Unerledigt: Die brisanten Akten des James Mellaart

Zwei Jahre sind ins Land gegangen, seit ich meinen Artikel „Fälschung oder nicht: Der Fall Zangger“ im März 2018 veröffentlicht habe, in dem ich mich mit den spektakulären wie rätselhaften Entwicklungen um die Aufarbeitung des Nachlasses des weltberühmten Archäologen James Mellaart, der die jungsteinzeitliche Großsiedlung Çatal Höyük entdeckte, beschäftigte. Der Geoarchäologe Eberhard Zangger fühlte sich persönlich von Mellaart betrogen, denn der sog. Beyköy-Text (BT) sei dessen Fälschung. Weitere Vorwürfe bezogen sich auf verschiedene Zeichnungen, die aus der Dokumentation der Ausgrabungen in Çatal Höyük stammen. Die Presse kostete die peinliche Angelegenheit aus, obwohl Zangger selbst der Informant war. Als langjährige Beobachterin der Ausgrabungen in Çatal Höyük war ich über die gesamte Berichterstattung alles andere als erfreut und versprach ein Update, sobald ich Neues wüsste.

Es ist schade, dass der breiten Öffentlichkeit nur häppchenweise Informationen zur Verfügung gestellt wurden, aber Eberhard Zangger machte mich vor kurzem persönlich auf weitere Veröffentlichungen aufmerksam, wofür ich herzlich danke. So fiel mir schließlich und endlich auf, dass der damals in meinem Artikel zitierte TALANTA-Artikel von Fred Woudhuizen und Eberhard Zangger aus dem Dezember 2017 („Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor“, Link) eine Vorveröffentlichung war und seinen endgültigen Rahmen in der irgendwann nach August 2018 erschienenen Ausgabe von TALANTA Vol. 50 fand, und zwar neben zwei weiteren Artikeln der beiden Autoren zu diesem Thema. Im September 2019 wurde aus dieser Ausgabe Zanggers Artikel „James Mellaart’s Fantasies“ (Link) auf dem Portal researchgate.net online gestellt und im November 2019 folgte der Artikel „Arguments for the Authenticity of the Luwian Hieroglyphic Texts from the Mellaart Files“ (E. Zangger/F. Woudhuizen, Link) auf dem Portal academia.edu. Herr Zangger war aber so freundlich, mir die Artikel jetzt direkt zuzuschicken.

Was gibt es also „Neues“?

Woudhuizen/Zangger sehen nach eingehender linguistischer Prüfung die Echtheit der Hieroglyphen-Inschrift, die auf einer 29 m langen Wand gefunden worden sein soll und von der nur Zeichnungen existieren, als erwiesen an. Ich lasse das unkommentiert stehen – weil ich des Luwischen nicht mächtig bin und den Autoren das gerne glauben will – und empfehle die Lektüre des bebilderten Artikels. Spätere Untersuchungen oder gar Entdeckungen würden dies entweder bestätigen oder zu anderen Ergebnissen kommen. So weit so gut.

Dagegen führte Zangger den für ihn selbst endgültigen Nachweis, dass der sog. Beyköy-Text (BT), der auf niemals wieder aufgetauchten Bronzetafeln zu lesen gewesen sein soll, „gefälscht ist“ und sogar die pure Existenz der Bronzetafeln eine Erfindung Mellaarts sein muss. Aufgrund etlicher handschriftlicher Textfragmente und anderer Indizien wie Aussagen von Experten und Zeugen, einiger chronologischer Ungereimtheiten, fehlender Fotografien etc. sieht Zangger es als sicher an, dass Mellaart gefälscht hat, um seine Thesen um die bronzezeitliche Geschichte und Geographie Westanatoliens zu untermauern. Dass bestimmte Zeichnungen aus Çatal Höyük ebenfalls gefälscht sind, glaubt er aufgrund der Funde im Arbeitszimmer nun beweisen zu können. Seine Beweissicherung abschließend liefert er ein graphologisches Gutachten mit, das Mellaarts narzisstische Veranlagung und eine Pseudologia phantastica beweisen soll.

Mellaarts Werk umfasst bei weitem nicht nur Fälschungen, das räumt er ein. Çatal Höyük ist Realität und auch die Hieroglyphen-Inschrift von Beyköy ist höchst wahrscheinlich echt.

