Gar nicht einfach. Die Vaterschaft als Erklärung für alle menschengemachten Probleme.

Die Existenz des Patriarchats zu erkennen, ist das eine. Nicht nur Frauen rund um den Erdball leiden. Aber nur die mutigsten unter den Frauen haben ihre Stimme erhoben und seitdem hat sich zumindest in der westlich geprägten Welt einiges verändert. Der Ruf nach Gleichberechtigung wird immer öfter laut und oft auch gehört. Der Wille scheint da zu sein. Jungen Frauen wird nun vermittelt, die Welt stünde ihnen offen. Wir erleben trotzdem gerade einen gewalttätigen Backlash, der vielen ein Rätsel ist: Von Gewalt und Bedrohung durch Armut sind auch berufstätige und gebildete Frauen betroffen, insbesondere die häusliche Gewalt nimmt zu.

Eigenes Geld zu haben, das hielten Frauen für den Inbegriff der Freiheit. Bildung und finanzielle Gleichstellung galt als Königsweg aus dem Patriarchat. Es war ein Irrtum. Denn beides sind nur Zugeständnisse, die nicht nur jederzeit zurückgenommen werden können, sondern auch nicht am Fundament des Patriarchats rütteln. Das haben viele westliche Männer mittlerweile erleichtert wahrgenommen und der Widerstand gegen den Mainstream-Feminismus schwindet. Jubel und Bewunderung sind ihnen sicher, wenn sie Freiheit und Gerechtigkeit für Frauen fordern und sich sogar als Feministen bezeichnen. Die Sache ist weniger heldenhaft als sie aussieht. Jeder noch so liebe Ehemann oder Vater ist kraft des Gesetzes ein Patriarch. Erst die Trennung von der Mutter der gemeinsamen Kinder oder ihre „Untreue“ wird zur Nagelprobe für ihn und seine hehren Verlautbarungen.

Männer profitieren nun also ganz erheblich von der Berufstätigkeit der Frau. Die angebliche Befreiung der Frau ist im Grunde eine Befreiung der Männer von der finanziellen Verantwortung als Partner, Ehemann und Vater, die eigentlich von ihnen getragen werden muss, da sie die Macht gar nicht aus den Händen gegeben haben! Schon die sog. Sexuelle Befreiung hatte sich bald als Mogelpackung erwiesen. An der Gewalt der Männer hat sich trotz aller Maßnahmen nichts zum Guten geändert.

Mit Gewalt meine ich die Gewalt des Gesetzes, die tätliche Gewalt und die Gewalt des Normalen, die normative Gewalt. Ein Mann, der nicht gewalttätig ist, hat immer noch die Gewalt des Gesetzes und die öffentliche Meinung hinter sich. Allein die pure Möglichkeit, dass Männer in diesem System leicht Gewalt ausüben können, macht Frauen gefügig.

Auch sexistische Männer üben nicht einfach eine diffuse Macht aus. Sie geben der Frau unmissverständlich zu verstehen, dass ihr Körper dem Mann allein zu gehören hat. Vielen ist aber schleierhaft, warum Männer Macht ausüben wollen. Es gibt dafür nur eine Erklärung, und das ist nicht die Machtgier, denn auch sie hat immer einen Grund: Jeder Mann braucht die Macht über den Körper der Frau, um seine Vaterschaft ausüben zu können. Das Wissen um diese Ohnmacht, die es in Wirklichkeit ist, macht ihn aggressiv, denn es wird von ihm erwartet, dass er das Patriarchat fortführt, und wenn er es nicht tut, droht ihm Isolation.

