Archiv der Kategorie: Anthropologie

Warum man sich von Gott kein Bild machen soll.

„Mythos Frau. Und ewig lockt das Weib! Plastiken der Altsteinzeit in Hamburg“, so lautete die Schlagzeile auf dem Cover der renommierten Zeitschrift Archäologie in Deutschland (1/2017). Dieser Sexismus soll die offenbar männliche Mehrheit der Leserschaft ansprechen.  Ich bin aber eine Frau und äußerst kritische Leserin dieses Blattes. Mann stelle sich das in männlicher Form vor: „Mythos Mann. Und ewig lässt sich der Mann locken.“ Oder so ähnlich, dies vielleicht geschmückt von einem fast unbekleideten Christus am Kreuze als Ankündigung für eine Ausstellung über die Gegenwartskultur. Dann wird klar, wie unsinnig, ja unseriös eine solche Schlagzeile ist. Die unbekleideten Frauenstatuetten, die in der Hamburger Ausstellung gezeigt werden, haben es allerdings nicht aufs Titelblatt geschafft.

Die Ankündigung der aktuellen Hamburger Ausstellung „Eiszeiten“ folgt einem wohlbekannten Muster. Im Heft lautet die Überschrift dann doch etwas weniger reißerisch: „Mythos Frau – altsteinzeitliche Plastiken in Russland“. So ist auch der Artikel recht neutral gehalten und beschreibt, was dort zu sehen ist. Erst der letzte Absatz rückt mit der Botschaft heraus und beginnt mit einem Denkverbot. „Über den Zweck der in ganz Europa verbreiteten Figuren kann nur spekuliert werden. (…) Es springt ins Auge, die sogenannten Venusfigurinen als Ausdruck der weiblichen Sexualität und Fruchtbarkeit aufzufassen. Die meisten Versuche, diese eiszeitlichen Kunstwerke zu erklären, bewegen sich in der gegenwärtigen Diskussion von ‚Pin-up-Girl’ bis Fruchtbarkeitsgöttin.“ (Merkel et al. S. 63)

Wir bekommen eine Warnung mit auf den Weg nach Hamburg: Versucht es gar nicht erst, wir werden Euch mit unserem Schlusssatz zum Schweigen bringen!

Bleiben da noch die anderen Versuche, also die, die nicht zu den „meisten“ zählen, es handelt sich genaugenommen um EINEN Versuch. Dass er nicht mit aufgezählt wird, beweist die alte Ignoranz der Herrschenden Lehre gegenüber der Patriarchatsforschung. Letztere deutet die „Plastiken“ nämlich als Darstellung der Urmutter. Schön, dass der Artikel auf die fehlenden Gesichter aufmerksam macht (es wird aber nicht versäumt, die extrem seltenen Ausnahmen herauszukehren). Die Urmutter ist die eine gesichtslose Ahnin, auf die sich alle Menschen mit ihrer altsteinzeitlichen Spiritualität zurückführten. Sie wäre im christlichen Jargon die Schöpferin allen Lebens. Daher wurden die Urmutter-Statuetten, wie der Artikel richtig erwähnt, an besonderen Plätzen aufgestellt, z.B. in Kulthöhlen.

Urmutter-Statuetten
Urmutter-Statuetten: Hohle Fels (Schwäbische Alb), 35 – 40.000 Jahre; Lespugue (Frankreich), 25.000 Jahre; Willendorf (Österreich), 23.000 Jahre; Grimaldi (Italien), 21.000 Jahre;
Gagarino (Russland), 18.000 Jahre. Collage: Gabriele Uhlmann

Die Urmutter ist das große Geheimnis, das die Herrschende Lehre aus den „Plastiken“ macht. Bei ihr handelt es sich aus christlicher Sicht um Blasphemie, auch aus Sicht aller anderen monotheistischen Weltreligionen, die einen Urvater an den Anfang stellen. Was sich hinter der altsteinzeitlichen künstlerischen Äußerung der Spiritualität verbirgt, könnte jeden Wissenschaftler in Schwierigkeiten und um seine Karriere bringen. Auch dieser Artikel wirkt wie ein Glaubensbekenntnis: Die Urmutter gibt es nicht, nur der Urvater wird anerkannt (Bott 2009). Die Frau ist ein Mythos, der Mann ist echt. Was nicht sein darf, wird in den Bereich purer, nicht ernstzunehmender Spekulation verbannt.
Weiterlesen

Als wir noch kein Erbrecht brauchten. Erben in der Jungsteinzeit.


