Gibt es den matrifokalen Vater?

Von den seltenen Fällen einer Kindsvertauschung in der Klinik abgesehen, ist sich eine Mutter sicher, dass ihr Kind wirklich von ihr abstammt. Ein Vater kann das nicht behaupten, denn er ist an der Schwangerschaft nicht beteiligt. Wenn eine Mutter ihr Kind stillt, wird ihr Körper mit Oxytocin geflutet und es bildet sich das heraus, was wir als Mutterinstinkt bezeichnen (Blaffer Hrdy 2010). Davon zu unterscheiden ist die Mutterliebe, die sich auch herausbildet, wenn sie nicht stillt. So oder so, schon in der Schwangerschaft knüpfen Mutter und Kind ein fast schon magisches zu bezeichnendes Band, durch das sich beide wortlos verstehen und das lebenslang hält. Ein Kind kennt seine Mutter von Beginn an und durchlebt mit ihr alle Gefühle, was in der Stillzeit noch hormonell bedingt ist und später noch lange nachwirkt, weil der wachsende Verstand diese Gefühle auch einzuordnen lernt.

In unserer Welt leben die meisten Väter mit ihren leiblichen Kinder zusammen, doch 10-20 % sind auch Kuckuckskinder und weitere sind adoptiert oder aus einer früheren Beziehung der Mutter. Ein genetischer Vater, der schon 7-9 Monate vor der Geburt mit der Mutter zusammenlebte, kann das nicht unterscheiden, wenn die Mutter ihn nicht aufklärt. Die Liebe, die ein Mann zu einem Kind entwickeln kann, beruht zunächst auf dem Kindchenschema. Er findet das Kind mehr oder weniger süß. Je länger ein Mann mit einem Kind zusammenlebt, desto größer wird die Bindung, denn das Kind beginnt seinerseits auf liebevolle Weise mit dem Vater zu interagieren. Das Kind entwickelt dabei auch eine intensive Bindung, die jedoch der Bindung zur Mutter nicht gleichkommt, denn es spürt, dass die Liebe des Vaters anders ist. Diese Liebe ist stärker von kulturellen Vorstellungen geprägt. Wir können auch sagen, sie erreicht nicht den Grad an Bedingungslosigkeit wie die Mutterliebe. Manche Kinder werden sogar erst geboren, wenn ihr genetischer Vater bereits verstorben ist. Dann kann ein anderer Mann die Stelle des sozialen Vaters einnehmen und auch das Kind wird von seinem leiblichen Vater erst erfahren, wenn die Mutter es aufklärt. Dieser soziale Vater ist nicht wegen des Kindes mit der Mutter zusammen, woraus sich ein noch einmal anderes Verhältnis zum Kind einstellt.

Auch die junge Mutter kann bei der Geburt oder später versterben. Dann bleibt ein Kind zurück, das versorgt werden muss. Seit der Entdeckung der Bedeutung der mütterlichen Großmutter (Großmutter-These) wissen wir, dass ein Kind in jedem Fall die größten Überlebenschancen hat, wenn es in seiner mütterlichen Sippe aufwachsen kann. Warum also sollte es evolutionär selektiert worden sein, dass eine Mutter beim genetischen Vater ihres Kindes und dessen Familie lebt? Die Matrilokalität, das Leben der Kinder bei Mutter und Großmutter hat automatisch Matrilinearität zur Folge, d.h. ein Mensch versteht sich als aus einer Reihe von Müttern geboren.
Die Evolution beruht auf zwei Prinzipien, die Charles Darwin entdeckte: die Natürliche Selektion und die Sexuelle Selektion. Beide wirken völlig unabhängig voneinander (Prum 2017). Mit der Natürlichen Selektion passen sich Arten an ihre Umwelt an. Die Sexuelle Evolution steuert die Ausprägung der Arten im Sinne der vielfältigen Formen der Attraktivität, wozu auch die Intelligenz gehört, sowie ihr Sozialverhalten. Der Motor der Sexuellen Selektion ist die female choice, die freie weibliche Wahl ihrer Sexualpartner. Salopp gesagt kann kein Männchen mit einem Weibchen Kinder haben, wenn sie nicht will bzw. ihr Körper nicht mitspielt. Die female choice läuft in der Natur dreistufig ab, äußerlich mit der Wahl des Partners, innerlich mit der Aufnahme oder Abstoßung der Spermien durch den Körper oder das Ei und schließlich mit dem Grad des Engagements bei der Pflege des Nachwuchses. Das Kind eines gesunden Weibchens, das sich frei schwanger gemacht hat, wie wir es eigentlich formulieren müssen, wird seine Kindheit in der Regel überleben.