Diese Aggression ist ihm nicht angeboren, sondern vom Patriarchat verursacht. Daher wird männliche Gewalt oft entschuldigt und legitimiert, auch vor Gericht; anders ergeht es den Frauen:

„Der in der Rechtsprechung in sein Gegenteil verkehrte Begriff der Wehrlosigkeit ermöglicht das Paradoxon, daß Frauen, die von den partnerschaftlichen Kräfteverhältnissen her an sich unterlegen sind, auch dann wegen Mordes verurteilt werden können, wenn sie aus einer notwehrähnlichen Situation heraus töten. Dagegen macht es die Rechtsprechung mit ihrer derzeitigen Auslegung den Männern fast unmöglich, ihre Frauen heimtückisch zu töten. Tatsächlich konnten alle weiblichen Opfer nur unter Ausnützung ihrer Wehrlosigkeit getötet werden, versteht man die Ausnutzung von Macht und Abhängigkeit als „Heimtücke“. Auch hier zeigt sich wieder: zweierlei Recht für zweierlei Geschlecht!“

(Junger, Ilka: Geschlechtsspezifische Rechtsprechung beim Mordmerkmal Heimtücke, In: STREIT. Feministische Rechtszeitschrift, Heft 2/1984, S. 42; zitiert nach Wolters 2018, S. 18)

Es muss nicht erst so weit kommen. Frauen in jeder Lebenssituation kämpfen gegen Ungerechtigkeit, Gewalt, Minderbezahlung und Altersarmut, aber insbesondere Müttern geht es schlechter als noch vor 30 Jahren. Nie waren sie seitdem unfreier. Nicht einmal in vorindustrieller Zeit war eine alleinerziehende Mutter an den Kindsvater gekettet, heute ist das aber so.

Was in der Schule nicht gelehrt wird, was Eltern auch nicht wissen, was in den Medien kaum ein Thema ist, was daher kaum eine junge Frau weiß und worüber sie auch bei der Unterschrift unter den Ehekontrakt nicht explizit aufgeklärt wird – was dort nicht einmal im Kleingedruckten steht –, das sind die neuen Familiengesetze.

Nicht zu heiraten war bis vor einigen Jahren für Mütter die Rückversicherung, ein Kind ohne Vater großziehen zu dürfen. Mittlerweile ist es egal, ob sie heiratet oder nicht, was das Sorge- und Umgangsrecht angeht. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Väter haben nun alle Rechte, müssen dafür aber nichts mehr zahlen.

Sicher, die Ehe diente von Beginn an der Unterdrückung der Mutter, aber eben nur der legitimen Mutter. Seitdem die sog. Illegitimität eines Kindes abgeschafft wurde, glauben immer mehr junge Mütter, nicht mehr heiraten zu müssen und halten das für einen feministischen Akt. Damit bringen sie sich nun um Vergünstigungen und die Absicherung des Alters, Geld, das ihnen eigentlich zusteht, denn der Vater profitiert ganz erheblich von der Lebensleistung einer Mutter, dies weit mehr als umgekehrt: Ohne sie könnte er nicht mit seinen Kindern leben, während eine Frau theoretisch auch ohne Partner Mutter sein kann. Nebenbei leistet ihm die treue Partnerin sexuelle Dienste und viele andere Annehmlichkeiten.

Das Ehegattingsplitting steht auf dem Prüfstand, aber das Rentenproblem bleibt, und verschärft sich sogar noch, denn schon jetzt ist die Rente ungerecht verteilt: In der Ehe verdientes Geld wird gemeinsam versteuert, aber was die Rente angeht, gilt das auf einmal nicht mehr. Wenn der in der Regel mehr verdienende Mann seine Frau überlebt, bezieht er weiter eine relativ hohe Rente, aber wenn sie ihn überlebt, wird sie mit einer kümmerlichen Witwenrente abgespeist. Einst sollte dies verhindern, dass sie ihren Mann umbringt und mit seiner Rente ein „lustiges Leben“ führt. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Überwiegend Männer ermorden ihre Partnerin.

