Patriarchat und Gewalt in Çatal Höyük? – Bioarchäologie versucht, ein altes Problem endgültig aus der Welt zu schaffen – wieder ohne Erfolg!


Catal Hüyük 7
Ausgrabung von Çatal Höyük
Bildquelle: Wikimedia Commons

Nachdem über Jahrzehnte keinerlei Spuren von Gewalt in Çatal Höyük gefunden wurden bzw. nichts darüber berichtet wurde und Matrifokalität ohne jeden Gegenbeweis mit einer erdrückenden Fülle von Indizien evident geworden war, ging am 17. Juni 2019 ein Forscherteam unter der Leitung von Clark S. Larsen (Ohio State University) mit einer Studie an die breite Öffentlichkeit, mit der der jungsteinzeitliche Siedlungshügel nun als elender Ort geprägt von patriarchaler Überbevölkerung, Krankheit und Gewalt hingestellt wird.

Das online-Magazin Wissenschaft.de schrieb unter dem Titel „Städtische Probleme – schon vor 9000 Jahren“:

„Auch was das gesundheitliche Niveau in der Proto-Stadt betrifft, fanden die Forscher Hinweise auf einen Niedergang: Offenbar litten die Bewohner unter einer hohen Infektionsrate – konkret weisen bis zu einem Drittel der Überreste die Spuren von Infektionen an den Knochen auf. Vermutlich war dies auf die hohe Bevölkerungsdichte und die mangelnde Hygiene in der engen Siedlung zurückzuführen. Die Untersuchungen der Baustrukturen zeigen in diesem Zusammenhang: In der Blütezeit wurden die Wohneinheiten ohne Zwischenräume gebaut und die Bewohner kamen und gingen über Leitern.

In den durch Lehm verputzen Innenräumen ging es wohl auch nicht immer gerade sauber zu: Die Forscher fanden Spuren von tierischen und menschlichen Fäkalien. ‚Die Bewohner lebten unter sehr beengten Verhältnissen, mit Müllgruben und Tierställen direkt neben einigen ihrer Häuser. Es gab also offenbar eine ganze Reihe von Hygieneproblemen, die zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten beitragen haben könnten’, resümiert Larsen. (…)
Die Untersuchung einer Stichprobe von 93 Schädeln aus Çatalhöyük ergab, dass mehr als ein Viertel die Spuren geheilter Frakturen aufwiesen. Zwölf waren sogar mehrmals Opfer geworden – mit zwei bis fünf Verletzungen im Laufe der Zeit. Mehr als die Hälfte der Opfer waren dabei Frauen (…)
‚Wir fanden eine Zunahme dieser Schädelverletzungen während der mittleren Periode, als die Bevölkerung am größten und am dichtesten war’, sagt Larsen. ‚Somit könnte man interpretieren, dass die Überbevölkerung zu erhöhtem Stress und zu Konflikten innerhalb der Siedlung geführt hat’, so der Wissenschaftler.“ (Vieweg 2019)

Wie viele Frauen also wurden verletzt und wie viele mehrfach verletzt? Überlegen Sie kurz!

Wer den Text nur überfliegt, zieht schon schnell mal aus so einer Meldung, dass die Hälfte aller Schädel – also rund 47 – Verletzungen aufwiesen und zudem weiblich waren. Doch es sind der Formulierung zufolge ca. 24 (93/4) Verletzte und davon wurden 12, also die ca. Hälfte, mehrmals verletzt. „Mehr als die Hälfte der Opfer“ sind weiblich – das könnten wieder mindestens 12 sein, was zur Verwirrung beiträgt – , vielleicht sind es aber auch nur 6, wenn nur die mehrfach verletzten Opfer gemeint sind, wie es das Wörtchen „dabei“ suggeriert.
Es geht aus der Formulierung nicht hervor, wie viele Frauen verletzt waren, wie viele mehrfach verletzt waren und auch nicht, wie hoch der Anteil der Frauen in der Stichprobe überhaupt war! Dazu später noch einmal.
Es würde mich interessieren, wie Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, diesen Text im ersten Moment wahrgenommen haben, schreiben Sie mir bitte unten….

Wie dem auch sei, mit diesem Paukenschlag wird alles vom Tisch gewischt, was bisher über Çatal Höyük bekannt war. Denn mindestens bis 2010 wurde nichts über Spuren von Gewalt veröffentlicht, obwohl dies für das Gastgeberland Türkei eine große Freude gewesen wäre, ist doch schon die Ahnung von matrifokalem Leben in grauer Vorzeit ein Schreckgespenst für jeden Patriarchen.

Ein anderes Magazin, Der Standard.at, titelte „9.000 Jahre alte Steinzeit-Stadt litt an modernen urbanen Problemen“ und schrieb u.a.:

’Pflanzenanbau und Tierhaltung gab es von Anfang an, doch mit wachsender Bevölkerung intensivierte sich auch die Landwirtschaft dramatisch’, sagt Larsen. Der hohe Getreideanteil bei der Ernährung führte schnell zu typischen Zivilisationskrankheiten, darunter vor allem Karies: Zehn bis 13 Prozent aller gefundenen Zähne von Erwachsenen wiesen entsprechende Schädigungen auf.
Und ein weiterer anatomischer Wandel ging mit dem Wachstum einher. Knochenuntersuchungen zeigten, dass die Bewohner von Çatalhöyük mit zunehmender Ausdehnung der Siedlung immer mehr zu Fuß unterwegs waren. Die Forscher schließen daraus, dass die Weide- und Ackerflächen im Laufe der Zeit weiter von der ‚Stadt’ wegrückten. ‚Wir glauben, dass die landwirtschaftlich ausgelaugte Umgebung und Klimaveränderungen die Bevölkerung dazu zwang, immer weitere Strecken zurückzulegen, um die Siedlung versorgen zu können’, meint Larsen. ‚Das dürfte letztlich auch zum Niedergang von Çatalhöyük beigetragen haben.“
(Berg 2019)

In der Tat, wir wussten schon, dass Çatal Höyük untergegangen ist! Und zwar aufgrund des dramatischen Klimawandels, der mit der Misox-Schwankung vor 8200 Jahren einher ging, was vor einem Jahr bekannt wurde (Roffet-Salque et al. 2018). Das können wir aber nicht der Matrifokalität anlasten und mit Patrilokalität hat das auch nichts zu tun. Überbevölkerung ist ein relativer Begriff: nachdem über 3000 Jahre lang die neu erworbene Abhängigkeit der Landwirtschaft betreibenden Menschen von günstigem Wetter nicht bemerkt wurde und auch der damit einhergehende Anstieg der Bevölkerung auf eine höheres Niveau kein Problem war, konnten die Menschen aufgrund des plötzlich eintretenden Klimawandels nicht mehr ausreichend ernährt werden. Ohne eine globale Vernetzung, mit welcher Nahrung über Ländergrenzen hinweg geliefert werden kann, gab es keine Kompensationsmöglichkeit, außer der Verlagerung auf tierische Nahrung (Roffet-Salque et al. 2018), was offenbar auch nicht genug war. Die Probleme mit denen Çatal Höyük zu kämpfen hätte, waren daher alles andere als modern.

Wir wissen auch, dass die damals in den Steppen Südrusslands beginnende Tierzucht das erste Patriachat nach sich zog. Es hat viele Klimaflüchtlinge gegeben, die die Tiere in den Steppe trieben (Uhlmann 2019) und die wir als Indoeuropäer kennen. Heute ist die Überbevölkerung ein Dauerproblem, dessen Lösung trotz immer neuer Erfindungen der Hochleistungslandwirtschaft suksessive in immer weitere Ferne rückt. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur eine Bevölkerungsexplosion, sondern es betreibt schweren Raubbau an den Ressourcen, so dass die Tragfähigkeit der Erde bereits überschritten ist.

Wir wussten auch schon lange, dass es erste Zivilisationskrankheiten gab, aber auch das ist nicht der Matrifokalität geschuldet und nimmt sich im Vergleich damit, was das Patriarchat zusätzlich anrichtet, harmlos aus. Allein die Tatsache, dass der Doppel-Hügel 2200 Jahre Bestand hatte, beweist ein weitgehend intaktes Gemeinschaftsleben, ganz so, wie es bisher entdeckt wurde.

Als Jahrzehnte lange, skeptische Beobachterin der Ausgrabung habe ich immer damit gerechnet, dass so etwas kommt, denn ich kenne ja meine Pappenheimer. Die Herrschende Lehre arbeitet schon lange daran, die These von der Matrifokalität Çatal Höyüks zum Einsturz zu bringen, die schon der erste Ausgräber James Mellaart (1961-1964) aufgestellt hatte. Ian Hodder, Grabungsleiter seit 1993, musste feststellen, dass sein mit Schimpf und Schande aus dem Amt geworfener Vorgänger Mellaart mit seinen wesentlichen Aussagen Recht hatte. Es war sicherlich kaum möglich, dies vor der türkischen Regierung zu vertreten und ein kurzzeitiger Grabungsstopp zwischen 2010 und 2012 lässt vermuten, dass dies auch Konsequenzen hatte. Hodder entließ große Teile des Teams, mit der Begründung, „es hätte sich auf seinen Interpretationen ausgeruht, hätte sich nicht gegenseitig herausgefordert oder hätte die Annahmen, die für selbstverständlich gehalten wurden, nicht als Herausforderung gesehen.“ (Balter 2010, meine Übersetzung, meine Hervorhebung. Vgl. auch Farid 2014)

Also Matrifokalität nicht als Herausforderung gesehen? Ein Aufruf zum Kampf gegen das, was nicht sein darf? Was hatte dieses Grabungsteam entdeckt? Hodder fasste es im letzten Grabungsbericht dieses Teams (Archive Report 2010) zusammen:

„Eine weitere neue Perspektive betrifft die soziale Organisation in Çatalhöyük. Wir haben lange angenommen, dass sie ziemlich egalitär war, aber in den letzten Jahren haben wir ‚Geschichtshäuser‘ identifiziert, die mehr Bestattungen enthielten und in Bezug auf Architektur und Installationen aufwändiger waren. Man hätte erwarten können, dass von diesen speziellen Häusern mehr Kontrolle über die Produktion ausging, reichere Bestattungen in ihnen gefunden würden oder gesündere Menschen in ihnen gelebt hätten. Aber je mehr Daten hereinkamen, desto klarer wurde, dass die Geschichtshäuser in keiner Weise etwas Besonderes waren, weder was Bestattungen noch Sorgfalt anging. Dies deutet darauf hin, dass Tendenzen zur sozialen Differenzierung in Çatalhöyük stark gedämpft waren. Von den vielen anderen neuen Erkenntnissen, die aufgelistet werden könnten, möchte ich nur eine weitere erwähnen, nämlich, was das bioarchäologische Team, das an den Skeletten arbeitet, die unter den Stockwerken von Gebäuden ausgegraben wurden, herausgefunden hat. Man hätte erwarten können, dass die Einwohner von Çatalhöyük von schlechter Gesundheit waren. Es wird oft angenommen, dass sich das Wohnen in Großsiedlungen negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirkt. Und in der Tat weist die dichte Ansammlung von Häusern in Çatalhöyük, die von ausgedehnten Abfallzonen umgeben sind, in denen menschliche und tierische Fäkalien gefunden wurden, auf schlechte hygienische Bedingungen hin. Wir wissen auch, dass Ungeziefer weit verbreitet war. Es war also eine Überraschung, dass die Gesundheit der Bewohner bei einer Vielzahl von Untersuchungen tatsächlich gut war. Es scheint so, als hätten sie eine Möglichkeit gefunden, den Unrat zu entsorgen (wir wissen, dass sie den Dreck einebneten und mit Kalkasche bedeckt haben), um die negativen Auswirkungen zu minimieren, und sie haben ihre Häuser peinlichst sauber gehalten. Wir können nicht davon ausgehen, dass sie etwas von Krankheitserregern ahnten, aber ihre Praktiken haben es ihnen ermöglicht, gesund zu bleiben.“
(Hodder 2010, S. 1; meine Übersetzung, meine Hervorhebung)

Diese Beschreibungen passten immer noch sehr gut zu einem Szenario mit hohem kulturellen Standard und Egalität, wie sie nur unter Matrifokalität anzutreffen ist, wo soziale Differenzierung aber nicht aktiv gedämpft werden muss, sondern entsprechend dem angeborenen Sozialverhalten in Sippenverbänden einfach nicht vorkommen kann.

Die am 17. Juni 2019 veröffentlichte Studie stammt nun von einem völlig anderen Team, das – oh Wunder – auch zu völlig anderen Ergebnissen gekommen ist, wie wir oben schon gesehen haben! Mit ihr werden die Ergebnisse, die im Archive Report 2010 veröffentlicht wurden, im Grunde dementiert! Die Arbeit von 17 Jahren für die Mülltonne?

