Als wir noch kein Erbrecht brauchten. Erben in der Jungsteinzeit.


Neo ancien Echilleuses
Modell eines jungsteinzeitlichen Langhauses (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Die erste jungsteinzeitliche Kultur Mitteleuropas war die Bandkeramik, auch Linearbandkeramik oder kurz Bandkeramik genannt. Vor etwa 7500 Jahren wanderten Menschen dieser Kultur, die sich aus der Starčevo-Kultur im südöstlichen Donauraum entwickelt hatte, nach Mitteleuropa ein und brachten die Landwirtschaft mit. Für die Patriarchatsforschung ist diese Epoche interessant, weil sich in der Bandkeramik der Umbruch hin zum Patriarchat vollzogen hatte. Oberflächlich ablesbar ist das am Aufkommen von Gewalt wie bei den Massakern von Asparn Schletz (Österreich), Schöneck-Kilianstädten bei Frankfurt und Talheim am Neckar. In der Kreisgrabenanlage von Herxheim in der Pfalz wurde, völlig untypisch für die ältere und älteste Bandkeramik, Kannibalismus festgestellt. Auch wurden erste befestige Siedlungen gebaut, was ein erhöhtes Schutzbedürfnis anzeigt. Schließlich beweist der Untergang der Bandkeramik, dass etwas passiert war, das es den Menschen unmöglich machte zu überleben.
Überleben ist das, was die Evolution antreibt. Alle Lebewesen leben so, dass sie unter den Bedingungen, an die sich ihre Vorfahren erfolgreich angepasst hatten, überleben können, das nennt man auch „artgerecht leben“. Basis der Evolution des größten Teils aller Lebewesen ist die sexuelle Selektion, identisch mit der female choice, also der weiblichen, freien Wahl der Sexualpartner. Die artgerechte Lebensweise von Homo sapiens ist die Matrifokalität. Matrifokalität bedeutet ein Leben in der mütterlichen Sippe, in Matrilokalität, und unter Wahrung der rein weiblichen Linie, der Matrilinearität. Dem urgeschichtlichen Menschen war die Vaterschaft, die Patrilinearität und die Patrilokalität unbekannt. Daher hatten Väter keine Macht, und Männer als Onkel, Cousins oder Brüder waren die männlichen Identitätsfiguren für männliche Kinder. Die Matrifokalität wird mit den aktuellen naturwissenschaftlichen Methoden seit einigen Jahren überall an den jungsteinzeitlichen Skelettresten nachgewiesen. Insbesondere auch für die Bandkeramik liegen seit kurzem entsprechende Ergebnisse vor. „Die Starčevo-Farmer sind die Ahnen der Bandkeramiker. Diese wiederum breiteten sich als eine Bewegung von Tanten, Onkeln und Schwestern aus“, sagte Prof. Dr. Kurt Alt, Leiter der Arbeitsgruppe Paläogenetik an der Uni Mainz dem SPIEGEL. Schon seit vielen Jahren weiß das auch die Patriarchatsforschung, allerdings hat sie sich der Fragestellung kulturwissenschaftlich genähert. Es braucht also nicht immer naturwissenschaftliche Beweise, sie können aber bestätigend wirken, und müssen es leider auch, da kulturwissenschaftliche Ergebnisse von Thesengegnern als pure Interpretation angezweifelt werden können. Eingefleischte Patriarchatsideologen haben sich in der Vergangenheit dieser Rhetorik bedient. Sie hatten die Einbindung der Bandkeramik in den großen Kontext der jungsteinzeitlichen Kulturen, in denen ausnahmslos eine Muttergöttin – aber keinerlei eindeutige Anzeichen einer männlichen Dominanz – nachgewiesen wird, geleugnet. Auch den nahtlosen Anschluss an die Urmutterverehrung, die ebenso ausnahmslos für alle Fundplätze der Altsteinzeit beobachtet wird, wurde einfach ignoriert oder geleugnet.
Über die Kleinfunde von Statuetten und weiblich gestalteten Gefäßen, sowie über die Bestattungsweise hinaus sind die Häuser der Bandkeramik ein wichtiges Indiz. Die Bauweise der Häuser, es sind bis zu 71 m lange sog. Langhäuser, entspricht den Langhäusern, wie sie noch heute von den letzten matrifokalen Kulturen gebaut werden. Das Langhaus besitzt keine Zimmer, es ist lediglich in Zonen eingeteilt, die sich aus der Lage des Hauses in Bezug auf die Himmelsrichtungen ergeben. Es besitzt eine Feuerstelle und nach der Sonne orientierte Öffnungen. Im Langhaus findet eine ganze Sippe aus bis zu 80 Personen Platz. Das besondere an diesen Häusern ist die lange Lebensdauer von über 75 Jahren. Sie wurden immer wieder repariert und bei ihrem Ende lediglich um ein paar Meter versetzt am gleichen Platz neu errichtet. In der Archäologie ist das an den Pfostenlöchern gut ablesbar. Das lässt nur einen Schluss zu: das Langhaus wurde von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Dan toc hoc 19
Langhaus der Ê Đê des Zentralen Hochlandes von Vietnam im Ethnologischen Museum in Hanoi (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Der Archäologe Hans-Christoph Strien schrieb 2010 seine Überlegungen zum Erbrecht in der Bandkeramik auf. Zum damaligen Zeitpunkt galt als bewiesen, dass die Bandkeramiker patrilinear lebten. Am Massaker von Talheim glaubte man nachgewiesen zu haben, dass die Frauen Talheims nicht nur geraubt wurden, sondern, dass sie patrilokal gelebt, also nach Talheim eingeheiratet hatten. Also wurde ein Bild gezeichnet, wonach Familien in den Langhäusern wohnten, denen ein Mann vorstand, eine bäuerliche erweiterte Kleinfamilie, wie sie noch im 19. Jh. üblich war, also Vater, Mutter, Kinder, die Großeltern der väterlichen Linie und vielleicht noch die jüngeren Geschwister des Vaters, die als Knechte und Mädge hätten arbeiten müssen. Dementsprechend wurden dem Langhaus schon vom Altvater der Bandkeramik-Forschung Jens Lüning 6 Personen zugeordnet.

