gesunden Weibchens, das sich frei schwanger gemacht hat, wie wir es eigentlich formulieren müssen, wird seine Kindheit in der Regel überleben.

Die Monogamie ist in der Natur die Ausnahme, und wenn, dann leben die Männchen häufiger monogam, wie z.B. bei manchen Spinnenarten, wo das Weibchen das Männchen nach dem Akt auffrisst. Bei immer mehr Tierarten, die als besonders treu galten, wird inzwischen entdeckt, dass sowohl die Weibchen als auch die Männchen weitere Sexualpartner haben. Die Weibchen leben immer ihre female choice frei aus. Wir müssen sie nur lange und gründlich genug beobachten. Auch unsere Lebenswirklichkeit beweist, dass die Spezies Mensch nicht monogam ist. Wenn eine Menschenfrau ihre female choice frei lebt, haben mit größter Wahrscheinlichlichkeit alle ihre Kinder andere leibliche Väter. Wie soll das gut gehen, würde jeder der Kindsväter der Mutter reinreden! In der Evolution wurde alles auf das Wohl und Gedeihen der Kinder ausgerichtet, das ist das Überlebensprinzip der Arten. Eine von Vätern und Schwiegermüttern gestresste Mutter wäre in der Natur bald am Ende und auch ihre Kinder.

Schaubild Matrifokalität

Unsere natürliche Lebensweise ist daher die Matrifokalität. Wie in der Abbildung dargestellt, beruht sie auf vielen Faktoren, die alle zusammen unser Menschsein ausmachen. Die Evolution hat mit ihrer Natürlichen und Sexuellen Selektion eine lange Kindheit hervorgebracht, das ist Preis und Geschenk zugleich der höheren Intelligenz. Das aufrechte Becken der Menschenmutter und der große Kopf ihres Kindes stellen zudem eine besondere Herausforderung für die Geburt dar. Mütter sind bedürftig und brauchen die Unterstützung Vieler, auch weil nicht garantiert ist, dass alle Mitmenschen leben werden, bis das Kind erwachsen ist. Mütter erwarten daher, Hilfe zu bekommen. In der matrifokalen Sippe herrscht ein mütterliches Klima unter allen. Wir können auch sagen, jede/r bemuttert jede/n. Ohne Mitgefühl würden wir uns weder um unsere Kinder noch um unsere Angehörigen kümmern. Ohne Gerechtigkeitssinn würden in der Gruppe nur die Ungerechten überleben, das sind dann die Stärksten, aber nicht die Intelligentesten. Sind wir nicht altruistisch genug, bekommen wir auch selbst keine Unterstützung mehr. Sind wir nicht egoistisch genug, bekommen wir auch weniger, denn dann bekommen diejenigen, die am lautesten rufen, mehr als sie eigentlich brauchen.
Die extrem lange Kindheit machte die Menschenkinder und ihre Mütter zu den Bedürftigsten überhaupt und daher mussten wir Strategien entwickeln, diese lange Zeit zu überleben. Unsere Intelligenz entwickelte sich bei der wechselseitigen Bedürfnisbefriedigung aller großen und kleinen Angehörigen der Sippe. Das sexuelle Bedürfnis wurde dagegen exogam befriedigt, wobei die Sippe der Frau ihren Schutzraum bildete. Eine Schüsselrolle nahm dabei die besondere Fähigkeit der Männer ein, stabile Bündnisse mit fremden Männern zu schließen. Ein vertrauenswürdiger Mann bekam Zutritt zu den Frauen einer fremden Sippe. Ob sich daraus „etwas ergab“, regelte allein die female choice.

Wenn die Zeit der Kindheit vorbei ist, geht die Bindung zur Mutter nicht verloren – wir werden noch als Erwachsene bemuttert – und sie sorgt sich sogar noch um ihre Enkelkinder, deren Mütter auf Hilfe angewiesen sind. Ist die Großmutter gestorben, übernimmt unsere Liebe zu den Geschwistern und unsere matrifokale Moralität den Zusammenhalt der Sippe. Damit nehmen wir, Söhne wie Töchter, den Müttern die Sorge darüber ab, was nach ihrem Tode passiert. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich in der Altsteinzeit eine Spiritualität unter mütterlichem Vorzeichen, die nichts mit der Religion zu tun hat, die wir heute kennen.

