Warum gibt es die Schwiegermutter? Neues zur Großmutterthese

Plastik Überbevölkerung im Neanderthal-Museum, Mettmann
Die Anwesenheit der Großmutter hat einen positiven Effekt auf das Überleben ihrer Enkelkinder. Das ist der evolutionäre Grund für die Menopause, also das lange Leben einer Frau nach ihrer gebärfähigen Phase.
Dies war im Jahre 1998 die zentrale Aussage der Anthropologin Kristen Hawkes, die als Großmutter-Hypothese bekannt wurde. Großen Einfluss auf die Anthropologie hatte sie damit allerdings noch nicht. Im Jahre 2003 fragten Jan Breise und Eckard Voland erneut „Warum gibt es Großmütter?“ und überprüften die Hypothese anhand von Kirchenbüchern aus dem 19. Jh. von der Halbinsel Krummhörn. Sie fanden überraschenderweise eine erhöhte Kindersterblichkeit, wenn die väterliche Großmutter mit im Hause lebte, salopp gesagt, wenn die Mutter ihre Schwiegermutter am Halse hatte. Die Sterblichkeit war sogar noch höher als wenn keine der beiden Großmütter mit im Hause wohnte. Die geringste Sterblichkeit war also gegeben, wenn nur die mütterliche Großmutter bei der Kinderpflege mithalf. Damit wurde deutlich, dass es nicht egal ist, welche Großmutter mit im Hause lebt. Kristen Hawkes These musste in dieser Weise modifziert werden und bekam nun politische Relevanz.

Die korrigierte Großmutterhypothese führte weiter ein Schattendasein, weil die Evolutionsbiologie sich nicht von der „schönen“ Vorstellung trennen wollte, dass die Schwiegermutter den Fortpflanzungserfolg erhöhe, dies eingedenk der zunehmenden Überbevölkerung. Die großmütterliche Leistung war und ist den „Herren der Schöpfung“ suspekt, zumal der Großvater nun außen vor bleibt. So sehr die Herrschende Lehre die Großmutterhypothese zu ignorieren sucht, so groß sind aber auch die Zweifel an der Richtigkeit der positiven Bewertung der Schwiegermutter. Daher werden immer wieder Studien aufgelegt, die den Zusammenhang von Mutter, Großmüttern und Enkelkindern untersuchen.

Die Frage muss nun zu vorderst lauten, warum es die Schwiegermutter gibt, wenn sie doch so schädlichen Einfluss auf ihre Enkelkinder ausübt. Denn die Evolution selektiert nichts im großen Stil, was dem Nachwuchs auch nur ansatzweise schaden könnte. Das wäre ja das Ende aller Arten. Die Anwesenheit der Schwiegermutter deutet daraufhin, dass jemand in die Evolution eingegriffen hat, ohne die weitreichenden Folgen erahnen zu können. Und sie ist ein Anzeichen, dass es mit unserer Art zu Ende geht, trotz und wegen der Überbevölkerung.

Warum gibt es die Schwiegermutter?

Eine Antwort auf die Frage kann nur die unabhängige, interdisziplinäre Patriarchatsforschung liefern, denn sie allein stellt bisher die Natürlichkeit der Schwiegermutter infrage, gerade WEIL sie so einen negativen Einfluss ausübt: Die Existenz der Schwiegermutter ist an die Ehe gebunden und sie war seit dieser Erfindung sogar DIE Garantin für das Funktionieren der Familie, denn sie ersetzte die seitdem ausgeschlossene Großmutter mütterlicherseits sowie alle anderen Angehörigen der Mutter und schützte die Ehe. Sie war nie ein Tausendsassa, sondern hat seit jeher nur ein Ziel: Die Sicherstellung der Vaterschaft ihrer Söhne. Ohne die Kenntnis seiner genetischen Kinder kann kein Vater Macht über sie ausüben und auch nicht über andere. Die Herrschaft der Väter, das Patriarchat, muss daher die Mutter regelrecht gefangen nehmen. Zurecht wird vom Gefängnis der Ehe gesprochen.
Aufseherin war von Beginn an die Schwiegermutter, die sich im Alltag an der sexuellen Kontrolle der jungen Ehefrau, die sie eigentlich als Eindringling wahrnahm, beteiligte, und die sie misstrauisch beäugte. In dieser Patrilokalität genannten Zwangslage lebten alle Frauen noch bis vor 100 Jahren, besonders wenn ihre Ehemänner noch Bauern geblieben waren. Das war aber nicht immer so. Bei den viehnomadischen Völkern kam diese Lebensweise zuerst auf, sie haben sie gewaltsam über die Welt verbreitet und bis heute erhalten.

In der Situation der Patrilokalität waren bzw. sind die jungen Mütter den sexuellen Ansprüchen des Ehemannes schutzlos ausgeliefert. Weiterlesen „Warum gibt es die Schwiegermutter? Neues zur Großmutterthese“

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Der ‚Vater‘ braucht das Kind!

Matrifokale Gegenwart

Unsere „Urnatur“ kommt immer dann zum Vorschein, wenn die Repression der patriarchalen ideologischen und konkret gewaltsamen Zwangsverordnungen an Wucht und Bedeutung in der Gesellschaft verliert.
„… erkennen wir unsere wahre Natur. In unserer etwas freieren westlichen Welt kommt sie langsam wieder an die Oberfläche.“ schreibt Gabriele Uhlmann. Danke, liebe Gabriele, dass du auf diese entscheidenden Punkt hingewiesen hast.
Die Female Choice hatte sich, wie du schon nachgewiesen hast, ohnehin nie völlig unterdrücken lassen, was die Patriarchose einerseits unterlief, andererseits unendlichen vielen Frauen (und auch Kindern) das Leben kostete und heute immer noch als die Sünde schlechthin wider des Vatersystems gewertet wird. Das hat sich seit seinem Beginn bis heute zu der allgemeinen Androzentriertheit ausgewachsen, die sich immer noch in der Gesetzgebung, der Denkungsart des Mainstreams und den kulturellen Dogmen und Tabus der anonymen Großgesellschaft niederschlägt. Dazu gehört auch die sich hartnäckig haltende Behauptung „ein Kind braucht seinen Vater“.

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Warum man sich von Gott kein Bild machen soll

„Mythos Frau. Und ewig lockt das Weib! Plastiken der Altsteinzeit in Hamburg“, so lautete die Schlagzeile auf dem Cover der renommierten Zeitschrift Archäologie in Deutschland (1/2017). Dieser Sexismus soll die offenbar männliche Mehrheit der Leserschaft ansprechen.  Ich bin aber eine Frau und äußerst kritische Leserin dieses Blattes. Mann stelle sich das in männlicher Form vor: „Mythos Mann. Und ewig lässt sich der Mann locken.“ Oder so ähnlich, dies vielleicht geschmückt von einem fast unbekleideten Christus am Kreuze als Ankündigung für eine Ausstellung über die Gegenwartskultur. Dann wird klar, wie unsinnig, ja unseriös eine solche Schlagzeile ist. Die unbekleideten Frauenstatuetten, die in der Hamburger Ausstellung gezeigt werden, haben es allerdings nicht aufs Titelblatt geschafft.