Die Monogamie ist in der Natur die Ausnahme, und wenn, dann leben die Männchen häufiger monogam, wie z.B. bei manchen Spinnenarten, wo das Weibchen das Männchen nach dem Akt auffrisst. Bei immer mehr Tierarten, die als besonders treu galten, wird inzwischen entdeckt, dass sowohl die Weibchen als auch die Männchen weitere Sexualpartner haben. Die Weibchen leben immer ihre female choice frei aus. Wir müssen sie nur lange und gründlich genug beobachten. Auch unsere Lebenswirklichkeit beweist, dass die Spezies Mensch nicht monogam ist. Wenn eine Menschenfrau ihre female choice frei lebt, haben mit größter Wahrscheinlichlichkeit alle ihre Kinder andere leibliche Väter. Wie soll das gut gehen, würde jeder der Kindsväter der Mutter reinreden! In der Evolution wurde alles auf das Wohl und Gedeihen der Kinder ausgerichtet, das ist das Überlebensprinzip der Arten. Eine von Vätern und Schwiegermüttern gestresste Mutter wäre in der Natur bald am Ende und auch ihre Kinder. Weiterlesen „Gibt es den matrifokalen Vater?“

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Zum Artikel „Der Siegeszug des Homo sapiens“ von Curtis W. Marean im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft Juni 2016

(Leserbrief)

