Der „Hirschmensch“ aus der Höhle Trois-Frères – was sehen wir da wirklich?


Pintura Trois Freres
Foto: Clottes via Wikimedia Commons

Eine der bekanntesten Höhlenzeichnungen der Welt wird gemeinhin als „Hirschmensch“ bezeichnet. Gefunden wurde sie in der Grotte des Trois-Frères in Südfrankreich. Immer wieder wird mit dieser Zeichnung versucht zu belegen, dass männliches Schamanentum seit der Altsteinzeit die Regel sei und bereits männliche Götter angebetet wurden. Es soll sich demnach um einen Gott der Tiere, um einen „gehörnten Gott“ (frz. dieu cornu), Zauberer oder einen tanzenden, männlichen Schamanen handeln. Auch als „matrifokaler Vater“ musste er schon herhalten.

Wir wissen dagegen inzwischen, dass die altsteinzeitlichen Höhlen die Heiligtumer einer Erdmutter bzw. Metaphern auf die Gebärmutter der Urmutter waren und überwiegend von Frauen ausgemalt wurden. Der spektakuläre Fund eines Frauengrabes in der Hilazon Tachtit-Höhle in Israel belegt, dass auch die Schamanen weiblich waren. Dafür sprechen auch die vielen Frauendarstellungen als Zeichnung, Plastik oder Relief, die ohne männliche Entsprechung in den Höhlen gefunden wurden.

Es stellt sich also die Frage, ob es sich bei dieser Erkenntnis doch um Wunschdenken handelt oder etwas mit der Deutung der Höhlenzeichnung nicht stimmt. Schauen wir uns dazu Original und Abzeichnung genauer an:

1. Aus welcher Perspektive die Figur richtig abgebildet ist, die richtige Drehung der Figur an der Höhlendecke, lässt sich nur schwer nachvollziehen: Die berühmte, älteste Abzeichnung, die immer wieder in Sach- und Fachbüchern gezeigt wird, stellt die Figur als gebückt laufenden Menschen dar (Bild oben). Das Originalfoto wird mal mehr, mal weniger aufrecht gezeigt. In der Enzyclopedia Britannica online ist sie sogar so gedreht, dass sie wie ein sitzender Mann mit nach unten hängendem Penis aussieht. Auf der offiziellen Website des Fördervereins Louis Bégouën e.V. ist die Figur noch stärker „gebückt“ als in der Abzeichnung, so dass sie liegend und als von oben betrachtet wirkt. Diese Version halte ich für die korrekte, bis ich eines Besseren belehrt werde.
Zudem ist der „Röntgenstil“, den die Abzeichnung darstellt, im Original gar nicht vorhanden. Schwer als solche erkennbar sind auch das Gehörn und die „Arme“.

Die Original-Zeichnung vor Ort:
Originalzeichnung in situ
Bildquelle: http://media-2.web.britannica.com/eb-media/63/4763-004-824529EB.jpg

2. Sollte es sich bei der Struktur über dem Körper um ein Geweih handeln, stellt sich die Frage, welches Tier hier gemeint war. Die Zeichnung stammt aus dem Endstadium der letzten Eiszeit, ca. 12.700 v.u.Z.. Die Epoche wird als Magdalénien bezeichnet. Die vorherrschenden Hirscharten waren das Rentier und der Riesenhirsch. Das Geweih des Riesenhirschen ist so groß, dass es nicht als Kostüm tragbar wäre, zudem hat es Schaufeln (siehe unten). Es kommt hier also nur ein Rentier infrage.

Megaloceros giganteus antler
Vergleich Geweih des Riesenhirschen (An- und Draufsicht) mit dem Rothirschen (Draufsicht). Foto: Matthias Kabel via Wikimedia Commons

Das Rentier ist die einzige Hirschart, bei der auch die Weibchen ein Gehörn tragen. Es ist nicht ganz so groß, wie bei den Männchen, aber ebenso verzweigt. Wir können also nicht leichtfertig vom Geweih auf einen männlichen Hirschen schließen.

Svalbardrein pho
Männliches Rentier (Spitzbergen). Foto: I Perhols via Wikimedia Commons

3. Stellt die Struktur am Oberkörper wirklich Arme dar? Wenn nicht, könnte es sich um Brüste handeln, dargestellt wie auf den altsteinzeitlichen Tafeln von Gönnersdorf (Bild unten).
Gönnersdorf Schieferplatten-Venusdarstellungen
Schiefertafel aus Gönnersdorf. Foto: Regina Hecht

4. Am Hinterteil des „Hirschmenschen“ ragt ein Objekt hervor, das in welcher Drehung auch immer stets als menschlicher Penis mit Hoden gedeutet wird. Vor Ort ist die Zeichnung jedoch wesentlich undeutlicher. Wir können nur feststellen, dass dort etwas herausragt. Bei einem Menschen wäre der Penis jedoch vorne, und auch beim Rentier, wie im Bild oben zu sehen, ist der Penis auf der hinteren Unterseite angeordnet. Die Zeichnung müsste dann wie im Bild unten aussehen, wäre dann aber immer noch kein Mensch, denn beim Mann wäre das Geschlechtsteil aus dieser Perspektive zwischen den Beinen unsichtbar. Auch in Anbetracht der erstaunlichen Detailtreue und Naturnähe altsteinzeitlicher Tierdarstellungen wird es sich wohl kaum um einen Zeichenfehler handeln. Auffällig ist besonders auch, dass dieser „Penis“ nicht erigiert dargestellt ist, wie es in der Urgeschichte seiner Darstellung die Regel ist, und die zudem Zehntausende Jahre später als die Darstellung des Weiblichen beginnt.

hirschmensch3
Objekt vom Hinterteil mal hier – mal da (meine Montage)

Was also ist das Objekt am Hinterteil? Ein Video einer Rentiergeburt aus einem Zoo könnte die Lösung für das Rätsel liefern:

Video veröffentlicht von Reinhold Krossa am 01.05.2010 auf youtube.de

Jetzt wird auch klar, warum die Figur so gekrümmt ist und nach hinten blickt. Im Lichte der Patriarchatsforschung betrachtet ist der „Hirschmensch“ also kein Mann und kein Gott, sondern es handelt sich um die Darstellung einer gebärenden Frau oder einer Rentier-Geburt. Wie auch immer, die Darstellung passt nahtlos in die Uterus-Metapher der Höhle. Das androzentrische Dogma, mit dem überall das Männliche geortet wird, hatte den Blick verstellt. Patriarchale „Wissenschaft“ sieht nur, was sie sehen will. Auch der Name der Höhle, die übersetzt „Drei-Brüder-Höhle“ heißt, benannt nach den drei Entdeckern, betont die männliche Deutungshoheit.

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