Wie ich bei meinen weiteren Recherchen entdeckte, ist die Studie aber nur die Krönung einer Kette von Studien, die seit 2011 nach und nach erschienen und zunächst von der Presse weitgehend unerwähnt blieben, bis auf eine: Sie trägt den Titel „’Offizielle’ und ‚praktische’ Verwandtschaft: Herleitung der sozialen und der Gemeinschaftstruktur aus dem Zahnphänotyp im neolithischen Çatalhöyük, Türkei (meine Übersetzung, im Original online: “Official” and “practical” kin: Inferring social and community structure from dental phenotype at Neolithic Çatalhöyük, Turkey).
Das Ergebnis der Studie wurde im Online-Magazin Livescience (Jarus 2011) unter dem Titel „Keine Familiengräber, nur Gemeinschaftsbegräbnisse in uralter Siedlung“ (meine Übersetzung, Originaltitel: „No family plots, Just Communal Burials In Ancient Settlement“) vorgestellt. An den Zähnen aus Gräbern in Çatal Höyük konnten keine Merkmale festgestellt werden, mit denen Verwandtschaften hätten nachgewiesen werden können!
Dieses Ergebnis wirkt wie ein Salomonisches Urteil. Es wurden keine Kernfamilien – also Vater, Mutter und Kind – gefunden, aber das tut dem Team nicht weh, denn auf den ersten Blick lässt es auch Matrifokalität unwahrscheinlich erscheinen.

Ian Hodder zeigte sich darüber erstaunt und befand, dass die Bewohner den Wildbeutern ähnlich zusammengelebt haben müssten. Vielleicht tat er das in der Hoffnung, dass sich die Menschen die Steinzeit immer noch als patriarchales Jägerparadies vorstellen, wo Männer mit Keulen die Frauen an den Haaren hinter sich herzogen. Vielleicht war das auch bewusst diplomatisch ausgedrückt. Vielleicht denkt Hodder aber auch bis heute etwas anderes, als das, was er verlauten lässt. Ich hoffe, wir werden es irgendwann erfahren.

Für mich kann es nichts anderes bedeuten, als dass die Menschen von Çatal Höyük wie noch die altsteinzeitlichen Wildbeuter matrifokal gelebt haben müssen, und zwar aus zwei Gründen:

  1.  ist es der Menschheit angeboren, dass Kinder bei ihren Müttern aufwachsen und es ist unwahrscheinlich, dass die Kinder in Çatal Höyük ihren Müttern weggenommen wurden. Zudem sind Mütter natürlicherweise auf die Hilfe ihrer Mütter, Schwestern und Cousinen angewiesen (Großmutter-These, Beise/Voland 2003). Dieses hochsoziale Kontinuum ist das Erfolgsgeheimnis der Menschheit mit ihrer extrem langen Kindheit.
  2. legen patriarchale Familien stets besonderen Wert darauf, wenn möglich zusammen bestattet zu werden. Hintergrund ist, dass der familiäre Zusammenhalt in Patrilinearität in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht werden muss. Die Notwendigkeit dazu ergibt sich aus der Unnatürlichkeit von Patrilinearität, die künstlich und gewaltsam hergestellt werden muss, indem die Mütter in der Familie regelrecht in Geiselhaft genommen werden, wie ich es bereits an anderer Stelle dargestellt habe. Familien sind infolgedessen brüchig und das gilt es zu vertuschen und zu beschönigen. Patrilinearität dient der Legitimation des Vaters und seines Erbes.
    Etwas, das mit so viel Aufwand installiert wurde, wird nicht im Tod ignoriert, sondern zelebriert, um der Patrilinie einen Ort zu geben, wo sie ihre Geschichte hochhalten kann. Etwas Vergleichbares oder bildliche Kunst, die darauf hinweisen könnte, gibt es in Çatal Höyük aber nicht.

Ich vermute, dass Pilloud und Larsen vor allem nachweisen wollten, dass die Kinder mit den älteren Männern engst verwandt waren, sie haben sicher die Väter gesucht, aber ohne Erfolg. Was haben wir da also vor uns? Unter Matrifokalität leben die Onkel mit den Kindern ihrer Schwestern zusammen, aber das lässt sich nicht unbedingt an den Befunden aus der Studie ablesen, es fehlt ein Mitochondrien-DNA-Abgleich (mtDNA). Die Ähnlichkeit der Sippenmitglieder ist unter der gelebten Female choice, wie sie in Matrifokalität selbstverständlich ist, geringer, weil die nur über die Mutter blutsverwandten Sippenmitglieder genetisch voneinander weiter entfernt sind. Die Geschwister haben unterschiedliche Väter. Der Onkel hat damit auch einen anderen Vater als seine Schwester, ist also relativ weit von seinen Nichten und Neffen entfernt, obwohl er ihre mtDNA teilt, die nur über die Mutter vererbt wird. Größere genetische Vielfalt und nicht Endogamie (Inzucht) ist typisch für Matrifokalität! Das ist der entscheidende Unterschied zum Patriarchat, wo immer eifersüchtig darauf geachtet wird, dass eine Frau innerhalb des eigenen patrilinearen Stammes heiratet und monogam lebt. Bei einer Geschwisterehe (wie z.B. bei den ägyptischen Pharaonen) sind dann immer nur zwei Genpools beteiligt, und zwar der des Elternpaares. Unter Matrifokalität wären immer drei Genpools beteiligt, der der Mutter und die der beiden Väter. Aufgrund der chemotaktischen Inzest-Schranke kommt das so gut wie nie vor.
Ob Hodder und sein neues Team dies alles vollständig durchdacht und verstanden haben?

Die Studie gab damals Anlass zur Freude, bestätigte sie doch neuerlich Mellaarts Grundannahme. AutorInnen der Studie waren übrigens die Odontologin Marin A. Pilloud und der Bioarchäologe Clark S. Larson. Larsen gilt als Kapazität und war von 2001-2007 Chefredakteur eben jenes Magazins, in welchem die Studie 2011 veröffentlicht wurde, nämlich dem American Journal of Physical Anthropology! Beide arbeiten seit der Entlassung des alten Teams immer wieder mit Ian Hodder zusammen und gehören auch jetzt wieder zum Studienteam.

Es wurde dann für 8 Jahre ruhig um dieses Thema bis zu jenem 17. Juni 2019. Ich erfuhr von der neuen Studie auf der Facebook-Seite der Zeitschrift Archäologie in Deutschland, wo der entsprechende Artikel der Ohio State News verlinkt war (wofür hiermit gedankt sei!) und mit „Vor 9.000 Jahren, eine Gemeinschaft hatte mit modernen, urbanen Problemen zu kämpfen. Çatalhöyük hatte Schwierigkeiten mit Überbevölkerung, Gewalt und Umweltproblemen“ titelte (meine Übersetzung, Originaltitel).

Mir fiel dabei auch besonders der folgende Satz auf:

„Die Form der Verletzungen lässt darauf schließen, dass harte, runde Objekte auf die Schädel eingewirkt hatten – und Lehmkugeln in der richtigen Größe wurden ebenfalls gefunden.“
(Grabmeier 2019, meine Übersetzung)

Da erinnerte ich mich wieder, dass ja diese Lehmkugeln schon in den Neunziger Jahren gefunden worden waren, genauer gesagt Tausende davon! Aufgrund fehlender Anzeichen für Gewalt waren sie ein Rätsel, aber das verschwieg die neue Studie. Sie wurden damals nur von manchen als Schleuergeschosse angesehen, auch als Sportgeräte konnte man sie sich vorstellen, besonders aber als Kochgeräte:

„Wir sind nicht wirklich sicher, wofür sie benutzt wurden. Wir denken, sie könnten etwas mit dem Kochen zu tun haben. Denn sie wurden mit Ascheresten gefunden. Hier können Sie Asche und Kohle sehen, die wahrscheinlich von dem Feuer kamen.“
(Roddy Reagan in SMM 2003, meine Übersetzung)

Die Archäologin Sonya Atalay wurde damals mit der Untersuchung der Kugeln betraut, die sie in 3 Kategorien einteilen konnte: Balloide, Minibälle und sogar „komisch“ geformt, dies alles in den unterschiedlichsten Größen.

Lehmkugel aus Catal Höyük - Bildquelle: https://www.smm.org
Bildquelle: https://www.smm.org/

Nun also sollen sie Wurfgeschosse sein, mit denen sich die Bewohner gegenseitig bewarfen und verletzten. Eine sehr steile These, denn es wurden der Studie zufolge auch nur geheilte Schädelverletzungen gefunden! Niemand wurde offenbar mit einem Stoß an den Kopf umgebracht!

Ich könnte mir aufgrund ihrer Menge vorstellen, dass die Lehmkugeln als Bettwärmer dienten. Denn die Winter waren kalt, so dass die Dachöffnungen sicherlich nachts geschlossen werden mussten und es daher nicht möglich war, nachts ein Feuer brennen zu lassen. Auf den Abbildungen sieht man, dass sie in den Häusern nicht wild herum lagen, sondern in Clustern ordentlich abgelegt waren. Sie könnten zum Aufheizen in die Feuer gelegt worden sein, was die Brandspuren erklärt. Sowohl für diesen Zweck als auch als Wurfgeschoss hätten die BewohnerInnen genauso gut Steine nehmen können, haben sie aber nicht!

Die Schädelverletzungen insbesondere bei Frauen ließen sich auch ganz anders erklären, z.B. mit Stürzen von den zahllosen Leitern, über die die Häuser betreten werden mussten. Auch die begehbaren Dächer dürften öfter nachgegeben haben, denn sie waren nur von lehmverstärkten Flechtwerk abgedeckt. Sicherlich hatten die Frauen bereits damals eine größere Arbeitsbelastung und mussten über die Leitern schwere Lasten in die Häuser tragen. Dass dabei viel passieren konnte, sollte kein Wunder sein, ebenso wie das damit verbundene hohe Infektionsrisiko. Dass nach einer Dürre hungernde Menschen geringere Abwehrkräfte haben, ist auch nichts Neues, ebenso, dass sie aufgrund der allgemeinen Schwäche sich häufiger verletzten konnten. Dass die Frauen ihre Schädel-Verletzungen überlebten, zeugt aber dennoch von einer großen Fürsorge und auch einer gewissen Erfahrung, wie Wundinfektionen einzudämmen sind. Auch die allgemeine Karies-Rate von nur 10-13% zeugt von Wissen, dass und wie Zähne zu pflegen sind. Der Vergleich mit der Gegenwart zeigt, dass Larsen auch hier dramatisiert: Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung der deutschen Zahnärzte hatte vor vierzig Jahren jeder Jugendliche im Schnitt sieben Zähne, die an Karies erkrankt waren. Gehen wir mal von 28 sichtbaren bleibenden Zähnen aus, ist das eine Rate von 25%, im Laufe des Lebens kamen dann noch die meisten anderen Zähne dazu. Viele Menschen tragen heute Vollprothesen, und das, obwohl vor 40 Jahren bereits eine Erziehung zur Zahnpflege erfolgte und Fluorzahnpasten die Regel waren!

Çatal Höyük war bei weitem nicht so ein gruseliger Ort, wie er jetzt hingestellt werden soll! Noch am gleichen Tag begann ich damit, der Sache nachzugehen. Ich besorge mir natürlich immer die Originalstudien. Am von der Presse verlinkten Ort des peer-reviewten Magazins PNAS  befindet sich jedoch eine Bezahlschranke (Paywall), und wir können nur das Abstract lesen. Eine kostenlose Version müssen wir uns über die Suchmaschine unserer Wahl suchen und glücklicherweise werden wir auch sofort fündig.

Ich fand die wesentlichen Aussagen von der Presse gut wiedergegeben. Die Sache mit den Schädelverletzungen (vgl. oben) haben sie wie folgt ausgeführt:

„Die Gemeinschaft von Çatalhöyük zeigt ein erhöhtes Maß an zwischenmenschlicher Gewalt, das durch geheilte Schädel-Depressionsfrakturen bei 25 Personen der Stichprobe von 93 Schädeln dargestellt wird (…) Insgesamt sind etwas mehr Frauen als Männer betroffen (13 gegenüber 10 bei Schädeln mit eindeutiger Geschlechtsidentifikation). Zwölf der 93 (13%) waren Mehrfachverletzte, die sich im Laufe der Zeit 2 bis 5 Verletzungen zugezogen hatten. Diejenigen mit den meisten Wiederverletzungen sind erwachsene Frauen.“ (Larsen et al. 2019, S. 7, meine Übersetzung)

Sie haben es also fertig gebracht 93 Schädel in die Studie aufzunehmen, von denen bei manchen das Geschlecht gar nicht festzustellen ist! So wird es simpel möglich zu behaupten, dass etwas mehr Frauen betroffen sind. Das Ergebnis bedeutet nicht, dass mindestens 7 Frauen Mehrfachverletzte waren, sondern unter den 12 Mehrfachverletzten waren mehr Frauen, die besonders viele Verletzungen erlitten, es können also auch weniger als 6 gewesen sein. Eine einfache Liste hätte geholfen, die Sache klar und deutlich zu machen, aber sie verstecken ihren Befund hinter unklaren Formulierungen! Leider fehlen auch jegliche Fotos von diesen Verletzungen.