Die Ankündigung der aktuellen Hamburger Ausstellung „Eiszeiten“ folgt einem wohlbekannten Muster. Im Heft lautet die Überschrift dann doch etwas weniger reißerisch: „Mythos Frau – altsteinzeitliche Plastiken in Russland“. So ist auch der Artikel recht neutral gehalten und beschreibt, was dort zu sehen ist. Erst der letzte Absatz rückt mit der Botschaft heraus und beginnt mit einem Denkverbot. „Über den Zweck der in ganz Europa verbreiteten Figuren kann nur spekuliert werden. (…) Es springt ins Auge, die sogenannten Venusfigurinen als Ausdruck der weiblichen Sexualität und Fruchtbarkeit aufzufassen. Die meisten Versuche, diese eiszeitlichen Kunstwerke zu erklären, bewegen sich in der gegenwärtigen Diskussion von ‚Pin-up-Girl’ bis Fruchtbarkeitsgöttin.“ (Merkel et al. S. 63)

Wir bekommen eine Warnung mit auf den Weg nach Hamburg: Versucht es gar nicht erst, wir werden Euch mit unserem Schlusssatz zum Schweigen bringen!

Bleiben da noch die anderen Versuche, also die, die nicht zu den „meisten“ zählen, es handelt sich genaugenommen um EINEN Versuch. Dass er nicht mit aufgezählt wird, beweist die alte Ignoranz der Herrschenden Lehre gegenüber der Patriarchatsforschung. Letztere deutet die „Plastiken“ nämlich als Darstellung der Urmutter. Schön, dass der Artikel auf die fehlenden Gesichter aufmerksam macht (es wird aber nicht versäumt, die extrem seltenen Ausnahmen herauszukehren). Die Urmutter ist die eine gesichtslose Ahnin, auf die sich alle Menschen mit ihrer altsteinzeitlichen Spiritualität zurückführten. Sie wäre im christlichen Jargon die Schöpferin allen Lebens. Daher wurden die Urmutter-Statuetten, wie der Artikel richtig erwähnt, an besonderen Plätzen aufgestellt, z.B. in Kulthöhlen.

Urmutter-Statuetten
Urmutter-Statuetten: Hohle Fels (Schwäbische Alb), 35 – 40.000 Jahre; Lespugue (Frankreich), 25.000 Jahre; Willendorf (Österreich), 23.000 Jahre; Grimaldi (Italien), 21.000 Jahre;
Gagarino (Russland), 18.000 Jahre. Collage: Gabriele Uhlmann

Die Urmutter ist das große Geheimnis, das die Herrschende Lehre aus den „Plastiken“ macht. Bei ihr handelt es sich aus christlicher Sicht um Blasphemie, auch aus Sicht aller anderen monotheistischen Weltreligionen, die einen Urvater an den Anfang stellen. Was sich hinter der altsteinzeitlichen künstlerischen Äußerung der Spiritualität verbirgt, könnte jeden Wissenschaftler in Schwierigkeiten und um seine Karriere bringen. Auch dieser Artikel wirkt wie ein Glaubensbekenntnis: Die Urmutter gibt es nicht, nur der Urvater wird anerkannt (Bott 2009). Die Frau ist ein Mythos, der Mann ist echt. Was nicht sein darf, wird in den Bereich purer, nicht ernstzunehmender Spekulation verbannt.
Weiterlesen „Warum man sich von Gott kein Bild machen soll“

Zum Artikel „Der Siegeszug des Homo sapiens“ von Curtis W. Marean im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft Juni 2016

(Leserbrief)

Im aktuellen Heft habe ich natürlich zuerst den Artikel von Curtis W. Marean „Der Siegeszug
des Homo sapiens“ gelesen. Und wieder standen mir die Haare zu Berge. Es scheint der
Redaktion einfach der Blick für patriarchatsideologisch kontaminierte Texte zu fehlen. Dabei
ist es eigentlich ganz einfach, denn sobald in Bezug auf die Altsteinzeit Begriffe wie Ehe,
Hochzeit, Familie, Krieg, Fernwaffen, Jagdzauber, Gewalt u.ä. fallen, haben wir es damit zu
tun. Die Patriarchatsforschung, die bedauerlicherweise nicht zum Kreis der vom Spektrum
beachteten Wissenschaften gehört, weiß längst, dass es all das bis vor ca. 8000 Jahren nicht
gegeben hat. Insbesondere Sarah Blaffer Hrdy hat das auf brillante Weise nachgewiesen. Aber auch die Genetik, die Sprachwissenschaften oder die Archäologie bestätigen diesen Befund.
Das Klischee, dass der Mann in der Altsteinzeit die Frau an den Haaren hinter sich her zog
und mit Keulen auf andere Menschen losging, ist genauso veraltet, wie die Vorstellung, dass
der Mensch von Natur aus gewalttätig sei und mit Religion gebändigt werden muss. Auch
Frans de Waal betont das immer wieder. Die Angst vor der Steinzeit als menschen- und
kulturfeindliche Ära ist nicht nur unbegründet, sondern behindert den wissenschaftlichen
Fortschritt, ja schlimmer noch, sie behindert eine wünschenswerte Entwicklung weg vom
Patriarchat. Dabei können wir uns dies kaum noch leisten im Angesicht der weltweiten
Misere, die uns die Lebensweise in Patrilinearität eingebrockt hat.
Und da lese ich nun auf Seite 50, wie wieder Sarah Blaffer Hrdys These missbraucht wird,
diesmal um Mareans These zu stützen. Breit lässt sich der Autor darüber aus, wie hyperprosozial der Mensch doch sei, nur um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass der
Mensch sich schon immer ums Essen geprügelt hätte. Der Affe im Flugzeug muss dafür
herhalten, und ich muss mich wieder fragen, ob der Autor nur den Klappentext ihres Buches
„Mütter und andere“ gelesen hat.
In seiner Logik hält er treu zu der veralteten These, dass Homo Sapiens Sapiens den
Neanderthaler gewaltsam ausgerottet habe, und ignoriert den letzten Stand der Forschung,
nämlich, dass das Neanderthaler-Genom in dem unsrigen regelrecht aufgegangen ist,
zurückzuführen auf ein demographisches Ungleichgewicht. (Schmidt, Maier, Kretschmer: „Ist
da draußen jemand?“ Archäologie in Deutschland, Heft 3, 2016, S. 32 f) Natürlich hat Marean Recht, dass unsere technologischen Errungenschaften „erbarmungslosen Krieg“ ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass der steinzeitliche Moderne Mensch alles
machte, was machbar war, denn sonst gäbe es uns schon lange nicht mehr. Als am sog.
Flaschenhals nur noch wenige Sippen übrig waren, wurde sich nicht um Muschelbänke
gekloppt, sondern andere Sippen waren hochwillkommen, konnte mit ihnen doch der Genpool aufgefrischt werden. Auf gleiche Weise kam es auch zur Vermischung des Neanderthaler-Erbguts mit dem des Homo sapiens sapiens.
Das Patriarchat und der dazugehörige Krieg sowie Umweltzerstörung sind eine Erfindung
nomadischer Viehzüchtergesellschaften in den Steppen und Bergregionen. Da dürfen uns
auch ausgewählte, moderne Jäger und Sammler-Gesellschaften nicht täuschen, denn sie alle
sind durch Kolonisation vom Patriarchat infiziert worden. Sie führen Kriege, auch weil ihre
Welt von der Moderne auf wenige kleine Flecken eingedampft wurde. Die Haszda gehören zu den letzten Völkern, die uns Matrifokalität vorleben und damit nichts vermissen.
Marean ist sich auch nicht zu schade unsere Natur mit der der Vögel zu vergleichen. Vögel
leben in Paaren, wir natürlicherweise aber nicht. Es entsteht bei uns lediglich durch eine
zeitlich begrenzte Paarung ein neuer Mensch, aufgezogen wird er aber in der matrifokalen
Sippe. Der biologische Vater ist damit für den Sozialverband bedeutungslos, und das versucht das Patriarchat durch die Unterdrückung der female choice zu vertuschen. Die Gewalt gegen Frauen, auch der von Marean angeführte Frauenraub, sind nur vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Gesellschaft nachvollziehbar.
Marean passt sicher gut in eine Welt, wie sie sich ein Donald Trump vorstellt. Er scheint
Waffen, die Jagd und den Kampf zu lieben, weniger die Frauen und schon gar keine Kinder.
In seiner Altsteinzeit kommen sie nicht vor. Passenderweise zeigt die Illustration einen
einsamen Mann in heldenhafter Eroberer-Pose, bewaffnet und übermächtig groß. Dies alles,
gepaart mit seinem Bedauern der schädlichen Auswirkungen menschlichen Tuns, führt ihn in eine geistige Endlosschleife aus der es kein Entrinnen gibt.

Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015

(Leserbrief in Auszügen abgedruckt im SdW, Heft Juni 2015)

Nach dem Lesen des Artikels „Stark als Paar“ von Blake EDGAR bleibt mir nur zu hoffen,
sich alle anderen Leser den zugehörigen Literaturtipp zu Herzen nehmen, und das Buch
„Mütter und andere“ von Sarah BLAFFER HRDY (2010) lesen. Leider geht der Einzeiler in
Ihrem Literaturtipp „Die Anthropologin erörtert die erstaunliche Sozialkompetenz von
Kleinkindern“ völlig am Inhalt des Buches vorbei, so dass zu fürchten ist, dass sich nur
Wenige, die sich für das arttypische, menschliche Sexual-Verhalten interessieren, davon
angesprochen fühlen. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird feststellen, dass EDGAR
BLAFFER HRDYs These missbräuchlich verwendet, ihr das Wort im Munde umdreht, und
vielleicht das Buch gar nicht gelesen hat, und statt dessen nur das veraltete „Mutter Natur“
kennt. Auf S. 448 von „Mütter und andere“ in Fußnote 20 schreibt BLAFFER HRDY (2010),
NACH IHRER EMERITIERUNG : „Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.“ Leider kam diese Erkenntnis etwas spät, so dass „Mutter Natur“ eher verwirrte als aufklärte.
BLAFFER HRDYs geht nun auf der Basis der Großmutterhypothese (Kristen HAWKES,
1998) und der Tatsache der female choice (Meredith SMALL, 1995) sowie ihrer eigenen
Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus, und betont, dass die Errichtung des Patriarchats dazu führte, dass die alten matrifokalen Sippen gegen die patrilokale Familie ersetzt wurden: „Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“ (2010 S. 336) Die PATRIARCHATSFORSCHUNG weiß dies schon länger, auch die herrschende Lehre der Archäologie muss sich zunehmend mit dieser Wahrheit auseinander setzen, leider ebenso ungerne wie Blake EDGAR. Die Monogamie, hergestellt durch das theologisch vorgeschriebene Ritual der Ehe, ist eine Einrichtung des Patriarchats, die nur ein Ziel hat,
nämlich die female choice zu unterdrücken. Nur durch Patrilokalität kann der Mann
Monogamie herstellen, denn nur in seinem Hause können er, seine Eltern und Brüder „seine“ Frau kontrollieren. Nur so kann Patrilinearität gesichert werden, die Basis für den
Kapitalismus. Wäre dies schon vor zwei Millionen Jahren der Fall gewesen, wäre die
Menschheit längst ausgestorben. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur die folgenreiche
Überbevölkerung, sondern züchtet eine aggressive und psychisch gestörte Population heran. Weiterlesen „Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015″

Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?

Gerade titeln weltweit viele Zeitungen und Zeitschriften mit der Sensationsmeldung, dass nun endlich klar wäre, warum wir in Monogamie leben. Die Geschlechtskrankheiten seien die Ursache:

„Darum leben die meisten Menschen monogam“ (welt.de)
„Computersimulation: Warum wir monogam leben“ (spiegel-online.de)
„Ohne Kondom zur Monogamie: Warum leben wir in Paaren?“ (spektrum.de)

Alle Artikel beziehen sich auf die Studie „Disease dynamics and costly punishment can foster socially imposed monogamy“ der kanadisch/amerikanischen Forscher Chris T. Bauch und Richard McElreath, die am 12. April 2016 in NATURE COMMUNICATIONS veröffentlicht wurde.

Wie leichtgläubig doch jede noch so schlecht gemachte Studie sofort begierig aufgesaugt wird, wenn sie nur die Monogamie, also das uns allen auferlegte Patriarchat, als natürlich bestätigt! Es ist in der Tat kein Einzelfall. Zum wiederholten Male verbreitet insbesondere das SPEKTRUM einen solchen Artikel, der versucht, die Monogamie des Menschen als evolutionär sinnvoll hinzustellen. Ich erinnere an den Artikel Stark als Paar von Blake Edgar. Damals konnte das SPEKTRUM gar nicht anders, als meinen Leserbrief in der Printausgabe Juni/2015 abzudrucken, denn der Autor zitierte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in missbräuchlicher Weise. Ich habe die Redaktion natürlich auch auf den patriarchatsideologischen Antrieb solcher Artikel hingewiesen. Jedoch statt aus diesem Desaster zu lernen, wird jetzt wieder unkritisch nachgebetet. Da es sich um ein Blatt mit wissenschaftlichem Anspruch handelt, wenn gleich populärwissenschaftlich, beziehe ich meine Kritik im Folgenden nur auf den SPEKTRUM-Artikel, die aber auch für all die anderen gelten soll.

