Patriarchat und Gewalt in Çatal Höyük? – Bioarchäologie versucht, ein altes Problem endgültig aus der Welt zu schaffen – wieder ohne Erfolg!

Catal Hüyük 7
Ausgrabung von Çatal Höyük
Bildquelle: Wikimedia Commons

Der Artikel wurde auf meine Website verschoben.

9 Gedanken zu “Patriarchat und Gewalt in Çatal Höyük? – Bioarchäologie versucht, ein altes Problem endgültig aus der Welt zu schaffen – wieder ohne Erfolg!

  1. Hat dies auf Suedelbien rebloggt und kommentierte:
    Sehr langer und hervorragend recherchierter Artikel zu den neuesten Studien über Catal Höyük, in denen wieder einmal nachgewiesen sein soll, dass diese neusteinzeitliche Siedlung bereits patrilokal lebte, was dieser Artikel eindeutig widerlegt.

  2. Ich beschäftige mich auch gerade mit Çatal Höyük. Als ich den Artikel von Clark Spencer Larsen las, viel mir die Interpretation der Schädelverletzungen auch sehr unangenehm auf. Aus zwei Gründen. Zum einen habe ich wie du sofort an die vielen Leitern gedacht. Wie oft müssen die Menschen – auch die alten – diese Leitern rauf- und runterklettern. Es wurde ja auch gelegentlich oder öfter Bier getrunken – ich habe bei dir sogar etwas von einem Alkoholiker gelesen. Da sind Stöße an den Leitersprossen, an den Dachlukenkanten und an den Fußböden zu erwarten. Alles Stellen, die als runde harte Dinge zu interpretieren wären.

    Mir ging aber noch ein anderer Gedanke durch den Kopf: Es wird ja versucht, den Eindruck zu erwecken, Çatal Höyük wäre schmutzig, heruntergekommen und gewalttätig – eine neolithische Bronx. Die Gewalttaten in Großstädten werden aber zu 90% von jungen Männern begangen. Bei den Opfern von Gewalttaten dominieren auch ganz stark die jungen Männer. Das passt überhaupt nicht zu den Studienergebnissen einer ungefähren Gleichverteilung.

    Um die Analyse der Schädelverletzungen genauer zu betrachten, habe ich mir die Quelle [88] ↵ C. J. Knüsel, B. Glencross, Çatalhöyük, archaeology, violence. Contagion J. Violence Mimesis Culture 24, 23–36 (2017) besorgt.
    Bevor in diesem Artikel irgendetwas über Schädel gesagt wurde, wurde vier Seiten lang über die überall auftretende Gewalt gelabert und über die Mimesis-Theory von René Grard palavert, die behauptetet, das überall zwischenmenschliche Gewalt entsteht und dann mit Hilfe der Tötung eines Sündenbockes die aufgeheizten Gemüter wieder abgekühlt werden. OK, der Artikel stand im Journal of Violence, Mimesis and Culture, da war das zu erwarten. Dann wurden kurz die zu widerlegenden Argumente der „Gewaltgegner“ aufgezählt: Lehmkugeln wären Kochutensilien, Verletzungen träten im täglichen Leben auf, Hauser würden planmäßig abgebrannt, nicht im Krieg u.s.w.. Dann wurde sogar Hodder zitiert, der ungefähr sagte: Da keine Skelettverletzungen in Çatal Höyük zu finden sind, wird es dort wohl soziale Mechanismen gegeben haben, die Konflikte und soziale Unterschiede klein gehalten haben.
    Und nun waren die Skelettschäden plötzlich da. Die eiformigen Schlagstellen waren immer auf der Kopfoberseite oder am Hinterkopf. Dies soll ganz typisch für Steinwurf- und Steinschleuderverletzungen sein. Oder für Schläge von oben. Besonders die Verletzungen oberhalb der „Hutschnur“ sind für die Autoren ein sicherer Beleg für Gewalteinwirkung. (Ich stelle mir da einen trunkenen Menschen vor, der durch die Dachluke möchte, aber an der Dachlukenkante unangenehm anstößt – gut das gibt meist Beulen, aber keine schweren Verletzungen).
    Ein Mann mit einer Knochenkrankheit (weiche verformte Knochen und mehrere Kopfverletzungen wurde in einer Abfallgrube gefunden (kommt uns von der LKB irgendwie bekannt vor). Die Autoren vermuten eine Steinigung. Und im weiteren Text wird suggeriert, das nichttötliche Steinigung ja eine Bestrafung gewesen sein könnte und eben daher die Schädelverletzungen herrühren.
    Um die Steinverletzungen als typische Gewaltzeichen zu belegen, wird noch auf Kopfverletzungen durch Steinwurf während der Intifada hingewiesen.
    Nachdem lange und ausführlich über die Gewalt innerhalb der Gruppe philosophiert wurde, wird ganz am Ende ganz kurz erwähnt, das es ja denkbar wäre, dass diese Verletzungen auch in Kämpfen mit äußeren Feinden entstanden sein könnten. Hierzu wären noch Untersuchungen nötig.