Neo ancien Echilleuses
Modell eines jungsteinzeitlichen Langhauses (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Die erste jungsteinzeitliche Kultur Mitteleuropas war die Bandkeramik, auch Linearbandkeramik oder kurz Bandkeramik genannt. Vor etwa 7500 Jahren wanderten Menschen dieser Kultur, die sich aus der Starčevo-Kultur im südöstlichen Donauraum entwickelt hatte, nach Mitteleuropa ein und brachten die Landwirtschaft mit. Für die Patriarchatsforschung ist diese Epoche interessant, weil sich in der Bandkeramik der Umbruch hin zum Patriarchat vollzogen hatte. Oberflächlich ablesbar ist das am Aufkommen von Gewalt wie bei den Massakern von Asparn Schletz (Österreich), Schöneck-Kilianstädten bei Frankfurt und Talheim am Neckar. In der Kreisgrabenanlage von Herxheim in der Pfalz wurde, völlig untypisch für die ältere und älteste Bandkeramik, Kannibalismus festgestellt. Auch wurden erste befestige Siedlungen gebaut, was ein erhöhtes Schutzbedürfnis anzeigt. Schließlich beweist der Untergang der Bandkeramik, dass etwas passiert war, das es den Menschen unmöglich machte zu überleben.
Überleben ist das, was die Evolution antreibt. Alle Lebewesen leben so, dass sie unter den Bedingungen, an die sich ihre Vorfahren erfolgreich angepasst hatten, überleben können, das nennt man auch „artgerecht leben“. Basis der Evolution des größten Teils aller Lebewesen ist die sexuelle Selektion, identisch mit der female choice, also der weiblichen, freien Wahl der Sexualpartner. Die artgerechte Lebensweise von Homo sapiens ist die Matrifokalität. Matrifokalität bedeutet ein Leben in der mütterlichen Sippe, in Matrilokalität, und unter Wahrung der rein weiblichen Linie, der Matrilinearität. Dem urgeschichtlichen Menschen war die Vaterschaft, die Patrilinearität und die Patrilokalität unbekannt. Daher hatten Väter keine Macht, und Männer als Onkel, Cousins oder Brüder waren die männlichen Identitätsfiguren für männliche Kinder. Die Matrifokalität wird mit den aktuellen naturwissenschaftlichen Methoden seit einigen Jahren überall an den jungsteinzeitlichen Skelettresten nachgewiesen. Insbesondere auch für die Bandkeramik liegen seit kurzem entsprechende Ergebnisse vor. „Die Starčevo-Farmer sind die Ahnen der Bandkeramiker. Diese wiederum breiteten sich als eine Bewegung von Tanten, Onkeln und Schwestern aus“, sagte Prof. Dr. Kurt Alt, Leiter der Arbeitsgruppe Paläogenetik an der Uni Mainz dem SPIEGEL. Schon seit vielen Jahren weiß das auch die Patriarchatsforschung, allerdings hat sie sich der Fragestellung kulturwissenschaftlich genähert. Es braucht also nicht immer naturwissenschaftliche Beweise, sie können aber bestätigend wirken, und müssen es leider auch, da kulturwissenschaftliche Ergebnisse von Thesengegnern als pure Interpretation angezweifelt werden können. Eingefleischte Patriarchatsideologen haben sich in der Vergangenheit dieser Rhetorik bedient. Sie hatten die Einbindung der Bandkeramik in den großen Kontext der jungsteinzeitlichen Kulturen, in denen ausnahmslos eine Muttergöttin – aber keinerlei eindeutige Anzeichen einer männlichen Dominanz – nachgewiesen wird, geleugnet. Auch den nahtlosen Anschluss an die Urmutterverehrung, die ebenso ausnahmslos für alle Fundplätze der Altsteinzeit beobachtet wird, wurde einfach ignoriert oder geleugnet.
Über die Kleinfunde von Statuetten und weiblich gestalteten Gefäßen, sowie über die Bestattungsweise hinaus sind die Häuser der Bandkeramik ein wichtiges Indiz. Die Bauweise der Häuser, es sind bis zu 71 m lange sog. Langhäuser, entspricht den Langhäusern, wie sie noch heute von den letzten matrifokalen Kulturen gebaut werden. Das Langhaus besitzt keine Zimmer, es ist lediglich in Zonen eingeteilt, die sich aus der Lage des Hauses in Bezug auf die Himmelsrichtungen ergeben. Es besitzt eine Feuerstelle und nach der Sonne orientierte Öffnungen. Im Langhaus findet eine ganze Sippe aus bis zu 80 Personen Platz. Das besondere an diesen Häusern ist die lange Lebensdauer von über 75 Jahren. Sie wurden immer wieder repariert und bei ihrem Ende lediglich um ein paar Meter versetzt am gleichen Platz neu errichtet. In der Archäologie ist das an den Pfostenlöchern gut ablesbar. Das lässt nur einen Schluss zu: das Langhaus wurde von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Dan toc hoc 19
Langhaus der Ê Đê des Zentralen Hochlandes von Vietnam im Ethnologischem Museum in Hanoi (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Der Archäologe Hans-Christoph Strien schrieb 2010 seine Überlegungen zum Erbrecht in der Bandkeramik auf. Zum damaligen Zeitpunkt galt als bewiesen, dass die Bandkeramiker patrilinear lebten. Am Massaker von Talheim glaubte man nachgewiesen zu haben, dass die Frauen Talheims nicht nur geraubt wurden, sondern, dass sie patrilokal gelebt, also nach Talheim eingeheiratet hatten. Also wurde ein Bild gezeichnet, wonach Familien in den Langhäusern wohnten, denen ein Mann vorstand, eine bäuerliche erweiterte Kleinfamilie, wie sie noch im 19. Jh. üblich war, also Vater, Mutter, Kinder, die Großeltern der väterlichen Linie und vielleicht noch die jüngeren Geschwister des Vaters, die als Knechte und Mädge hätten arbeiten müssen. Dementsprechend wurden dem Langhaus schon vom Altvater der Bandkeramik-Forschung Jens Lüning 6 Personen zugeordnet.

Was dazu aber nicht passt, ist die Größe der Langhäuser in Kombination mit ihrer Langlebigkeit und der geringen Lebenserwartung der jungsteinzeitlichen Bevölkerung. Zudem sprechen die ethnologischen Befunde dagegen. Strien stellte also Überlegungen an, wie die Befunde dennoch an die These vom bandkeramischen Patriarchat angepasst werden können.
Weiterlesen

Zum Artikel „Der Siegeszug des Homo sapiens“ von Curtis W. Marean im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft Juni 2016

(Leserbrief)