Ein äußerst bedeutender Absatz der Original-Studie jedoch wird erstaunlicherweise in der Presse weggelassen:

„Auf einer größeren regionalen Skala zeigt die Analyse der phänotypischen Variationen der Zähne aus Çatalhöyük und von zwei anderen zentralanatolischen neolithischen Gemeinschaften – Aşıklı Höyük und Musular – eine allgemeine Ähnlichkeit, was auf eine regional enger verwurzelte Variation hindeutet (60). Darüber hinaus gibt es in Çatalhöyük bei Männern ein Muster geringerer Unterschiede im dentalen Phänotyp als bei Frauen, das die Wahrscheinlichkeit eines patrilokalen, ehelichen Aufenthalts dokumentiert (61) und was Auswirkungen auf Personenbewegungen, Muster des Genflusses und die Strukturierung der Bevölkerung hat, basierend auf Frauen, die in die Gemeinschaft ziehen“. (Larsen et al. 2019; meine Übersetzung, meine Hervorhebung)

Dies bedeutet, dass nun ein Patriarchat – und damit Familien – für wahrscheinlich gehalten wird. Das ist natürlich ein noch größerer Paukenschlag! Und dem musste weiter nachgegangen werden…

Die beiden Literaturangaben beziehen sich auf 60 = Pilloud et al. 2018 und 61 = Königsberg 1988. Letztere beschreibt eine schon 30 Jahre alte Methode zur Interpretation von Messdaten, die anhand von Schädeln nordamerikanischer Indianer entwickelt wurde und bis in die Gegenwart Anwendung findet. Ersteres aber ist brisant. Marin A. Pilloud, Clark S. Larsen und Kollegen hatten im Jahre 2018 an der jährlichen Konferenz der American Association of Physical Anthropologists teilgenommen und die obige Literaturangabe bezieht sich auf ein Poster (von zweien), das anlässlich der Konferenz gestaltet wurde und bei Google Scholar verlinkt ist, sowie auf ein Abstract, das in einem Beiheft des American Journal of Physical Anthropology abgedruckt ist.

Zur Fragestellung findet sich auf dem Poster aber lediglich folgende Angabe:

“Frühere Analysen der Zahnmorphology und Maße (Aşıklı Höyük, Musular, and Çatalhöyük) weisen darauf hin, dass eine patrilokale, eheliche Residenzpraxis betrieben wurde (Pilloud 2013), was sich auf die räumlichen Bewegungen von Menschen und die Entwicklung strukturierter Gesellschaften im Laufe der Zeit auswirkt.“
(Pilloud et al. 2018, meine Übersetzung)

Die Studie von 2019 beruft sich also auf ein Poster, welches nur plakative Angaben macht und sich damit wiederum auf eine andere Quelle, und zwar von 2013 beruft, die wir uns natürlich wieder beschaffen müssen! Die Quelle ist Marin A. Pilloud, diesmal ganz alleine, die uns schon aus dem Jahre 2011 bekannt ist als diejenige, die keine Familiengräber finden konnte! Nach der Quellenangabe „S. 221-222“ waren zwei DINA4 Seiten zu erwarten. Das erstaunte mich doch sehr und dem bin ich weiter nachgegangen, erwartete ich doch eigentlich, nun endlich eine groß angelegte Studie mit Aussagen über die Zahl, das Geschlecht, den Fundort, Erhaltungszustand etc. der Zähne und Angaben über die verwendeten Methoden zu finden. Leider (oder natürlich?) ist diese Quelle nicht im Internet abrufbar.

Also habe ich meinen Universitätsbibliotheks-Account geöffnet und in der GBV-Fernleihe-Datenbank danach gesucht. Die betreffende Zeitschrift ist bei mir vor Ort nur bis zum Jahrgang 1999 einsehbar, lässt sich jedoch über Fernleihe bestellen. Dies funktionierte aber nicht und lieferte die Meldung zurück, dass ich das Heft ja in meiner Bibliothek einsehen könne. Darum musste ich mich persönlich auf den Weg in die Bibliothek machen, um das Problem dort einer Fachkraft vorzutragen. Es handele sich um einen nicht seltenen Fehler und ich könne es in der Fernleihstelle per Email melden, wo man mir helfen würde. Tatsächlich wurde der gesuchte Artikel nach ein paar Tagen von der Staatsbibliothek Berlin nach Braunschweig gesendet, der Fehler konnte aber nicht behoben werden. Die Dame am Ausleiheschalter, die ja einiges gewohnt ist, meinte „oh, das ist aber dünn“ und händigte mir drei zusammengetackerte DINA4-Seiten aus. Seite 1 war das Deckblatt der Bibliothek. Seite 2 und 3 waren die Kopien mit dem Artikel. Jedoch – die Seiten waren 3-spaltig aufgebaut und der gesuchte Text begann auf Seite 2 erst in Spalte 3 ganz unten, letzte 8 Zeilen, und endete schon wieder auf Seite 3 in der Mitte der Spalte 1. Da hat Pilloud aber „Glück“ gehabt, dass der Text, der locker auf einer Postkarte Platz gefunden hätte, nicht nur auf Seite 3 abgedruckt wurde!

Der Kürze und Brisanz wegen kann bzw. muss ich hier den gesamten Text zitieren:

Eheliche Residenz im neolithischen Anatolien.
MARIN A. Pilloud. Central Identification Laboratory, Joint POW / MIA Accounting Command.
Die neolithische Anlage von Çatalhöyük, Türkei (7400-5600 cal BC) ist bekannt für eine Bilderwelt mit weiblicher Symbolik, die dort entdeckt wurde, darunter die sogenannten Göttin-Figurinen. Das Vorhandensein solcher Artefakte hat einige Forscher zu dem Schluss geführt, dass in Çatalhöyük eine Art Fruchtbarkeitskult mit dem Weiblichen als zentraler Figur betrieben wurde. Diese Art der Verehrung gepaart mit der Tatsache, dass Çatalhöyük ein frühes Zentrum der Landwirtschaft war, führte andere zu der Argumention, dass Çatalhöyük eine matriarchale Gesellschaft gewesen sei. Jedoch, archäologische Untersuchungen des Ortes haben gezeigt, dass zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Ernährung, Aktivitäten und Bestattung sehr wenig Unterschied besteht. Die vorliegende Studie prüft die Hypothese einer weiblich zentrierten Gesellschaft mittels einer Analyse des ehelichen Wohnsitzes basierend auf der Zahn-Metrik und -Morphologie. Die Daten wurden an erwachsenen Gebissen aus Çatalhöyük sowie zwei weiteren neolithischen Stätten in Anatolien, Aşıklı Höyük und Musular, gesammelt. Die Daten von Männern und Frauen wurden innerhalb von Çatalhöyük verglichen sowie zwischen den drei neolithischen Standorten, um die phänotypische Variation der Zähne zu bewerten.
Innerhalb Çatalhöyük zeigen Varianz-Unterschiede in Bezug auf eine Variable, dass die Frauen mehr Variation in der Zahngröße aufweisen als die Männer. Zwischen den drei Standorten zeigten Tests in Bezug auf eine Variable, der Zahngröße, große Unterschiede bei den Männern, während die Frauen sehr ähnlich waren. Die Zahn-Morphologie identifizierte wenige Unterschiede sowohl innerhalb von Çatalhöyük als auch zwischen den drei Standorten für Mann oder Frau. Basierend auf diesen Ergebnissen scheint es, dass die Frauen das mobilere Geschlecht waren, was mit der Erwartung einer patrilokalen Gesellschaft in Einklang steht.
Gefördert durch Zuschüsse von der Ohio State University, American Research Institute in der Türkei und National Geographic.“
(Pilloud 2013, S. 221f, meine Übersetzung)

Was sagt uns das? Erst einmal gibt es wieder Grund zur Freude: Unbeabsichtigt hat Marin A. Pilloud ihrer Logik nach den Nachweis geführt, dass die Menschen von Aşıklı Höyük und Musular deutlich matrilokal gelebt haben müssen. Größere Ähnlichkeit der Zähne der Männer innerhalb eines Ortes und geringere Ähnlichkeit in einem weiteren Raum bedeutet, dass die Männer ortstreu seien, also patrilokal heiraten, aber nur, wenn für die Frauen etwas anderes festgestellt wird. Das war an diesen beiden Orten NICHT der Fall. Auch in Çatal Höyük war das nur für die Zahngröße festgestellt worden, nicht aber für die Form, die Morphologie der Zähne! In der Studie von 2019 wird aber behauptet – ich wiederhole: „Darüber hinaus gibt es in Çatal Höyük bei Männern ein Muster geringerer Unterschiede im dentalen Phänotyp als bei Frauen, das die Wahrscheinlichkeit eines patrilokalen, ehelichen Aufenthalts dokumentiert“ (Larsen et al. 2019, m.Ü., m.H.) Im Poster wird sogar behauptet – ich wiederhole: “Vorherige Analysen der Morphology und Maße der Zähne (Aşıklı Höyük, Musular and Çatalhöyük) deuten an, dass eine patrilokale, eheliche Residenzpraxis betrieben wurde (Pilloud 2013), welche Auswirkungen auf die Bewegungen über den Raum und die Entwicklungen strukturierter Gesellschaften im Laufe der Zeit hatte.“ (Pilloud et al. 2018, m.Ü., m.H.)

Es sind in Çatal Höyük nur Unterschiede in der GRÖSSE gefunden worden und an den anderen neolithischen Orten nicht einmal das! Für das viel bedeutendere Kriterium, nämlich die FORM, weist Çatal Höyük nur wenige, das heißt keine signifikaten Unterschiede auf! Damit handelt es sich hier um eine Falschaussage in dem Poster von 2018 und um eine Übertreibung („phänotypisch“) in der Studie vom 17. Juni 2019!

Da dem Text von Pilloud 2013 keine Tabellen beiliegen, dürfen wir uns fragen, nach welchen Kriterien die Zähne ausgesucht wurden. Wo wurden sie z.B. gefunden? Dazu keinerlei Angabe, auch nicht zur Anzahl der untersuchten Individuen!

Marin A. Pilloud schreibt von „sog. Göttinnen-Figurinen“, was bereits eine klare, ideologische Absage an Marija Gimbutas und James Mellaart ist, und schlimmer noch, sie wischt mit einem rhetorischen Schachzug Matrifokalität vom Tisch, in dem sie von einem Matriarchat im Sinne von Frauenherrschaft, also von Ungleichheit spricht, von der insbesondere aber Marija Gimbutas nie gesprochen hat! Dass Matrifokalität die einzige Lebensform ist, die echte Egalität ermöglicht, weiß Pilloud entweder nicht, oder sie WILL es nicht wissen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, und das habe ich leider erst jetzt bemerkt, dass sie zum Zeitpunkt dieser „Untersuchung“ und insgesamt vier Jahre für das US-Verteidigungsministerium (Central Identification Laboratory, Joint POW / MIA Accounting Command) gearbeitet hat, dessen erzpatriarchale Gesinnung wir nicht ausführen müssen.

Weil leider nicht immer nur Wissen erschaffen, sondern auch Wissen vorgetäuscht wird, hat die Wissenschaftsethik hat 12 zu erfüllende Kriterien aufgestellt. Dies sind
1. Ehrlichkeit
2. Objektivität
3. Überprüfbarkeit
4. Reliabilität
5. Validität
6. Verständlichkeit
7. Relevanz
8. Logische Argumentation
9. Originalität
10. Nachvollziehbarkeit
11. Fairness
12. Verantwortung
(FH DO 2011, S. 15, online, im PDF S. 3)

Menschen können sich auch irren, nicht nur JournalistInnen, auch ArchäologInnen stehen unter Druck. Einerseits müssen sie sensationelle Ergebnisse vorweisen, um Geld für den Fortgang einer Grabung einfordern zu können, andererseits sind die Geldgeber und Archäologen daran interessiert, dass die Grabungsergebnisse ihr Weltbild bestätigen, das ja immer ein patriarchales ist. Insbesondere die Grabungsgeschichte von Çatal Höyük, das in der Zentral-Türkei gelegen ist, ist ein Beispiel dafür, wie schnell eine Grabung für beendet erklärt wird und missliebige Archäologen entfernt werden. Ein anderes Beispiel ist die Ausgrabung in Ephesus, wo dem österreichischen Team im Jahre 2016 aus politischen Gründen die Grabungslizenz entzogen wurde (Sciene ORF 2018). Aber das nur am Rande.

Das Poster Pilloud et al. 2018 wirft damit noch weitere Fragen auf.