Jetzt können wir uns fragen, wo da der Vater ist. Matrifokalität ist unser natürliches Sozialverhalten und schafft eine soziale Ordnung, die auf Mütterlichkeit beruht. Männer sind in dieser Ordnung Söhne, Brüder und Onkel und Cousins. Und da sie in der Sippe die Identifikationsfiguren für die nachwachsenden Jungen sind, hat die Evolution bei ihnen die Fähigkeit selektiert, Kinder zu lieben, die nicht ihre eigenen sind.
In dem Moment, wo Väter nur noch ihre leiblichen Kinder lieben, lieben sie nicht mehr bedingungslos. In diesem Moment müssen sie auch beginnen, mindestens eine Frau unter ihre sexuelle Kontrolle zu bringen, damit sie wissen, wer diese, ihre leiblichen Kinder sind. Das ist das Ende der Freiheit der female choice und damit ist logisch, dass die Vaterschaft der Faktor ist, der die matrifokale Ordnung zerstört. Kurz gesagt, den matrifokalen Vater kann es nicht geben. Damals nicht und heute im Patriarchat erst recht nicht.

Sog. „Patriarchatskritikforscherinnen“ halten das für Vater-Bashing, glauben sogar zu wissen, wo er sich versteckt hält, und zeigen uns Fotos, die sie von matrifokalen Vätern geschossen haben wollen. Einer betreibt Permakultur und betet einen Gott an, von dem er behauptet, dass er eine Mutter sei. Einer kümmert sich auch um sein Kind.
– Das kommt mir vor, als säße ein Tierfilmer in seinem Tarnzelt, schiebt eine Kamera durch den Schlitz in der Plane, wartet, bis ein schräger Vogel vors Objektiv läuft und drückt auf den Auslöser. Was er da tut, ist nichts als ein auf ein enges Blickfeld reduziertes Bild zu produzieren. Die Beweiskraft eines solchen Bildes ist gleich null. So wurde Naturforschung betrieben, als sie noch in den Kinderschuhen steckte.

In der Realität unserer Gegenwart ist jeder Vater – und sei er noch so einfühlsam und engagiert – ein Patriarch. Diese Nachricht mag niederschmettern klingen und manche mögen das dann endgültig für Väter-Bashing halten, aber ist eine Tatsache.

Die Vaterschaft wird hergestellt durch:

  1. Option der Gewalt in all ihren Facetten.
  2. Staatliche Gesetzgebung.
  3. Emotionale Bindung des Kindes an den Vater durch Patrilokalität.

Ohne die Option der Gewalt in all ihren Facetten, gäbe es kein entsprechende Familiengesetzgebung. Die Gesetzgebung befriedet nur die gewaltsame Forderung nach Vaterschaft. Das Patriarchat wurde schon zu Beginn mit Frauenraub, also roher Gewalt, von den ersten Viehzüchternomaden bzw. Hirten errichtet.
Ohne Gesetzgebung würde kein Vater gewaltlosen Anspruch auf seine Kinder erheben können, denn – und damit sind wir wieder am Anfang – er würde aufgrund der female choice nicht wissen, welche seine Kinder sind. Wir sehen damit, dass die liebevolle Bindung des Vaters zu seinem Kind nur das Ergebnis eine Reihe von Maßnahmen ist, und damit erst an dritter Stelle steht. Jetzt ist auch verständlich, warum es im Patriarchat, also unter der Ägide der Vaterschaft, IMMER Gewalt geben wird. Alle Appelle müssen verhallen, denn mit der Gewalt steht und fällt unser Gesellschaftssystem.
Die Liebe ist sozusagen nur das Vergnügen obendrauf, das er sich leisten darf, wenn er will. In vielen Familien verzichtet der Vater darauf, zu seinem leiblichen Kind eine Beziehung aufzubauen, oder durch andere Umstände wird dies verhindert. Manchmal ist er sogar gewalttätig gegen das Kind. Ja, er muss nicht einmal zur Mutter eine Beziehung gehabt haben. All dies ändert nichts an seinem Status und an seinen Rechten als Vater, die seine Vorväter sich einst genommen hatten und an ihn vererbten.
Künstlich konstruiert ist auch das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner väterlichen Abstammung (Patrilinearität), das letztlich mit dem Recht des Vaters identisch ist, denn es erhält es aufrecht und unterläuft mütterliche Unabhängigkeitsbestrebungen.
Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es auch viele genetische Väter gibt, die gar kein Interesse an ihren Kindern haben, womit sie sich sozusagen als wild zu erkennen geben, und aus evolutionärer Sicht gar nicht zu verurteilen sind.