Was dazu aber nicht passt, ist die Größe der Langhäuser in Kombination mit ihrer Langlebigkeit und der geringen Lebenserwartung der jungsteinzeitlichen Bevölkerung. Zudem sprechen die ethnologischen Befunde dagegen. Strien stellte also Überlegungen an, wie die Befunde dennoch an die These vom bandkeramischen Patriarchat angepasst werden können.
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Uniprofessorin verbreitet Unwahrheit über die Strontium-Isotopen-Befunde aus Talheim

‚Was Knochen erzählen und was nicht‘ titelt ausgerechnet ein Artikel der MAIN-POST GESCHICHTE vom 09. März 2013 (oder hier auf der Uni-Seite), in dem die Untersuchungsergebnisse der Skelettreste des „Massakers von Talheim“ falsch wiedergegeben werden. Darin wird behauptet, dass „eine Strontium-Isotopen-Analyse der Zähne ergab, dass einige Frauen – im Gegensatz zu den übrigen Opfern – nicht in Talheim aufge­wachsen sind.“ Dies ist die Unwahrheit. Es hat nämlich jene Strontium-Isotopen-Analyse (siehe Abbildung) in Wahrheit ergeben, dass mindestens drei weibliche Opfer einheimisch und nur ca. drei ortsfremd waren. Ebenso stammten auch mindestens fünf Männer von außen. Der extremste ortsfremde Wert stammt sogar explizit von einem Mann! Dies habe ich ausführlich schon 2012 in meinem Buch „Archäologie und Macht“ besprochen.

diagramm-korrektur

[ Abbildungsunterschrift: Korrektur des Ergebnisses der Strontium-Isotopen-Analyse auf der Basis des Diagramms von Price et al. 2006, S. 272. Die schwarze gestrichelte Linie bezeichnet den Durchschnitt. Je größer die Abweichung davon nach unten oder nach oben, desto ortsfremder ist das Individuum. Von mir ergänzt sind die Spektren für Ilsfeld und Vaihingen (weiß) sowie die weiße Trennlinie für Hochland- und Niederungswerte und die schwarzen Striche unter den Nummern für ab 10jährige. Mädchen ab ca. 10 Jahren sind für Frauenraub interessant. Schon in meinem Buch veröffentlichte ich die offensichtlichen Fehler, die bei der Übertragung der Daten in das Diagramm gemacht wurden, so dass ich eine Korrektur der Grafik vornehmen musste. ]

Auch wenn die Archäologin Heidi Peter-Röcher, Professorin am Lehrstuhl für Vor- und Frühge­schichtliche Archäologie der Universität Würzburg, zurecht über die Sensationsgier in der Archäologie „den Kopf schüttelt“, beteiligt sie sich hiermit an dem Versuch der Herrschenden Lehre, die Talheimer Funde dazu zu benutzen, eine patriarchalische  Gesellschaft zu zeichnen; denn nur in einem solchen gesellschaftlichem Umfeld sind Ehrenmorde denkbar, über die sie für Talheim spekuliert.

