Gibt es den matrifokalen Vater?

Von den seltenen Fällen einer Kindsvertauschung in der Klinik abgesehen, ist sich eine Mutter sicher, dass ihr Kind wirklich von ihr abstammt. Ein Vater kann das nicht behaupten, denn er ist an der Schwangerschaft nicht beteiligt. Wenn eine Mutter ihr Kind stillt, wird ihr Körper mit Oxytocin geflutet und es bildet sich das heraus, was wir als Mutterinstinkt bezeichnen (Blaffer Hrdy 2010). Davon zu unterscheiden ist die Mutterliebe, die sich auch herausbildet, wenn sie nicht stillt. So oder so, schon in der Schwangerschaft knüpfen Mutter und Kind ein fast schon magisches zu bezeichnendes Band, durch das sich beide wortlos verstehen und das lebenslang hält. Ein Kind kennt seine Mutter von Beginn an und durchlebt mit ihr alle Gefühle, was in der Stillzeit noch hormonell bedingt ist und später noch lange nachwirkt, weil der wachsende Verstand diese Gefühle auch einzuordnen lernt.

In unserer Welt leben die meisten Väter mit ihren leiblichen Kinder zusammen, doch 10-20 % sind auch Kuckuckskinder und weitere sind adoptiert oder aus einer früheren Beziehung der Mutter. Ein genetischer Vater, der schon 7-9 Monate vor der Geburt mit der Mutter zusammenlebte, kann das nicht unterscheiden, wenn die Mutter ihn nicht aufklärt. Die Liebe, die ein Mann zu einem Kind entwickeln kann, beruht zunächst auf dem Kindchenschema. Er findet das Kind mehr oder weniger süß. Je länger ein Mann mit einem Kind zusammenlebt, desto größer wird die Bindung, denn das Kind beginnt seinerseits auf liebevolle Weise mit dem Vater zu interagieren. Das Kind entwickelt dabei auch eine intensive Bindung, die jedoch der Bindung zur Mutter nicht gleichkommt, denn es spürt, dass die Liebe des Vaters anders ist. Diese Liebe ist stärker von kulturellen Vorstellungen geprägt. Wir können auch sagen, sie erreicht nicht den Grad an Bedingungslosigkeit wie die Mutterliebe. Manche Kinder werden sogar erst geboren, wenn ihr genetischer Vater bereits verstorben ist. Dann kann ein anderer Mann die Stelle des sozialen Vaters einnehmen und auch das Kind wird von seinem leiblichen Vater erst erfahren, wenn die Mutter es aufklärt. Dieser soziale Vater ist nicht wegen des Kindes mit der Mutter zusammen, woraus sich ein noch einmal anderes Verhältnis zum Kind einstellt.

Auch die junge Mutter kann bei der Geburt oder später versterben. Dann bleibt ein Kind zurück, das versorgt werden muss. Seit der Entdeckung der Bedeutung der mütterlichen Großmutter (Großmutter-These) wissen wir, dass ein Kind in jedem Fall die größten Überlebenschancen hat, wenn es in seiner mütterlichen Sippe aufwachsen kann. Warum also sollte es evolutionär selektiert worden sein, dass eine Mutter beim genetischen Vater ihres Kindes und dessen Familie lebt? Die Matrilokalität, das Leben der Kinder bei Mutter und Großmutter hat automatisch Matrilinearität zur Folge, d.h. ein Mensch versteht sich als aus einer Reihe von Müttern geboren.
Die Evolution beruht auf zwei Prinzipien, die Charles Darwin entdeckte: die Natürliche Selektion und die Sexuelle Selektion. Beide wirken völlig unabhängig voneinander (Prum 2017). Mit der Natürlichen Selektion passen sich Arten an ihre Umwelt an. Die Sexuelle Evolution steuert die Ausprägung der Arten im Sinne der vielfältigen Formen der Attraktivität, wozu auch die Intelligenz gehört, sowie ihr Sozialverhalten. Der Motor der Sexuellen Selektion ist die female choice, die freie weibliche Wahl ihrer Sexualpartner. Salopp gesagt kann kein Männchen mit einem Weibchen Kinder haben, wenn sie nicht will bzw. ihr Körper nicht mitspielt. Die female choice läuft in der Natur dreistufig ab, äußerlich mit der Wahl des Partners, innerlich mit der Aufnahme oder Abstoßung der Spermien durch den Körper oder das Ei und schließlich mit dem Grad des Engagements bei der Pflege des Nachwuchses. Das Kind eines gesunden Weibchens, das sich frei schwanger gemacht hat, wie wir es eigentlich formulieren müssen, wird seine Kindheit in der Regel überleben.