  1. Unter „Materialien und Methoden“ wird die Tabelle 2, die nur Daten aus Aşıklı Höyük, Musular and Çatal Höyük enthält, falsch zugeordnet: „Data were collected on nuDNA from a subset of Individuals from Boncuklu und Tepecik-Çiftlik (Table 2).“ Die Daten zur nuDNA befinden sich jedoch in „Figure 3“. Ein einfacher Schreibfehler ist das nicht, sondern bereits Nachlässigkeit, und dies auf einem kleinen Poster, das eine Aussage von erheblicher Tragweite trifft. Der Satz lässt ein zweites Mal aufmerken. Denn die Überschrift des Posters lautet „Mobility in Neolithic Central Anatolia: A Comparison of Dental Morphometrics and aDNA“. Aber die Untersuchung der Zähne aus Çatal Höyük wurde NICHT durch eine DNA-Untersuchung abgesichert! Dies ist in gewisser Weise eine manipulative Gestaltung der Studie und ihrer Überschrift.
  2. Das Poster enthält insgesamt 3 Tabellen und eine Figur, die möglicherweise schon 2013 von Marin A. Pilloud produziert worden sind. Hat es 4 Jahre gedauert, bis das Forscherteam, zu dem wieder Marin A. Pilloud gehörte, damit auf eine Konferenz gegangen ist? Das Poster erweckt aber den Eindruck, als seien es völlig neue Daten. Aber waren die Daten vielleicht noch so wenig aussagekräftig, dass sie weiter verwertet werden mussten oder gibt es einen anderen Grund? Denn das vorliegende Poster soll primär etwas anderes zum Ausdruck bringen. Wir lesen dort als Ergebnis (das ich abschreiben musste, weil das PDF des Posters kopiergeschützt ist):

    „Diese Ergebnisse legen die regionale Entwicklung von Gemeinschaften nahe, die im Laufe der Zeit begannen, miteinander zu interagieren, was schließlich zu größeren dörflichen Siedlungen führte.“
    (Pilloud et al. 2018; meine Übersetzung, meine Hervorhebung)

Pillouds „Studie“ von 2013 hat, das zeigen nun diese Tabellen im Poster von 2018 (wenn es tatsächlich diejenigen sind!), große Schwächen, von der Tatsache abgesehen, dass allein das Kriterium der Zahngröße zur der brisanten Aussage herangezogen werden konnte. Da ist schon einmal die geringe Anzahl und das ungleiche Geschlechterverhältnis der untersuchten Individuen. Um Residenzregeln zu beweisen, müssen gleich viele Männer wie Frauen untersucht werden. (Dieser Fehler wurde schon bei den Untersuchungen am bandkeramischen Massaker von Talheim/Neckar gemacht, wo die Archäologin Ursula Eisenhauer ebenfalls Patrilokalität nachzuweisen versuchte, was ich ebenfalls entkräften konnte; vgl. Uhlmann 2012).
Aber es wurden hier 56 Männer und 67 Frauen (Verhältnis 0,84) untersucht. Dass bei mehr Frauen auch mehr Unterschiede festgestellt werden, sollte uns nicht wundern. In Aşıklı Höyük wurden 11 Männer und 14 Frauen (Verhältnis 0,79) und nur in Musular gleich viele, jedoch nur 3 Männer und 3 Frauen untersucht und hier wurden auch die geringsten Unterschiede gefunden!
Wir erfahren wie gesagt auch nichts darüber, an welchen Stellen die Zähne gefunden wurden, denn Çatal Höyük ist viel größer als Aşıklı Höyük und Musular! Durch gezielte Auswahl von weiblichen Zähnen an unterschiedlichen Orten, wäre das Ergebnis leicht zu manipulieren gewesen. Wir erfahren auch nichts über das mutmaßliche Alter der „Frauen“ zum Todeszeitpunkt und den Erhaltungszustand im Vergleich der Zähne untereinander. Auch Fotos wären anschaulich gewesen.

Der verwendete Datensatz ist leider auch nicht identisch mit dem aus der Studie von Pilloud/Larsen 2011, bei der keine Familiengräber gefunden wurden. 2011 wurden 266 Individuen einbezogen, 2013 offenbar (wenn die Tabelle im Poster von 2017 tatsächlich aus dem Jahre 2013 stammt) nur 256. Als Untermauerung einer so schwerwiegenden Aussage ist diese Quelle Pilloud 2013 völlig ungeeignet und hat, obwohl auch sie in dem sog. peer-reviewten Fachmagazin „American Journal of Physical Anthropology“ veröffentlicht wurde, lediglich den Wert einer Zeitungsmeldung.

Werfen wir noch einen Blick auf das 2. Poster (Philbin/Pilloud 2018), das auf der Konferenz präsentiert wurde. Es geht darin wieder um Zahn-Untersuchungen aus den gleichen Orten, nur Tepecik-Çiftlik fehlt. Die AutorInnen sind diesmal Casey S. Philbin und Marin A. Pilloud. Sie betonen in der rechten Seitenspalte, dass Clark S. Larsen Einfluss auf die Studie genommen hat. Es wurden zwei Hypothesen überprüft. 1. die neolithischen Gemeinschaften entwickelten sich regional, und 2. während des jüngeren Neolithikums gab es verstärkten Kontakt zwischen den Siedlungen und einen Genfluss. Im Ergebnis hätte sich beides bestätigt, alle Orte hätten an Diversität zugenommen. Die Zunahme an Merkmalen deute auf eine Zunahme der Komplexität der Gemeinschaft hin. Die Studie diene dem Verständnis, wie sich die Sesshaftigkeit über Europa ausgebreitet hatte, mit Anatolien als führender Rolle.
Diesmal wurde kein Augenmerk auf das Geschlecht der untersuchten Individuen gelegt. Aus Çatal Höyük wurden deutlich weniger Zähne ausgewertet, nämlich nur 137, während die Anzahl aus Aşıklı Höyük mit 39 etwas mehr war und Musular mit 7 gleich blieb. Diese DNA-Untersuchungen können also keine Patrilokalität beweisen, lediglich die Vermischung der Gene in der Region, was ja auch erwartet war.

Wir können daraus ablesen, dass Çatal Höyük eine starke Anziehungskraft ausübte. Die Sogwirkung beweist, dass Çatal Höyük über einen sehr langen Zeitraum nicht so unwirtlich und so gewalttätig gewesen sein kann, die es Larsen am 17. Juni 2019 verlauten ließ.
Die Sogwirkung allein dem massenhaften Zuzug von Ehefrauen zuzuschreiben, ist nicht haltbar, auch hätte es dann vor Ort einen permanenten Männerüberschuß, also einen Heiratsmarkt, geben haben müssen, wenn die Männer nicht polygam gelebt haben. Das wiederum dürfte angesichts der Bildsprache der Rauminstallationen in den Häusern kaum der Fall gewesen sein. Im Gegenteil, die Menge verbauter Bukranien (Rindergehörne), die wenn sie denn tatsächlich männliche Tiere bzw. Männer repräsentieren, ist deutlich größer als die Zahl der Frauenfiguren, neben denen sie angeordnet sind. Ich würde sie eher als Symbole der vielen Liebhaber einer Mutter ansehen. Es ist nachvollziehbar, dass die zugezogenen Frauen ihre Liebhaber vor Ort ausgewählt und getauscht haben. Aber deswegen muss frau ja nicht gleich heiraten, wie es so schön heißt!

Catal Hüyük EL
Installation aus Çatal Höyük: Oben Urmutter in Gebärhaltung, unten Bukranien. Neben dem Ofen erkennen wir Lehmkugeln.
Rekonstruktion im Museum of Anatolian Civilizations, Ankara
Bildquelle: Wikimedia Commons

Es dürfte sich daher um den Zuzug ganzer Sippen oder Teilen von Sippen gehandelt haben, wobei vor allem die Frauen es attraktiv fanden, fortan in der Metropole zu wohnen und die Zuwanderung auch der Männer massgeblich vorantrieben. Es müssen sich daraus Vorteile für sie selbst ergeben haben, u.a., auf den ersten Blick, eine größere Auswahl an Männern. Natürlich kann so der Eindruck entstehen, es hätte sich um patrilokale Familienbeziehungen gehandelt. Mangelnde Vorstellungskraft und Rückwärtsprojektion patriarchaler Verhältnisse führen zu solchen Verlautbarungen. Auf der Basis der Beobachtung, dass in patriarchalen Gesellschaften darauf geachtet wird, dass Familienmitglieder gemeinsam bestattet werden, gehen Hodder, Larsen und Pilloud davon aus, dass von der Art der Bestattung auf die des sozialen Zusammenlebens geschlossen werden kann. Bei matrifokalen Gemeinschaften ist das aber nicht so einfach. So wissen wir aus dem matrilinearen Völkern in Amerika, Afrika und Asien, dass die Kinder oft gar nicht wissen, welche Frau ihre eigene Mutter ist (Tazi-Preve 2017, S. 155f und 2018). Es gibt dann kein Wort für Tante, sondern nur das Wort Mutter.

Çatal Höyük war keine Ansammlung von Parallelgesellschaften, sondern ein echter Schmelztiegel. Wir können davon ausgehen, dass die Kinder auch von Nachbarsippen mitbetreut wurden und, wenn ein Kind Waise, also mutterlos wurde, nahtlos von anderen Sippen adoptiert wurde, was aus psychologischer Sicht sicher hilfreich war. Vielleicht war ja genau das der größte Vorteil, den Kinder dort hatten, dies in der Zeit des Hungers nach der Misox-Schwankung. In großen sesshaften, matrifokalen Gemeinschaften ist demnach gar nicht zu erwarten, dass die mütterlichen Linien beieinander bestattet sind. Für altsteinzeitliche, nichtsesshafte Wildbeutergruppen dürfte dies anders gewesen sein, da die Gruppen wesentlich kleiner waren, nur aus einer Sippe bestehend, mit ca. 80-120 Personen und nicht wie in Çatal Höyük mit mehreren Tausend.

Catal Hüyük Restauration
Raum aus Çatal Höyük: Unter den Schlaf-Plattformen wurden die Angehörigen bestattet. Rekonstruktion im Museum of Anatolian Civilizations, Ankara
Bildquelle: Wikimedia Commons

Bei meiner Recherche entdeckte ich eine weitere 2019 erschienene, wesentlich nüchternere (und auch frei im Internet abrufbare) Studie eines völlig anderen Teams polnischer, tschechischer, schwedischer und türkischer BiologInnen und ArchäologInnen. Sie untersuchten 4 benachbarte Häuser in Çatal Höyük aus der sog. Mellaart-Phase VI A und konnten dort insgesamt 10 verschiedene Mitochondrien-DNAs (mtDNA) identifizieren, also im Schnitt 2,5 mtDNAs pro Haus. Insgesamt wurden 37 Individuen untersucht, und zwar zehn aus Gebäude 96, sechs aus Gebäude 97, fünf aus Gebäude 89, und 16 aus Gebäude 80, wo nebenbei erwähnt besonders viele Installationen gefunden wurden.
Davon waren viele Proben kontaminiert, so dass am Ende nur 10 Individuen berücksichtigt werden konnten. Es waren 5 Kinder und 5 Erwachsene. Es konnten nur 3 weibliche Individuen eindeutig indentifiziert werden, davon zwei Kinder. Nach der DNA konnte kein Mann zweifelsfrei identifiziert werden, nach der Morphologie ist vermutlich nur ein Mann dabei.
Keine der mtDNAs kam in ein und demselben Haus mehrfach vor, aber in den 4 benachbarten Häusern fanden sich VertreterInnen von insgesamt 6 „Lineagen“ (U, K, H, W, N und X), die aber zu 10 verschiedenen Haplotypen gehörten. Alle Erwachsenen gehörten unterschiedlichen „Lineagen“ an.
Im Gebäude 96 wurden eine Frau und 3 Kinder gefunden, die keine Verwandten ersten Grades waren. Dies wird wie folgt interpretiert:

“Der Fall der im Gebäude 96 begrabenen Personen ist besonders interessant, da vier verschiedene mitochondriale Haplotypen darauf hindeuten, dass mindestens vier verschiedene mütterliche Abstammungslinien in der Gruppe der Personen vorlagen, die in diesem bestimmten Haus beigesetzt wurden. Eine derart hohe Variabilität mitochondrialer Haplogruppen in einer Verwandtschaftsgruppe, insbesondere bei Kindern und Frauen, könnte durch die Patrilokalität erklärt werden. Unter der Annahme, dass das Haus als für Çatal Höyük typische Struktur für 3-4 Generationen bewohnt war (…) und von einer matrilokalen oder bilateralen biologischen Verwandtschaftsgruppe bewohnt wurde, ist die Möglichkeit unplausibel, vier Individuen zu finden, die unterschiedliche mütterliche Abstammungslinien repräsentieren und die in Geschlecht und Alter zusammen passen. Zur Untermauerung dieser Interpretation sollten jedoch entweder die väterlichen Abstammungslinien analysiert werden, die in den Y-Chromosomen-Daten widergespiegelt sind, oder es ist eine genaue Schätzung der Größe der betreffenden Verwandtschaftsgruppe erforderlich. Da das Gebäude 96 nicht vollständig ausgegraben wurde (…), wurden bisher nur zehn Personen freigelegt. Es ist nicht auszuschließen, dass sich noch mehr Verstorbene unter seinem Boden befinden.“
(Chyleʼnski et al. 2019, S. 8)

Die Ergebnisse passen natürlich gut zu der ersten Studie Pilloud/Larsen 2011 und es fällt wohltuend auf, dass erwähnt wird, dass die Ergebnisse mit den Daten der Y-Chromosomen abgesichert werden müssen und zudem die Zahl der Untersuchten unvollständig ist.
Nicht ausschließlich Patrilokalität, mit der sich ja Marin A. Pilloud viel zu weit aus dem Fenster lehnt, sondern auch andere Arten des Zusammenlebens werden erwogen, z.B. wird auch ein Vergleich mit den Pueblo Nordamerikas angestellt. Dass die Pueblo matrifokal waren, wird allerdings unterschlagen! Die Siedlungen der Pueblo dienten immer wieder als Vorbild bei der Rekonstruktion des Siedlungshügels.