Wie Professor Dr. Kurt ALT in einem SPIEGEL-Artikel mitteilen ließ, fand die Arbeitsgruppe Palaeogenetik der Universität Mainz Folgendes heraus: „Die Starčevo-Farmer sind die Ahnen der Bandkeramiker. Diese wiederum breiteten sich als eine Bewegung von Tanten, Onkeln und Schwestern aus“. Diese Feststellung, die heutzutage auch leicht als ‚gender-korrekt geschrieben‘ überlesen werden kann, muss wörtlich genommen werden. Die Untersuchungen passen in kein patriarchales Szenario, bestätigen also für die Bandkeramische Kultur Matrifokalität und kein Patriarchat!

Dies bedeutet nicht, dass hier eine gewalttätige matrifokale Kultur gefunden wurde. Die Bandkeramik war an ihrem Ende patriarchalem Druck von außen ausgesetzt. Dies dokumentiert das Massaker.

Literaturnachweis:

Jeske, Christine (red.): Was Knochen erzählen und was nicht. In: MAIN-POST GESCHICHTE vom 09. März 2013. Von

Price, T. Douglas; Wahl, Joachim; Bentley, R. Alexander: Isotopic Evidence for Mobility
and Group Organization Among Neolithic Farmers At Talheim, Germany, 5000 BC. In: European Journal of Archaeology. August 2006 vol. 9 no. 2-3 259-284

Schulz, Matthias: Multikulti in der Steinzeit. In: Der Spiegel Nr. 6, 31.1.2015, S.118-119

Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012

 

 

 

Patrilokalität in der LBK verzweifelt gesucht – Neuer Anlauf nach dem Talheim-Desaster

Bereits vor Jahren wurde erfolglos versucht, mit den naturwissenschaftlichen Untersuchungen am sog. Massaker von Talheim der späten LBK uns glauben zu machen, Patrilokalität sei für die erste Ackerbaukultur in Mitteleuropa, die Linienbandkeramik (LBK), bewiesen. In meinem Buch „Archäologie und Macht“, erschienen Anfang 2012, veröffentlichte ich die fundamentale Kritik an der Talheimforschung. Vor kurzem informierte mich eine aufmerksame Leserin, dass Anfang des gleichen Jahres eine neue Studie veröffentlicht wurde, die erneut vorgibt, Patrilokalität für die LBK bewiesen zu haben.

Die Skelettreste von über 300 Individuen der LBK-Zeit aus verschiedenen Gräberfeldern von West- bis Osteuropa und aus verschiedenen Jahrhunderten (5450-5100 v.u.Z.) wurden dazu auf ihre Strontium-Isotopen untersucht. Strontium-Isotopen lassen eine Aussage darüber zu, wo ein Mensch seine Kindheit verbrachte.
Der ORF berichtete über diese Studie in einem Artikel mit der Überschrift „Die Ungleichheit ist älter als gedacht“: „Als die Landwirtschaft vor rund 7.500 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen ist, haben sich schnell soziale Unterschiede entwickelt. Die sesshaften Bauern vererbten Grund und Boden an ihre Söhne. Wer keinen begüterten Vater hatte, musste wandern und sich eine Siedlung suchen.“ Die alte These, die LBK sei von ihrem Wesen her patriarchalisch, wird also wieder aufgekocht. Das Ergebnis der Studie wird allerdings am Ende des Artikels relativiert, lässt sich die Patrilokalität doch nach wie vor nicht für die gesamte LBK feststellen. Es ist zu hoffen, dass die LeserInnen bis dorthin gelesen haben: „Man müsste Skelettserien aus der ganz frühen Phase der Linearbandkeramischen Kultur mit Skeletten aus der ganz späten Periode vergleichen.“ antwortet eine der AutorInnen der Studie, die österreichische Prähistorikerin Maria TESCHLER-NICOLA, auf die Frage, „wie und wann genau es zu einer stark hierarchisch geprägten Gesellschaft gekommen ist“, wie wir sie in der Bronzezeit vorfinden.
Die Ergebnisse der Originalstudie bestätigen natürlich die Ausgangsthese der Forscher. Die Strontium-Isotopen sind bei den Frauen variabler als bei den Männern, und weniger variabel bei denjenigen Männern, die mit einer Axt aus Stein begraben wurden. Daraus wird nicht nur auf Patrilokalität geschlossen, sondern auch, dass Männer, die mit einer Axt bestattet wurden, einst die besten Lößböden besetzt hatten.
Einer der Autoren dieser Studie, R. Alexander BENTLEY, vertritt, wie ich in „Archäologie und Macht“ schon erläutert habe, die These, dass in der LBK bereits Almwirtschaft betrieben wurde. Auch dies wird in der neuen Studie nochmals aufgegriffen. Die Männer von außerhalb könnten, so BENTLEY, auch Hirten gewesen sein, die ja keine Äxte benötigen. Dass auch Frauen auf Almen tätig sind, weiß er offenbar nicht. Die These gefällt ihm vor allem deshalb, weil Hirtengesellschaften stets patriarchal organisiert sind und er damit seine Überlegung verwerfen kann, dass die Ergebnisse auch einfach nur den Umstand reflektieren könnten, dass die Männer mit den Äxten zu den Gruppen gehören, die zuerst die Lößböden besetzten, sie also lediglich die bandkeramische Migration reflektieren.