„Ich bin für Gleichberechtigung, aber alles hat seine Grenzen“ sagte neulich ein Mann in den Sozialen Medien. Ja, Männer setzen absurde Grenzen, nicht Frauen. Weibliche Grenzen werden ungefragt überschritten, denn ihr Körper und alles, was aus ihr geboren wird, soll dem Mann gehören. Die Abgabe dieses und anderer Privilegien löst bei den Männern Angst aus, und zwar vor dem Gespenst eines Matriarchats, einer Frauenherrschaft. Männer haben Angst vor dem Echo. Alle Frauen leben ja vor, wie furchtbar es ist, beherrscht zu werden. Statt aber daraus abzuleiten, dass Frauen anständig zu behandeln sind, schützen Männer nur sich selbst vor dem Gespenst, das es selbst in vorpatriarchaler Zeit nicht gegeben hat.

Es ist ein selten dummer Kurzschluss, der nachfolgenden Generationen Schaden zufügt. Denn im Patriarchat werden alle Männer von leidenden Frauen geboren. Schon im Mutterleib leiden auch männliche Kinder, und zwar nachhaltig über die Epigenetik, und wenn sie geboren werden, leiden sie unter der mehr oder weniger sichtbaren Herrschaft ihres Vaters und der von Vater Staat, aber auch nicht selten unter einer Mutter, die mit dem Vater oder dem patriarchalen System kooperieren muss, statt, dass sie ihr Kind davor beschützen kann. Insbesondere von Söhnen erwarten Väter mehr oder weniger bewusst, dass sie in ihre Fußstapfen treten oder es sogar noch besser machen. Selbst das weitere Umfeld erwartet nun vom Sohn, dass er es dem Vater zumindest gleich tut. Wenn nicht, gibt es Gerede. Insbesondere bei Söhnen berühmter Männer kennen wir das. Diese in der Kindheit erworbenen Verletzungen können im Patriarchat nicht geheilt, sondern höchstens kompensiert werden und sie sind für den überall grassierenden Narzissmus verantwortlich. Männer suchen dafür die Schuld bei der Mutter – das Wesen, von dem sie unter natürlichen Bedingungen Schutz erwarten könnten. Diese Täter-Opfer-Umkehr wird zum zentralen Verhaltenskodex des Patriarchats und mündet in einer generationenübergreifenden Männersolidarität gegen Frauen. Frauenfeindlichkeit ist automatisch jedem patriarchal sozialisierten Mann anerzogen, mehr oder weniger. Es ist seine Aufgabe, das zu erkennen und zu therapieren.

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Was ist Sünde oder warum wir Jens Spahn unbedingt in die Wüste schicken müssen. Eine Glosse.

Jetzt ist Jens Spahn also tatsächlich Bundesgesundheitsminister geworden. Ich hatte es kommen sehen, denn Kompetenz besitzt er dafür nicht, das hat er schon Jahre vorher in den Talkshows bewiesen, in denen er über Soziales sprach. Wir können ja vermuten, das sei ein Coup der Bundeskanzlerin, damit er Gelegenheit bekommt, sich selbst für immer abzusägen, so wie den Guttenberg. Auch „in den Anden“ hatte sie die Taktik schon erfolgreich praktiziert.
Aber ist es nicht unerträglich, dass Spahn vorher noch Schaden anrichten darf? Immerhin geht es um Menschen. Muss das Kind immer erst einmal in den Brunnen fallen? Jens Spahn schüttete jüngst ein wahres Füllhorn von katastrophalen Statements über uns aus und wir müssen uns auf Gesetze aus seiner Feder gefasst machen, die das Rad der Geschichte zurückdrehen! Nehmen wir nur die Abtreibung, was haben Frauen dafür gekämpft! Was sollen wir nur tun? Wie können wir unsere Frauen vor diesem Manne schützen?

