Antwort auf Meike Stoverocks „Female Choice“

Kritische Rezension

In der Natur müssen Männchen singen, tanzen, kämpfen, bauen, während die Weibchen die Show genießen und anschließend mit dem Sieger abziehen. Die Konkurrenz liegt bei den Männchen. Das Prinzip nennt man Female Choice. Bei den Menschen wurde dieses Prinzip nach der Entdeckung des Ackerbaus ausgehebelt. Es entstand eine Welt, die von Männern für Männer gemacht ist. … Mit einer bestechenden Verbindung aus Biologie, Kulturgeschichte und einem ebenso klaren wie humorvollen Ton beschreibt Meike Stoverock nicht nur, wo die Menschheit vor über 10 000 Jahren falsch abgebogen ist, sondern auch, was sich ändern muss, damit Mann und Frau heute miteinander glücklich werden.[1]

Mit diesem Klappentext wurde das Buch „Female Choice – Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“ der Biologin Dr. Meike Stoverock (erschienen Februar 2021) im November 2020 angekündigt. Schon jetzt zeichnete sich ab, dass ich diese kritische Rezension bzw. Antwort würde schreiben müssen, enthielt dieser erste kurze Text doch schon schwerwiegende Fehler, die durch eine interdisziplinäre Betrachtung, wie sie die Patriarchatsforschung vornimmt, nicht passiert wären: Denn nicht der Ackerbau war Auslöser der Entstehung des Patriarchats, sondern ein Klimawandel, in dessen Folge der Ackerbau und auch einfache Tierhaltung an Bedeutung verloren und durch die Viehzucht verdrängt wurden.
Wie ich bereits vielfach ausgeführt habe, wurden Frauen im Viehzüchternomadentum der Steppen und Bergregionen Eurasiens erstmals ins Patriarchat gezwungen. Erst hier erklärten Männer die Monogamie (Stoverock nennt sie Monogynie, dies aus Sicht der Männer) mit Ehe und Familie zur „normalen“ Lebensweise. Die so versklavten Frauen hatten nun den Männern zu folgen, denn da wo das Vieh war, war auch der Mann und Gebieter über Mensch und Tier. Auf dieser Basis entstand das von der Viehzüchtermentalität durchdrungene Vaterrecht, das die Patrilinearität mit Namens- und Erbrecht festschrieb. Das Patriarchat entstand damit nicht „vor über 10.000 Jahren“, sondern vor ca. 8200 Jahren (Klimaereignis Misox-Schwankung). Bis zu diesem Zeitpunkt war die Sesshaftigkeit schon über 3000 Jahre friedlich verlaufen. Erste Großsiedlungen wie Çatal Höyük entstanden und erreichten schnell ein hohes Zivilisationsniveau. [siehe hierzu auch Nachtrag: neue Studie vom 14.4.2021]

Um zu retten, was noch zu retten war, bevor das Buch veröffentlicht werden sollte, schrieb ich der Autorin auf Twitter eine kurze Privatnachricht mit meinen Anmerkungen und den Links zu meinem Artikel „Female Choice – unser unbekanntes Menschenrecht„, in dem ich auf diese Zusammenhänge schon 2015 eingegangen war, sowie zu meinem Vortrag „Explosion und Expansion„, in dem ich die regionalen Vorgänge detailliert dargestellt habe.
In ihrer Antwort berief sich Stoverock auf ihre Expertise als Biologin und auf nicht näher spezifizierte Literatur, in der sie schwankende Angaben zum Beginn der „Landwirtschaft“, die sie als „Ackerbau und Viehzucht“ definierte, nachgelesen haben will. Die Jahreszahlen seien Details. Minuten später twitterte sie öffentlich: „Jemand mansplaint mir mein Buch aufgrund des Umschlagtextes. Plottwist: es ist eine Frau.

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Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015

(Leserbrief in Auszügen abgedruckt im SdW, Heft Juni 2015)

Nach dem Lesen des Artikels „Stark als Paar“ von Blake EDGAR bleibt mir nur zu hoffen, sich alle anderen Leser den zugehörigen Literaturtipp zu Herzen nehmen, und das Buch „Mütter und andere“ von Sarah BLAFFER HRDY (2010) lesen. Leider geht der Einzeiler in Ihrem Literaturtipp „Die Anthropologin erörtert die erstaunliche Sozialkompetenz von Kleinkindern“ völlig am Inhalt des Buches vorbei, so dass zu fürchten ist, dass sich nur Wenige, die sich für das arttypische, menschliche Sexual-Verhalten interessieren, davon angesprochen fühlen. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird feststellen, dass Edgar BLAFFER HRDYs These missbräuchlich verwendet, ihr das Wort im Munde umdreht, und vielleicht das Buch gar nicht gelesen hat, und statt dessen nur das veraltete „Mutter Natur“ kennt. Auf S. 448 von „Mütter und andere“ in Fußnote 20 schreibt BLAFFER HRDY (2010),NACH IHRER EMERITIERUNG : „Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.“ Leider kam diese Erkenntnis etwas spät, so dass „Mutter Natur“ eher verwirrte als aufklärte.
BLAFFER HRDYs geht nun auf der Basis der Großmutterhypothese (Kristen HAWKES,
1998) und der Tatsache der female choice (Meredith SMALL, 1995) sowie ihrer eigenen Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus, und betont, dass die Errichtung des Patriarchats dazu führte, dass die alten matrifokalen Sippen gegen die patrilokale Familie ersetzt wurden: „Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“ (2010 S. 336) Die PATRIARCHATSFORSCHUNG weiß dies schon länger, auch die herrschende Lehre der Archäologie muss sich zunehmend mit dieser Wahrheit auseinander setzen, leider ebenso ungerne wie Blake EDGAR. Die Monogamie, hergestellt durch das theologisch vorgeschriebene Ritual der Ehe, ist eine Einrichtung des Patriarchats, die nur ein Ziel hat,nämlich die female choice zu unterdrücken. Nur durch Patrilokalität kann der Mann Monogamie herstellen, denn nur in seinem Hause können er, seine Eltern und Brüder „seine“ Frau kontrollieren. Nur so kann Patrilinearität gesichert werden, die Basis für den Kapitalismus. Wäre dies schon vor zwei Millionen Jahren der Fall gewesen, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur die folgenreiche Überbevölkerung, sondern züchtet eine aggressive und psychisch gestörte Population heran. Weiterlesen „Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015″