PSM V41 D825 Terrace houses of the pueblo indians in new mexico
Pueblo-Terrassenhäuser in New Mexiko
Bildquelle: Wikimedia Commons

Es wird auch überhaupt nicht in Betracht gezogen, dass Adoptionen häufig vorgekommen sein müssen. Wichtig ist aber der Hinweis, dass es in Tepecik-Çiftlik und Boncuklu Höyük starke Indizien für mitochondriale Verwandtschaft gibt. Auch das legt nahe, dass diese Orte noch keine Metropolen waren, sondern matrilinear gewachsene, geschlossene Gemeinschaften. Insbesondere Boncuklu Höyük wird als einer der genetischen Ursprungsorte Çatal Höyüks vermutet (Chyleʼnski et al. 2019, S. 9).

Matrilokalität und Matrilinearität ist unser angeborenes Sozialverhalten. Patrilokalität und Patrilinearität, also Patriarchat, ist keine natürliche Option für den Menschen, sondern es gibt dafür immer einen unnatürlichen Grund, und zwar wirtschaftlicher Art, und es ist natürlich nicht egalitär. Die Entstehung eines Patriarchats ist an die Tierzucht in Herdenhaltung gebunden, und dafür gibt es in Çatal Höyük keine Anzeichen, lediglich Tierhaltung im kleinen Rahmen und Jagd sind belegt. Daher ist plausibel, dass die BewohnerInnen ihre gewohnte Freiheit weiterlebten, nachdem sie in Çatal Höyük angekommen waren. Çatal Höyük kann als Beleg dafür herangezogen werden, dass Matrifokalität zu größerer Toleranz unter Fremden und zu starker Gemeinschaft führen kann. Es spricht vor allem auch für meine These, dass matrifokal aufwachsende Kinder sich ihre wichtigsten Bezugspersonen selbst suchen und selber wissen, was und wen sie brauchen.

Eine archäologische Stätte, die derart bedeutend für die Menschheit ist, weil sie die Überreste unseres matrifokalen Erbes bewahrt, sollte, wie jeder andere Forschungsgegenstand auch verantwortungsvoll erforscht werden. Verantwortung ist in einer Zeit von wieder erstarkender patriarchaler Ideologie ein immer wichtigeres wissenschaftsethisches Kriterium.

Literatur

 

 

Gar nicht einfach. Die Vaterschaft als Erklärung für alle menschengemachten Probleme.

Die Existenz des Patriarchats zu erkennen, ist das eine. Nicht nur Frauen rund um den Erdball leiden. Aber nur die mutigsten unter den Frauen haben ihre Stimme erhoben und seitdem hat sich zumindest in der westlich geprägten Welt einiges verändert. Der Ruf nach Gleichberechtigung wird immer öfter laut und oft auch gehört. Der Wille scheint da zu sein. Jungen Frauen wird nun vermittelt, die Welt stünde ihnen offen. Wir erleben trotzdem gerade einen gewalttätigen Backlash, der vielen ein Rätsel ist: Von Gewalt und Bedrohung durch Armut sind auch berufstätige und gebildete Frauen betroffen, insbesondere die häusliche Gewalt nimmt zu.

Eigenes Geld zu haben, das hielten Frauen für den Inbegriff der Freiheit. Bildung und finanzielle Gleichstellung galt als Königsweg aus dem Patriarchat. Es war ein Irrtum. Denn beides sind nur Zugeständnisse, die nicht nur jederzeit zurückgenommen werden können, sondern auch nicht am Fundament des Patriarchats rütteln. Das haben viele westliche Männer mittlerweile erleichtert wahrgenommen und der Widerstand gegen den Mainstream-Feminismus schwindet. Jubel und Bewunderung sind ihnen sicher, wenn sie Freiheit und Gerechtigkeit für Frauen fordern und sich sogar als Feministen bezeichnen. Die Sache ist weniger heldenhaft als sie aussieht. Jeder noch so liebe Ehemann oder Vater ist kraft des Gesetzes ein Patriarch. Erst die Trennung von der Mutter der gemeinsamen Kinder oder ihre „Untreue“ wird zur Nagelprobe für ihn und seine hehren Verlautbarungen.

Männer profitieren nun also ganz erheblich von der Berufstätigkeit der Frau. Die angebliche Befreiung der Frau ist im Grunde eine Befreiung der Männer von der finanziellen Verantwortung als Partner, Ehemann und Vater, die eigentlich von ihnen getragen werden muss, da sie die Macht gar nicht aus den Händen gegeben haben! Schon die sog. Sexuelle Befreiung hatte sich bald als Mogelpackung erwiesen. An der Gewalt der Männer hat sich trotz aller Maßnahmen nichts zum Guten geändert.

Mit Gewalt meine ich die Gewalt des Gesetzes, die tätliche Gewalt und die Gewalt des Normalen, die normative Gewalt. Ein Mann, der nicht gewalttätig ist, hat immer noch die Gewalt des Gesetzes und die öffentliche Meinung hinter sich. Allein die pure Möglichkeit, dass Männer in diesem System leicht Gewalt ausüben können, macht Frauen gefügig.

Auch sexistische Männer üben nicht einfach eine diffuse Macht aus. Sie geben der Frau unmissverständlich zu verstehen, dass ihr Körper dem Mann allein zu gehören hat. Vielen ist aber schleierhaft, warum Männer Macht ausüben wollen. Es gibt dafür nur eine Erklärung, und das ist nicht die Machtgier, denn auch sie hat immer einen Grund: Jeder Mann braucht die Macht über den Körper der Frau, um seine Vaterschaft ausüben zu können. Das Wissen um diese Ohnmacht, die es in Wirklichkeit ist, macht ihn aggressiv, denn es wird von ihm erwartet, dass er das Patriarchat fortführt, und wenn er es nicht tut, droht ihm Isolation.

Diese Aggression ist ihm nicht angeboren, sondern vom Patriarchat verursacht. Daher wird männliche Gewalt oft entschuldigt und legitimiert, auch vor Gericht; anders ergeht es den Frauen:

„Der in der Rechtsprechung in sein Gegenteil verkehrte Begriff der Wehrlosigkeit ermöglicht das Paradoxon, daß Frauen, die von den partnerschaftlichen Kräfteverhältnissen her an sich unterlegen sind, auch dann wegen Mordes verurteilt werden können, wenn sie aus einer notwehrähnlichen Situation heraus töten. Dagegen macht es die Rechtsprechung mit ihrer derzeitigen Auslegung den Männern fast unmöglich, ihre Frauen heimtückisch zu töten. Tatsächlich konnten alle weiblichen Opfer nur unter Ausnützung ihrer Wehrlosigkeit getötet werden, versteht man die Ausnutzung von Macht und Abhängigkeit als „Heimtücke“. Auch hier zeigt sich wieder: zweierlei Recht für zweierlei Geschlecht!“

(Junger, Ilka: Geschlechtsspezifische Rechtsprechung beim Mordmerkmal Heimtücke, In: STREIT. Feministische Rechtszeitschrift, Heft 2/1984, S. 42; zitiert nach Wolters 2018, S. 18)

Es muss nicht erst so weit kommen. Frauen in jeder Lebenssituation kämpfen gegen Ungerechtigkeit, Gewalt, Minderbezahlung und Altersarmut, aber insbesondere Müttern geht es schlechter als noch vor 30 Jahren. Nie waren sie seitdem unfreier. Nicht einmal in vorindustrieller Zeit war eine alleinerziehende Mutter an den Kindsvater gekettet, heute ist das aber so.

Was in der Schule nicht gelehrt wird, was Eltern auch nicht wissen, was in den Medien kaum ein Thema ist, was daher kaum eine junge Frau weiß und worüber sie auch bei der Unterschrift unter den Ehekontrakt nicht explizit aufgeklärt wird – was dort nicht einmal im Kleingedruckten steht –, das sind die neuen Familiengesetze.

Nicht zu heiraten war bis vor einigen Jahren für Mütter die Rückversicherung, ein Kind ohne Vater großziehen zu dürfen. Mittlerweile ist es egal, ob sie heiratet oder nicht, was das Sorge- und Umgangsrecht angeht. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Väter haben nun alle Rechte, müssen dafür aber nichts mehr zahlen.

Sicher, die Ehe diente von Beginn an der Unterdrückung der Mutter, aber eben nur der legitimen Mutter. Seitdem die sog. Illegitimität eines Kindes abgeschafft wurde, glauben immer mehr junge Mütter, nicht mehr heiraten zu müssen und halten das für einen feministischen Akt. Damit bringen sie sich nun um Vergünstigungen und die Absicherung des Alters, Geld, das ihnen eigentlich zusteht, denn der Vater profitiert ganz erheblich von der Lebensleistung einer Mutter, dies weit mehr als umgekehrt: Ohne sie könnte er nicht mit seinen Kindern leben, während eine Frau theoretisch auch ohne Partner Mutter sein kann. Nebenbei leistet ihm die treue Partnerin sexuelle Dienste und viele andere Annehmlichkeiten.

Das Ehegattingsplitting steht auf dem Prüfstand, aber das Rentenproblem bleibt, und verschärft sich sogar noch, denn schon jetzt ist die Rente ungerecht verteilt: In der Ehe verdientes Geld wird gemeinsam versteuert, aber was die Rente angeht, gilt das auf einmal nicht mehr. Wenn der in der Regel mehr verdienende Mann seine Frau überlebt, bezieht er weiter eine relativ hohe Rente, aber wenn sie ihn überlebt, wird sie mit einer kümmerlichen Witwenrente abgespeist. Einst sollte dies verhindern, dass sie ihren Mann umbringt und mit seiner Rente ein „lustiges Leben“ führt. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Überwiegend Männer ermorden ihre Partnerin.

„Ich bin für Gleichberechtigung, aber alles hat seine Grenzen“ sagte neulich ein Mann in den Sozialen Medien. Ja, Männer setzen absurde Grenzen, nicht Frauen. Weibliche Grenzen werden ungefragt überschritten, denn ihr Körper und alles, was aus ihr geboren wird, soll dem Mann gehören. Die Abgabe dieses und anderer Privilegien löst bei den Männern Angst aus, und zwar vor dem Gespenst eines Matriarchats, einer Frauenherrschaft. Männer haben Angst vor dem Echo. Alle Frauen leben ja vor, wie furchtbar es ist, beherrscht zu werden. Statt aber daraus abzuleiten, dass Frauen anständig zu behandeln sind, schützen Männer nur sich selbst vor dem Gespenst, das es selbst in vorpatriarchaler Zeit nicht gegeben hat.

Es ist ein selten dummer Kurzschluss, der nachfolgenden Generationen Schaden zufügt. Denn im Patriarchat werden alle Männer von leidenden Frauen geboren. Schon im Mutterleib leiden auch männliche Kinder, und zwar nachhaltig über die Epigenetik, und wenn sie geboren werden, leiden sie unter der mehr oder weniger sichtbaren Herrschaft ihres Vaters und der von Vater Staat, aber auch nicht selten unter einer Mutter, die mit dem Vater oder dem patriarchalen System kooperieren muss, statt, dass sie ihr Kind davor beschützen kann. Insbesondere von Söhnen erwarten Väter mehr oder weniger bewusst, dass sie in ihre Fußstapfen treten oder es sogar noch besser machen. Selbst das weitere Umfeld erwartet nun vom Sohn, dass er es dem Vater zumindest gleich tut. Wenn nicht, gibt es Gerede. Insbesondere bei Söhnen berühmter Männer kennen wir das. Diese in der Kindheit erworbenen Verletzungen können im Patriarchat nicht geheilt, sondern höchstens kompensiert werden und sie sind für den überall grassierenden Narzissmus verantwortlich. Männer suchen dafür die Schuld bei der Mutter – das Wesen, von dem sie unter natürlichen Bedingungen Schutz erwarten könnten. Diese Täter-Opfer-Umkehr wird zum zentralen Verhaltenskodex des Patriarchats und mündet in einer generationenübergreifenden Männersolidarität gegen Frauen. Frauenfeindlichkeit ist automatisch jedem patriarchal sozialisierten Mann anerzogen, mehr oder weniger. Es ist seine Aufgabe, das zu erkennen und zu therapieren.

Weiterlesen „Gar nicht einfach. Die Vaterschaft als Erklärung für alle menschengemachten Probleme.“

Gewalt und Krieg gab es NICHT schon immer.

Der Mensch ist nicht von Natur aus gewalttätig. Ich möchte hier einen Artikel aus der ZEIT-online empfehlen, aus dem hervorgeht, dass Gewalt mit der zunehmend gewaltfreien Erziehung und mit immer weniger Macht der Väter immer weiter zurückgeht. Menschen werden demnach zur Gewalt erzogen. Der Grenzwert der Gewalt liegt also bei Null. Die neuen Statistiken lassen die These vom Schon-immer-Krieg sehr veraltet aussehen. Das Patriarchat ist die Ursache von Gewalt. Die Unvorstellbarkeit von Gewaltlosigkeit beweist nicht das Gegenteil:

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2018/01/kriminalitaet-moerder-amok-psychologie-gewalt-taeter/komplettansicht?print

Zum Artikel „Gleichstellung – die beste Entwicklungshilfe“ im „Spektrum der Wissenschaft“ Heft 12/2017


Zum Artikel „Gleichstellung – die beste Entwicklungshilfe“ im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 12.17, S. 56-61 von Ana L. Revenga und Ana Maria Munoz-Boudet.