So gerne wie Jens Spahn in seiner Kinderbibel liest, analysiere ich die Lage bei der patriarchatskritischen Lektüre der Mythologie. Dort ist die wohl bekannteste unerwünschte Schwangerschaft die von Rapunzel; Sie wissen schon, das Mädchen mit dem langen Zopf, dem plötzlich die Kleiderchen zu eng wurden. Die Frau Gothel hatte sie einst in einen Turm gesperrt, um genau das zu verhindern. Christlich-fundamentalistisch korrekt nimmt sie bei Rapunzel aber keine Abtreibung vor, sondern schickt sie in die Wüste.
Jetzt sollten wir meinen, dass das doch einem Todesurteil gleich kommt. Aber nein, Rapunzel bringt dort sogar Zwillinge zur Welt und überlebt völlig auf sich allein gestellt und das ohne den Vater!
Wildpark Ostrittrum Märchenwald Rapunzel
Im Bild: Darstellung des Märchens Rapunzel im Märchenwald des Wild- und Freizeitparks Ostrittrum (Wikimedia commons, user: Maddl79)

Das will ja im Grunde auch unser Jens Spahn, nur umgekehrt. Wie gerne hätte er Kinder ohne Mutter. Die ist nur lästig, denn er ist ja schon mit einem Mann verheiratet. Also hat sich der Jens gedacht, da sind doch so viele Frauen, die die Frucht ihres Leibes auf den Müll werfen. Da könnte er doch mal containern gehen und sich ein paar holen! Wenn plötzlich ganz viele Kinder zur Adoption freigegeben werden, dann wird es ja auch nicht mehr lange dauern, bis ihm das erlaubt wird. Und dann ist er ganz sicher auch ein guter Papa, weil er seine neugeborenen Kinder sogleich in die Kita steckt, denn das, so sagt es ja das Familienministerium, sei das Allerbeste für das Kind. In diesem Falle hätte es wohl recht.

Ich finde, wir sollten auch den Jens umgehend in die Wüste schicken. Dort wird er zwar, wenn alles gut geht, keine Kinder gebären, aber er kann etwas lernen!

Rapunzel hat für sich ihre angeborene female choice bewahrt, die in matrifokaler Zeit noch frei gelebt wurde, im Patriarchat aber unterdrückt wird, d.h. auch von Gesundheitsministern, als sei so etwas gesund! Sie hat für sich im Anspruch genommen, den Partner frei zu wählen und wird ohne Heirat schwanger. Nur wird sie dafür in die Wüste vertrieben. Dieser Ort mutet für ein europäisches Märchen doch seltsam fremd an. Und tatsächlich befinden wir uns nun im Kontext des biblischen Nahen Ostens, dort, wo sich der Katholik Jens Spahn ganz zuhause fühlen müsste.

Die Wüste ist aber anarchisch. Hier herrschen nur die Naturgesetze. Es geht ums nackte Überleben und das ist nur durch eine extreme Anpassung möglich. Für die real dort lebenden Menschen bedeutet das Gesetz der Wüste Patriarchat, weil sie sich in einem lebensfeindlichen Raum aufhalten, wo Menschen buchstäblich nichts zu suchen haben, und sie zu Hirtennomaden geworden sind. Diese Lebensweise hat das Patriarchat erst hervorgebracht.

Die Tod bringende Wüste trägt dennoch das Potential allen Lebens in sich. Sobald es regnet, beginnt die Wüste zu blühen. Der Begriff der Wüste könnte genauso gut patriarchale Rhetorik sein, die sich auf Land bezieht, das für große Herden unbrauchbar ist, also Wälder und Feuchtgebiete, die Orte, vor denen sich echte Patriarchen fürchten und wo sie nicht ohne Waffen hinein gehen. In der Offenbarung des Neuen Testaments lesen wir nämlich:

„Und da der Drache sah, daß er verworfen war auf die Erde, verfolgte er das Weib, die das Knäblein geboren hatte. Und es wurden dem Weibe zwei Flügel gegeben wie eines Adlers, daß sie in die Wüste flöge an ihren Ort, da sie ernährt würde eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit vor dem Angesicht der Schlange.“ (Offenbarung 12.13-14)

Der Drache ist ein Mischwesen aus Adler und Schlange, den Symboltieren der Großen Göttin Ištar, also eine dämonisierte Göttin, die als „Hure Babylon“ zur Allegorie für die verhasste Stadt wurde. Ištar vollzieht in der mesopotamischen Mythologie einmal im Jahr mit ihrem Sohngeliebten, dem Stier, die Heilige Hochzeit und sorgt auf diese Weise für das Wiedererwachen der Natur. In sumerischer Zeit hieß sie noch Inanna und war die Fluss- und Muttergöttin der Ströme Euphrat und Tigris, die in einem sumpfigen Delta ins Meer münden.