Im aktuellen Heft habe ich natürlich zuerst den Artikel von Curtis W. Marean „Der Siegeszug
des Homo sapiens“ gelesen. Und wieder standen mir die Haare zu Berge. Es scheint der
Redaktion einfach der Blick für patriarchatsideologisch kontaminierte Texte zu fehlen. Dabei
ist es eigentlich ganz einfach, denn sobald in Bezug auf die Altsteinzeit Begriffe wie Ehe,
Hochzeit, Familie, Krieg, Fernwaffen, Jagdzauber, Gewalt u.ä. fallen, haben wir es damit zu
tun. Die Patriarchatsforschung, die bedauerlicherweise nicht zum Kreis der vom Spektrum
beachteten Wissenschaften gehört, weiß längst, dass es all das bis vor ca. 8000 Jahren nicht
gegeben hat. Insbesondere Sarah Blaffer Hrdy hat das auf brillante Weise nachgewiesen. Aber auch die Genetik, die Sprachwissenschaften oder die Archäologie bestätigen diesen Befund.
Das Klischee, dass der Mann in der Altsteinzeit die Frau an den Haaren hinter sich her zog
und mit Keulen auf andere Menschen losging, ist genauso veraltet, wie die Vorstellung, dass
der Mensch von Natur aus gewalttätig sei und mit Religion gebändigt werden muss. Auch
Frans de Waal betont das immer wieder. Die Angst vor der Steinzeit als menschen- und
kulturfeindliche Ära ist nicht nur unbegründet, sondern behindert den wissenschaftlichen
Fortschritt, ja schlimmer noch, sie behindert eine wünschenswerte Entwicklung weg vom
Patriarchat. Dabei können wir uns dies kaum noch leisten im Angesicht der weltweiten
Misere, die uns die Lebensweise in Patrilinearität eingebrockt hat.
Und da lese ich nun auf Seite 50, wie wieder Sarah Blaffer Hrdys These missbraucht wird,
diesmal um Mareans These zu stützen. Breit lässt sich der Autor darüber aus, wie hyperprosozial der Mensch doch sei, nur um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass der
Mensch sich schon immer ums Essen geprügelt hätte. Der Affe im Flugzeug muss dafür
herhalten, und ich muss mich wieder fragen, ob der Autor nur den Klappentext ihres Buches
„Mütter und andere“ gelesen hat.
In seiner Logik hält er treu zu der veralteten These, dass Homo Sapiens Sapiens den
Neanderthaler gewaltsam ausgerottet habe, und ignoriert den letzten Stand der Forschung,
nämlich, dass das Neanderthaler-Genom in dem unsrigen regelrecht aufgegangen ist,
zurückzuführen auf ein demographisches Ungleichgewicht. (Schmidt, Maier, Kretschmer: „Ist
da draußen jemand?“ Archäologie in Deutschland, Heft 3, 2016, S. 32 f) Natürlich hat Marean Recht, dass unsere technologischen Errungenschaften „erbarmungslosen Krieg“ ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass der steinzeitliche Moderne Mensch alles
machte, was machbar war, denn sonst gäbe es uns schon lange nicht mehr. Als am sog.
Flaschenhals nur noch wenige Sippen übrig waren, wurde sich nicht um Muschelbänke
gekloppt, sondern andere Sippen waren hochwillkommen, konnte mit ihnen doch der Genpool aufgefrischt werden. Auf gleiche Weise kam es auch zur Vermischung des Neanderthaler-Erbguts mit dem des Homo sapiens sapiens.
Das Patriarchat und der dazugehörige Krieg sowie Umweltzerstörung sind eine Erfindung
nomadischer Viehzüchtergesellschaften in den Steppen und Bergregionen. Da dürfen uns
auch ausgewählte, moderne Jäger und Sammler-Gesellschaften nicht täuschen, denn sie alle
sind durch Kolonisation vom Patriarchat infiziert worden. Sie führen Kriege, auch weil ihre
Welt von der Moderne auf wenige kleine Flecken eingedampft wurde. Die Haszda gehören zu den letzten Völkern, die uns Matrifokalität vorleben und damit nichts vermissen.
Marean ist sich auch nicht zu schade unsere Natur mit der der Vögel zu vergleichen. Vögel
leben in Paaren, wir natürlicherweise aber nicht. Es entsteht bei uns lediglich durch eine
zeitlich begrenzte Paarung ein neuer Mensch, aufgezogen wird er aber in der matrifokalen
Sippe. Der biologische Vater ist damit für den Sozialverband bedeutungslos, und das versucht das Patriarchat durch die Unterdrückung der female choice zu vertuschen. Die Gewalt gegen Frauen, auch der von Marean angeführte Frauenraub, sind nur vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Gesellschaft nachvollziehbar.
Marean passt sicher gut in eine Welt, wie sie sich ein Donald Trump vorstellt. Er scheint
Waffen, die Jagd und den Kampf zu lieben, weniger die Frauen und schon gar keine Kinder.
In seiner Altsteinzeit kommen sie nicht vor. Passenderweise zeigt die Illustration einen
einsamen Mann in heldenhafter Eroberer-Pose, bewaffnet und übermächtig groß. Dies alles,
gepaart mit seinem Bedauern der schädlichen Auswirkungen menschlichen Tuns, führt ihn in eine geistige Endlosschleife aus der es kein Entrinnen gibt.

Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015

(Leserbrief in Auszügen abgedruckt im SdW, Heft Juni 2015)

Nach dem Lesen des Artikels „Stark als Paar“ von Blake EDGAR bleibt mir nur zu hoffen,
sich alle anderen Leser den zugehörigen Literaturtipp zu Herzen nehmen, und das Buch
„Mütter und andere“ von Sarah BLAFFER HRDY (2010) lesen. Leider geht der Einzeiler in
Ihrem Literaturtipp „Die Anthropologin erörtert die erstaunliche Sozialkompetenz von
Kleinkindern“ völlig am Inhalt des Buches vorbei, so dass zu fürchten ist, dass sich nur
Wenige, die sich für das arttypische, menschliche Sexual-Verhalten interessieren, davon
angesprochen fühlen. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird feststellen, dass EDGAR
BLAFFER HRDYs These missbräuchlich verwendet, ihr das Wort im Munde umdreht, und
vielleicht das Buch gar nicht gelesen hat, und statt dessen nur das veraltete „Mutter Natur“
kennt. Auf S. 448 von „Mütter und andere“ in Fußnote 20 schreibt BLAFFER HRDY (2010),
NACH IHRER EMERITIERUNG : „Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.“ Leider kam diese Erkenntnis etwas spät, so dass „Mutter Natur“ eher verwirrte als aufklärte.
BLAFFER HRDYs geht nun auf der Basis der Großmutterhypothese (Kristen HAWKES,
1998) und der Tatsache der female choice (Meredith SMALL, 1995) sowie ihrer eigenen
Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus, und betont, dass die Errichtung des Patriarchats dazu führte, dass die alten matrifokalen Sippen gegen die patrilokale Familie ersetzt wurden: „Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“ (2010 S. 336) Die PATRIARCHATSFORSCHUNG weiß dies schon länger, auch die herrschende Lehre der Archäologie muss sich zunehmend mit dieser Wahrheit auseinander setzen, leider ebenso ungerne wie Blake EDGAR. Die Monogamie, hergestellt durch das theologisch vorgeschriebene Ritual der Ehe, ist eine Einrichtung des Patriarchats, die nur ein Ziel hat,
nämlich die female choice zu unterdrücken. Nur durch Patrilokalität kann der Mann
Monogamie herstellen, denn nur in seinem Hause können er, seine Eltern und Brüder „seine“ Frau kontrollieren. Nur so kann Patrilinearität gesichert werden, die Basis für den
Kapitalismus. Wäre dies schon vor zwei Millionen Jahren der Fall gewesen, wäre die
Menschheit längst ausgestorben. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur die folgenreiche
Überbevölkerung, sondern züchtet eine aggressive und psychisch gestörte Population heran. Weiterlesen

Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?

Gerade titeln weltweit viele Zeitungen und Zeitschriften mit der Sensationsmeldung, dass nun endlich klar wäre, warum wir in Monogamie leben. Die Geschlechtskrankheiten seien die Ursache:

„Darum leben die meisten Menschen monogam“ (welt.de)
„Computersimulation: Warum wir monogam leben“ (spiegel-online.de)
„Ohne Kondom zur Monogamie: Warum leben wir in Paaren?“ (spektrum.de)

Alle Artikel beziehen sich auf die Studie „Disease dynamics and costly punishment can foster socially imposed monogamy“ der kanadisch/amerikanischen Forscher Chris T. Bauch und Richard McElreath, die am 12. April 2016 in NATURE COMMUNICATIONS veröffentlicht wurde.

Wie leichtgläubig doch jede noch so schlecht gemachte Studie sofort begierig aufgesaugt wird, wenn sie nur die Monogamie, also das uns allen auferlegte Patriarchat, als natürlich bestätigt! Es ist in der Tat kein Einzelfall. Zum wiederholten Male verbreitet insbesondere das SPEKTRUM einen solchen Artikel, der versucht, die Monogamie des Menschen als evolutionär sinnvoll hinzustellen. Ich erinnere an den Artikel Stark als Paar von Blake Edgar. Damals konnte das SPEKTRUM gar nicht anders, als meinen Leserbrief in der Printausgabe Juni/2015 abzudrucken, denn der Autor zitierte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in missbräuchlicher Weise. Ich habe die Redaktion natürlich auch auf den patriarchatsideologischen Antrieb solcher Artikel hingewiesen. Jedoch statt aus diesem Desaster zu lernen, wird jetzt wieder unkritisch nachgebetet. Da es sich um ein Blatt mit wissenschaftlichem Anspruch handelt, wenn gleich populärwissenschaftlich, beziehe ich meine Kritik im Folgenden nur auf den SPEKTRUM-Artikel, die aber auch für all die anderen gelten soll.

Wie die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy unschlagbar schlüssig nachgewiesen hat, beruht die Entwicklung zum Sozialwesen Mensch auf der female choice und der langen Kindheitsphase, die zusammen automatisch in Matrifokalität, d.h. Matrilokalität und Matrilinearität, führen. Noch in den jungsteinzeitlichen Kulturen ist diese Matrifokalität zu finden, z.B. in Çatal Höyük, Kfar Hahoresh, der Starčevo-Kultur usw., wie es Ian Hodder und Kurt W. Alt nachgewiesen haben.
Völlig veraltet sind die Thesen der Anthropologie, die Caroline Bauer einschiebt: „Bisher glaubten Anthropologen und Anthropologinnen, dass es besonders für Frauen vorteilhafter sei, monogam zu leben, weil der Mann sie somit bei der Kinderaufzucht besser unterstützen könne. Oder dass Männer untereinander im Wettbewerb stünden und darum ihre Partnerin gegen Nebenbuhler abschirmten.“ Auch Sarah Blaffer Hrdy hat das einmal geglaubt, wie sie selbst in Fußnote 20 auf Seite 448 ihres Buches „Mütter und andere“ (2010) schrieb, hat aber den fundamentalen Irrtum erkannt.

Heute sprechen Anthropologen von „Gen-Shopping“, wenn eine Frau fremd geht. Sie trauen sich nicht, die evolutionäre Regel, nach der idealerweise jedes Kind einer Frau von einem anderen Mann ist, auszusprechen, da das erhebliche gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Die Regel ist beinahe selbsterklärend, da eine Frau in ihrem Leben vergleichsweise nur wenige Nachkommen hat und genetische Vielfalt zu einer gesunden Population führt.
Unter diesen natürlichen Umständen kann sich kein Bewusstsein für Patrilinearität herausbilden und auch keine Patrilokalität durchgesetzt werden. Kein Vater lebt in der Sippe seiner leiblichen Kinder. Eine Frau braucht auch keinen männlichen Alleinernährer, denn in ihrer matrifokalen Sippe sind alle als sog. Alloeltern an der Kinderpflege beteiligt, wie Sarah Blaffer Hrdy es schlagkräftig nachweisen konnte.
Die female choice dient auch der unmittelbaren Gesunderhaltung, denn ein offensichtlich erkrankter Mann ist für eine Frau eher nicht attraktiv. Eine geschlechtskranke Frau wird sich enthalten, da die Entzündungen Schmerzen beim Sex verursachen.
Auch zur Geschichte der Geschlechtskrankheiten brauchen die Autoren der Studie offenbar noch etwas Nachhilfe: Die Syphilis stammt aus Südamerika. Die Indigenen dort sind seit Jahrzehntausenden an die Syphilis angepasst und ihr Immunsystem kommt damit gut zurecht. Erst in Europa eingeschleppt wurde die Syphilis zum echten Problem. Weil das die These stört, stellen Bauch/McElreath den südamerikanischen Usprung der Syphilis in Frage: „Syphilis existed for certain by the Fifteenth century, although there is debate about whether its origin was Colombian or pre-Colombian“.
Die Gonorrhoe war schon in der Antike bekannt und sie erzeugt sehr unattraktive und unangenehme Symptome, insbesondere beim Mann. Weiterlesen