Ich möchte zunächst zwei Sätze aus demselben Artikel gegenüberstellen:

“Die Trends beruhen auf Vorurteilen über vermeintlich typisch weibliche und männliche Tätigkeiten: Frauen sind angeblich von Natur aus fürsorglicher, Männer geeigneter für körperliche Arbeit und Führungsaufgaben“ (S. 59)

sowie

„Drittens: Frauen an die Macht! Sobald nicht mehr Männer etwas zu sagen haben, verschieben sich politische Initiativen und finanzielle Ausgaben fast automatisch hin zu Themen wie Hygiene, Gesundheit und Schulbildung“ (S. 58).

Immer wieder weisen AutorInnen der Gender Studies, zu denen diese beiden Weltbank-Mitarbeiterinnen gehören, auf angebliche Rollenklischees hin. Sie selbst führen hier unbeabsichtigt den Nachweis, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Frauen denken sozialer und der evolutionäre Grund dafür ist ihre Gebärfähigkeit und nicht die Festlegung durch patriarchalische Strukturen. Es gibt in der Tat Ausnahmen, die jedoch die Regel bestätigen.

Familien- neudeutsch Carearbeit muss gemacht werden, sie ist elementar und überlebenswichtig. Ich verweise auf die Stellungnahme des Fachausschusses Sozial- und Beschäftigungspolitik des Bayerischen Frauenrates vom 15. April 2016:

“Auch wenn die schon im Bruttoinlandsprodukt (BIP) erfasste Haushaltsproduktion in Höhe von 102 Mrd. Euro berücksichtigt wird, entsprach die Bruttowertschöpfung der Haushalte in Höhe von 718 Mrd. Euro derjenigen der deutschen Industrie und der Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr zusammen.“ (Aus: Bayerischer Landesfrauenrat „Who cares??? Wer macht’s – Wen kümmert’s – Wer bezahlt’s?“ https://www.lfr.bayern.de/aktuelles/stellungnahmen/neue/32249/index.php abgerufen am 8.1.2018)


Es ist nicht nur ein Faktum, dass Männer diese Tätigkeiten aufgrund ihrer Veranlagung weniger gerne ausüben, sondern es ist auch gefährlich, diesen extrem wichtigen und verantwortungsvollen Bereich Männern zu überlassen, die ja in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie dort nicht lange durchhalten und auch versagen. Das ist zugegeben eine Verallgemeinerung, aber sie beruht auf Trends, die die Autorinnen auch selbst feststellen:

„Schwedische Papas bekamen persönlichen, nicht übertragbaren Urlaub, was sie veranlasste, tatsächlich mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Laut Studien bleiben diese Männer dauerhaft in die Erziehung ihrer Kinder involviert, verabschieden sich aber allmählich von anderen Haushaltspflichten, sobald der Elternurlaub endet“ (S. 59).

Die Trennung von Kindererziehung und Haushaltsarbeit, wie sie die Autorinnen hier vornehmen, entspricht nicht der Lebenswirklichkeit. Jede Mutter weiß, dass das nicht klar zu trennen ist, die Grenzen sind fließend. Das schwedische Beispiel zeigt, dass Väter Rechte an ihren Kindern nicht abgeben, aber die entsprechenden Pflichten nicht wahrnehmen wollen. Wir leben nun einmal im Patriarchat, das Bestand hat, solange die Vaterschaft einen Wert darstellt. Dieser Wert besteht allein darin, dass Väter durch ihre pure Existenz ihre Kinder auf das Patriarchat einnorden. Dieses System ist die u.a. Ursache der enormen Gewalt in der Familie und jeglicher anderer Gewalt. Väter verdrängen auch all die männlichen Bezugspersonen, die Kinder in der rein mütterlichen Linie haben könnten.

Die Situation in den Entwicklungsländern beruht auf den gleichen Einstellungen, die die Autorinnen an den Tag legen. Die Diskriminierung von Hausfrauen ist ihr Ding. Die Bevormundung von Frauen seitens der Gender Studies, nämlich die Aufforderung, mehr in Männerberufe zu drängen, zeigt, wie sehr diese Ideologie in patriarchalischen Denkweisen verhaftet ist. Sie dient allein der Wirtschaft, nicht den Frauen. Die Autorinnen selbst werten nicht nur Männerberufe höher, sie fordern auch keine Gleichstellung sämtlicher weiblicher Arbeit. Wo bleibt die Forderung nach einem Müttergehalt und der Hochbezahlung der Pflegeberufe? Es ist klar, dass die Weltbank daran keinerlei Interesse hat.

Die Gender Studies wollen, dass Frauen wie Männer werden. Sie werden das Patriarchat damit nicht beenden, sondern weiter verschärfen in Richtung Mutterlosigkeit und Kapitalismus. Frauen an die Macht? Ich habe unter Angela Merkel, die kein Heer von Frauen sondern von Männern und die Kirche hinter sich hat, keinerlei Verbesserungen für Mütter feststellen können. Alleinerziehenden Müttern – das sind die, die sich dem Patriarchat entziehen – ging es nie schlechter. Die Kinderarmut war nie höher als heute. Hier versagt einmal mehr Vater Staat. Nie in der Geschichte der Bundesrepublik waren Mütter erschöpfter als heute. Auf der Strecke bleiben die Kinder, deren emotionale Rechte mit Füßen getreten werden, während sie an die patriarchalische Wirtschaft angepasst werden.

Das Land Ruanda, für das die Autorinnen einen sensationellen Abgeordneten-Anteil von 61% feststellen, wurde seit 1998 in dem bis heute andauernden Zweiten Kongokrieg von patriarchalischen Stammesführern an die Wand gefahren. Es waren am Ende auch nicht mehr genug Männer da, die eine Regierung bilden konnten. Das allein ist die Ursache, dass Frauen dort nun verstärkt an der Macht sind. Ihr Leidensdruck war so hoch, dass sie erkannt haben, dass Politik vor allem urweibliche Züge tragen muss. Dass sie die Macht haben, das Patriarchat nachhaltig zu beenden, muss aber bezweifelt werden, denn das Patriarchat ist an das Dogma der Vaterschaft gekoppelt, das aufzugeben die meisten Männer nicht bereit sind und Frauen überwiegend nicht als Ursache des Übels erkennen.

Aufklärung über die verheerenden Nebenwirkungen der Vaterschaft findet weltweit nicht statt, schon gar nicht von seiten der Gender Studies. Gleichberechtigung führt paradoxerweise nicht zu Egalität, sondern vor allem zu einer Stärkung der Position der Männer. Die Diskussion um das sog. Wechselmodell, die bei der BTW2017 erschreckend wenig Pressebeachtung fand, hat das anschaulich gezeigt! Familie ist aber kein Gedöns, sondern die Basis des Patriarchats.
Weltweit beobachten wir einen Backlash des Patriarchats nicht nur in den Entwicklungsländern. Ursache sind weltweit nicht weibliche Tätigkeiten, sondern der Anspruch der Väter, der keine natürliche Grundlage hat, weshalb die Wirkung männlicher Arbeit im Patriarchat zu großen Teilen darin besteht, Natur und Umwelt zu bekämpfen. Die Weltbank, deren Mitarbeiterinnen die Autorinnen sind, ist übrigens keine Wohltätigkeitsorganisation, sondern trägt zur Verelendung und zur Umweltzerstörung bei, wie es attac schon lange anklagt: http://www.attac.de/neuigkeiten/detailansicht/news/lebensmittelkrise-iwf-und-weltbank-an-zynismus-kaum-zu-ueberbieten/

Weibliche Wachtel (Coturnix coturnix)

Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung

Hobby-Geflügelhalter Ingo[1] schrieb vor einiger Zeit in ein Soziales Medium, dass es ja Menschen gäbe, die nicht viel denken, und er finde, es sei bei den Wachteln kaum besser. Dies sei seine Weisheit des Tages.

Ich wurde darauf aufmerksam, weil mir immer wieder Mensch/Tier-Vergleiche auffallen, wenn z.B. in einer Tier-Doku vom Hirschen die Rede ist, der „auf dem Platz als Chef seinen Harem zusammen hält“, wenn „das Silberrückenmännchen als Patriarch die Gorilla-Gruppe beherrscht“ oder auch „die Störche sich ein Leben lang treu bleiben“. Die Herstellung solcher Analogien dient leider viel zu oft der Rechtfertigung unseres eigenen Verhaltens. Die Projektionen von Mensch auf Tier und umgekehrt sind immer falsch. Wie sollen sie auch richtig sein, kennen doch die weitaus meisten Dokumentatoren, Journalisten und auch Naturwissenschaftler nicht einmal mehr unser eigenes natürliches Verhalten (Vgl. Uhlmann 2015).

Es ging Ingo aber erstmal um die „Dummheit der Tiere“, insbesondere der Wachteln. In meiner Gewissheit, dass Tiere zwar nicht lesen und schreiben können, aber trotzdem weise sind, nämlich der Weisheit von Mutter Natur folgen, erhob ich stellvertetend für die Wachteln, die übrigens zu den Hühnervögeln gehören, spontan Einspruch und schrieb, dass ich der „Weisheit des Tages“ leider nicht zustimmen könne. Immerhin haben Wachteln nie irgendeine Gehirnwäsche durchlaufen und können sich noch auf ihren gesunden Wachtelverstand verlassen. Sie unterdrücken sich nicht, haben nie Kriege angezettelt und zerstören nicht die Umwelt. Denn Tiere leben nicht im Patriarchat, – und der Mensch nebenbei gesagt von Natur aus auch nicht, hätte er sich nicht vom technischen Fortschritt abhängig gemacht, um dann dessen Opfer bzw. Opfer der eigenen Intelligenz zu werden.

Ich finde, wir können uns an den Wachteln ein Beispiel nehmen und an allen anderen Tieren natürlich auch. Nein, der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.

Ingo meinte darauf, dass das, was sein Wachtelhahn mit den Hennen mache, schon etwas von Unterdrückung hätte. Auf Nachfrage schrieb er: „Er hackt ihnen in den Nacken (Hackordnung!), was teilweise zu üblen Wunden führt.“

Dass ein Hahn so etwas macht, hatte ich noch nie gehört. Ingos Hinweis in Klammern auf die Hackordnung kam mir daher spanisch vor. In meiner Erinnerung gilt sie allgemein vor allem für die Hennen, während Hähne für Kämpfe bekannt sind. Ich halte keine Hühner, aber das knuffige Geflügel war mir schon immer sehr sympathisch. Dass sie notorisch gewalttätig sein sollen, habe ich nie so erkennen können, wann immer ich freilaufende Hühner sah. Das bestätigt auch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung online über Hühner in Gefangenschaft, der eine das Gruseln lehrt:

“Zu Hühnerkannibalismus kommt es vor allem bei der Bodenhaltung. Wenn Hühner dort ihre Eier nicht im Schutz von abgedunkelten Nestern legen können, müssen sie sich direkt nach dem Legen wieder unter ihren Artgenossen tummeln. ‚Die Kloake der Tiere ist dann noch ausgestülpt und zieht mit ihrem roten Glanz die Aufmerksamkeit anderer Tiere auf sich’, beschreibt Aigner (ein professioneller Hühnerhalter) den Auftakt zu einem blutrünstigen Schauspiel. Andere Hühner picken dann auf die Henne ein. Sobald der erste Tropfen Blut erscheint, geraten die Tiere in einen wahren Blutrausch.“ (Fischer 2010, S.2)

Die sog. Hackordnung kannte ich schon aus dem Biologieunterricht der 5. Klasse. Der Lehrer zeigte uns damals Bilder von fast federlosen Hennen und von kämpfenden Hähnen. Derart zugerichtete Exemplare habe ich bei wild lebenden Hühnern in Naturfilmen aber nie gesehen. Dass das Phänomen irgendwie menschengemacht sein muss, wurde mir erst nach der Klassenarbeit klar, in der eine Fangfrage lautete, wieviele Hähne sich auf einem Hühnerhof befänden, wozu wir eine Begründung unserer Antwort schreiben sollten. Ich schrieb, dass es zwei sein müssten, damit die Hähne miteinander kämpfen können. Da „artgerechte Haltung“ damals in den Siebzigern noch nicht in Mode war, bekam ich dafür null Punkte. Ich bin jetzt 53, erinnere mich aber, als wäre es gestern gewesen, weil Biologie zu meinen Lieblingsfächern gehörte und ich mich sehr über den Lehrer geärgert habe. Ich finde noch heute, dass das vor allem eine pädagogische Null-Leistung war. Mittlerweile glaube ich, dass er auch keine Ahnung hatte, was es wirklich mit der Hackordnung auf sich hat.