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Im Bild: Inanna/Ishtar auf einer Vase aus Larsa ca. 1999-1599 v.u.Z. (Wikimedia commons, user Marie-Lan Nguyen)

In der Offenbarung lesen wir auch, dass die Wüste, welche in 1. Mose 1.2. für den Anfang steht („Die Erde war wüst und leer“), in der vorbiblischen Zeit der Sitz der Großen Göttin war:

„Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbenen Tier, das war voll Namen der Lästerung und hatte sieben Häupter und zehn Hörner.“ (Offenbarung 17.3)

In diese Wüste schickt Frau Gothel Rapunzel zur Strafe.

„Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste.“

Wir wissen jetzt, dass sie alleine dort nur überleben kann, weil die Wüste ursprünglich als der dämonisierte Ort der Muttergöttin galt, wo die Frauen versorgt waren, ohne, dass sie ein Mann versorgte.

Auch die Redewendung „jemanden in die Wüste schicken“ stammt aus dem Alten Testament:

„Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen. Hat er den Bock in die Wüste geschickt, dann soll Aaron wieder in das Offenbarungszelt gehen, die Leinengewänder, die er beim Betreten des Heiligtums angelegt hat, ablegen und sie dort verwahren.
Er soll seinen Körper in Wasser an einem heiligen Ort baden, wieder seine Kleider anlegen und hinausgehen, um sein Brandopfer und das des Volkes darzubringen. Er soll sich und das Volk entsühnen und das Fett des Sündopfers auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen. Der Mann, der den Bock für Asasel hinausgeführt hat, muss seine Kleider waschen, seinen Körper in Wasser baden und darf danach wieder in das Lager kommen.“ (3. Mose 16.21-26)

The Scapegoat
Im Bild: „The Scapegoat“ (1854) Der mit den Sünden beladene Bock wird in die Wüste geschickt; Ölgemälde von William Holman Hunt (gemeinfrei)

Ein Sündenbock lädt also im Land der Göttin alle Sünden ab. Sünde, das ist alles, was das Patriarchat stört: die freie Frau und ihre Sexualität.

Auch der Prinz wird wie der Sündenbock in die Wüste geschickt, aber Rapunzel ist längst schon da und hat gesunde Zwillinge, ein Mädchen und einen Jungen, geboren. Die vermeintliche Wüste ist offenbar ein Paradies, wo die Göttin in Gestalt Rapunzels ohne einen Vater die ersten Menschen gebiert. Dieses uralte Motiv wird von den gebärneidischen Theologen der Bibel ins Gegenteil verdreht. Da erzeugt Gott den Adam und mit ihm die Eva. Auch am Ende des Märchens von Rapunzel siegt die „Wahrheit“ der Patriarchen und schweißt die Mutter mit dem Vater ihres Kindes für immer zusammen.

So viele Leute haben längst durchschaut, dass das „natürliche Patriarchat“ ein Lügenmärchen ist. Auch die, die es nur teilweise durchschaut haben, haben zumindest begriffen, dass das Patriarchat erst die Bedingungen schafft, die Abtreibungen nötig machen. Das alles könnte auch Jens Spahn in der Wüste lernen. Schicken wir ihn dort hin. Sofort. Unverzüglich!

Nachtrag: Mein mythologischer Blick hat sich schon rumgesprochen…die TAZ vom 27.3.2018 schreibt: Er verrät seine Mütter. Die Frauenbewegung hat auch für Schwulenrechte gekämpft. Nun wären schwule Männer dran, solidarisch zu sein. Spahn tut das Gegenteil.