Der einzelne Vater muss keine Gewalt anwenden, denn er hat die Gewalt des Gesetzes hinter sich, das die Elternschaft und die Abstammung unter besonderen Schutz stellt und damit die Vaterschaft. Viele Väter sind trotzdem gewalttätig, und zwar dann, wenn die Mutter einen Ausweg aus ihrer Situation sucht, oder er nur den Verdacht hat, dass sie eigene Wege gehen will.

Viele genetische Väter bemühen sich, ein guter sozialer Vater zu sein und die Mütter anerkennen das auch oder fordern das ein. Doch keine Mutter kann sich sicher sein, wie er sich entpuppt, wenn sie ihn mit den Kindern verlassen will. Sie wird spätestens in diesem Moment feststellen, dass sie Kraft des Gesetzes an den Aufenthaltsort des Vaters (Patrilokalität) und an seine Entscheidungen gefesselt ist. Die wenigsten Väter akzeptieren diese Entscheidung der Mutter und sogar die väterlichen Großeltern dürfen Anspruch auf Umgang erheben, und tun es nicht selten, auch wenn der Vater einsichtig ist. Hinter vielen Entscheidungen zum Wechselmodell stehen die väterlichen Großeltern, die dann auch die Erziehung der Kinder übernehmen.

Auch Gott die Mutter ist tot.

Welche also nun behauptet, es gäbe den matrifokalen Vater, verlässt den wissenschaftlichen Boden und bastelt sich eine Ideologie zurecht. Dabei kommt dann auch die Erfindung von „Gott die Mutter“ ins Spiel. PatriarchatsforscherInnen kennen sich damit aus, wie die Politische Theologie der Hirtengesellschaften einst nicht nur Tiere sondern auch Mütter gezüchtigt und gezähmt hat. Was liegt näher als den Spieß umzudrehen? Jetzt legen sie als sog. „Patriarchatskritikforscherinnen“ den Mann an die Kette; er hat ein „matrifokaler Vater“ zu sein, soll seine (oder ihre) Scholle bewirtschaften und die Mutter seiner Kinder verehren. Die Mutter soll ihm Gott sein.
Und wenn alle Dämme gebrochen sind, kann das Blaue vom Himmel herunter fabuliert werden. Nun wird ohne jede wissenschaftliche Grundlage behauptet, dass die genetischen Väter der Altsteinzeit in die matrifokale Sippe ihrer Kinder integriert gewesen seien. Wissenschaft hin oder her, was schert mich mein Geschwätz von gestern?

Wir wissen inzwischen, dass wir seit Ewigkeit matrifokal, also matrilinear und matrilokal sind. Wir wissen auch, dass die Matriarchatstheorie nach Heide Göttner-Abendroth einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhält. Die Sesshaftigkeit in der Jungsteinzeit führte uns nicht zu einem Matriarchat im Sinne von Frauenherrschaft in der Bronzezeit. Von unserer altsteinzeitlichen Matrifokalität wusste sie noch nichts, aber sie wehrt sich nun gegen alle Überlegungen dazu, weil davon Gefahr ausgeht, und zwar für ihre These von der „Göttin und ihrem Heros“, die in der Heiligen Hochzeit vereint gewesen seien. – Jetzt versuchen ihre schärfsten Kritikerinnen nicht nur ein Matriarchat im Sinne von Herrschaft zu errichten, sondern uns auch von unserer Matrifokalität in der Altsteinzeit abzuschneiden, indem sie den „matrifokalen Vater“ erfinden.