Auch wenn nun die aktuelle Beweislage tatsächlich gegen Mellaart spricht, kann der Fall meines Erachtens doch nicht für gelöst und abgeschlossen erklärt werden. Es bleiben zu viele Fragen offen. Denn um einen „Kriminalfall“ wie diesen zu lösen, braucht es zunächst einmal sehr viel Zeit, zum Beispiel hier für eine restlose Aufarbeitung des gesamten Nachlasses; daran hat Zangger nach eigener Aussage jedoch kein Interesse (vgl. Zangger 2018, S.130). Wir wissen auch nicht, ob Mellaarts Nachlass überhaupt vollständig ist. Von seinem Tod am 29. Juli 2012 bis zur Einladung des Sohnes von Mellaart, Alan Mellaart, an Zangger in sein Arbeitszimmer am 24. Februar 2018, wo Zangger sich dann vier Tage aufhielt, sind über fünfeinhalb Jahre vergangen. Warum hat das so lange gedauert?

Die vergleichsweise wenigen Dokumente aus dem riesigen Papierberg, die Zangger gesichtet hat, sind aus diesem fragwürdigen Kontext noch einmal herausgelöst. Gibt es möglicherweise auch noch andere Dokumente in den vorhandenen Unterlagen, die eine Revision erforderlich machen? Auf einem Foto (Link, dort S. 155) erkennen wir das große Durcheinander, das in Mellaarts Arbeitszimmer geherrscht hat. Ein weiteres, meiner Meinung nach bizarres Foto Alan Mellaarts in der Garage (Link, dort S. 152) wirft noch einmal neue Fragen auf.

Es sind zudem umfassende Nachforschungen in alle Richtungen erforderlich, z.B. auch in den offiziellen Akten der türkischen Polizei, was die Dorak-Schatz-Affaire in den 50iger und 60iger Jahren und die mutmaßliche Brandstiftung in der Sommerresidenz der Schwiegereltern Mellaarts in den 70iger Jahren angeht. So etwas darf natürlich nur die Polizei selbst, aber wir wissen ja, wie die Verhältnisse in der Türkei waren und sind. Alle Seiten sind leider befangen, alle haben etwas zu verlieren oder zu verteidigen. Zu einer polizeilichen Recherche gehört im Übrigen die Untersuchung der Angehörigen, die immer auch verdächtig sind, mit der Sache etwas zu tun zu haben.

“Zeitlebens“ soll Mellaart gefälscht haben, schreiben die Luwian Studies sogar, deren Vorsitzender Zangger ist. [1] Das ist allerdings übertrieben, denn die Beweislage reicht ja bei weitem nicht bis an den Beginn seiner Karriere. Aber taugt der Begriff der Fälschung überhaupt, wenn keine von Mellaart definierte Endversion des BT vorliegt? Zangger hat in der Tat eine beeindruckende Vielfalt von Versionen des BT und der Forschungsgeschichte gefunden, die eine/n glauben machen können, dass Mellaart ein Spitzbube war. Mellaart hatte sich jedoch nicht die Mühe gemacht, sie vor der Nachwelt zu verbergen, ja es gibt sogar eine Kollegin, die dabei gewesen sein will, als er eine seiner „Fälschungen“ verfertigte. Meiner Meinung nach hat Mellaart höchstens Behauptungen aufgestellt, die er nicht beweisen konnte, und, wenn überhaupt, über seine Quellen gelogen. Was er in seinem Arbeitszimmer gemacht hat, ist eine andere Frage, letztlich sogar seine Privatsache, wenn es nicht von wissenschaftlichem Interesse wäre.

Fragwürdige Indizien

Bezüglich des BT hat Mellaart offenbar einen letzten Willen verfasst, den Zangger im Nachlass fand:

„Mellaart thus went out of his way to emphasise the significance of these documents. He also added a small closed envelope labelled ‚Copy of the English Translation of the Beyköy Text. Supplied by the late Professor U. Bahadir Alkim.’ The handwriting is shaky, pointing to a date very late in Mellaart’s life for the production of this dispatch. The envelope contained a note: ‚IN CASE OF FATAL ACCIDENT OR DEATH – hand over my work on the Beyköy Text and „Hittite“ geography to Dr. Donald Easton!’ … Donald Easton kindly said that he has no objection to publishing this note, and added in an e-mail of 21 August 2018: ‚Until now I had no idea that he [Mellaart] wanted to pass on his Beyköy and Hittite geography material to me. He never discussed such an arrangement with me. Had he done so it would have been an awkward conversation as, from what he had told me, it was perfectly obvious that it was a gigantic fantasy. I could in any case never have agreed to see a Hieroglyphic Luwian text through to publication as my HL is simply not in that league. …’“
(Zangger 2018, S. 166)

Sinngemäß wollte Mellaart also, dass seine Arbeit über den BT und die hethitische Geografie nach seinem Tode an Donald Easten übergeben werde. Dieser will aber nichts von einer entsprechenden Vereinbarung gewusst haben.
Das bedeutet jedoch nicht, wie ich meine, dass Mellaart das mit ihm hätte vereinbaren müssen. Es ist ja auch nicht üblich mit den Erben das Testament zu besprechen.