Ingos Wachtel-Problem nahm ich nun nach all den Jahren zum Anlass intensiver Recherche. Dass die sog. Hackordnung erst in den Neunzehnhundertzwanziger Jahren von dem norwegischen Forscher Thorleif Schjelderup-Ebbe (1894-1976) beschrieben wurde, zeigt mir, dass dieses Verhalten tatsächlich gar nicht so offensichtlich ist, wie es scheint. Seit seine These in den Fünfziger Jahren allgemein verbreitet wurde, glaubten Menschen plötzlich überall, eine Hackordnung bei ihren Hühnern erkennen zu können. Das Wort Hackordnung wurde sogar zu einem Synonym für die Hierarchie in der menschlichen Gesellschaft. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Ein schönes Beispiel dafür ist dieser Film:

Video veröffentlicht von bettelhuhn am 16.04.2010 auf youtube.de

Es gibt aber auch leise Kritik am „Modell der Hackordnung“ wie in diesem Forum: http://www.huehner-info.de/forum/showthread.php/73375-Kritik-am-Modell-der-Hackordnung

Tatsachlich hacken sich wilde Hühner praktisch nicht. Sie picken auf dem Boden nach Nahrung, brüten, glucken, reinigen ihr Gefieder im Staub oder ruhen sich aus. Werden allerdings fremde Hühner in eine Horde (auch Schar oder Herde) gesetzt, gibt es ordentlich Streit, aber das ist menschengemacht. In der Paarungszeit kämpfen die Hähne, um den Weibchen ihre Potenz zu demonstrieren, wie bei vielen anderen Arten auch. Wenn überhaupt, gibt es unter den Hennen Streit ums Futter oder einen Platz im Sandbad. Dabei bleibt es meist bei einem „auf das konkurrierende Tier losgehen“, um es zu verscheuchen. Manchmal wird nach ihm der Kopf gereckt, was wie Picken aussieht, oft ist es nur es Drängeln und Schubsen. Im Englischen heißt es auch nicht „Hackordnung“, wie sie von Schjelderup-Ebbe während seiner Zeit in Deutschland in den Dreißiger Jahren selbst genannt wurde, sondern Pick-Ordnung (pecking order statt hacking order). Eigentlich muss es „Scheuchen“ oder „Drängeln“ heißen. Ein Video zeigt das Verhalten, das beileibe nicht so dramatisch ist, wie der Name „Hackordnung“ suggeriert.

Video veröffentlicht von HenDaisy am 10.05.2011 auf youtube.de

Was in der Allgemeinheit nicht angekommen ist, auch nicht in der gymnasialen Lehre, ist eine andere wichtige Beobachtung Schjelderup-Ebbes, nämlich, dass das Scheuchen und Drängeln von den Haushühnern nicht konsequent nach einer feststehenden Ordnung betrieben wird. Der Forscher will z.B. Dreiecksbildungen beobachtet haben. Danach „hackte“ Huhn A das Huhn B, welches Huhn C „hackte“, das wiederum Huhn A „hackte“. Bei den meisten belesenen Hühnerhaltern und -züchtern ist diese These bekannt, und sie behaupten, das beobachten zu können. Sie berichten aber auch, dass die Unruhe davon abhinge, welche Tiere gerade an einem Platz versammelt sind. Zudem änderten sich die Verhältnisse unter den Tieren immer wieder mal. Hühnerhalter beobachten auch, dass Hühner einunddesselben Geleges bestens miteinander auskommen. Und trotzdem ziehen die Hühnerexperten nicht die richtigen Schlüsse, denn das Dogma Hackordnung scheint beinahe unumstößlich.

Das Dogma führt zu vielen Fragezeichen, weshalb widersprüchliche Informationen verbreitet werden wie in diesem Beispiel:

„Wie bereits erwähnt, bestehen oftmals zwischen Alt- und Junghennen erhebliche Unterschiede. Althennen treten viel selbstbewusster in der neuen Herde auf. Unter den Hähnen ist die Machtstellung noch betonter als bei den Hennen, da die Vorrechte des Hahnes noch größer sind. Sind mehrere Hähne in einer Herde, ist die Rangfolge in der Regel auch immer linear, d.h. A zu B zu C usw..

Das ist sehr bedeutend. Verliert ein dominanter Hahn aus irgendeinem Grund seine Stellung, kann das oft dazu führen, dass dieser Hahn nicht nur in der Rangordnung einen Platz weiter hinten einnehmen muss. sondern dass es sogar dazu kommt, dass dieser anschließend erkrankt.

Im Zuchtstamm nimmt der Hahn unter natürlichen Bedingungen den ersten Rang ein. Ihm fügen sich die Hennen. Während der Fortpflanzungzeit, d. h. fast das gesamte Jahr macht der Hahn aber von seinem Hackrecht nicht Gebrauch. In der Mauser ist es anders. Da hackt er auch die Hennen vom Futter weg. Vielleicht ist dies auch ein Regelmechanismus, da der Hahn sehr viel neues Gefieder zu bilden und Körpersubstanzen aufzubauen hat.“ (Golze 2007, S. 13; meine Hervorhebung)

Kritik an der Projektion menschlichen Machtdenkens auf die Tierwelt äußerte schon in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren die sog. Kritische Psychologie[2]:

„(…) in den Ausführungen über Dominanz werden Beobachtungen an domestizierten Tieren und wildlebenden Tieren meist undifferenziert zusammengeworfen, ja, die Resultate von Untersuchungen an domestizierten Tieren haben sogar zu den grundsätzlichen Modellvorstellungen geführt, unter denen seitdem Dominanz-Subordinanz-Beziehungen überhaupt betrachtet werden. Richtungsbestimmend waren hier die Pionier-Untersuchungen von SCHJELDERUP-EBBE (von 1922 an) über das Rangordnungsverhalten am Haushuhn, die die Konzeption der ‚Hackordnung’ erbrachten und eine Vielzahl weiterer Untersuchungen an Hühnern nach sich zogen, wodurch die Vorstellungen über Eigenart und Bedeutung der Dominanz im allgemeinen maßgeblich geprägt wurden.

Verallgemeinerungen von domestizierten Tieren auf wildlebende Tiere im Hinblick auf das Verhältnis Dominanz-Führerschaft erscheinen uns indessen weitgehend unzulässig.“ (Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 172)

Als häufigste Argumente, warum dagegen die Hackordnung biologisch unbedingt sinnvoll sein müsse, fand ich:

1. Die Hackordnung sorge für soziale Ruhe in der Hühnerhorde.

2. Die Hackordnung lege eine Rangordnung fest und ranghohe Tiere übernähmen Aufgaben.

3. Die Hackordnung sichere den Fortbestand der Art.

Diese Argumente wirken erst einmal wie Totschlagargumente; aber was ist davon wirklich zu halten? Im Einzelnen: Weiterlesen „Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung“

Nazikeule Mutterkult – Wie mit Halbwissen Mütter mundtot gemacht werden und was dagegen hilft

Eine Mutter muss sich heute entschuldigen, wenn sie ihrem Kind oberste Priorität einräumt. Es wird erwartet, dass sie möglichst vollzeitig berufstätig ist, sich selbst versorgt und dem Kind lediglich sog. „Quality time“ widmet. „Kinder brauchen ihre Mutter“, das ist ein Satz, für den sich jede schämen muss, sie bekommt aus allen Lagern Gegenwind, von Feministinnen, Maskulisten und von der Politik. „Kinder brauchen ihren Vater“ ist dagegen ein Satz, der allgemeine Anerkennung findet, wieder von Feministinnen, Maskulisten und von der Politik. Möglich ist das, weil die 8000 Jahre alte Vater-Ideologie im Patriarchat Konsens ist.
Besonders bizarr wird es, wenn sich ausgerechnet ein Kirchenfürst einmischt und für Mütter Partei ergreift. Der wegen diverser Vergehen aus dem Amt geschiedene Bischof Mixa sagte sinngemäß:

Wer mit staatlicher Förderung Mütter dazu verleitet, ihre Kinder bereits kurz nach der Geburt in staatliche Obhut zu geben, degradiert die Frau zur Gebärmaschine.

Der Satz, der für sich gesehen, aus patriarchatskritischer Sicht völlig richtig ist, wird im Munde eines Priesters zur unerträglichen Heuchelei, die wieder gegen Mütter ausgeschlachtet werden kann. Er spielt die Rolle des Anwalts des Teufels.  Es waren ja Tempel und Kirche selbst, die den Vater zum Schöpfer erhoben und seitdem Mutter Natur als Nährboden seines Samen hinstellen, und das nicht einmal nur im Alten Testament. So lesen wir in Matthäus 13:38 als Jesus-Wort:

„der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen;“ (Quelle: Bibleserver.com)

Dieses Denken liegt dem väterlichen Besitzdenken zugrunde, das bis heute in den Gesetzen seinen ungesagten Niederschlag findet und das besonders in den Staaten, die das Haager Kindesentführungsübereinkommen nicht unterzeichnet haben, offen ausgesprochen und gelebt wird. Eine Reform im Gesetz bedeutet aber nicht automatisch, dass sich die Mentalität in der Bevölkerung geändert hat. Tatsächlich haben wir einen ausgeprägten Vaterkult, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, im Namen aller Götter. Es ist die Religion, die den Vater heiligt, und damit dem Patriarchat die ideologische Basis verpasst.
Wir wissen es längst besser: Sperma beinhaltet keine kleinen Menschen, es ist lediglich menschlicher Pollen und kein Same. Weder Kind noch Frau gehören dem Mann. Kinder sind Fleisch und Blut ihrer Mutter. Sie geben ihren Kindern von Natur aus mehr als Väter und sie geben mehr als ihren Körper. Von Natur aus sind sie entsprechend ausgestattet. Allerdings hat das Patriarchat alles dafür getan, dass Mütter sich heute kaum noch darüber bewusst sind und leider sind viele Mütter von den patriarchalen Verhältnissen so traumatisiert oder verblendet, dass sie einen ungünstigen Einfluss auf ihre Kinder ausüben können.

Als wichtigste Bindungsperson bleibt die Mutter die erste Anlaufstelle für ihre Kinder. Das ist keine Frage der Besitzverhältnisse, sondern eine evolutionäre Notwendigkeit, die das Leben auf und von der Erde sicherstellt. Die Sehnsucht nach der Mutter ist Kindern angeboren. Jeder noch so gut meinende Vater kennt diese schon magisch anmutende Verbindung, die meist auch dann besteht, wenn die Mutter das Kind vernachlässigt, und die vor allem Vaterrechtlern ein Dorn im Auge ist. Sie unterstellen Müttern Besitzdenken oder Manipulation des Kindes und projizieren doch nur selbst das patriarchale Besitzdenken auf sie.
Weiterlesen „Nazikeule Mutterkult – Wie mit Halbwissen Mütter mundtot gemacht werden und was dagegen hilft“

Zum Artikel „Das Weltbild der Hethiter“ von Susanne Görke im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 8/2015

(Leserbrief)

Als äußerst irritierend empfinde ich den Artikel der Autorin Susanne Görke, die entscheidende Hinweise unterschlägt, womit das Weltbild der Hethiter verzerrt, ja beinahe begrüßenswert fortschrittlich und tolerant dargestellt wird, ein Umstand, den die Autorin doch sicherlich nicht beabsichtigt hatte, bemerkt sie doch, dass die Hethiter Eroberer waren. Das bedeutet konkret: Krieg und Unterdrückung der Hattier, der nicht indoeuropäischen und nicht semitischen Urbevölkerung Anatoliens. Schmerzlich fehlt ihre Erwähnung. Bereits vor hethitischer Zeit wurde ihre Kultur von den Assyrern überformt, und diese waren es, die den Wettergott zuerst nach Anatolien mitbrachten. Die ersten hattischen, frühpatriarchalen Königreiche integrierten ihn, jedoch war er der hattischen Sonnengöttin nachgestellt. Sie hieß sicherlich einst namenlos, „Sonne“, mit den Assyrern erhielt sie jedoch den an die mesopotamische Ishtar erinnernden Namen Ishtanu. Als „Sonne“ war sie ursprünglich alleinregierende Große Göttin wie Inanna in Sumer und integrierte das Oben und das Unten in ihrer einen Gestalt. Als „Sonnengöttin von Arinna“ (Arinna bedeutet „Brunnen“) war sie wie unsere Holda/Frau Holle ursprünglich Wettermacherin und wurde auf Bergen verehrt. Noch ihre hethitische Ausformung Eshtan war nach HAAS (1994, 133) in frühhethitischer Zeit „Sonnengöttin des Himmels“ und als Nachtsonne Unterweltsgöttin. Die indoeuropäischen Hethiter brachten jedoch eine typische Steppenreligion mit, zu der kein Wettergott gehörte, sondern eine Triade aus Sonnengott, Kriegsgott und Muttergöttin. Eigenartig, dass die Autorin dies nicht berücksichtigt, stattdessen den Wettergott als hethitischen Import darstellt. Wie KLINGER (1996, 141 ff.) bereits festgestellt hat, ist der hethitische Sonnengott stets blass geblieben. Die Unterscheidung einer Sonnengöttin als Unterweltsgötttin und eines Sonnengottes des Himmels, wie es HAAS/KOCH (2011, 223) später postulieren, ist nicht haltbar, weil ein starker, männlicher Sonnengott dem Wettergott Konkurrenz gemacht hätte. Denn dieser Wettergott wurde von der Priesterschaft immer weiter aufgebläht, seine Alleinherrschaft wurde angestrebt, wie in allen patriarchalen Religionen. Entsprechend war der Sonnengott des Himmels, wie SCHWEMER (2006, 252) es nachweisen konnte, niemand anderes als der vergöttlichte Herrscher, ein lebendiger Mensch.