Im aktuellen Heft habe ich natürlich zuerst den Artikel von Curtis W. Marean „Der Siegeszug
des Homo sapiens“ gelesen. Und wieder standen mir die Haare zu Berge. Es scheint der
Redaktion einfach der Blick für patriarchatsideologisch kontaminierte Texte zu fehlen. Dabei
ist es eigentlich ganz einfach, denn sobald in Bezug auf die Altsteinzeit Begriffe wie Ehe,
Hochzeit, Familie, Krieg, Fernwaffen, Jagdzauber, Gewalt u.ä. fallen, haben wir es damit zu
tun. Die Patriarchatsforschung, die bedauerlicherweise nicht zum Kreis der vom Spektrum
beachteten Wissenschaften gehört, weiß längst, dass es all das bis vor ca. 8000 Jahren nicht
gegeben hat. Insbesondere Sarah Blaffer Hrdy hat das auf brillante Weise nachgewiesen. Aber auch die Genetik, die Sprachwissenschaften oder die Archäologie bestätigen diesen Befund.
Das Klischee, dass der Mann in der Altsteinzeit die Frau an den Haaren hinter sich her zog
und mit Keulen auf andere Menschen losging, ist genauso veraltet, wie die Vorstellung, dass
der Mensch von Natur aus gewalttätig sei und mit Religion gebändigt werden muss. Auch
Frans de Waal betont das immer wieder. Die Angst vor der Steinzeit als menschen- und
kulturfeindliche Ära ist nicht nur unbegründet, sondern behindert den wissenschaftlichen
Fortschritt, ja schlimmer noch, sie behindert eine wünschenswerte Entwicklung weg vom
Patriarchat. Dabei können wir uns dies kaum noch leisten im Angesicht der weltweiten
Misere, die uns die Lebensweise in Patrilinearität eingebrockt hat.
Und da lese ich nun auf Seite 50, wie wieder Sarah Blaffer Hrdys These missbraucht wird,
diesmal um Mareans These zu stützen. Breit lässt sich der Autor darüber aus, wie hyperprosozial der Mensch doch sei, nur um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass der
Mensch sich schon immer ums Essen geprügelt hätte. Der Affe im Flugzeug muss dafür
herhalten, und ich muss mich wieder fragen, ob der Autor nur den Klappentext ihres Buches
„Mütter und andere“ gelesen hat.
In seiner Logik hält er treu zu der veralteten These, dass Homo Sapiens Sapiens den
Neanderthaler gewaltsam ausgerottet habe, und ignoriert den letzten Stand der Forschung,
nämlich, dass das Neanderthaler-Genom in dem unsrigen regelrecht aufgegangen ist,
zurückzuführen auf ein demographisches Ungleichgewicht. (Schmidt, Maier, Kretschmer: „Ist
da draußen jemand?“ Archäologie in Deutschland, Heft 3, 2016, S. 32 f) Natürlich hat Marean Recht, dass unsere technologischen Errungenschaften „erbarmungslosen Krieg“ ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass der steinzeitliche Moderne Mensch alles
machte, was machbar war, denn sonst gäbe es uns schon lange nicht mehr. Als am sog.
Flaschenhals nur noch wenige Sippen übrig waren, wurde sich nicht um Muschelbänke
gekloppt, sondern andere Sippen waren hochwillkommen, konnte mit ihnen doch der Genpool aufgefrischt werden. Auf gleiche Weise kam es auch zur Vermischung des Neanderthaler-Erbguts mit dem des Homo sapiens sapiens.
Das Patriarchat und der dazugehörige Krieg sowie Umweltzerstörung sind eine Erfindung
nomadischer Viehzüchtergesellschaften in den Steppen und Bergregionen. Da dürfen uns
auch ausgewählte, moderne Jäger und Sammler-Gesellschaften nicht täuschen, denn sie alle
sind durch Kolonisation vom Patriarchat infiziert worden. Sie führen Kriege, auch weil ihre
Welt von der Moderne auf wenige kleine Flecken eingedampft wurde. Die Haszda gehören zu den letzten Völkern, die uns Matrifokalität vorleben und damit nichts vermissen.
Marean ist sich auch nicht zu schade unsere Natur mit der der Vögel zu vergleichen. Vögel
leben in Paaren, wir natürlicherweise aber nicht. Es entsteht bei uns lediglich durch eine
zeitlich begrenzte Paarung ein neuer Mensch, aufgezogen wird er aber in der matrifokalen
Sippe. Der biologische Vater ist damit für den Sozialverband bedeutungslos, und das versucht das Patriarchat durch die Unterdrückung der female choice zu vertuschen. Die Gewalt gegen Frauen, auch der von Marean angeführte Frauenraub, sind nur vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Gesellschaft nachvollziehbar.
Marean passt sicher gut in eine Welt, wie sie sich ein Donald Trump vorstellt. Er scheint
Waffen, die Jagd und den Kampf zu lieben, weniger die Frauen und schon gar keine Kinder.
In seiner Altsteinzeit kommen sie nicht vor. Passenderweise zeigt die Illustration einen
einsamen Mann in heldenhafter Eroberer-Pose, bewaffnet und übermächtig groß. Dies alles,
gepaart mit seinem Bedauern der schädlichen Auswirkungen menschlichen Tuns, führt ihn in eine geistige Endlosschleife aus der es kein Entrinnen gibt.

Offener Brief zur Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“ und Wechselmodell an die SPD Fraktion

Mütterinitiative - Mamas wehren sich

Evi Lamert
Mütterinitiative
Baaderstr. 30
80469 München

SPD – Bundestagfraktion
Platz der Republik 1
11011 Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

Von Herrn Sönke Rix, dem Sprecher der Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend, habe ich die Nachricht erhalten, dass in der SPD – Bundestagsfraktion Konsens über die Frage besteht, dass das Kindeswohl bei Entscheidungen über neue familienrechtliche Regelungen Vorrang haben soll.

Ergänzend und Bezug nehmend auf das Schreiben von Herrn Rix möchte ich mich mit folgenden Fragen an Sie wenden:

1. Welche Position bezieht Ihre Fraktion gegenüber der Frage, ob wichtige Kooperationspartner bestimmter Lobbygruppen mit der Erforschung der psychischen und physischen Gesundheit von Kindern beauftragt werden sollten?

Im Jahr 2012 gründete der Väteraufbruch die „Projektgruppe Paritätische Doppelresidenz“. Deren wichtigste Kooperationspartnerin wurde Frau Prof. Hildegund Sünderhauf. Während ihrer Zusammenarbeit mit dem Väteraufbruch stellte sie ihr Buch „Wechselmodell – Psychologie – Recht – Praxis“ fertig und veröffentlichte es im August…

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