Die Ergebnisse lassen, so die Forscher, auch einen anderen Schluss zu, nämlich, dass die Männer, die ohne Äxte bestattet wurden, zu ihren Ehefrauen zogen, und diese Frauen von den Axt-Männern von den besten Böden verdrängt wurden. Diese Interpretation lassen die Forscher aber nicht gelten, da solche Erklärungen weder archäologisch noch genetisch gestützt seien. Sie tun nicht nur so, als gäbe es die archäologischen Befunde von Marija GIMBUTAS nicht, sondern sie haben die Chuzpe, ausgerechnet die Forschungsergebnisse von Sarah Blaffer HRDY „Mütter und andere“ (2010) für ihre These zu vereinnahmen. HRDY sagt, und dass wird von ihnen offenbar anerkannt (!), dass wir Menschen im Schutz matrifokaler Gruppen der Altsteinzeit erst zu dem sozialen und kreativen Wesen wurden, das wir heute sind. So ärgerlich dies für alle Seiten ist, es wird damit indirekt bestätigt, dass matrifokale Gruppen vom aufkommenden Patriarchat gewaltsam verdrängt wurden. Allein der Zeitpunkt ist noch strittig.

Die Forschergruppe versucht, anhand von insgesamt sieben Gräberfeldern die vermeintliche Patrilokalität der LBK nachzuweisen. Besagte Leserin lieferte mir dankenswerterweise dazu einen wertvollen Hinweis: „Wie Peter-Röcher jedoch zeigen konnte, handelt es sich bei den bandkeramischen Gräberfeldern lediglich um einen bestimmten Ausschnitt aus einer ganzen Anzahl von praktizierten Bestattungssitten, die nur wegen ihrer Ähnlichkeit mit den heutigen Verhältnissen in der Literatur unverhältnismäßig große Beachtung fanden. Die im Vergleich zu den Siedlungsfunden geringe Zahl der Gräberfelder, zugleich die Vielzahl der intramuralen Bestattungen gerade von Frauen und Kindern ist dabei ebensowenig berücksichtigt worden wie die Funde einzelner Knochenfragmente, die ebenfalls für Sekundärbestattungen sprechen“, stellt Ina WUNN in ihrer Dissertation aus dem Jahre 1999 fest. Die Leserin schreibt mir: „Wenn jetzt nur Friedhöfe untersucht werden, wird logischerweise ein systematischer Bias produziert, da ja diejenigen eng miteinander verwandten und in besonderem Maße mit dem jeweiligen Dorf verbundenen Frauen nicht erfasst werden können. Allein deswegen dürfte der Aussagewert der Studie eher als gering einzustufen sein.
Recht hat sie, es handelt sich bei den Skeletten der Studie keineswegs um einen repräsentativen Querschnitt aus der LBK, sondern um schon von den LBK-Leuten selbst vorsortierten Individuen. Auch die Auswahl der Gräberfelder selbst könnte mehr oder weniger bewusst ergebnisorientiert getroffen worden sein. Dieses fundamentale Problem bleibt nicht das einzige…