Zudem irritiert mich, dass die Autorin eine assyrische Quelle als Belege für ihre These anführt, in der sie Inanna und Ishtar als ebenso arbeitsteilige Göttinnen darstellt. Die sumerische Inanna war zu assyrischer Zeit ein Anachronismus und wurde schon bei den Akkadern von Ishtar abgelöst, wenngleich ihr Name mit der Gelehrten- und Priestersprache Sumerisch tradiert wurde. Längst war Ereshkigal die Göttin der Unterwelt. Inannas Gang in die Unterwelt, wo sie Ereshkigal aufsuchte, war nichts anderes als der Versuch, die Spaltung in Oben und Unten rückgängig zu machen, eine antipatriarchale Revolte. Weiterlesen „Zum Artikel „Das Weltbild der Hethiter“ von Susanne Görke im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 8/2015″

Zum Artikel „Frieden stiftende Ahnen“ von Marion Benz im Spektrum der Wissenschaft, Heft März 2016

(Leserbrief)

Ich beziehe mich insbesondere auf folgenden Absatz von Seite 60: „Fast alle untersuchten Personen wuchsen in Basta und der nächsten Umgebung auf. Hans Georg K. Gebel ist davon überzeugt, dass großfamiliäre Strukturen die Kommunen in der Anfangsphase sozial und wirtschaftlich stabilisieren konnten, was sich auch im Schädelkult, in der Verehrung gemeinsamer Ahnen ausdrückte. „Wenn viele Mitglieder der Gemeinschaft miteinander verwandt sind, reduziert das Konfliktpotenziale. Außerdem steht man füreinander eher ein, als um Ressourcen zu konkurrieren“, meint Gebel. Allerdings folgten nicht alle Megasites diesem Muster. In Kfar HaHoresh (…), das vermutlich der Bestattungsplatz eines solchen Großdorfs war, heirateten etliche Frauen wohl Männer von außerhalb der Siedlung. Isolierte Schädelbestattungen fanden sich jedoch auch dort. Es gab folglich Konventionen, die jeder kannte und die das sesshafte Leben in Ballungsräumen regelten.

Die These von den friedenstiftenden Ahnen mag reizvoll sein. Doch schauen wir uns rezente Kulturen an, in den Ahnen verehrt werden, fällt auf, dass Ahnenverehrung kein Garant für Frieden ist. Manche dieser Kulturen sind sogar ausgesprochen kriegerisch. Das friedliche Zusammenleben wurde offensichtlich von einem anderen Faktor bestimmt und von einem katastrophalen Ereignis beendet. Die Wissenschaftler sollten sich lieber fragen, was davor anders war und was dann passiert ist. Es fällt doch nun wirklich ins Auge, dass die friedlichen Kulturen der Jungsteinzeit ein grundsätzlich anderes Sozialgefüge besaßen, als wir es heute gewöhnt sind. DAS ist die gesuchte „Konvention“. Das Ereignis, das sie änderte, war die Patriarchalisierung. In Kfar HaHoresh haben wir es noch mit einer matrilinearen Kultur zu tun. Wo kein Vater ist, ist keine Patrilinearität und folglich auch kein Patriarchat. Die Frauen hatten Liebhaber in anderen Siedlungen, die sie eben nicht heirateten, wie Frau Benz behauptet, denn dann wären ja die Väter der Kinder in den Gräbern gefunden worden. Es handelt sich demnach auch nicht um Familien, sondern um Sippen, ein soziologischer Begriff, der von der Archäologie konsequent ignoriert wird. Die Bewohner der Siedlung Basta scheinen isoliert gelebt zu haben, dennoch können wir auch hier nicht von Familien sprechen. In matrilinearen Sippen halten sich nur über die Mütter blutsverwandte Personen auf, womit das Konfliktpotenzial nicht nur unter Männern, sondern auch unter den Frauen minimiert ist. Weiterlesen „Zum Artikel „Frieden stiftende Ahnen“ von Marion Benz im Spektrum der Wissenschaft, Heft März 2016“

Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015

(Leserbrief in Auszügen abgedruckt im SdW, Heft Juni 2015)

Nach dem Lesen des Artikels „Stark als Paar“ von Blake EDGAR bleibt mir nur zu hoffen, sich alle anderen Leser den zugehörigen Literaturtipp zu Herzen nehmen, und das Buch „Mütter und andere“ von Sarah BLAFFER HRDY (2010) lesen. Leider geht der Einzeiler in Ihrem Literaturtipp „Die Anthropologin erörtert die erstaunliche Sozialkompetenz von Kleinkindern“ völlig am Inhalt des Buches vorbei, so dass zu fürchten ist, dass sich nur Wenige, die sich für das arttypische, menschliche Sexual-Verhalten interessieren, davon angesprochen fühlen. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird feststellen, dass Edgar BLAFFER HRDYs These missbräuchlich verwendet, ihr das Wort im Munde umdreht, und vielleicht das Buch gar nicht gelesen hat, und statt dessen nur das veraltete „Mutter Natur“ kennt. Auf S. 448 von „Mütter und andere“ in Fußnote 20 schreibt BLAFFER HRDY (2010),NACH IHRER EMERITIERUNG : „Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.“ Leider kam diese Erkenntnis etwas spät, so dass „Mutter Natur“ eher verwirrte als aufklärte.
BLAFFER HRDYs geht nun auf der Basis der Großmutterhypothese (Kristen HAWKES,
1998) und der Tatsache der female choice (Meredith SMALL, 1995) sowie ihrer eigenen Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus, und betont, dass die Errichtung des Patriarchats dazu führte, dass die alten matrifokalen Sippen gegen die patrilokale Familie ersetzt wurden: „Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“ (2010 S. 336) Die PATRIARCHATSFORSCHUNG weiß dies schon länger, auch die herrschende Lehre der Archäologie muss sich zunehmend mit dieser Wahrheit auseinander setzen, leider ebenso ungerne wie Blake EDGAR. Die Monogamie, hergestellt durch das theologisch vorgeschriebene Ritual der Ehe, ist eine Einrichtung des Patriarchats, die nur ein Ziel hat,nämlich die female choice zu unterdrücken. Nur durch Patrilokalität kann der Mann Monogamie herstellen, denn nur in seinem Hause können er, seine Eltern und Brüder „seine“ Frau kontrollieren. Nur so kann Patrilinearität gesichert werden, die Basis für den Kapitalismus. Wäre dies schon vor zwei Millionen Jahren der Fall gewesen, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur die folgenreiche Überbevölkerung, sondern züchtet eine aggressive und psychisch gestörte Population heran. Weiterlesen „Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015″

Live: Der Zusammenbruch einer Zivilisation

Apamea 01

Ein kluger Artikel auf FAZ-online über die wahren Hintergründe des Syrienkonflikts beschreibt, dass es nicht um Menschen geht, weder auf amerikanischer noch auf russischer, chinesischer, ja nicht einmal auf syrischer Seite selbst. Syrien ist strategischer Raum, die Menschen sind denen da oben schnurzpiepegal. Soweit geht die Analyse der FAZ, aber leider nicht weiter.
Die Menschen in Syrien sind lästig, sie stören. Also weg damit. Warum gibt es kein echtes Erbarmen? Das Problem ist hausgemacht, denn der Mensch wäre dort sowieso längst nicht mehr, hätte es keine Schaf-, Ziegen- und Rinderherden gegeben. Syrien ist ein menschenfeindliches Land und zwar schon seit mehreren tausend Jahren, denn Syrien ist eine Steppe an der Schwelle zur Wüste. Nur an wenigen Flussoasen ist Landwirtschaft möglich. Dürren sind auch hier eine stete Bedrohung und die menschengemachte Erosion geht voran. Mehr als Massentierhaltung auf spärlichem Gras geht dort nicht, und diese wurde von Beginn an von Patriarchen betrieben. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass auch das nur eine Episode, ein kurzes Aufbäumen gegen Mutter Natur bleiben kann. Das Land ist dem Untergang geweiht, nicht trotz, sondern wegen des Patriarchats.

In Syrien erleben wir live den selbstverantworteten Zusammenbruch einer patriarchalen Zivilisation, ein Schicksal, das in der Vergangenheit alle patriarchalen Zivilisationen irgendwann geteilt haben. In Syrien gab es vor 6000 Jahren noch lebensfreundliche Gegenden, von denen kulturelle Impulse ausgingen, doch sie waren klimatisch dem Untergang geweiht. Statt dass sich die Bevölkerung auf natürlichem Wege gesund schrumpfte, statt dass die Menschen weniger wurden, wurden sie immer mehr. Mehr als je zuvor, auch trotz der damals schon stattfindenden Migrationen.
Wie konnte das passieren? Wo vorher noch alles allen, nämlich der matrilinearen Sippe gehörte, begannen nun Männer, Brüder die wenigen Haustiere und das Land an sich zu reißen. Und die Tiere wurden immer mehr. Es wurden daher mehr Männer gebraucht, Arbeitskräfte, auf die sie sich verlassen konnten, die ihnen ihrerseits die Tiere nicht stahlen und sie auch im Alter nicht im Stich ließen. Aber sie hatten ganz am Anfang keine Söhne, jeder Mann kannte nur seine Mutter und seine Geschwister. Die Patrilinearität, die bis dahin völlig unbekannt war, musste also hergestellt werden. Das war der Beginn des Patriarchats. Nur, dazu brauchte es Frauen. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Und so standen am Beginn des Patriarchats Entführungen und Vergewaltigungen. Die Sexualität der bis dahin freien Frau wurde fortan unterdrückt, denn nur so konnten die Männer ihrer Söhne habhaft zu werden. Nichts anderes erleben wir bis heute, nicht nur mit Boko Haram oder dem sog. IS.

SyrianBoy

Mit dem Patriarchat veränderte sich das Sozialgefüge, bei dem einst die Sorge für Mütter und Kinder (also aller) im Mittelpunkt stand (Matrifokalität), grundlegend und nachhaltig. Die Sorge der patriarchalen Familie dreht sich um das Wohl der männlichen Mitglieder. Frauen helfen sich daher kaum noch gegenseitig, sie sind ja auch nicht mehr blutsverwandt. Sie werden nicht nur für das sexuelle Wohlergehen des Mannes verantwortlich gemacht. Seit Beginn des Patriarchats mussten Frauen Ehemännern im Jahresrhythmus Kinder schenken, die auch erwachsen wurden. Die Ernährung mit Milch und Fleisch machte es möglich. Söhne waren und sind bis heute bevorzugt. Töchter oder Ehefrauen waren und sind zu teuer, die Frauen waren und sind „unwillig“, die Mütter waren und sind überfordert, Frauenhass machte sich breit.

Riesige Viehherden durchstreiften nun mit ihren Pastoren, den Viehhirten, das Land, die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes immer im Schlepptau. Die Überweidung durch das Viehnomadentum erreichte jeden Winkel, die Erosion des nahm ihren Lauf. Auf der Suche nach brauchbarem Grasland oder neuen Frauen prallten die Patriarchen immer wieder aneinander, der Krieg, die organisierte Gewalt, war erfunden und endet bis heute nicht. Um Gras und Frauen geht es heute nur noch den Männern auf der Straße. Den Mächten geht es um Rohstoffe, Zugänge und Durchgänge.

Flüchtinge 9999-Michelides

Mehr als ein wenig Viehwirtschaft, Handel und Tourismus lässt sich in Syrien, genau genommen im gesamten Nahen und Mittleren Osten, nicht betreiben. Wo also sollen jetzt all die Menschen hin, die aus den Städten vertrieben werden? Viehherden haben sie schon lange nicht mehr, ihre Geschäfte und Handelswege sind zerbombt, Touristen kommen nicht mehr. Die Menschen sind obdachlos und den Regimes sind sie völlig schnuppe. Das syrische Regime und Putin sind froh, wenn sie endlich alle tot oder vertrieben sind. So dachten schon die Herrscher in der Antike. Mit Sintfluten und Naturkatastrophen befreite sich der assyrische, der hethitische und der abrahamitische Gott, allesamt sog. Wettergötter, von der lästigen und als zu laut empfundenen Bevölkerung, genauso können wir es nachlesen. Dabei hatten sich eben diese Wettergötter vorgenommen, ihre „Schäfchen“ zu stillen. Kriege wurden auf diese Weise legitimiert, allerdings nicht weniger leise. Das Versagen und die Unfähigkeit der Götter und der Herrscher in ihrem Versprechen, wie eine Mutter für die Menschen zu sorgen, macht sich an allen Ecken und Enden bemerkbar.

Wenn alle tot gebombt sind, könnte es sich Assad in seinem Palast gemütlich machen… aber dann werden die Potentaten aus Russland, China oder den USA ihn nicht mehr brauchen und erledigen. Die brauchen nur das pure Land, das sie bequem als strategisches Gebiet zur Eroberung der Welt nutzen wollen. Das Patriarchat in Reinkultur kümmert sich nicht um Menschen, sondern um den Profit. Kümmert es sich ausnahmsweise doch einmal um Menschen, z.B. um Assad oder um alleinerziehende Mütter, dann nicht bedingungslos und schon gar nicht uneigennützig. Aber das Öl wird irgendwann alle sein. Vielleicht versuchen die Scheichs, in Europa einen islamischen Staat aufzubauen, damit sie am Ende des Ölzeitalters hier weitermachen können.

Es wäre klug, den Menschen, die zu uns kommen, auch diese Zusammenhänge zu erklären. Die Weisheit von Mutter Natur wird den patriarchalen Menschen völlig von Mutter Erde verbannen. Die Mächtigen haben längst begonnen, den Menschen auf den Mond zu schießen.