Wie die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy unschlagbar schlüssig nachgewiesen hat, beruht die Entwicklung zum Sozialwesen Mensch auf der female choice und der langen Kindheitsphase, die zusammen automatisch in Matrifokalität, d.h. Matrilokalität und Matrilinearität, führen. Noch in den jungsteinzeitlichen Kulturen ist diese Matrifokalität zu finden, z.B. in Çatal Höyük, Kfar Hahoresh, der Starčevo-Kultur usw., wie es Ian Hodder und Kurt W. Alt nachgewiesen haben.
Völlig veraltet sind die Thesen der Anthropologie, die Caroline Bauer einschiebt: „Bisher glaubten Anthropologen und Anthropologinnen, dass es besonders für Frauen vorteilhafter sei, monogam zu leben, weil der Mann sie somit bei der Kinderaufzucht besser unterstützen könne. Oder dass Männer untereinander im Wettbewerb stünden und darum ihre Partnerin gegen Nebenbuhler abschirmten.“ Auch Sarah Blaffer Hrdy hat das einmal geglaubt, wie sie selbst in Fußnote 20 auf Seite 448 ihres Buches „Mütter und andere“ (2010) schrieb, hat aber den fundamentalen Irrtum erkannt.

Heute sprechen Anthropologen von „Gen-Shopping“, wenn eine Frau fremd geht. Sie trauen sich nicht, die evolutionäre Regel, nach der idealerweise jedes Kind einer Frau von einem anderen Mann ist, auszusprechen, da das erhebliche gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Die Regel ist beinahe selbsterklärend, da eine Frau in ihrem Leben vergleichsweise nur wenige Nachkommen hat und genetische Vielfalt zu einer gesunden Population führt.
Unter diesen natürlichen Umständen kann sich kein Bewusstsein für Patrilinearität herausbilden und auch keine Patrilokalität durchgesetzt werden. Kein Vater lebt in der Sippe seiner leiblichen Kinder. Eine Frau braucht auch keinen männlichen Alleinernährer, denn in ihrer matrifokalen Sippe sind alle als sog. Alloeltern an der Kinderpflege beteiligt, wie Sarah Blaffer Hrdy es schlagkräftig nachweisen konnte.
Die female choice dient auch der unmittelbaren Gesunderhaltung, denn ein offensichtlich erkrankter Mann ist für eine Frau eher nicht attraktiv. Eine geschlechtskranke Frau wird sich enthalten, da die Entzündungen Schmerzen beim Sex verursachen.
Auch zur Geschichte der Geschlechtskrankheiten brauchen die Autoren der Studie offenbar noch etwas Nachhilfe: Die Syphilis stammt aus Südamerika. Die Indigenen dort sind seit Jahrzehntausenden an die Syphilis angepasst und ihr Immunsystem kommt damit gut zurecht. Erst in Europa eingeschleppt wurde die Syphilis zum echten Problem. Weil das die These stört, stellen Bauch/McElreath den südamerikanischen Usprung der Syphilis in Frage: „Syphilis existed for certain by the Fifteenth century, although there is debate about whether its origin was Colombian or pre-Colombian“.
Die Gonorrhoe war schon in der Antike bekannt und sie erzeugt sehr unattraktive und unangenehme Symptome, insbesondere beim Mann. Weiterlesen „Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?“

Das Patriarchat. Definition, Geschichte und Symptome

Fettschwanzschafe Usbekistan
„(…) Das Patriarchat wurde vor ca. 8000 Jahren mit dem Aufkommen des Viehnomadismus in den Steppengebieten errichtet. Die Frau wurde in die Ehe gezwungen und sie hatte ihrem Ehemann und seiner Herde zu folgen. Unsere indoeuropäische Sprache, die aus der Steppe stammt, ist entsprechend durchsetzt mit Metaphern aus der Tierzucht. Eine Frau, die ihre female choice frei lebt, also selbstgewählte, wechselnde Sexualpartner hat, wird als „unzüchtig“ (sinngemäß: sich der Zucht entziehend) oder „zügellos“ bezeichnet. Es handelte sich um eine bis dahin unbekannte Denk- und Lebensweise, in der sich die Männer ihrer väterlichen Linie bewusst geworden waren (Patrilinearität) und die Frauen und Kinder daher zwingen konnten, bei ihnen zu wohnen (Patrilokalität). Bei der Beobachtung der Tiere, welche der Mann wie ein Schöpfergott nach seinem Willen zu züchten begann, passierte der größte Irrtum der Menschheit, nämlich, dass die Frau nur das Gefäß männlichen Samens sei. Zu teuer und obendrein meist unwillig war die Frau für den Mann zur Last geworden, Ursache des tiefen Hasses auf die Frauen, sowie männlicher Überheblichkeit und des Machtstrebens. Als Ziel des Patriarchats ist in den Heiligen Schriften die Abschaffung der Mutter erkennbar, deren Metapher „Fruchtbarkeitsgöttin“ sukzessive durch einen allmächtigen, d.h. unsterblichen, menstruierenden, gebärenden und stillenden Gott ersetzt wurde. Dieses Ziel erschien wie oben erwähnt im Sozialdarwinismus neu verpackt wieder an der Oberfläche patriarchalen Denkens. In unserer Zeit wird es durch die Reproduktionsmedizin, die Patentierung der Muttermilch, die Fremdbetreuung der Kinder u.a. vorangetrieben, mitgetragen auch von einem falsch verstandenen Feminismus, der die Frau von dieser vermeintlich lästigen und undankbaren Aufgabe zu befreien sucht. Dass es das Patriarchat auf die besonders kostbare Fähigkeit der Frau, Mutter zu werden, abgesehen hat, wurde vom Feminismus nicht erkannt und von den Gender Studies ausgeblendet. Eine Frau, die ihr Frausein über ihre Fähigkeit, Mutter zu werden, definiert, wird als biologistisch abgewertet, sind da ja auch Männer, denen das ermöglicht werden soll. Die Strategie ist denkbar einfach. Erst der Frau unerträglich gemacht, dann von ihr abgelehnt und vom Patriarchat scheinheilig diffamiert, kann die Mutterschaft der Frau weggenommen werden, um die Supervaterschaft, den Endsieg des Patriarchats, Wirklichkeit werden zu lassen. In den Heiligen Schriften ist dieses Ziel von Gott-Vater längst umgesetzt. Aber was will der Patriarch mit dieser Fähigkeit? Wird sie ihm einst nicht ebenso lästig und unangenehm wie der patriarchalisierten Frau? Mit der Supervaterschaft sucht der Mann Unsterblichkeit, die ihm zur totalen Macht fehlt. (…)“