Live: Der Zusammenbruch einer Zivilisation

Apamea 01

Ein kluger Artikel auf FAZ-online über die wahren Hintergründe des Syrienkonflikts beschreibt, dass es nicht um Menschen geht, weder auf amerikanischer noch auf russischer, chinesischer, ja nicht einmal auf syrischer Seite selbst. Syrien ist strategischer Raum, die Menschen sind denen da oben schnurzpiepegal. Soweit geht die Analyse der FAZ, aber leider nicht weiter.
Die Menschen in Syrien sind lästig, sie stören. Also weg damit. Warum gibt es kein echtes Erbarmen? Das Problem ist hausgemacht, denn der Mensch wäre dort sowieso längst nicht mehr, hätte es keine Schaf-, Ziegen- und Rinderherden gegeben. Syrien ist ein menschenfeindliches Land und zwar schon seit mehreren tausend Jahren, denn Syrien ist eine Steppe an der Schwelle zur Wüste. Nur an wenigen Flussoasen ist Landwirtschaft möglich. Dürren sind auch hier eine stete Bedrohung und die menschengemachte Erosion geht voran. Mehr als Massentierhaltung auf spärlichem Gras geht dort nicht, und diese wurde von Beginn an von Patriarchen betrieben. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass auch das nur eine Episode, ein kurzes Aufbäumen gegen Mutter Natur bleiben kann. Das Land ist dem Untergang geweiht, nicht trotz, sondern wegen des Patriarchats.

In Syrien erleben wir live den selbstverantworteten Zusammenbruch einer patriarchalen Zivilisation, ein Schicksal, das in der Vergangenheit alle patriarchalen Zivilisationen irgendwann geteilt haben. In Syrien gab es vor 6000 Jahren noch lebensfreundliche Gegenden, von denen kulturelle Impulse ausgingen, doch sie waren klimatisch dem Untergang geweiht. Statt dass sich die Bevölkerung auf natürlichem Wege gesund schrumpfte, statt dass die Menschen weniger wurden, wurden sie immer mehr. Mehr als je zuvor, auch trotz der damals schon stattfindenden Migrationen. Wie konnte das passieren? Wo vorher alles allen, der matrilinearen Sippe gehörte, begannen Männer, Brüder die wenigen Haustiere und das Land an sich zu reißen. Und die Tiere wurden immer mehr und es wurden junge Männer gebraucht, Arbeitskräfte, auf die sie sich verlassen konnten, die ihnen ihrerseits die Tiere nicht stahlen und sie auch im Alter nicht im Stich ließen. Aber sie hatten ganz am Anfang keine Söhne, jeder Mann kannte nur seine Mutter und seine Geschwister. Die Patrilinearität, die bis dahin völlig unbekannt war, musste also hergestellt werden. Das war der Beginn des Patriarchats. Und dazu brauchte es Frauen. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Und so standen am Beginn des Patriarchats Entführungen und Vergewaltigungen. Die Sexualität der bis dahin freien Frau wurde fortan unterdrückt, denn nur so konnten die Männer ihrer Söhne habhaft zu werden. Nichts anderes erleben wir bis heute, nicht nur mit Boko Haram oder dem sog. IS.

SyrianBoy

Mit dem Patriarchat veränderte sich das Sozialgefüge, bei dem einst die Sorge für Mütter und Kinder (also aller) im Mittelpunkt stand (Matrifokalität), grundlegend und nachhaltig. Die Sorge der patriarchalen Familie dreht sich um das Wohl der männlichen Mitglieder. Frauen helfen sich daher kaum noch gegenseitig, sie sind ja auch nicht mehr blutsverwandt. Sie werden nicht nur für das sexuelle Wohlergehen des Mannes verantwortlich gemacht. Seit Beginn des Patriarchats mussten Frauen Ehemännern im Jahresrhythmus Kinder schenken, die auch erwachsen wurden. Die Ernährung mit Milch und Fleisch machte es möglich. Söhne waren und sind bis heute bevorzugt. Töchter oder Ehefrauen waren und sind zu teuer, die Frauen waren und sind „unwillig“, die Mütter waren und sind überfordert, Frauenhass machte sich breit.

Riesige Viehherden durchstreiften nun mit ihren Pastoren, den Viehhirten, das Land, die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes immer im Schlepptau. Die Überweidung durch das Viehnomadentum erreichte jeden Winkel, die Erosion des nahm ihren Lauf. Auf der Suche nach brauchbarem Grasland oder neuen Frauen prallten die Patriarchen immer wieder aneinander, der Krieg, die organisierte Gewalt, war erfunden und endet bis heute nicht. Um Gras und Frauen geht es heute nur noch den Männern auf der Straße. Den Mächten geht es um Rohstoffe, Zugänge und Durchgänge.

Flüchtinge 9999-Michelides

Mehr als ein wenig Viehwirtschaft, Handel und Tourismus lässt sich in Syrien, genau genommen im gesamten Nahen und Mittleren Osten, nicht betreiben. Wo also sollen jetzt all die Menschen hin, die aus den Städten vertrieben werden? Viehherden haben sie schon lange nicht mehr, ihre Geschäfte und Handelswege sind zerbombt, Touristen kommen nicht mehr. Die Menschen sind obdachlos und den Regimes sind sie völlig schnuppe. Das syrische Regime und Putin sind froh, wenn sie endlich alle tot oder vertrieben sind. So dachten schon die Herrscher in der Antike. Mit Sintfluten und Naturkatastrophen befreite sich der assyrische, der hethitische und der abrahamitische Gott, allesamt sog. Wettergötter, von der lästigen und als zu laut empfundenen Bevölkerung, genauso können wir es nachlesen. Dabei hatten sich eben diese Wettergötter vorgenommen, ihre „Schäfchen“ zu stillen. Kriege wurden auf diese Weise legitimiert, allerdings nicht weniger leise. Das Versagen und die Unfähigkeit der Götter und der Herrscher in ihrem Versprechen, wie eine Mutter für die Menschen zu sorgen, macht sich an allen Ecken und Enden bemerkbar.