Warum man sich von Gott kein Bild machen soll

„Mythos Frau. Und ewig lockt das Weib! Plastiken der Altsteinzeit in Hamburg“, so lautete die Schlagzeile auf dem Cover der renommierten Zeitschrift Archäologie in Deutschland (1/2017). Dieser Sexismus soll die offenbar männliche Mehrheit der Leserschaft ansprechen.  Ich bin aber eine Frau und äußerst kritische Leserin dieses Blattes. Mann stelle sich das in männlicher Form vor: „Mythos Mann. Und ewig lässt sich der Mann locken.“ Oder so ähnlich, dies vielleicht geschmückt von einem fast unbekleideten Christus am Kreuze als Ankündigung für eine Ausstellung über die Gegenwartskultur. Dann wird klar, wie unsinnig, ja unseriös eine solche Schlagzeile ist. Die unbekleideten Frauenstatuetten, die in der Hamburger Ausstellung gezeigt werden, haben es allerdings nicht aufs Titelblatt geschafft.

Die Ankündigung der aktuellen Hamburger Ausstellung „Eiszeiten“ folgt einem wohlbekannten Muster. Im Heft lautet die Überschrift dann doch etwas weniger reißerisch: „Mythos Frau – altsteinzeitliche Plastiken in Russland“. So ist auch der Artikel recht neutral gehalten und beschreibt, was dort zu sehen ist. Erst der letzte Absatz rückt mit der Botschaft heraus und beginnt mit einem Denkverbot. „Über den Zweck der in ganz Europa verbreiteten Figuren kann nur spekuliert werden. (…) Es springt ins Auge, die sogenannten Venusfigurinen als Ausdruck der weiblichen Sexualität und Fruchtbarkeit aufzufassen. Die meisten Versuche, diese eiszeitlichen Kunstwerke zu erklären, bewegen sich in der gegenwärtigen Diskussion von ‚Pin-up-Girl’ bis Fruchtbarkeitsgöttin.“ (Merkel et al. S. 63)

Wir bekommen eine Warnung mit auf den Weg nach Hamburg: Versucht es gar nicht erst, wir werden Euch mit unserem Schlusssatz zum Schweigen bringen!

Bleiben da noch die anderen Versuche, also die, die nicht zu den „meisten“ zählen, es handelt sich genaugenommen um EINEN Versuch. Dass er nicht mit aufgezählt wird, beweist die alte Ignoranz der Herrschenden Lehre gegenüber der Patriarchatsforschung. Letztere deutet die „Plastiken“ nämlich als Darstellung der Urmutter. Schön, dass der Artikel auf die fehlenden Gesichter aufmerksam macht (es wird aber nicht versäumt, die extrem seltenen Ausnahmen herauszukehren). Die Urmutter ist die eine gesichtslose Ahnin, auf die sich alle Menschen mit ihrer altsteinzeitlichen Spiritualität zurückführten. Sie wäre im christlichen Jargon die Schöpferin allen Lebens. Daher wurden die Urmutter-Statuetten, wie der Artikel richtig erwähnt, an besonderen Plätzen aufgestellt, z.B. in Kulthöhlen.

Urmutter-Statuetten
Urmutter-Statuetten: Hohle Fels (Schwäbische Alb), 35 – 40.000 Jahre; Lespugue (Frankreich), 25.000 Jahre; Willendorf (Österreich), 23.000 Jahre; Grimaldi (Italien), 21.000 Jahre;
Gagarino (Russland), 18.000 Jahre. Collage: Gabriele Uhlmann

Die Urmutter ist das große Geheimnis, das die Herrschende Lehre aus den „Plastiken“ macht. Bei ihr handelt es sich aus christlicher Sicht um Blasphemie, auch aus Sicht aller anderen monotheistischen Weltreligionen, die einen Urvater an den Anfang stellen. Was sich hinter der altsteinzeitlichen künstlerischen Äußerung der Spiritualität verbirgt, könnte jeden Wissenschaftler in Schwierigkeiten und um seine Karriere bringen. Auch dieser Artikel wirkt wie ein Glaubensbekenntnis: Die Urmutter gibt es nicht, nur der Urvater wird anerkannt (Bott 2009). Die Frau ist ein Mythos, der Mann ist echt. Was nicht sein darf, wird in den Bereich purer, nicht ernstzunehmender Spekulation verbannt.
Weiterlesen „Warum man sich von Gott kein Bild machen soll“