Den ganzen Artikel finden Sie hier: http://www.gabriele-uhlmann.de/patriarchat.htm

female choice – unser Menschenrecht


Buschleute San
Inhaltsangabe. Ganzer Artikel zum Download (PDF). Es ist die Frau, die wählt. Diese sog. female choice ist das oberste Naturgesetz der Evolution. Sie ist auch das Erfolgsgeheimnis der menschlichen Evolution, unseres Menschseins, denn sie bedingte die Zusammenarbeit beider Geschlechter in der Sippe, in der die Mütter und Kinder stets im Zentrum der Fürsorge standen. Die female choice als Basis dieser Kooperation kommt daher nicht der Frau allein zugute, sondern allen Menschen. Sie ist nicht nur ein Frauenrecht, sondern ein echtes Menschenrecht, und die Männer täten auch im eigenen Interesse gut daran, sie zu achten. Die Unterdrückung der female choice macht das Patriarchat und seine Folgen erst möglich. Die Erforschung des Patriarchats ist in diesem Sinne Ursachenforschung. Sie liefert die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet der Mensch, der für sich in Anspruch nehmen kann, eine besonders intelligente und soziale Tierart zu sein, Kriege führt, und sich mit psychischen Problemen, Zivilisationskrankheiten und Epidemien herumschlagen muss. Diese Probleme betreffen andere Arten auch nur dann, wenn der Mensch sie aus ihrem artgerechten Leben reißt. Auch keine andere Tierart neigt zu Überbevölkerung oder hat Umweltprobleme ausgelöst, die es in seiner Existenz bedrohen. Die Überbevölkerung ist die unmittelbarste Folge der Unterdrückung der female choice und erst in zweiter Linie mit einigem Abstand Folge der landwirtschaftlichen Überproduktion. Letztere war wiederum nur wegen der steigenden Bevölkerungszahlen möglich geworden. Sämtliche menschengemachte Probleme, mit denen die Weltgemeinschaft heute zu kämpfen hat, sind daher ursächlich mit der Unterdrückung der female choice bzw. dem Patriarchat in Verbindung zu bringen. Im folgenden Artikel erläutere ich diese Feststellung anhand der vielen Funktionen und unterschiedlichen Formen der female choice, unserem Menschenrecht, von dem nur Wenige wissen.

Ganzer Artikel zum Download (PDF).

Mein Kommentar zu einem Biologismus-Vorwurf in einem Blog:

Wie wollen wir einem Erdogan (Quelle) entgegentreten, der die Gleichberechtigung für unnatürlich hält? Oder den Maskulisten, die das auch behaupten?
Wenn wir ihnen mit nichts weiter als Gender und Feminismus entgegentreten, also ideologischen Konzepten, dann haben wir in Wahrheit NICHTS und nochmal NICHTS entgegenzusetzen! Dann steht Aussage gegen Aussage. Ideologie gegen Ideologie. Dann gibt es den Krieg, den wir jetzt haben.

Mir kommt es darauf an, das anthropologische Wissen zu verbreiten, dass GLEICHBERECHTIGUNG DURCH UND DURCH BIOLOGIE IST. Die female choice sorgt auf natürliche Weise dafür. Die Natur ist nicht biologistisch und sie benachteiligt weder Frauen noch Männer. Das Pfund mit dem wir also wuchern können, unser selbstbewusstes Frau- und Muttersein, verunglimpfen die Gendermainstreamer als biologistisch und machen sich damit genaugenommen Erdogan gleich.
Wenn Gleichberechtigung nur eine kulturelle Errungenschaft wäre, dann bestünde keinerlei Hoffnung, dass wir jemals weltweit zu ihr zurückfinden. Denn Kultur wird im Patriarchat immer über die Natur gestellt, und nur daraus bezieht das Patriarchat seine Energie. Es zieht seine Energie aus der Unterdrückung der female choice.

Die HEILIGE HOCHZEIT der babylonischen Zeit ist dafür DAS Symbol schlechthin. Es geht in diesem Ritual um die Aneignung sog. weiblicher Macht (vermeintlicher Macht, denn Patriarchen können nur in dieser Kategorie denken) mit dem Mittel der Unterdrückung der female choice, dies öffentlich im Staatsritual mit einer Vergewaltigung zur Schau gestellt. Das Ritual finden wir heute verweltlicht in der Prostitution, in den Kriegsvergewaltigungen, in sexuellem Missbrauch etc.. „Sperma Care“ ist in diesem Sinne nichts weiter als das Dafür-Sorge-Tragen, dass der Mann weiterhin die Oberhand behält.
In meinem Buch „Der Gott im 9. Monat“ http://www.amazon.de/dp/3738639012 habe ich beschrieben, dass es dem Patriarchen darum geht, sich die Natur der Frau einzuverleiben, um die Allmacht zu erringen, die Unsterblichkeit, die Macht über Leben und Tod. Das versucht er nicht nur mit Unterdrückung zu erreichen, sondern auch damit, dass er der Frau das Frau- und Muttersein madig macht. Was uns keine Freude mehr bereitet, kann der Patriarch ergreifen und seine Willkür darüber ausüben. Begreifen wir doch endlich wie KOSTBAR unsere Fähigkeiten sind, so kostbar, dass die Patriarchen in ihrem Gebärneid sie uns wegnehmen wollen! Und ziehen wir uns nicht selbst gegenseitig herunter in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Patriarchat.
Erdogan will uns auf die Mutterrolle zurückwerfen, schreibt der SPIEGEL. Das ist Gender-Soziologen-Vokabular, aber MUTTERSEIN IST KEINE ROLLE. Diesem Irrtum sind doch auch Erdogan und seine patriarchalen Ahnen schon erlegen, nur drückt er es weniger intellektuell aus. Mütter spielen buchstäblich weder im Patriarchat noch sonst wo eine Rolle. Wir befinden uns aber sprichwörtlich im falschen Film. Das habe ich in meinem Text ausgeführt. „Rolle“ ist ein moderner Begriff für „Gefäß“, dieses Wort wurde einst dafür benutzt. Aber eine Mutter ist kein Gefäß, in das ein Embryo vom Mann hineingepflanzt wird, kein Gefäß, das nach der Geburt leer ist und weggeworfen werden kann…kein Anhängsel, das nach der Geburt das Kind dem Patriarchen schenkt, überlässt, aushändigt, ausliefert.
Ein Topf wird nach dem Kochen abgewaschen und in den Schrank gestellt, ein Topf wird BENUTZT, so wie ein Schauspieler eine Rolle „spielt“, weil es anderen gefällt.

MutterSEIN in der matrifokalen Sippe, also unter Wahrung der female choice, bedeutet in erster Linie Glück und Selbstbestimmung. Dieses Glück vererbt sich direkt und epigenetisch auf die Kinder. Matrifokalität bringt keine frustrierten jungen Männer hervor, die Bomben werfen, oder unglückliche Frauen, die sich prostituieren müssen. Keine Frau MUSS unter Matrifokalität Mutter werden, keine Lesbe, kein Schwuler wird diskriminiert, sondern sie werden aufgefangen und in der Sippe geliebt und gebraucht. Welcher Mann sich darum reißt, mit Kindern leben zu wollen, wird nicht als Väterrechtler per Gericht einer Mutter die Kinder wegnehmen können, sondern findet in der Sippe ausreichend Betätigungsfelder, die ihn keinen Cent kosten. Ebenso ist sexueller Frustration vorgebeugt, weil niemand ein Treuegelöbnis leisten muss. Treue findet in der Sippe statt, auf natürliche Weise, durch verwandtschaftliche Bindung, durch sich gegenseitiges Versorgen. Die Sexualität ist davon völlig getrennt und braucht keine Treue. Frauen und Kinder sind in der Sippe vor Übergriffen geschützt, weil keine Ideologie Tätern Rückhalt gibt, und weil die Sippenmitglieder füreinander Verantwortung empfinden.