Natürlich hat es mich interessiert, die Studie genauer unter die Lupe zu nehmen – so wie ich es schon mit den Talheim-Studien getan habe – und tatsächlich bin ich fündig geworden.
Auf den ersten Blick ist nicht sichtbar, wie viele Männer und Frauen in jedem Ort untersucht wurden, ein ausgewogenes Verhältnis wäre wünschenswert. Warum müssen wir erst mühsam anhand des online zur Verfügung gestellten Materials selbst nachzählen? Das Dataset S1 ist nicht chronologisch aufgelistet, wie es sinnvoll wäre, sondern alphabetisch, so dass ich erst einmal in dieser Beziehung aufgeräumt habe. Die folgende, so aus dem Material generierte Tabelle zeigt auf, dass die in Dataset S1 vermerkten Individuen-Anzahlen (n-DS1, Spalte links) in Teilen nicht mit den Zahlen im Text der Studie (n-angeb, Spalte links) übereinstimmen.

Gräberfeld
(Jahr v.u.Z.)
Männer

Männer
(unsicher)

Frauen

Frauen
(unsicher)

Kinder Unbestimmt
Vedrovice (5450)
n-DS1=78
(n-angeb=64)

19

7

30

2

18

2

9A

1AA

1A

2A

1AA

Aiterhofen (5300)
n-DS1=63
(n-angeb=64)

26

9

20

4

2

2

11A

2A

2A

2A

1A

Ensisheim (5200)
n-DS1=34
(n-angeb=34)

15

10

2

6

1

6A

2AA

Souffelweyersheim (5200)
n-DS1=18
(n-angeb=18)

6

3

3

6

2A

1A

Kleinhadersdorf (5200)
n-DS1=33
(n-angeb=34)

11

9

8

5

6A

1A

Schwetzingen (5100)
n-DS1=101
(n-angeb=103)

34

7

48

1

11

12A

2A

Nitra (5100)
n-DS1=62
(n-angeb=62)

11

6

21

4

20

7A

1A

2A

Summen Individ.

122

32

141

12

55

27

154

153

55

27

n-DS1=389
(n-angeb=379)

307

82

Summen Äxte

53A

6AA

3A

3A

3A

5A

3A

1AA

LEGENDE:
n-DS1 = Anzahl nach Tabelle Dataset S1
n-angeb = angebliche Anzahl nach Studien-TEXT
A = 1 Axt pro Bestattung
AA = 2 Äxte pro Bestattung
Rot = nicht übereinstimmend
Grün = bemerkenswert

Die Studie wurde offenbar wieder einmal schlampig verfasst. Oder gibt es einen anderen Grund für die Diskrepanzen? Wir wissen es nicht, aber so wird es uns erschwert, die Studie nachzuvollziehen. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit sämtlicher Zahlen ist damit auf jeden Fall beschädigt. Schon bei den Talheimer Befunden wurde nachweislich eine Frau zum Mann gemacht und ein Mann hinzuerfunden, ob dies hier auch der Fall ist, lässt sich nicht ohne Weiteres erkennen.

Das Geschlechterverhältnis ist bei jeden Ort unausgewogen. Vielleicht glauben die Macher der Studie, auf diese Weise das Ergebnis für die weiblichen Individuen überzeugender, repräsentativer zu gestalten. Nach welchem Kriterium aber die Männer ausgewählt wurden, außer dem der Untersuchbarkeit natürlich, ist unbekannt.
Interessant ist, dass im Text der Studie explizit nicht mitgeteilt wurde, dass auch Frauen und Kinder mit Äxten bestattet wurden. Dies erweckt beim Leser natürlich den Eindruck, als handele es sich bei den Äxten um Herrschaftssymbole.

Wie immer bei Untersuchungen an sehr alten Knochen gibt es auch hier eine Fehlerquote. Wir können uns nach den strengen Regeln der Anthropologie nur mit 75-95%iger Sicherheit darauf verlassen, dass die Geschlechter der als sicher geltenden Befunde wahrheitsgemäß bestimmt wurden. Es fehlen zudem jegliche Nachweise von Verwandtschaftsverhältnissen. Sogar die Methode der Strontium-Isotopen-Bestimmung ist keine fehlerfreie Methode. Für die Zuverlässigkeit des Messergebnisses ist entscheidend, dass das untersuchte Individuum nicht regelmäßig ortsfremde Nahrung zu sich genommen hat  (siehe dazu A.u.M., S.165 FN 31).