Zum Artikel „Das Weltbild der Hethiter“ von Susanne Görke im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 8/2015

(Leserbrief)

Als äußerst irritierend empfinde ich den Artikel der Autorin Susanne Görke, die entscheidende Hinweise unterschlägt, womit das Weltbild der Hethiter verzerrt, ja beinahe begrüßenswert fortschrittlich und tolerant dargestellt wird, ein Umstand, den die Autorin doch sicherlich nicht beabsichtigt hatte, bemerkt sie doch, dass die Hethiter Eroberer waren. Das bedeutet konkret: Krieg und Unterdrückung der Hattier, der nicht indoeuropäischen und nicht semitischen Urbevölkerung Anatoliens. Schmerzlich fehlt ihre Erwähnung. Bereits vor hethitischer Zeit wurde ihre Kultur von den Assyrern überformt, und diese waren es, die den Wettergott zuerst nach Anatolien mitbrachten. Die ersten hattischen, frühpatriarchalen Königreiche integrierten ihn, jedoch war er der hattischen Sonnengöttin nachgestellt. Sie hieß sicherlich einst namenlos, „Sonne“, mit den Assyrern erhielt sie jedoch den an die mesopotamische Ishtar erinnernden Namen Ishtanu. Als „Sonne“ war sie ursprünglich alleinregierende Große Göttin wie Inanna in Sumer und integrierte das Oben und das Unten in ihrer einen Gestalt. Als „Sonnengöttin von Arinna“ (Arinna bedeutet „Brunnen“) war sie wie unsere Holda/Frau Holle ursprünglich Wettermacherin und wurde auf Bergen verehrt. Noch ihre hethitische Ausformung Eshtan war nach HAAS (1994, 133) in frühhethitischer Zeit „Sonnengöttin des Himmels“ und als Nachtsonne Unterweltsgöttin. Die indoeuropäischen Hethiter brachten jedoch eine typische Steppenreligion mit, zu der kein Wettergott gehörte, sondern eine Triade aus Sonnengott, Kriegsgott und Muttergöttin. Eigenartig, dass die Autorin dies nicht berücksichtigt, stattdessen den Wettergott als hethitischen Import darstellt. Wie KLINGER (1996, 141 ff.) bereits festgestellt hat, ist der hethitische Sonnengott stets blass geblieben. Die Unterscheidung einer Sonnengöttin als Unterweltsgötttin und eines Sonnengottes des Himmels, wie es HAAS/KOCH (2011, 223) später postulieren, ist nicht haltbar, weil ein starker, männlicher Sonnengott dem Wettergott Konkurrenz gemacht hätte. Denn dieser Wettergott wurde von der Priesterschaft immer weiter aufgebläht, seine Alleinherrschaft wurde angestrebt, wie in allen patriarchalen Religionen. Entsprechend war der Sonnengott des Himmels, wie SCHWEMER (2006, 252) es nachweisen konnte, niemand anderes als der vergöttlichte Herrscher, ein lebendiger Mensch.

Zudem irritiert mich, dass die Autorin eine assyrische Quelle als Belege für ihre These anführt, in der sie Inanna und Ishtar als ebenso arbeitsteilige Göttinnen darstellt. Die sumerische Inanna war zu assyrischer Zeit ein Anachronismus und wurde schon bei den Akkadern von Ishtar abgelöst, wenngleich ihr Name mit der Gelehrten- und Priestersprache Sumerisch tradiert wurde. Längst war Ereshkigal die Göttin der Unterwelt. Inannas Gang in die Unterwelt, wo sie Ereshkigal aufsuchte, war nichts anderes als der Versuch, die Spaltung in Oben und Unten rückgängig zu machen, eine antipatriarchale Revolte. Weiterlesen „Zum Artikel „Das Weltbild der Hethiter“ von Susanne Görke im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 8/2015″