Schon heute leben sog. alleinerziehende Mütter vor, dass es die natürlichste Sache der Welt ist, nicht von einem Mann abhängig zu sein. Sie erleben den Rückhalt ihrer Mütter und Schwestern, sind also gar nicht allein, und werden es nie wieder sein. Reich wird frau so vielleicht nicht, aber zufrieden. Wenn nur die nächste Generation es genauso macht, sind wir auf einem guten Weg.

Anmerkungen zu den “Reflexionen zur Fruchtbarkeits-Symbolik und zur kulturellen Entwicklung des menschlichen Sexualverhaltens“ von Gerhard Bott

(Dieser Blogbeitrag beschäftigt sich mit einem Text, der auf
http://www.gerhardbott.de/ bzw. als PDF erschienen ist.)

Ein „echter Bott“ ist auch dieser Text, der sich mit der Sexualität des Menschen von den Anfängen bis tief hinein in die Patriarchalisierung befasst. In juristischer Klarheit und Sprache rollt Gerhard Bott einige Gedanken aus seinem 2009 erschienenen, für die Patriarchatsforschung äußerst wichtigen Buch „Die Erfindung der Götter“ neu auf, die noch nicht ausreichend ausgeführt waren. Insbesondere die female choice brachte er in seinem Buch zwar aufs Tapet, sie rückte aber sogleich wieder in den Hintergrund, lag sein Hauptaugenmerk doch eher auf den wirtschaftlichen Bedingungen als Basis der Patrilinearität und Patrilokalität der Rindernomaden. Als erste Leserin des fertigen Manuskriptes von „Die Erfindung der Götter“ motivierte ich Gerhard Bott einst, das Manuskript auch als Buch zu veröffentlichen. In dem von mir verfassten Buch „Archäologie und Macht“ von 2012 befasste ich mich insbesondere mit der female choice, die ich als „freie Wahl der Frau von Partner, Ort und Zeit des Geschlechtsverkehrs“ definierte, und die mich schon seit meinen frühen Forschungsjahren beschäftigte. Insofern war ich gespannt, wie Bott meine Einwände und Hinweise nun verarbeitet hat.
Besonders gefallen haben mir die Unterüberschriften „Der Phallus als Sexualorgan und gefälliger Diener der Vulva“, „Der Phallus als Fruchtbarkeitssymbol und Samenspender“, „Der Phallus als Herr der Vulva“, die allein schon ausdrücken, wie die keineswegs einfache oder plötzliche Überhöhung des Mannes schrittweise inszeniert wurde. Insofern ist dieser neue Text ein Gewinn für die Patriarchatsforschung.
Leider vernachlässigt Bott aber die jüngeren Publikationen, die wichtige Details, auf denen er seine Argumentation aufbaut, als veraltet erscheinen lassen. Bedauerlich ist, dass er das Buch „Mütter und andere“ der amerikanischen Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy (auf dem deutschen Markt seit 2010) und die Arbeiten des Londoner Primaten-Forschers und Anthropologen Volker Sommer ignoriert. Leider erliegt er daher einigen Fallstricken, die die von ihm so treffend benannte „Urvater-Gemeinde“ ausgelegt hatte, und bleibt in manchen patriarchalen Vorurteilen und in patriarchaler Sprache verhaftet. Insofern ist der nun von ihm vorgelegte Text eine echte Enttäuschung.

Bott schreibt zu Beginn: „Sexualität als Notdurft. Jedes Tier ist ein Sexualwesen, aber es nimmt sich selbst nicht in seiner Sexualität wahr“ (S. 2), und baut die weitere Argumentation darauf auf. Allerdings, auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung steht die Zoologie noch ganz am Anfang. Worüber wir praktisch nichts wissen, ist die Frage, inwieweit Intelligenz mit Bewusstsein identisch sind. Intelligenz ist bei weitem nicht auf Primaten beschränkt. Neue Hinweise auf technische Intelligenz bei Tieren liefern ausgerechnet Vogelarten wie die Rabenvögel. Auch ihr ausgeprägtes Sozialverhalten spricht für eine sehr frühe evolutionäre Entwicklung von sozialer Intelligenz, die über Brutpflege hinausgeht. Auch Liebe ist bei Tieren nachweisbar, sogar artfremde Tiere entwickeln füreinander freundschaftliche bzw. liebevolle Gefühle. Muss sich das nicht auch zwangsläufig in der Sexualität offenbaren?
Wenn Sexualität eine reine Notdurft wäre, wäre jeder Sex eine Vergewaltigung, zumindest solange es keine eindeutige Brunftzeit gibt. Aber um den überlebenswichtigen Frieden zu wahren, bedarf es der Einvernehmlichkeit, das möchte Bott doch sicherlich nicht bestreiten. Die klare Trennung von Liebe und Geschlechtsverkehr braucht er jedoch für seine Beweisführung.

„Die Erotik“ soll seiner Meinung nach erst eine Erfindung der Menschenfrauen sein. Dass er keine allgemeingültige Definition für diese Erotik liefern kann, liegt an der Komplexität des Themas, das sich einer juristischen Prüfung entzieht, und für das es so viele Erklärungen wie Menschen gibt. Woher will er also wissen, dass Gorillas oder Bonobos, Tiere generell keine Erotik kennen, ihre Sexualität also reine Notdurft ist? Ist ein balzendes Männchen nicht für das Weibchen erotisch? Löst nicht die Erotik des Weibchens die Balz aus, weil das Männchen sie wahrnehmen kann? So muss ich bezweifeln, dass die Erotik, was auch immer er vielleicht darunter versteht, von Frauen erfunden wurde. Leider macht Bott keinerlei Angaben darüber, wann genau dies geschehen sein soll, eine für ihn untypische Ungenauigkeit, die mich aufmerksam macht. Aus seinen Ausführungen entnehme ich aber, dass er den Zeitpunkt der Erfindung mit der Menschwerdung ansetzt.
Ich verstehe unter Erotik in erster Linie die Wahrnehmung sexueller Anziehungskraft in Verbindung mit einem unterschwelligen Versprechen von Geschlechtsverkehr. Dies ist beiden Geschlechtern möglich. Dass Männer nicht nur sexuelle Signale wahrnehmen können, sondern auch bewusst oder unbewusst selber aussenden, sollte ihm doch geläufig sein. Müssten die Männer seiner These zufolge nicht diese Erfindung gestohlen haben? Ich möchte verstehen, was genau Bott meint.