Frau hält sich erschüttert die Hände vor das Gesicht.
Photo by Cristian Newman on Unsplash

So sehr ich mich darüber freue, dass inzwischen der Begriff Matriarchat zurückgedrängt wird, so sehr bereitet mir nun die ideologische Ausschlachtung des Begriffes der Matrifokalität Sorge. Nachdem Gerhard Bott mit seiner von mir begleiteten und forcierten Veröffentlichung des Buches „Die Erfindung der Götter“ (2009), Band 1, den wissenschaftlichen Boden der Patriarchatsforschung bereitet hat und für längst überfällige, klare Begriffsdefinitionen [1] gesorgt hat, verschwimmt der Begriff der Matrifokalität nun in einem Brei aus New-Age-Religion und Gesellschaftsutopie. Aber es bleibt dabei: Matrifokalität ist keine Gesellschaftsform, sondern unser natürliches Sozialverhalten. Gesellschaft ist immer an Herrschaft und Gewalt gebunden und beides wird nie miteinander kompatibel sein.

Die Unterstellung, ein Väter-Bashing zu betreiben, die u.a. gegen meine Person gerichtet ist, muss ins Leere gehen, da kein/e PatriarchatsforscherIn die Absicht hat, bestehende liebevolle Bindungen zu zerstören, und vor allem auch, weil unsere menschliche Biologie kein Väter-Bashing betreibt. Patriarchatsforschung ist auch nicht männerfeindlich. Es gibt keinen „matrifokalen Vater“, aber wir alle sind matrifokale Kinder, Frauen und Männer. Die Matrifokalität ist uns allen angeboren. Weder ihre Entdeckung noch sie selbst kann verletzen, ganz im Gegenteil! Das Dogma der Vaterschaft aber verletzt das Persönlichkeitsrecht der Mutter und ist daher Mütter-Bashing und noch viel Schlimmeres.
Matrifokalität stellt sich gewaltlos und verletzungsfrei ein, wenn Mütter die genetischen Väter nicht in Kenntnis setzen. Jede Mutter muss sich dabei vorher überlegen, ob ihre mütterliche Sippe bereit und in der Lage ist, sie und ihrer Kinder voll und ganz aufzufangen. Da wir heute nur selten davon ausgehen können, beginnt offen gelebte Matrifokalität mit der bewussten Haltung künftiger Großmütter. Matrifokalität baut auf die bedingungslose Verbundenheit der Mutter mit ihrer Tochter.

Anmerkung:
[1] Die Schwäche dieses Bandes 1 ist die Annahme eines Gorilla-Patriarchats. Meine Kritik dazu finden Sie hier und hier. Zur Veröffentlichung von Band 2 habe ich nichts beigetragen. Meine Kritik dazu finden Sie hier.

Literatur:

  • Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin 2010
  • Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter. Norderstedt 2009 (Band 1)
  • Prum, Richard O.: The Evolution of Beauty. How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us. New York 2017
  • Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012
  • Uhlmann, Gabriele: Der Gott im 9. Monat. Vom Ende der mütterlichen Gebärfähigkeit und dem Aufstieg der männlichen Gebärmacht in den Religionen der Welt. Norderstedt 2015
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11 Gedanken zu “Gibt es den matrifokalen Vater?

  1. Innana

    Was für ein wunderbarer Artikel ❤ Frau Uhlmann, Sie haben mir die Augen geöffnet und ich hoffe, dass noch viele weitere Menschen begreifen werden, dass die Matrifokalität unsere natürliche Lebensform und die Lösung für die patriarchalen Probleme ist. Kompliment, ich hoffe Sie schreiben noch viele weitere großartige Artikel