    Es werden insgesamt drei mögliche Verletzungsursachen in diesem Artikel erwähnt:
    – Verletzungen im Alltag
    – Verletzungen im Kampf mit äußeren Feinden
    – Verletzungen durch Gewalt innerhalb der Gruppe.
    Aber ohne Diskussion wird einfach behauptet, die Verletzungen seien ein sicheres Zeichen für Innergruppenkonflikte. Das darf ruhig als ideologisch gefärbte Darstellung bezeichnet werden.

    Noch ein Kommentar von mir zu dem Thema „Verletzungen durch Kämpfe mit äußeren Feinden“:
    Wenn diese Verletzungen durch Kämpfe mit äußeren Feinen zu Stande gekommen sein sollten, dann wäre dies kein Argument gegen eine matrifokale Struktur. Die neolithische Bauern dieser Zeit haben ja niemals ganz Anatolien besiedelt. In den anatolischen Bergen wird es viele Wildbeutergruppen gegeben haben, matrilokale Wildbeuter oder vielleicht auch patrilokale Wildbeuter. Gelegentlich könnte eine der Wildbeutergruppen versucht haben, ihre Jagdbeute um ein paar nette Dinge aus der Stadt zu bereichern. Und das könnte etwas Gewalt und Verletzungen der Bewohner von Çatal Höyük erzeugt haben.

    Das waren meine Kommentare zum Thema Kopfverletzungen als Argument gegen Matrifokalität. Vielleicht sind sie ja zu irgendetwas brauchbar.

  3. Zu der Verwendung der Tonkugeln kam mir noch ein Gedanke, der sich an den „Bettwärmer -Gedanken“ anschließt. Vielleicht verblieben die Tonkugeln ja an der Feuerstelle, um einfach in der Nacht Wärme abzustrahlen. Der Kachelofen hatte genau diesen Vorteil und hat deshalb schnell den Kamin abgelöst.

    Und noch ein Gedanke zu morphologischen Unterschieden: Die Betrachtung von morphologischen Unterschieden mag für Dörfer funktionieren. Im Falle von Nur-Matrilokalität oder Nur-Patrilokalität wechseln dann Männer oder Frauen das Dorf. Und im Falle von Beide-Lokalität wie bei den Mosuo wechselt keiner. In einer großen Stadt finden aber fast alle Sexualkontakte innerhalb dieser Stadt statt. Da ist es ziemlich gewagt, aus leichten Abweichungen der Zahngrößen auf die Sozialstruktur zu schließen.

    Und du hast natürlich recht, eine große Männerähnlichkeit passt auch zu Brüdern, die bei ihren Schwestern bleiben.

    Die relativ große genetische Diversität in der Stadt lässt auf einen großen Zuzug von außen schließen. Und da habe ich eine Arbeits-Hypothese, die die größere Variabilität der Frauen genau aus matrifokalen Strukturen im Umland erklären könnte. Nehmen wir eine dichtbesiedelte dörfliche Landschaft mit matrifokalen Haushalten an, in den die Brüder am Ort bleiben und ihren Schwestern helfen. Wenn es zu viele überlebende Töchter gibt, dann muss eine Tochter den Haushalt verlassen und nebenan einen neuen Clan-Haushalt eröffnen. Viele Söhne sind dagegen kein Problem, das sind willkommene Arbeitskräfte, die ja kein Erbe brauchen. Wenn nun Töchter einen neuen Haushalt gründen wollen, können sie mit einigen Brüdern fortziehen und sich in der Nähe oder weiter weg eine passende Stelle für ein neues Haus suchen. Wenn alles gute Land schon dicht besiedelt ist, bleibt noch die Option, in die Stadt zu ziehen und Handwerk zu betreiben. Sicher werden auch viele Söhne vom Land Lust gehabt haben, in die Stadt zu ziehen. Denen wurde das aber nicht erlaubt, weil ihre Arbeitskraft vor Ort dringend gebraucht wurde. So könnte es einen Antrieb gegeben haben, dass mehr Frauen als Männer in die Stadt zogen. Manchmal wird auch ein Bruder mitgekommen sein – als Unterstützung für die Kinderpflege – aber eben nicht immer.
    Die Frauen, die so in die Stadt gezogen sind, lebten dort matrilinear, aber nicht mehr so clanorientiert wie auf dem Lande. Es mag sogar hin und wieder vorgekommen sein, dass statt eines Bruders ein Sexualpartner bei der Kindererziehung mithalf. Das ändert aber nichts an der Frauenzentriertheit des Lebens in der Stadt.