Wenn alle tot gebombt sind, könnte es sich Assad in seinem Palast gemütlich machen… aber dann werden die Potentaten aus Russland, China oder den USA ihn nicht mehr brauchen und erledigen. Die brauchen nur das pure Land, das sie bequem als strategisches Gebiet zur Eroberung der Welt nutzen wollen. Das Patriarchat in Reinkultur kümmert sich nicht um Menschen, sondern um den Profit. Kümmert es sich ausnahmsweise doch einmal um Menschen, z.B. um Assad oder um alleinerziehende Mütter, dann nicht bedingungslos und schon gar nicht uneigennützig. Aber das Öl wird irgendwann alle sein. Vielleicht versuchen die Scheichs, in Europa einen islamischen Staat aufzubauen, damit sie am Ende des Ölzeitalters hier weitermachen können.

Es wäre klug, den Menschen, die zu uns kommen, auch diese Zusammenhänge zu erklären. Die Weisheit von Mutter Natur wird den patriarchalen Menschen völlig von Mutter Erde verbannen. Die Mächtigen haben längst begonnen, den Menschen auf den Mond zu schießen.

Die Busenwand – ein neuer Fall von Sexismus in der Archäologie

Jungsteinzeitlicher Wandfries zeigt eine matrilineare AhnenreiheWandfries aus

Bildquelle: Homepage SWR2

Als Sensation kann man die Präsentation des rekonstruierten Wandfrieses aus der Pfahlbaukultur vom Bodensee ( Ludwigshafen ), die bei der Großen Landesaustellung Baden-Württemberg 2016 in Bad Buchau und in Kloster Schussenried gezeigt werden wird, schon bezeichnen. Sie ist in ihrer monumentalen Größe ein bislang einzigartiger Fund. Der offizielle Arbeitstitel „Busenwand“ ist in Anbetracht der endlich stattfindenden Sexismus-Debatte allerdings sensationell ignorant.

Die „Busenwand“ hat es, wie könnte es anders sein, als „sensationelle Busenwand“ in die Schlagzeilen geschafft und sie ist der zur Ausstellung wegweisende Hashtag. Da sind tatsächlich auch Busen zu sehen, sie sind jedoch lediglich Elemente einer Wandinstallation mit mindestens 7 Frauengestalten, zwischen denen sich weitere Motive mit symbolischer Bedeutung befinden. „Welche Symbolik lässt sich denn dahinter vermuten, eine pornografische etwa?“, fragt Tobias Ignée vom SWR2-Radio (SWR2-Interview vom 20.1.2016, 12.33 Uhr). Wer regelmäßig archäologische Berichterstattung ließt, ist davon nicht überrascht, auch nicht vom „Riesenbusen“, der aufpoppt, wenn man das Interview auf der Homepage des SWR anhören will. Interessant ist aber die Antwort Dr. Helmut Schlichtherles, des Chefs der Unterwasserarchäologie im Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, der die Ausstellung wissenschaftlich berät: „Also zunächst hat man gesagt, ja gut, also Fruchtbarkeitssymbolik vielleicht, es gibt ja auch das Diktum einer Großen Muttergöttin der Jungsteinzeit, das immer wieder durch die Literatur geistert. Und wir sind zunächst auch mit diesen ja sehr schwammigen Hypothesen angetreten und haben dann aber gesehen, hoppla, da ist ja nicht nur eine, da sind mindestens sieben, alle gleich groß, alle nebeneinander in einem Fries, und da sind ja Zwischenmotive. Und über die Zwischenmotive sind wir sehr viel schlauer geworden und unter anderem auch über die Köpfe der Frauengestalten. Die Köpfe sind sonnenförmig. Und mit den Zwischenmotiven können wir sagen, da sind Ahnenreihen dargestellt. Es sind auch Zeitgenossen dargestellt, also ganz kleine anthropomorphe Signets und es gibt also einen Zusammenhang zwischen Ahnenverehrung, Ahnenreihen und diesen großen Weiblichen gestalten.
Hoppla, dieser offiziellen Deutung des Fundes kann ja aus Sicht der Patriarchatsforschung im Großen und Ganzen zugestimmt werden! Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als den Nachweis von Matrilinearität, die seriöse Bezeichnung lautet damit Ahninnenwand. Sie ist der Beweis, dass diese Kultur, die Pfyner-Kultur (einer der Michelsberger Kultur zugeordneten Untergruppe), kein Patriarchat war. Die eigentliche Sensation ist also, dass die Matrilfokalität der Altsteinzeit sich nachweislich vielerorts bis in die späte Jungsteinzeit halten konnte. Vielerorts deshalb, weil derartige Brüste auch an anderen Stellen gefunden wurden, so auch in Mönchberg, Goldberg, Reute-Schorrenried, Heilbronn-Klingenberg und Remseck-Aldingen (Quelle: Literaturhinweis 2). Aber darüber erfahren wir nichts.
Es wird uns so wenig mitgeteilt, weil am Dogma des ewiges und allgegenwärtigen Patriarchats nicht gerüttelt werden darf. Genau darum geht es letztlich bei allen sexistischen Bemerkungen, die Archäologen immer wieder in der Öffentlichkeit äußern.
Diese Form des Sexismus dient nicht in erster Linie der Unterdrückung der Frau, sondern der Unterdrückung der Tatsache, dass die Frau in der Urgeschichte nicht unterdrückt war. Die Muttergöttin „geistert“ nicht umsonst durch die Literatur, ihre Präsenz ist eine direkte Folge der Matrilinearität, und sie ist selbst-verständlich im Gegensatz zur schwer verständlichen Vatergott-Theologie. Als Maria, Fatima, Heiliger Geist, Kali etc. hält sie sich bis in die Gegenwart, weil die Menschheit nun einmal matrifokal ist. Ihre Natur aber wird vom Patriarchat unterdrückt.
Welche Bedeutung steht denn hinter diesem Zusammenhang, haben Sie da irgendwie den Code schon geknackt?“, fragt Tobias Ignée nach. „Es lässt sich auf etwa zeitgleichen Keramikgefäßen sehen, dass die Ahnenreihen zu diesen großen Frauen mit ihren sonnenförmigen Köpfen hinführen, so eine Mischung aus Ahnengestalt mit göttlichen, kosmischen Bezügen“, antwortet Schlichtherle darauf. Und da ist sie doch schon wieder, die Göttin, man wird niemals drum rum kommen. Tobias Ignée reagiert beinahe sprachlos: „Und das alles auf 7 Meter?“ „Ja,“, antwortet Schlichtherle, „und das auf 7 Meter, mindestens sieben mal, sich wiederholend aber in Details unterschiedlich, auch das ist dann sehr interessant. Man kann also sehen, dass die einzelnen Individuen, also diese großen Frauen, dass man die auch unterscheiden wollte, die hatten sicher auch ihre eigenen Namen und auch ihren eigenen kleinen Mythos.