Da er von der tierischen Sexualität als Notdurft spricht, kann er mit Erotik nur entweder die durch sexuelle Handlungen bestimmte Paarbildung oder Paarbindung oder beides zusammen meinen. Da es zur Paarbildung, wie ihm ja angeblich die Tiere beweisen, keinerlei Erotik bedarf, verbleibt nur die Paarbindung. Wie er schon im Buch richtig erkannt hat, ist die Monogamie beim Menschen ein patriarchaler Mythos. Seine Zeitangabe zur Dauer der natürlichen Paarbindung ist aber so ungenau wie falsch. Die Verliebtheit dauert natürlicherweise, darüber sind sich VerhaltensforscherInnen und die Allgemeinheit einig, höchstens 3 Monate und nicht, wie von ihm postuliert, bis zu mehreren Jahren für einen unwahrscheinlichen Fall, dass die (von ihm nicht näher erläuterte) Erotik aufrecht erhalten werden kann. Seltene Ausnahmen bestätigen vielleicht die Regel. Der Zeitraum entspricht der kurzen Phase, in der eine Schwangerschaft noch nicht offensichtlich ist.
Ein dicker Bauch macht eine Frau unattraktiv. In der Abhängigkeit des Patriarchat muss sie mittels Erotik den Partner in der Schwangerschaft und darüber hinaus an sich binden, oder ihn zu einer Prostituierten „schicken“, damit er sie und ihre Kinder weiterhin beschützt und ernährt. Diese besondere Erotik ist ein Verhalten, das Tierweibchen nicht nötig haben, und das in der Menschheitsgeschichte bis vor rund 7000 Jahren unbekannt war. In matrifokalen Kulturen sind Sexualität und die materielle Existenz nicht gekoppelt, wie Bott in „Die Erfindung der Götter“ bereits herausgearbeitet hatte. Sexuelle Liebe ist hier ein lustvolles Intermezzo, die gegenseitige Anziehungskraft folgt keiner langfristigen Notwendigkeit. Längere Beziehungen basieren auf Freundschaft, „gleicher Wellenlänge“, „Seelenverwandtschaft“. Die Paarbindung ist für die Aufzucht der Kinder nicht relevant, es sei denn, die Frau und der Mann leben in einer Robinson-Einsamkeit, wie sie in der patriarchalen Kleinfamilie gewissermaßen auch der Fall ist.

In Ausübung ihrer female choice sendet eine Frau bewusste Signale nur an denjenigen Mann aus, dem sie gefallen will. Unwillkürliche Signale, wie ihr Körperbau, werden von allen Männern wahrgenommen. Männer können theoretisch lernen, zu erkennen, welche Signale die Frau gezielt absendet. Im Patriarchat glaubt der Mann, den ersten Schritt zu tun und zu tun müssen, und übersieht ihre Absichten einfach. In Wahrheit kann er nur im zweiten Schritt auswählen, und auch nur aus der Gruppe der Frauen, die ihn interessant finden. An dieser Stelle setzt männliche Erotik an. Im Patriarchat hat sich der Mann eine in der Natur so nicht vorkommende „male choice“ verschafft, indem er die Frau wirtschaftlich dominiert (Geld macht sexy), um Hand beim Vater einer Frau, die ihm gefällt, anhält und schließlich auch seine Tochter verheiratet. In der Ehe muss die Frau ihre female choice endgültig unterdrücken, der Mann hingegen ist nur auf dem Papier sexuell unfrei. Frauen treten so in stärkere sexuelle Konkurrenz zueinander, was ihnen die Ausübung ihrer female choice noch weiter erschwert. Eine erotische Frau, d.h. eine ihre Weiblichkeit bewusst versprühende Frau, hat daher mehr Chancen. Bestimmtes weibliches Sexualverhalten, ein Teil der bekannten Erotik, ist daher erst im Patriarchat entstanden, herauspervertiert aus den altgedienten Möglichkeiten. Im Grunde ist der patriarchale Mann dabei, ein neues übersteigertes Erotikverhalten der Frau zu selektieren bzw. zu züchten, das er jedoch immer stärker unter Kontrolle bringen muss. Hiermit könnte, dies nur am Rande, die zunehmende Frauenfeindlichkeit auch erklärt werden.

Bott schreibt (S.7): „Dennoch ist zu bedenken, dass die Natur die Frauen mit einem äusserst starken Geschlechtstrieb ausgestattet hat. Wenn wir die Hodengrösse zugrunde legen, müssen wir ja für Männer, wie für Frauen ein Viertel der Sexualfrequenz der Bonobos annehmen, die viele Male täglich mit wechselnden Partnern kopulieren. Zu bedenken ist ferner: Die paläolithischen Sexualpartner waren jung, in den besten Jahren, denn die meisten starben mit 30 Jahren. Nach den naturwissenschaftlichen Befunden können wir für die paläolithischen Menschen das ganze Jahr hindurch zwei Kopulationen täglich als normal ansehen.“ Ich möchte zur Diskussion stellen, welchen evolutionären Sinn ein „äußerst starker Geschlechtstrieb“ der altsteinzeitlichen Frau haben sollte. Heute ist zwar zu beobachten, dass Frauen starke sexuelle Signale senden, aber „wenn es darauf ankommt“, ist das körperliche Begehren geringer als das des Mannes. Frauen wollen nicht immer, Männer dagegen schon eher. Aus evolutionärer Warte muss der Mann so sein, denn die Frau verbirgt ihren Eisprung und ist nur in einem kleinen Zeitfenster pro Monat fruchtbar. Wäre auch der Mann seltener bereit, käme es zu selten zum Geschlechtsverkehr, um die Population aufrechtzuerhalten. Die Fruchtbarkeit müsste dann wie bei den Hirschen zur Brunft synchronisiert werden. Bott schreibt außerdem (S. 7): „Die relative Hodengrösse des Mannes liefert uns den naturwissenschaftlichen Beweis dafür, dass er infolge des starken weiblichen Begehrens genetisch unter einem sehr viel stärkeren Bewährungsdruck stand, als der relativ träge Gorilla mit seinen sieben ‚Haremsdamen’.“ Die Hodengröße als Maß für die Sexualfrequenz ist keine Beweisführung, sondern lediglich eine These, die m.E. „phallo-orchischen“ Männerphantasien entstammt. Aus der medizinischen Forschung wissen wir längst, dass die Größe der Hoden nicht mit der Qualität des Spermas korreliert, die sich aus Menge des Ejakulats, der Zahl der Spermien und ihrer Vitalität zusammensetzt. (Genauso liefern große Brüste dem Baby nicht mehr Milch. Auch eine Frau mit sehr kleinen Brüsten kann ihr Kind voll stillen.) An der Befriedigung der Frau hat das Ejakulat letztlich keinerlei Anteil. Eine Erektion ist auch bei entleertem Hoden möglich, wenn die sog. Refraktärzeit beendet ist, die unterschiedlich lange andauert. Weibliche Sexualität ist auch nicht auf Penetration fixiert, somit spielt die Beschaffenheit des männlichen Sexualorgans nicht die Rolle, die sich Männer einbilden. Da Bott den Tieren die Erotik abspricht, muss er für den Gorilla eine gewaltsame Bindung der Weibchen an den Silberrücken postulieren. Aber auch hier irrt er, wie schon die Urvater-Gemeinde vor ihm, denn die Gorilla-Weibchen verlassen nicht selten die Gruppe für immer und wandern zu einem anderen Männchen ab, wie Volker Sommer es gezeigt hat. Daneben gehen Gorilla-Weibchen bei Gelegenheit auch fremd, so dass insgesamt von Zwangs-Monogamie und Monopolstellung des Silberrückens keine Rede sein kann. Wie soll ein Gorilla auch gleichzeitig mehrere Weibchen in Schach halten? Es scheint vielmehr so zu sein, dass sich mehrere Gorilla-Weibchen ein Männchen teilen, und zwar freiwillig. Auch hier wirkt die female choice, die Bott leider nicht, wie auch die „Urvater-Gemeinde“ als universelles Naturgesetz erkennt.