    Ich vermute, in Catal Höyük gab es eine matrilineare Gesellschaft, die nicht mehr so streng clanorientiert war wie auf den Dörfern. Weil großstädtisch hin und her gezogen wurde, und die Töchter nicht immer bis zum Tod der Mutter mit ihr in einem – relativ kleinen – Haushalt leben wollten, gab es möglicherweise auch keine strenge hausbezogene Matrilokalität.

    Lockere Matriclans und Zuzug von auswärts ergeben eine Mischung, in der sich über die Nukleo-Gene bei den relativ wenigen Stichproben keine Verwandtschaft nachweisen lassen.
    Wie gesagt, dass sind nur Gedanken zu diesem Thema, die ich nicht im Detail mit den Daten der Studie abgeglichen habe.

  4. Halló Frau Uhlmann,

    Das hier Über Bestattungsformen in Tibet wird Sie sicher interessieren:

    Klicke, um auf Rakow_TibetischesTotenbuch_TB012008.pdf zuzugreifen

    Neben der Feuerbestattung ist eine häufig zu findende Variante die Luftbestattung, bei welcher der Körper an dafür vorgesehenen Plätzen zerstückelt und von Geiern verzehrt wird. Diese Art der Bestattung kann jedoch nicht überall praktiziert werden. Siehe dazu als Beispiel die Ausführungen von Ramble (1982). Die Verbrennung galt im Untersuchungskontext von Mumford (1989: 204 Fn. 9) als teuerste Bestattungsvariante und war daher mit dem höchsten Prestige versehen.

    Vielen Dank für Ihre Arbeit und all das Wissen, das Sie mit uns teilen.
    Eva Hernandez

    1. Vielen Dank, liebe Frau Hernandez! Es ist in der Tat immer wieder faszinierend, wie weit der Geierkult über Eurasien verbreitet ist und bis heute praktiziert wird! Ein hohes Prestige gab es in Çatal Höyük wegen der egalitären Lebensweise ja nicht. Bemerkenswert ist, dass seit Beginn des Patriarchats steinzeitliche Rituale mit Prestige aufgeladen sind, und sie von den Herrschenden allen anderen vorenthalten werden. Die Jagd gehört übrigens auch dazu.

  5. Bonjourcarole

    Liebe Frau Uhlmann,

    nicht nur in der Archäologie wird immer wieder versucht, jeden Hinweis, der die Existenz von Matrifokalität auch nur ansatzweise denkbar macht, auf Biegen und Brechen wegzudiskutieren.

    Eine weitere Blüte, mit der die Kernfamilie theoretisch untermauert werden soll, habe ich beim Deutschlandfunk in der Sendung Forschung aktuell vom 19.12.2019 entdeckt.

    Titel „Erst das Zusammenleben in Paaren ermöglichte die Entstehung von größeren sozialen Gruppen“

    Der im Titel formulierten These der Forscher schließe ich mich mit Einschränkung an, wenn man das Wort „größere soziale Gruppen“ durch „Staaten“ ersetzt. Für die Bildung von hierarchisch gegliederten Gemeinschaften ist das Bestehen der Kernfamilie vermutlich unabdingbar.

    Hier der Wortlaut der Kurzmeldung:
    „Zu diesem Schluss kommt ein Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Primatenforschung zusammen mit einem Kollegen der Universität Texas. Wie die Forscher im Fachjournal Science Advances schreiben, stellt das Paarleben bei Primaten eine Art Übergangsform vom Einzelgängertum hin zum Leben in Gruppen dar. Die unterschiedlichen Lebensformen sind eine Möglichkeit, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Welche Faktoren diese Übergänge beeinflussen, haben die Wissenschaftler mit Genanalysen und Verhaltensbeobachtungen von 362 Primatenarten untersucht.
    Auf den ersten Blick ist es für Männchen kein Vorteil, mit nur einem Weibchen zusammenzuleben. Denn es könnte mit mehreren Weibchen deutlich mehr Nachwuchs zeugen. Doch die Fürsorge durch einen Vater, der nur mit einer Partnerin Nachwuchs bekommt, erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit der Nachkommen und ist damit auch für das Männchen erstrebenswert. Das wiederum stärkt die Paarbindung.“

    Die Forscher räumen in dem Artikel also ein, dass es vor der heute praktizierten Paarbindung eine andere soziale Struktur gegeben habe, aber, und das ist der Abschuss, ohne jeden Beleg behaupten sie ganz lapidar, diese sei das Einzelgängertum gewesen: „… das Paarleben (stellt) bei Primaten eine Art Übergangsform vom Einzelgängertum hin zum Leben in Gruppen dar“.