  2. Liebe Gabriele Uhlmann,

    vielen Dank für diesen wichtigen Artikel, der die Schieflage, in die sich die Faktenlage rund um Matrifokalität und Patriarchat gerade bewegt, wieder gerade rückt. Seit ich mich mit der Gesellschaft Patriarchat beschäftige, reflektiere ich auch immer wieder meine eigenen Verwicklungen und Verhalten darin. Ich habe verstanden, dass alle Menschen im Patriarchat eine tiefe Sehnsucht in sich tragen, die mit Matrifokalität erklärt ist, denn im Patriarchat lebt niemand, Mann wie Frau nicht, natürlich. Weil wir seit tausenden von Jahren der patriarchalen Gehirnwäsche ausgesetzt sind und uns in einer kollektiven Geiselhaft befinden (Stockholmsyndrom, siehe Stephanie Gogolin, die dies u. a. in diesem Artikel umfangreich erklärt: https://marthastochter.wordpress.com/2018/05/10/die-natuerliche-matrifokalitaet-besonderheit-der-menschlichen-spezies/), haben wir zu unseren natürlichen Gefühlen und Verhaltensweisen keinen Zugang mehr. Wir sind gezwungen, uns artfremd zu verhalten, da wir uns nicht mehr auf die matrifokale Sippe berufen können. Wir sind vereinzelt und isoliert unter immer mehr Menschen. Wir haben keine unterstützenden Bindungen mehr zu blutsverwandten Menschen, sondern leben mit Fremden zusammen. Dies alles ist nur einem Umstand geschuldet: Der Erfindung des Vaters, der sich das Recht heraus nahm, eine Frau als sein Eigentum zu betrachten und ihre Kinder als seine eigenen in Anspruch nimmt. Mit der Installierung des Vaters fing das ganze Elend des Patriarchats an.
    Nun agieren die Menschen im Patriarchat ja sämtlich patriarchal konditioniert (ohne Ausnahme!), das bedeutet, sie verhalten sich egoistisch, unsolidarisch, den Normen, Regeln und Gesetzen entsprechend, gehen mit Ellenbogen vor, wenn sie sich Vorteile verschaffen wollen, trixen andere aus, manipulieren, erheben Machtansprüche, interessieren sich nicht für die Belange anderer, verurteilen sie, werten sie ab, sprechen sie schuldig, fallen auf Ideologien herein, suchen ihr Heil in Religionen, die auch nichts anderes sind als Ideologien. Es kann also gar nicht sein, dass sich patriarchale Menschen wieder von jetzt auf gleich der Matrifokalität zuwenden können, obwohl sie noch in uns allen verborgen ist. Es kann eher sehr leicht passieren, dass sich plötzlich wieder neue Ideologien entwickeln aus zunächst vielversprechenden Ansätzen. Dies hat die Ursache allein in dem patriarchalen Verhalten der Menschen. Das Patriarchat kommt immer wieder hoch, erstickt Ansätze, es zu hinterfragen, im Keim. Wo also ist der Lösungsansatz? Jeder Mensch, ausnahmslos, Männer wie Frauen, müssen ihre eigenen Verhalten und Überzeugungen ständig, regelmäßig, hinterfragen und aufarbeiten. Das ist Arbeit, und sie braucht eine sehr lange Zeit. Vor allem braucht diese Arbeit einen Anfang. Wird nicht die Notwendigkeit eingesehen, an sich selbst zu arbeiten und das eigene Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren und damit zu ändern, wird sich das Patriarchat nicht abschaffen lassen. Genau daran aber kranken einige PatriarchatskritiksforscherInnen. Was ich schon erlebt habe an Übergriffigkeiten, Belehrungen, Abwertungen, Urteilen, Unterstellungen, die aus dieser Richtung kamen, ist unglaublich. Inzwischen kann ich durch meine eigene Übung sehr schnell erkennen, wer sein Verhalten reflektieren kann und wer nicht. Es gibt dazu Anhaltspunke, die ich selbst schon vor Jahren in einem Artikel zusammen gefasst habe unter problematischen Verhaltensweisen und Überzeugungen (https://suedelbien.wordpress.com/2013/03/09/problematische-verhaltensweisen-und-uberzeugungen/) sowie was diese mit dem Patriarchat zu tun haben (https://suedelbien.wordpress.com/2015/06/18/problematische-kommunikation-patriarchalische-wurzeln/). Außerdem ist mir inzwischen auch klar, dass wenn wir nicht an uns und unserem Verhalten arbeiten, es keine Solidarität unter Frauen geben kann (https://suedelbien.wordpress.com/2018/05/21/solidaritaet-unter-frauen-im-patriarchat/), und dies habe ich erst kürzlich wieder sehr schmerzhaft erlebt.
    Es nützt also alles nichts, liebe Mitmenschen: Wir können noch so viel Matrifokalität in uns haben. Solange wir am Vaterkult festhalten und an unseren patriarchalen Veraltensweisen nichts ändern, so lange wird es das Patriarchat geben. Das ist die bittere Wahrheit.