Wie dem auch sei, zwei von sieben untersuchten Gräberfeldern, nämlich Aiterhofen und Ensisheim, die nicht zu den jüngsten Gräberfeldern zählen, zeigen nach Aussage der Forscher eine signifikante Abweichung von ihrer Patriarchatsthese, was sie jedoch nicht weiter kümmert. Meine Leserin fasst ihre Beobachtungen treffend zusammen: „Nur ganz wenige Frauen sind für die statistisch signifikante Abweichung verantwortlich. Das ist nicht das Muster, dass ich bei patrilokalen Heiratsregeln erwarten würde.

Selbst wenn die Fehlerfaktoren Technik, Alter und Mensch ausgeschlossen werden können, bestätigt die Studie letztlich nur das, was die Patriarchatsforschung schon länger weiß, nämlich dass mit dem Patriarchat der Untergang der Bandkeramik eingeleitet wurde. Wenn auch gerade die ältesten Befunde der Studie aus Vedrovice 5450 v.u.Z. angeblich besonders signifikant sind, spricht das nicht dagegen. Vedrovice liegt im Osten des LBK-Gebietes, von wo sich die Kultur verbreitet hat, nachdem sie voll ausgebildet war, hat also ihrerseits schon eine längere Entwicklung hinter sich. Der Befund könnte ein Licht auf die schnelle Ausbreitung der LBK nach Westen werfen, die der herrschenden Lehre immer noch unerklärlich erscheint. Ich vertrete in „Archäologie und Macht“ die Ansicht, dass die schnelle Ausbreitung der LBK auch von den Mesolithikern mitgetragen wurde, die ebenfalls matrifokal, aber nicht sesshaft lebten, und sich den LBK-Leuten anschlossen. Ich möchte nicht ausschließen, dass der Grund, dass sich die LBK-Leute überhaupt auf den Weg machten, darin lag, dass sie sich der Patriarchalisierung entziehen wollten. Aber aufgrund der unsauber gemachten Studie lassen sich keine sicheren Aussagen diesbezüglich treffen.

Zu guter Letzt ist anzumerken, dass auch in matrilokalen Gruppen die Männer an ihrem Geburtsort leben und ihr Heim nur verlassen, wenn sie eine geliebte Frau besuchen. Der Befund sagt aus, dass die einheimischen Männer typischerweise Äxte ins Grab bekamen und die nicht einheimischen Männer nicht, doch auch davon gibt es Ausnahmen. Die ortsfremden Männer waren offenbar nicht der Sippe zugehörig und waren vielleicht exogame Liebhaber, was die hohe Zahl der ortfremden Männer erklären kann. Das könnte wiederum bedeuten, dass „exogam tätige“ Männer eher nicht an der täglichen Arbeit in der Sippe ihrer Liebhaberin teilnahmen und ohne Werkzeug (bzw. Waffe) das fremde Sippengebiet betreten mussten. Es bestand dabei offenbar eine fifty-fifty-Chance am Wohnort der Geliebten zu sterben. Weiter könnten unter den untersuchten Skeletten viele Mesolithiker sein, was die fremden Strontium-Isotopen leicht erklären würde. In irgendeiner Weise müsste sich auch in den Gräberfeldern niederschlagen, dass schon zur Zeit der LBK fahrende Händlerinnen und Händler sich weit von ihrer Heimat entfernten und nicht zurückkehrten. Dass die ortsfremden Frauen zum Zwecke der patriarchalen Ehe an den Ort gezogen sind, ist nicht beweisbar. Nachdem matrifokalen Modell bandkeramischer Ausbreitung, wie ich es in „Archäologie und Macht“ beschrieben habe, waren Frauen mit ihren Sippen unterwegs auf der Suche nach neuen Siedlungsplätzen.

Die Studie beweist weder Patrilokalität, noch, dass die Felder den Männern gehörten, noch dass die Auswärtigen unterdrückt wurden. Letztlich wissen wir nicht, welche kostbaren Gegenstände aus den Gräbern längst verrottet sind, z.B. Stoffe oder hölzerne Objekte, die mindestens genauso wertvoll erachtet worden sein können wie die Äxte. Von einer stark hierarchischen Gesellschaft kann also keine Rede sein, und es ist auffällig, dass sich die Forscher nicht wundern, dass sich in den Bauwerken keine Hierarchie bemerkbar macht, dies auch noch lange nach der LBK, wie in „Archäologie und Macht“ erläutert.