Über Mellaarts Zeichnungen im „Çatal Höyük-Style“ schreibt Zangger:

„Hence, when I retrieved James Mellaart’s engravings on schist with the motifs from the reconstructed drawings of the alleged Çatalhöyük wall paintings …, it merely proved what had been obvious for almost twenty years. As the painter and sculptor Tullio Zanovello has pointed out to me, making sketches on rock rather than on paper was virtually indispensable for Mellaart to determine the amount of detail that an illustration on earthly materials would permit.“
(Zangger 2018, S. 174)

Mellaart soll demnach auf Schieferplatten ausprobiert haben, wie detailreich eine Zeichnung auf „erdigem“ Material (in Çatal Höyük wurde auf Lehmputz gemalt) überhaupt sein kann, bzw. wie detailreich er zeichnen durfte, um bei Experten damit nicht aufzufliegen.

Im Bild: Artefakt aus dem Nachlass von James Mellaart. Quelle: scinexx.de
Schieferplatte aus dem Nachlass von James Mellaart. Bildquelle: scinexx.de

Ich finde, es wäre ein Leichtes gewesen, einen Lehmputz auf einer Holzplatte vorzubereiten, um solche Experimente viel wirklichkeitsnaher zu gestalten. Der harte und nicht saugfähige Schiefer scheint mir dafür sogar völlig ungeeignet. Den Unterschied mag jede/r selbst einmal ausprobieren. Ich glaube nicht, dass Mellaart in Schiefer geritzt hat, bevor er einen entsprechenden „Entwurf“ auf Papier gebracht hat. Die Schieferplatten erinnern mich sogar an meine Türkei-Reise im Jahre 2002, als ich am Felsheiligtum vom Yasılıkaya viele Souvenir-Händler gesehen habe, die ähnliche Gravierungen in schwarzem Stein nach dem Vorbild der berühmten Felsreliefs anboten. Einen habe ich denen sogar abgekauft. Ich kann mir daher vorstellen, dass Mellaart (oder sogar jemand aus der Familie?) nach einem gezeichneten Vorbild „Souvenirs“ gebastelt hat, vielleicht, um sie zu verschenken.


Souvenir aus Yasılıkaya mit der Nachbildung der sog. Zwölfgötter. Höhe 7 cm.
Bild: Gabriele Uhlmann

Auch dass alle fraglichen Wegbegleiter Mellaarts längst tot waren, ist für Zangger ein wesentliches Argument. In der Tat kann so ein „glücklicher Umstand“ dazu genutzt werden, alles Mögliche zu behaupten. Genauso unglücklich kann das aber für Mellaart sein, wenn er doch nicht gelogen hätte. Die Tatsache beispielsweise, dass die Archive nicht das wiedergeben, was Mellaart über seine Kommunikation in jungen Jahren mit Prof. Albrecht Goetze und dessen angeblicher Arbeit am BT behauptet hatte, kann darauf beruhen, dass nichts davon aufgehoben wurde oder eben ganz woanders. Ein denkbares Motiv wäre gewesen, zu verhindern, dass junge Konkurrenten aufgewertet werden könnten. Schließlich gibt es unter Wissenschaftlern viele Narzissten. Die vorhandene Korrespondenz zwischen Goetze und Mellaart aus den 50iger Jahren lässt zumindest darauf schließen, dass Goetze ihm gegenüber recht distanziert war. Das alles bleibt Spekulation.

Die Frage nach dem Motiv ist meines Erachtens nicht geklärt, auch wenn es plausibel klingt, dass die „Fälschungen“ seine These stützten. Zangger sucht das Motiv auch in Mellaarts spezieller Persönlichkeit, die eine Graphologin bestätigt haben will. Aber würde es ein Narzisst riskieren, dass sein Ansehen nach seinem Tode so leicht beschädigt werden könnte? Er hat zudem nie etwas dazu veröffentlicht, sondern nur Einzelpersonen in seine Ideen „eingeweiht“, deren Schaden er bewusst in Kauf genommen hätte, wie es Zangger selbst festgestellt hat. War Mellaart wirklich so ein Schweinehund? Ich kann mir jedenfalls beim besten Willen nicht vorstellen, dass Mellaart glauben konnte, dass sein Schwindel posthum nicht aufgedeckt würde. Er wusste doch sicher um die zahllosen Unzulänglichkeiten, oder er war bereits dement.
Könnte es nicht auch sein, dass er versucht hat, den Text aus der Erinnerung zu rekonstruieren? Es wäre kein Wunder, wenn er die vielen Ungereimtheiten sogar als Zeuge in eigener Sache produziert hat. Kriminologen wissen, wie wenig zuverlässig Zeugenaussagen sind, selbst wenn es das biografische Gedächtnis betrifft. Wir sehen, was wir sehen wollen, und wir erinnern uns an das, woran wir uns erinnern wollen.
Wäre es nicht sogar denkbar, dass die Textfragmente gar nicht von Mellaart selbst produziert worden sind, dass sie die wahre Fälschung sind? Es gab jedenfalls schon immer politische Gründe, ihn zu diskreditieren.