    1. Liebe Suedelbien, danke für diesen Kommentar! Ich sehe das auch so, und hoffe eigentlich nichts weiter, als dass die Menschen beginnen, über sich selbst aus der Perspektive des Urmenschlichen nachzudenken, statt den Irrweg des Patriarchats für normal zu halten.

  3. Liebe Gabriele Uhlmann,
    ich habe eine Frage zu einem Teil deines Artikels: „Wenn eine Mutter ihr Kind stillt, wird ihr Körper mit Oxytocin geflutet und es bildet sich das heraus, was wir als Mutterinstinkt bezeichnen (Blaffer Hrdy 2010). Davon zu unterscheiden ist die Mutterliebe, die sich auch herausbildet, wenn sie nicht stillt.“
    Was ist genau der Unterschied und gibt es nicht schon eine Bindung durch die Schwangerschaft?

    1. Liebe Flora, schon in der Schwangerschaft kann die Mutter eine intensive Bindung zu ihrem Kind entwickeln, weil sie es in ihrem Körper spürt und gewissermaßen auch schon mit ihm kommunizieren kann. Das ist allerdings kulturell sehr unterschiedlich und eine gestresste Schwangere wird davon manchmal sogar abgeschnitten. Im Patriarchat haben wir es meist mit einem übersteigerten Kinderwunsch zu tun, und die Umwelt erwartet, dass die Mutter ihr Kind liebt. Während in der Natur eine Schwangerschaft ein zufälliges Ereignis ist, hängt im Patriarchat an der Geburt eines Kindes sehr viel. Der Mutter wird die Verantwortung für das Produkt des Vaters (Begriff Same statt Pollen!) übertragen und sie hat alle Anstrengungen zu unternehmen, dass es gedeiht.
      Sarah Blaffer Hrdy („Mütter und andere“ 2010) beschreibt, wie Frauen aus naturnahen Völkern gebären. Nach ihren Beobachtungen sind diese Mütter zunächst etwas distanziert zu ihrem Kind und entscheiden sich in dieser Phase, ob sie das Kind behalten können. Wenn ja, beginnen sie zu stillen. Das Stillen stellt sicher, dass die Mutter sich um ihr Baby intensiv kümmert, stärker sogar als um ihre bereits geborenen Kinder. Es wirkt dann quasi wie eine Zusatzversicherung für das Neugeborene. Ob erstes oder weiteres Kind, das Oxytocin erzeugt ein starkes Wohlgefühl, das die Mutter dazu stimuliert und konditioniert, ihr Kind zu stillen. Die Laktation wird auch erst durch das Saugen des Kindes ausgelöst. Die Natur hat also eine Schutzfunktion für die Mutter eingebaut. Hätte sie schon in der Schwangerschaft eine zu intensive Bindung, würde eine Totgeburt sie über die Maßen stressen, was sie selbst und ihre lebenden Kinder in Gefahr bringt. Das Stillen signalisiert dem Körper der Mutter, dass das Kind am Leben ist. Von da an investiert der Körper in die Veränderung des Gehirns hin zu dem, was wir den Mutterinstinkt nennen. Natürlich versucht das Patriarchat das Stillen zu minimieren, um diese Bindung zu stören.

      1. Liebe Gabriele,
        danke für deinen ausführlichen Kommentar. Das ist wieder einmal ein Beispiel dafür dass im Patriarchat vieles umgedreht wird. Es wird ja irgendwie erwartet, dass Frauen, sobald sie von der Schwangerschaft wissen eine Bindung aufbauen. Bei Naturvölkern wird eine Frau ja aber vermutlich auch erst später merken, dass sie überhaupt schwanger ist. Nach der Geburt soll die aber möglichst nicht zu stark sein, damit sie dem Vater zur Verfügung steht und heutzutage auch schnell wieder arbeiten geht.
        Im Patriarchat wäre es ja unvorstellbar, dass sich eine Frau entscheidet ein Kind nicht anzunehmen, aber dieses Verhalten können wir ja bei Tieren oft beobachten und ist wohl auch ein Schutz, damit die Mutter in schwierigen Lebenssituationen nicht noch zusätzlich mit der Pflege eines Babys belastet würde. Diese Bindung wird von manchen Vätern leider auch ausgenutzt um die Mutter zu verletzen indem dem Kind wehgetan wird.

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