Literatur:

Bentley, R. Alexander; Bickle, Penny; Fibigerc, Linda; Nowell, Geoff M.; Dale, Christopher W.; Hedges, Robert E. M.; Hamilton, Julie; Wahl, Joachim; Francken, Michael; Grupe, Gisela; Lenneish, Eva; Teschler-Nicola, Maria; Arbogast, Rose-Marie; Hofmann, Daniela; Whittle, Alasdair: Community differentiation and kinship among Europe’s first farmers. In: PNAS 12.06.2012. Vol. 109 No. 24, S. 9326–9330 http://www.pnas.org/content/109/24/9326.full

Peter-Röcher, Heidi: Kannibalismus in der prähistorischen Forschung. Berlin/Bonn 1994 (dort bes. S. 103)

Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012 http://www.amazon.de/dp/3844814205

Wieselberg, Lukas: Die Ungleichheit ist älter als gedacht. Online-Dokument vom 29.05.2012. http://science.orf.at/stories/1699108/

Wunn, Ina: Götter, Mütter, Ahnenkult. Neolithische Religionen in Anatolien, Griechenland und Deutschland. Dissertation an der Gemeinsamen Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover. 1999 (dort bes. S. 228)
http://d-nb.info/958530386/34

Verschiedene Thesen auf einen Schlag genetisch bestätigt: Mittelzeitliche Ernährung mit Fisch, Mittel- und jungsteinzeitliche Koexistenz, Kurgan-These

Neue genetische Untersuchungen widerlegen patriarchale Dogmen zur Mittelsteinzeit (Mesolithikum) und bestätigen im Wesentlichen die These jungsteinzeitlicher Migrationen, die bereits die Archäologin Marija Gimbutas aufgrund der Funde postulierte. Die Auswirkungen auf den Genpool in Mitteleuropa sind zudem komplexer, als bisher angenommen.
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass indigene Mittelsteinzeitler noch mindestens 2000 Jahre nach Einführung der Landwirtschaft durch die LBK-Leute wildbeuterisch von Fisch und pflanzlicher Nahrung lebten, ohne die Landwirtschaft anzunehmen. Die Beweise dafür wurden in der Blätterhöhle gefunden. Der entsprechende Bericht in der SZ postuliert: „Es kam allerdings vor, dass eine Jäger-und-Sammler-Frau in die Bauerngesellschaft einheiratete. Das belegen Genanalysen der Skelette. Die Heirat eines Bauern bedeutete wohl einen sozialen Aufstieg für die Frau. Burger zufolge gebar sie im Schnitt vier Mal so viele Kinder. Ehen zwischen Bauerntöchtern und Wildbeutern gab es hingegen kaum.“ Dass dies ausgemachter Unsinn ist, ist allerdings längst bewiesen. Dass Fisch – und nicht so sehr die Jagd – neben der pflanzlichen Sammelkost zur Eiweißversorgung betrugen, ist ebenfalls ein wichtiger Erkenntnissprung, über dessen Bedeutung ich ebenfalls schon berichtete.

An Skelettfunden aus Sachsen-Anhalt ist ablesbar, dass zu bandkeramischer Zeit wenig oder keine Mesolithiker „mit ihren charakteristischen Mt-Sequenzen – den älteren U*-Haplotypen – vor rund 7500 Jahren“ in diesem Gebiet lebten. Dass dies auf einen Bevölkerungsrückgang der Mesolithiker zurückginge, kann damit nicht bewiesen werden, die Forscher sprechen bei diesem Prozess von „ersetzen“. Was wir uns darunter vorstellen können, wird nicht mitgeteilt. Nach dem Vordringen der neolithischen Kulturen nach Skandinavien hätten Mesolithiker das Gebiet aber erneut bevölkert. Neolithische Schnurkeramiker drangen dann aus Osten in das Gebiet vor. Zitat aus: http://www.spektrum.de/alias/palaeogenetik/europaeischer-genpool-blieb-jahrtausendelang-dynamisch/1210301