Zangger hat nach eigenen Angaben nicht den gesamten Nachlass gesichtet, auch gibt es bisher keine unbefangene und unabhängige Expertenkommission, aber wir dürfen hoffen, dass seine Anregung gehört und die Herausforderung angenommen wird:

„A thorough treatment of this material would most likely occupy several scholars for several years – and lies outside my personal interest and the scope of the Luwian Studies Foundation. However, if someone demonstrates a serious interest in further analysing the material on the Beyköy Texts, I will be perfectly willing to pass it on for closer scrutiny.“
(Zangger 2018, S.130)

Ich bin jedenfalls gespannt, wie lange es dauert, bis ich das nächste Update schreiben kann.

Anmerkungen:

[1] Luwian Studies: Britischer Prähistoriker hat zeitlebens Dokumente gefälscht. Medieninformation, online abgerufen am 6.3.2020
https://luwianstudies.org/app/uploads/2018/03/LS_MI_20180301_Mellaart_DEU.pdf

Literatur:

Woudhuizen, Fred; Zangger, Eberhard: Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor. In: Talanta, Proceedings of the Dutch Archaeological and Historical Society. 50. 2018. S. 9-56.
http://www.talanta.nl/wp-content/uploads/2017/12/TAL-50-Zangger-Woudhuizen-7-XII-17.pdf

Zangger, Eberhard: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta, Proceedings of the Dutch Archaeological and Historical Society. 50. 2018. S. 125-182.
https://www.researchgate.net/publication/335724518_James_Mellaart’s_Fantasies

Woudhuizen, Fred; Zangger, Eberhard: Arguments for the Authenticity of the Luwian Hieroglyphic Texts from the Mellaart Files. Talanta, Proceedings of the Dutch Archaeological and Historical Society. 50. 2018. S. 183-212
https://www.academia.edu/40616714/Arguments_for_the_Authenticity_of_the_Luwian_Hieroglyphic_Texts_from_the_Mellaart_Files

 

3 Gedanken zu “Unerledigt: Die brisanten Akten des James Mellaart

  1. Pingback: Fälschung oder nicht: Der Fall Zangger – Wahrscheinkontrolle

  2. Nina

    Vielen Dank für den sachlichen Einblick in die Welt der Wissenschaft. Als Unternehmerin kenne ich die Problematik der narzisstischen selbsterhöhenden Problematik aus dem Managementbereich. Das konkurrierende männliche verunmöglicht eine ausgewogene Sicht auf die Dinge. Weil es für den Herrn was „zu verlieren“ gibt. Status, um genau zu sein. Es wird uns nicht anderes übrig bleiben, als uns Wissen anzueignen und entsprechend die Quellen und Interpretationsmöglichkeiten noch mal in Hinblick auf Wahrheitsfindung und nicht Wunschdenken zu prüfen. Du hast das sehr schön in dem Artikel dargestellt. Thematisch kann ich mich dazu (noch) nicht äußern (zu wenig Ahnung).

    1. Danke, liebe Nina! Ja, es bleibt uns nichts anderes übrig, als alles kritisch zu hinterfragen, insbesondere, wenn es sich um die Jungsteinzeit handelt.
      Sie nimmt ja eine Schlüsselstellung ein, weil in ihrem Verlauf die Patriarchalisierung begann. Weil die Patriarchalisierung in der Regel geleugnet wird, dürfen wir gar nicht mit Ehrlichkeit rechnen. Allein schon, dass die Herrschende Lehre nichts dazu veröffentlicht, zeigt den unbedingten Willen, die Öffentlichkeit glauben zu lassen, dass das Patriarchat natürlich sei. Jede/r, der an der Aufdeckung arbeitet, muss damit rechnen, mit allen Mitteln mundtot gemacht zu werden.

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