    Weiters sind sie der Meinung, dass die „Fürsorge durch einen Vater, der nur mit einer Partnerin Nachwuchs bekommt, die Überlebenswahrscheinlichkeit der Nachkommen (erhöht).“ Dass die Qualität der Fürsorge durch die mütterliche Sippe die Fürsorge des Vaters bei weitem übertrifft, unterschlagen die Forscher geflissentlich. Das ist schon deshalb so, weil es sich bei der Muttersippe um ein ganzes Kollektiv handelt, das auf natürlicher Verwandtschaft beruht, statt um eine einzige, zusätzlich unterstützende Person, die ohne die moderne Gentechnik nicht einmal wüsste, ob sie oder ein anderer der Erzeuger ist.

    Wie die Forscher also die Motivation des Mannes, Nachwuchs zu versorgen, genetisch nachweisen wollen, ist mir schleierhaft. Vielleicht was für Sie, der Studie mal auf den Grund zu gehen? Meine Englischkenntnisse reichen leider nicht aus, um die Studie zu zerlegen.

    Hier die Originalveröffentlichung: https://advances.sciencemag.org/content/5/12/eaay1276

    1. Vielen Dank Bonjourcarole, für Ihren Hinweis! In der Tat, die versuchen es immer wieder, und immer wieder gehen sie nach derselben durchschaubaren Methode vor. Die Paarbindung des Menschen wird als natürlich vorausgesetzt und weil es so „rätselhaft“ wirkt, denn wir alle wissen ja, dass die Vaterschaft dysfunktional ist, wird mit allen pseudowissenschaftlichen Mitteln versucht, sie zu begründen, statt wahrzuhaben, dass die Vaterschaft dysfunktional ist, weil sie unnatürlich ist. Der mütterliche Blickwinkel wird vollkommen ausgeblendet und/oder es wird davon ausgegangen, dass Mütter und Großmütter unfähig sind, ihr Leben so zu organisieren, dass die Kinder ohne den genetischen Vater groß werden.
      Diese Studie versucht auf den ersten Blick mit allerlei Statistik, mit Unmengen von Daten, in diesem Fall von Primaten, den Laien zu beeindrucken und dazu zähle ich die gesamte Fachwelt und Öffentlichkeit, die sich nie mit Patriarchatsforschung beschäftigt hat. Statt uns Menschen selbst anzuschauen, welche spezifischen Bedürfnisse unsere Spezies hat, so wie es die wunderbare Sarah Blaffer Hrdy es getan hat, wird auf Zahlen anderer Arten ausgewichen. Dabei werden natürlich auch die anderen Primatenarten aus einem patriarchalen Blickwinkel betrachtet (z.B. „Das Silberrückenmännchen ist der Chef“) und so ein Zirkelschluss hergestellt.
      Solche Papers werden übrigens gerne bewusst nicht hinter einer Paywall versteckt. Das passt schon, denn sie sind ja auch wertlos. Ich werde mir später Zeit nehmen, das genauer anzusehen.

      1. Nach Lektüre der Kurzmeldung im Vergleich zum Original-Paper staune ich nun, wie manipulativ die Überschrift der Kurzmeldung des Deutschlandfunkes ist! Es wird suggeriert, dass es um die Paarbindung beim Menschen geht, denn es ist ja ein Fakt, dass die meisten Menschen HEUTE in Paaren leben, wenn auch oft in serieller Monogamie. Im Kurztext wird von Primaten gesprochen, wozu wir ebenfalls gehören. Zudem leben wir meist in größeren Gruppen. Die matrifokale Sippe gibt es nur noch selten. Stattdessen haben wir es aber mit der patrilinearen Großfamilie zu tun, mit dem Dorf, der Stadt und dem Staat. „Groß“ ist ein dehnbarer Begriff.
        Das Leben in „großen Gruppen“ wird von den Machern der Studie als FORTSCHRITT dargestellt, so wie unser Leben in Städten regelmäßig als „Hochkultur“ bezeichnet wird. Erreicht wird das durch den Begriff „Stepping stone“ (Sprungbrett), was die Redakteurin mit „eine Art Übergangsform“ übersetzt. Es gibt in der Evolution aber keine „Übergangsformen“, sondern nur Anpassungen!