Besonders bemerkenswert ist folgende Feststellung: „…zudem scheinen Kurgan-Menschen aus Sibirien und der Gegend des heutigen Kasachstans zugewandert zu sein. Unter den Kurgan werden seit langem die Einwanderer vermutet, die die indoeuropäischen Sprachen mit sich gebracht haben; dies ist allerdings immer noch ebenso umstritten wie schwer zu belegen.“ Zitat aus: http://www.spektrum.de/alias/palaeogenetik/europaeischer-genpool-blieb-jahrtausendelang-dynamisch/1210301
KURGAN bedeutet Grabhügel. Die Sitte, hochgestellte Personen, Krieger wie Schamaninnen, in Kurganen zu bestatten, wurde von den Steppenvölkern erfunden. Was hier so lapidar als „Vermutung seit langer Zeit“ beschrieben wird, ist nichts Geringeres als Gimbutas‘ Kurgan-These, die so lange als Schmuddel galt und die von der herrschenden Lehre aufs Schärfste bekämpft wird. Nun ist Gimbutas zwar rehabilitiert, aber die Erwähnung dieser Tatsache wäre doch das Mindeste gewesen.

Meldungen über Gewalt in der Frühgeschichte gierig verschlungen und daran beinahe erstickt


In letzter Zeit sind gehäuft Schlagzeilen zu lesen, wonach bisher als friedlich eingeschätzte Kulturen doch äußerst gewalttätig gewesen seien. Für die Quote sind Mord und Totschlag natürlich immer gut und auch die Archäologie profitiert davon. Das geht leider aber auf Kosten Anderer und auf Kosten des Erkenntnisgewinns. Aber ist das wirklich nur Sensationspresse? Hanebüchen waren schon die Schlussfolgerungen, die aus den zweifelhaften Untersuchungen an Skeletten aus der Bandkeramischen Kultur (Jungsteinzeit Mitteleuropas) gezogen wurden. Der versuchte Rufmord an der Minoischen Kultur (Bronzezeit Kretas) war hier ebenfalls schon Thema. Jetzt steht auch die Indus-Kultur (= Harappa-Kultur, Bronzezeit Pakistan) im Fokus der vermeintlichen Sensationsarchäologie. Aus den Gräbern der Stadt Harappa wurden Schädel von 18 Männern und Frauen untersucht, von denen die Hälfte unverheilte Verletzungen aufwiesen.

„Ein friedvolles Reich? Trauma und soziale Differenzierung in Harappa“ lautete übersetzt der Titel des englischen Original-Berichts. Daraus kreierte das Magazin „National Geographic“ den Titel „Überraschende Entdeckungen aus der Indus Zivilisation“ und den Untertitel „Archäologen sagen, dass die Indus-Kultur nicht annähernd so friedlich war, wie allgemein gedacht.“
Aber der kriegerische Gesamteindruck trügt und wurde mit der gleichen Methode erzeugt, die schon an der Bandkeramischen und Minoischen Kultur geprobt wurde: Nur beiläufig wird erwähnt, dass die Befunde aus der Endzeit der Kultur stammen. Die Zahl der untersuchten Individuen ist zudem zu gering, um eine generelle Aussage zu treffen. Weiterlesen „Meldungen über Gewalt in der Frühgeschichte gierig verschlungen und daran beinahe erstickt“

Bestätigt: Frauen brachten die Landwirtschaft nach Mitteleuropa


Eine neue Strontiumisotopen-Untersuchung sorgt für Aufsehen in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Der britische Anthropologe T. Douglas Price hat herausgefunden, dass die Landwirtschaft offenbar nicht von Wildbeutern bzw. den Mesolithikern angenommen und über Mitteleuropa verbreitet wurde. Daneben stellt er fest, dass mehr Frauen als Männer der Bandkeramischen Kultur (LBK) nordwestwärts wanderten und die Landwirtschaft nach Europa mitbrachten: „An interesting finding of the study is that 8,000 years ago, when Neolithic farmers were beginning to migrate into the Danube Gorges and overlap with Mesolithic hunter-gatherers, more women than men were identified as foreigners.

Letzteres ist die bedeutendere Meldung. Dass die Männer „Gründerväter“ der LBK-Siedlungen gewesen seien, und die Mesolithiker missionierten, war bis dahin die bevorzugte Meinung unter Anthropologen und Archäologen Weiterlesen „Bestätigt: Frauen brachten die Landwirtschaft nach Mitteleuropa“