„Das sexuelle Wahlrecht der sapiens-Frau“ reduziert Bott in der Überschrift auf Seite 5 auf die vermeintliche Erotisierung. Dass er die female choice als eine mächtige, evolutionäre Größe nicht vollständig verstanden hat, beweist insbesondere dieser pseudowissenschaftliche Absatz: „Die sapiens-Frau, die ja ein Wissen um ihre Sexualität gewonnen hat, folgt ihrem Geschlechtstrieb nichtmehr geist- , gedanken-, phantasie- und scham-los,sondern erfährt und erlebt an sich selbst eine Differenzierung ihres Begehrens und ihrer Empfindungen. Sie ist damit gewillt und fähig, ihren Geschlechtstrieb in der Weise zu kultivieren, dass sie Erotik “ ins Spiel bringt „. Das sexuelle Verhalten wird dadurch wesentlich von Erotik mit bestimmt. Die Frau entwickelt Vorliebenfür bestimmte Männer oder, zeitlich begrenzt,für einen bestimmten Mann, wobei neben den animalischen Instinkten, wie Geruch, die Attraktion durch Pheromone (Ektohormone) u.ä., subtile erotische Attraktionen ihre Wahl immer stärker bestimmen.“ (S. 6) Der Prozess, den Bott hier beschreibt, ist ja nichts anderes als das Bewusstwerden der female choice, die zuvor auch unreflektiert über hormonelle Steuerungen funktionierte. Aber dies sprach er den Gorilla-Weibchen ja bereits ab. Neue Forschungen haben ergeben, dass das sog. sexuelle „Beuteschema“ genetisch bedingt ist, und Frauen sich Männer aussuchen, die einen ähnlichen Gesichtschnitt und ähnliche Chemie bzw. „Ausdünstungen“ aufweisen, dies über alle gesellschaftlichen Zwänge. Natürlich muss ein triftiger Grund vorliegen, dass eine Frau anfängt, in ihre female choice bewusst einzugreifen. Da die Natur dafür keinerlei Anlass liefert, muss ihr neues Verhalten gesellschaftliche Ursachen haben. Dass gerade Bott das Patriarchat mit seinen „subtilen erotischen Signalen“, wie dem Geld, als den entscheidenden Faktor bei der modernen Partnerwahl übersieht, und dieses Verhalten in die Altsteinzeit verlegt, ist geradezu ärgerlich.

Also doch: Frauen malten die altsteinzeitlichen Höhlen aus

Cueva de las Manos2
Kennen Sie ein einziges Lehrbuch oder populärwissenschaftliches Werk, in dem altsteinzeitliche Frauen dargestellt sind, die Höhlenbilder malen? Von Archäologinnen schon lange gefordert, kamen Autoren und Zeichner der Bitte, auch malende Frauen abzubilden, bisher nicht nach.

Die Höhlenmalereien galten als das Werk von männlichen Jägern, die ihre Jadgbeute darstellten, Jagdzauber betrieben und als Schamanen und Künstler die Kultur resp. die Religion und die Horde dominierten. Dagegen standen schon lange die Statuetten, die für Jahrzehntausende nur Frauen oder Tiere abbildeten. Manche Gegenstände wurden krampfhaft als Penis gedeutet, waren letztlich aber doch nur Werkzeuge, erkennbar an den Spuren, die ihre Benutzung als solche dokumentierten. Seltene Abbildungen von Männern aus der für menschliche Verhältnisse schon recht jungen Ära des altsteinzeitlichen Magdaleniens (vor ca. 15000 Jahren) wurden reflexhaft als Bilder von hochstehenden Hordenführern gedeutet. Für die patriarchalisch herrschende Lehre ist daher eine gerade im National Geografic veröffentlichte Meldung ein herber Rückschlag, für die Menschheit aber eine Sensation: Die Handabdrücke in den Höhlen stammen offenbar zu 75% von Frauen.
Der britische Evolutionsbiologe John Manning, fand schon vor über 10 Jahren heraus, dass sich die Hände von Frauen und Männern in der relativen Länge der Finger unterscheiden. Bei Frauen sind Zeigefinger und Ringfinger annährend gleich lang, während bei Männern der Ringfinger länger ist als der Zeigefinger.
Der Evolutionsbiologe R. Dale Guthrie behauptete noch 2006, die Handabdrücke stammten von jungen Männern. Der Prähistoriker Dean Snow von der Pennsylvania State University untersuchte die Handabdrücke in den Höhlen Südfrankreichs und Nordspaniens und veröffentlichte nun seine Ergebnisse. Drei Viertel der Handabdrücke konnte er als weiblich identifizieren. Damit haben auch die Zeichnungen von Tieren, die mit den Handabdrücken „signiert“ wurden, zu 75% weibliche Urheber.
Die Wahrnehmung der weiblichen Kulturleistungen wirft ein anderes Bild auf den frühen Menschen, als es die modernen Cartoonisten und Buchautoren immer wieder reproduzieren. Die Urgeschichte muss, das ist allerdings schon länger klar, neu geschrieben werden. Die herrschende Lehre verweigert das beharrlich, und wer es trotzdem versucht, wird es schwer haben, Gehör zu finden oder Karriere zu machen. Dean Snows Mut ist dieser Durchbruch zu verdanken, der bald in der Versenkung zu verschwinden droht.
Sollte jemand ein Buch kennen oder demnächst finden, das es wagt, eine Ausnahme zu machen, würde ich es mich freuen, davon zu erfahren.

Nachtrag, 21.11.2014.
Australien. Unbekannte prähistorische Felsbilder entdeckt. Es handelt sich um Handabdrücke, die von Frauen und Kindern stammen:
Bericht auf ABC-News