Schlichtherle erklärt hier unbeabsichtigt die Wurzeln der Religion. Das Wort „religio“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Rückbindung“. Wer die Bibel ließt, wird darin tatsächlich viele Rückbindungen finden, und zwar Rückbindungen an patrilineare Ahnen. Wir lesen beispielsweise in Matthäus, Kapitel 1 eine schier endlose Aufzählung vermeintlicher, männlicher Ahnen Jesu. Sie mag unwichtig erscheinen, ist aber von elementarer Bedeutung für die Kirchenväter:

1 Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. 2 Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. 3 Juda zeugte Perez und Serah von Thamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. 4 Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nahesson. Nahesson zeugte Salma. 5 Salma zeugte Boas von der Rahab. Boas zeugte Obed von der Ruth. Obed zeugte Jesse. 6 Jesse zeugte den König David. Der König David zeugte Salomo von dem Weib des Uria. 7 Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abia. Abia zeugte Asa. 8 Asa zeugte Josaphat. Josaphat zeugte Joram. Joram zeugte Usia. 9 Usia zeugte Jotham. Jotham zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. 10 Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. 11 Josia zeugte Jechonja und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. 12 Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jechonja Sealthiel. Sealthiel zeugte Serubabel. 13 Serubabel zeugte Abiud. Abiud zeugte Eliakim. Eliakim zeugte Asor. 14 Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. 15 Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Matthan. Matthan zeugte Jakob. 16 Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus 17 Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.
(Quelle: http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/matthaeus/1/)

Josef war nicht der leibliche Vater Jesu, das wird im Neuen Testament deutlich. Jesus führt sich stattdessen auf die kurze, uneheliche weibliche Ahnenreihe Anna und Maria zurück. Das ärgert die Patriarchen natürlich. Die Matrilinie muss überschrieben werden. So ermüdend sich die männliche Ahnenreihe Jesu nun auch liest, sie ist der Kern der biblischen Aussage: Es gibt keine Urmutter, die weibliche Ahnenreihe ist bedeutungslos.

Seit den Anfängen und bis heute sind sehr viele Archäologen zugleich auch Theologen oder haben einen mehr oder weniger engen Bezug zur Kirche. Sie versuchen auch, die Bibel anhand ihrer Funde zu beweisen, hat doch die Evolutionslehre und jüngst auch die Anthropologie an ihren Grundfesten gerüttelt. Und so ist ihnen jedes Mittel Recht. Sexismus ist ein Weg, unliebsame Meinungen loszuwerden.
Ein besonders prominentes Beispiel ist die Urmutter vom Hohle Fels, offziell „Venus vom Hohle Fels“, die älteste Figurine der Menschheit (ca. 35.000 bis 40.000 Jahre alt). Sie wurde als „nach heutigen Maßstäben an Pornografie grenzend“ besprochen, „das Stück“ sei „aufgeladen mit sexueller Energie“, einem „Brathähnchen ähnlich“. Sie wurde als „Henny“, als „schwäbische Eva“ oder „Frau Fröhlich“ bezeichnet, ihre Höhle sei „wohl ein heißer Sexunterschlupf“ gewesen. Dazu habe ich mich bereits auf meiner Homepage gabriele-uhlmann.de ausführlich geäußert.

vvhf
Urmutter vom Hohle Fels, Elfenbein, Höhe 6 cm

Der Begriff „Venus“ für altsteinzeitliche Frauendarstellungen war damals schon ironisch gemeint. Man fand die Figurinen hässlich, eine Frau hatte aber hübsch zu sein. Der Venus-Begriff ist also sexistisch, und dies hat einen noch triftigeren Hintergrund. Die Verortung der Figurine irgendwo im römischen Polytheismus als Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Venus macht sie zu einer von Vielen, zu einer Unbedeutenden, jedenfalls nicht zu dem, was sie ist, einer Urmutter einer matrifokalen Sippe.