        Um einen „Fortschritt“ beweisen zu können, haben die Macher der Studie die Phylogenese bzw. den Stammbaum der Primaten berücksichtigt. Dabei sind sie dann offenbar davon ausgegangen, dass die älteren Arten die primitiveren seien. Sie erwarteten auch zu finden, dass sich nahe verwandte Arten im Sozialsystem ähneln. Ironie der Geschichte ist dabei, dass ausgerechnet die „Krone der Schöpfung“ nicht in Paaren lebt und unsere nächsten Verwandten, die Bonobo, nicht matrilokal leben.
        Wenn wir den Blick auf Nicht-Primaten, also z.B. die Überordnung der Paarhufer oder die Klasse der Vögel richten, stellen wir interessanterweise fest, dass auch dort beides möglich ist. Manche paarbildende Arten bilden Kolonien, andere nicht. Entsprechende Studien sind m.E. daher notwendig. Die Klasse der Insekten bildet sogar die größten Völker ganz ohne Paarbindung und mit einer Königin als Garantin des Überlebens. Sie paaren sich zwar, aber in Paaren leben Insekten meines Wissens gar nicht. Der Primaten-Befund ist daher sicher nicht das Ergebnis einer „fortschrittlichen“ Evolution, die erstens das Paar über den Einzelgänger stellt und zweitens die große Gruppe über die kleine.

        Es ist nun bemerkenswert, dass in dem Original-Paper von Peter M. Kappeler und Luca Pozzi gar nicht von der Paarbindung des Menschen die Rede ist! Auf Seite 6 im Kreisdiagramm wird unsere Art Homo sapiens als „multi male/multi female“ bezeichnet, also als nicht als monogam – nicht als Paar! Das sehen wir aber erst, wenn wir das PDF stark zoomen oder beim Ausdruck eine Lupe nehmen. Jetzt ist es aber so, dass Homo sapiens trotzdem immer in großen Gruppen gelebt hat, nämlich in der eben erwähnten matrifokalen Sippe, die aus 80 bis 120 Personen besteht. Das widerspricht also der These. Allerdings haben matrifokale Sippen nie hierarchische Staaten und Massengesellschaften gebildet. Die Mosuo in China z.B., die matrifokal leben, sind eine Volksgruppe, die subsistent mit 40.000 Angehörigen um den Lugo-See lebt. Die Gemeinschaften bilden kleine Dörfer.
        Auch alle anderen Primatenarten haben trotz großer Gruppen nie Staaten gebildet, kurz, sie haben sich nie patriarchalisiert.

        Wie Sie, Bonjourcarole, richtig erkannt haben, ist die Paarbindung für einen patriarchalen Staat elementar, mit der Einschränkung, dass primitive Patriarchate in Polygamie leben, mit einem Vater und mehreren Frauen bzw. Müttern. Dazu empfehle ich in meine Artikel https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2019/01/21/gar-nicht-einfach-die-vaterschaft-als-erklaerung-fuer-alle-menschengemachten-probleme/ und https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2019/11/28/gibt-es-menschliche-rassen-von-zeugung-erziehung-zucht-und-zuechtigung/ . Weil jetzt das Paar beim Menschen ebenfalls nur als Übergangsform dargestellt werden kann, bedeutet das ja, dass es irgendwann wieder verschwände und es zu anonymem Großgruppensex/“Staatensex“ käme. Und tatsächlich wird die Erziehung der Kinder bereits in diese Richtung organisiert, nämlich in den Kitas fern der Kernfamilie. Die Interpretation der Studienergebnisse zielt damit auf ein Meta-Patriarchat, das als fortschrittlich gelten soll. Das erinnert mich stark an die Postulate der Gender Studies. Wir können aber davon ausgehen, dass Menschen, wenn sie nicht mehr in Paaren leben, wieder in matrifokalen Sippen leben, denn die mütterliche Bindung ist stärker als jede Politik. Damit wäre das rassistische und zerstörerische Patriarchat auch am Ende und die menschliche Evolution könnte endlich ungestört weitergehen (Female choice vs. Menschenzucht).

        Unterm Strich haben wir es mit einer manipulativen, ja beinahe missbräuchlichen Darstellung des Deutschlandfunkes zu tun, denn er hat nicht erwähnt, dass die Studie davon ausgeht, dass Menschen natürlicherweise nicht in Paaren leben. Aber wir wissen ja, DAS ist ein Tabu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.