Archäologen haben nicht nur Schwierigkeiten im Umgang mit der Würde der Frau, sondern auch im Umgang mit ihrer Nacktheit. Schlichtherle antwortet in dem Radio-Interview auf die Frage „Wie bekam denn dann die Arbeitshypothese den Arbeitstitel ‚Busenwand‘?“: „Ja, das war naheliegend. Die Brüste sind auch jetzt und waren sicher auch in der Jungsteinzeit das herausragende, das besondere Merkmal dieser Wand. Alles andere ist in Flachmalereien mit weißer Farbe aufgemalt, da sind also auch Gestalten, dann Konturlinien, Arme und Hände, aber die Brüste sind plastisch. Die haben was Haptisches, und wenn man in diesen Raum reingekommen ist, wenn man ins Dämmerlicht des Hauses trat, dann strahlten die sicher mit ihrer weißen Punktbemalung aus dieser Wand heraus und waren das auffällige Merkmal.“ Sicherlich gilt diese Behauptung für den Fall, dass moderne Männer den Raum betreten. Aber der Raum war von Frauen für Frauen gemacht, aber auch für Männer, die sich ebenfalls nur über ihre Mütter definierten, und für die die Nacktheit von Frauen keine Aufforderung zu sexuellen Handlungen war. Die Frauen der Naturvölker tragen ihre Brüste immer noch nackt und ihr Anblick ist so selbstverständlich wie der Anblick eines Männeroberkörpers. In Matrilinearität, und damit auch Matrifokalität, leben die Männer mit ihren Schwestern zusammen. Die natürliche, chemotaktische Inzestschranke verhindert sexuelle Beziehungen zwischen ihnen. Jungen wie Mädchen werden bis ins 6. Lebensjahr gestillt und sind daher daran gewöhnt, die Brust als Quelle von Milch und Geborgenheit wahrzunehmen. Dafür stehen sicherlich auch die weißen Punkte der Wandinstallation, die übrigens nicht nur auf den Brüsten, sondern über den gesamten Frauenkörpern verteilt sind.
Die Brüste haben natürlich aus der Sicht von Kleinkindern „etwas Haptisches“, aber eben auch aus der Sicht von Busengrabschern. Ich will damit niemandem etwas unterstellen. Die Sexismus-Debatte hat jedoch deutlich gemacht, dass der Blick auf den weiblichen Körper in unseren Gesellschaften provoziert, weil die Frau im Patriarchat als Objekt gilt. Diese „Objektivierung“ wird in der Debatte allerdings nicht auseinandergenommen. Statt echter Aufklärung mit dem Wissen der Patriarchatsforschung werden Erziehung und strafende Gesetze als Gegenmittel gefordert. Ideologie wird gegen Ideologie gestellt, nachhaltig kann das nicht sein, aber man begibt sich damit wenigstens nicht in den gefürchteten Biologismus-Verdacht.

Die Frau als Objekt ist – das könnten wir schon heute auf interdisziplinärer Basis in den Schulen lehren, aber noch nicht lernen – das Ergebnis eines Irrtums, der den ersten Viehzüchternomaden der Steppe passierte, der Irrtum, dass die Frau nur das Gefäß des männlichen Samens sei. Dieser Irrtum verbreitete sich mit den ersten Kriegen über Europa und über die Welt. Der Same gehört seitdem in die Metaphorik der Ackerfurche und des Pflugs, der seit der späten Jungsteinzeit von Männern geführt wurde. Biologisch völlig falsch ist dieser Begriff, handelt es sich beim Sperma doch in Wahrheit nur um Pollen. Der Mann schwang sich damit aber zum Schöpfer auf, er begann die Natur nach seinem Willen zu formen: er züchtete Tiere (und später auch Pflanzen) und forderte eine „züchtige“ Frau. In diesem viehnomadischen Weltbild müssen Frauen, die ihre female choice leben und damit Matrilinearität herstellen können, „gebranntmarkt“ und „gezüchtigt“ werden. Das ist das Wesen des Sexismus.

tannenbaum-signet

Ausschnitt aus dem Wandfries, „Tannenbaum“. Gestapelte Beine in Gebärhaltung und Töchter.

Was die Bedeutung des Wandfrieses angeht, so wäre die Deutung der Signets für das Publikum von Interesse (gewesen), dass die „Tannenbäume“ ebenfalls in den Kontext der Matrilinearität gehören. Es handelt sich um übereinander gestapelte Beine in Gebärhaltung. Sie entsprechen den Matrioschka-Puppen, die wir aus Russland kennen. Es handelt sich demnach um den, im besten Sinne des Wortes, „Stammbaum“ der Sippe, wenn auch Sippen keine Stämme bilden. Die kleinen Figuren unterhalb der Frauen dürften für die Zahl ihrer Töchter stehen. Wir haben es damit tatsächlich mit einer Bilderschrift zu tun, die uns die Geschichte der Sippe mit 7 zeitgleichen Müttern, Schwestern, erzählt. Die Sonnensymbolik fügt sich darin ein. Die Sonne mit ihren Auf- und Untergängen, steht für Leben, Sterben und Regeneration im Bauch von Mutter Erde. Die Sonne war in der matrifokalen Frühgeschichte weiblich. Bei uns ist sie dies bis heute, im Gegensatz zum östlichen Kulturkreis, dessen Religionen von Patriarchen in Europa gewaltsam verbreitet wurden.

Quellen

Soweit nicht anders angegeben, stammen sämtliche Zitate dieses Artikels aus dem Radio-Interview des SWR2 von Tobias Ignée mit Dr. Helmut Schlichtherle vom 20.1. 2016 um 12.33 Uhr

Weiterführende Literatur:

  1. Armbruster, Kirsten: Gott die MUTTER: Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus. Norderstedt 2013 http://www.amazon.de/dp/3732231186
  2. Schlichtherle, Helmut: Ein gynäkomorphes Wandrelief vom Mönchberg bei Stuttgart-Untertürkheim. In: Dobiat, Claus; Leidorf, Klaus: Tradition und Innovation. Prähistorische Archäologie als historische Wissenschaft. Festschrift für Christian Strahm. S. 119-127. Rahden/Westf. 1997
  3. Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012 http://www.amazon.de/dp/3844814205
  4. Uhlmann, Gabriele: Der Gott im 9. Monat. Vom Ende der mütterlichen Gebärfähigkeit und dem Aufstieg der männlichen Gebärmacht in den Religionen der Welt. Norderstedt 2015 http://www.amazon.de/dp/3738639012