Die Monogamie ist in der Natur die Ausnahme, und wenn, dann leben die Männchen häufiger monogam, wie z.B. bei manchen Spinnenarten, wo das Weibchen das Männchen nach dem Akt auffrisst. Bei immer mehr Tierarten, die als besonders treu galten, wird inzwischen entdeckt, dass sowohl die Weibchen als auch die Männchen weitere Sexualpartner haben. Die Weibchen leben immer ihre female choice frei aus. Wir müssen sie nur lange und gründlich genug beobachten. Auch unsere Lebenswirklichkeit beweist, dass die Spezies Mensch nicht monogam ist. Wenn eine Menschenfrau ihre female choice frei lebt, haben mit größter Wahrscheinlichlichkeit alle ihre Kinder andere leibliche Väter. Wie soll das gut gehen, würde jeder der Kindsväter der Mutter reinreden! In der Evolution wurde alles auf das Wohl und Gedeihen der Kinder ausgerichtet, das ist das Überlebensprinzip der Arten. Eine von Vätern und Schwiegermüttern gestresste Mutter wäre in der Natur bald am Ende und auch ihre Kinder. Weiterlesen „Gibt es den matrifokalen Vater?“

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Steinzeit. Nein, Brigitte Röder, so war sie eben auch nicht!

Dies ist meine Antwort auf den Artikel „Die Steinzeit war gar nicht so. Männer jagten, Frauen kochten? Die Urgeschichte dient oft dazu, Geschlechterrollen zu begründen. Bloss: Es stimmt nicht.“ von Hubert Filser im Tagesanzeiger.ch vom 27.03.2018, https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/geschichte/die-steinzeit-war-gar-nicht-so/story/23918288.

Schon der Untertitel dieses Artikels kam mir bekannt vor, er stammt von der Archäologin Linda Owen, die einst im Katalog zur Stuttgarter Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ 2009 einen Artikel schrieb, der den Titel „Männer jagen, Frauen kochen? Die Geschlechterrollen im Jungpaläolithikum“ trägt. Einen darin befindlichen Satz musste ich bereits kritisieren, ist er doch beispielhaft für die Kopfstände der Gender Studies. Ich schrieb:

„‚Obwohl bei Sammler-Jäger-Gruppen die Männer kochen konnten und sich auf Reisen selbstversorgt haben, waren es die Frauen, die für die Familie gekocht haben.‘ (Owen 1998, S. 175). Diese überraschende Aussage korreliert nicht mit der Negation von Geschlechterrollen in der Altsteinzeit und zeichnet zudem das Bild der patriarchalen Kleinfamilie. Später wird diese These von der Autorin selbst verwässert: Im Katalog der Eiszeit-Ausstellung (…) stellt sie nun ihre Aussage (…) infrage. Trotz des Titels äußert sie sich nicht weiter zum Koch-Problem, stellt aber fest: ‚Verallgemeinerungen über die prähistorischen Geschlechterrollen werden auch in der sozial-, geistes- und naturwissenschaftlichen Forschung übernommen. Es wird selten anerkannt, das diese Rekonstruktionen nur hypothetisch sind und auf sehr wenigen archäologischen Daten, ausgewählten ethnographischen Analogien und kulturellen Vorurteilen über die Rollen der Geschlechter und die Fähigkeiten von Frauen basieren.‘ (Owen 2009, S. 158).“ Aus: Uhlmann 2012

Wenn es um die Altsteinzeit geht, ziehen die Gender Studies ihre Schlüsse aus der Beobachtung von rezenten Wildbeutern. Das ist legitim, jedoch wird stets das „Gesamtpaket“ verarbeitet und beinahe alles fraglos übernommen. Das ist letztlich auch nichts anderes als eine vollständige Projektion von der Gegenwart auf die Altsteinzeit. Linda Owen schrieb z.B. auch:

„Die Kinderpflege wird auch nicht allein von der Mutter durchgeführt. Kinder werden auch oft in die Obhut von älteren Kindern oder Erwachsenen gegeben; vor allem die Väter spielen dabei eine größere Rolle als oft angenommen.“ (Owen 2009, S. 158)

Es ist bequem, so zu argumentieren, denn die meisten Wildbeuter-Gruppen sind schon lange vom Patriarchat infiziert. Nur noch sehr wenige Völker sind unkontaktiert, weshalb wir ihre Lebensweise nicht untersuchen können. Ein besonders schönes Beispiel eines unkontaktieren Volkes ging vor einiger Zeit mit dem Luftbild eines Ei-förmigen Gebäudes im brasilianischen Urwald um die Welt.
Luftbild eines Ei-förmigen Gebäudes im brasilianischen Urwald. Bildquelle: Spektrum.de
Bildquelle: Spektrum.de

Wenige, seltene Wildbeuter-Gruppen, wie die Hazda in Afrika, sind noch annähernd natürlich in ihrer Lebensweise, werden aber ständig von Forschern heimgesucht und damit auch beeinflusst.

Aber NEIN, Väter kommen im natürlichen Sozialverhalten des Menschen, der Matrifokalität, gar nicht vor. Vaterschaft setzt die Ehe oder vaterrechtliche Gesetze voraus und beides ist immer patriarchal. Das wollen die Gender Studies partout nicht einsehen, weil sie auch in der Familienpolitik mitmischen und die biologischen Väter stärken wollen, indem sie ihnen die Rolle des Neuen Vaters regelrecht aufdrängen. Die Folge ist eine Verschärfung statt eine Schwächung des Patriarchats, was immer dann erkennbar wird, wenn sich die Mutter vom Kindsvater trennen will und das Kind im Sorgerechtsstreit zerrissen wird. Weiterlesen „Steinzeit. Nein, Brigitte Röder, so war sie eben auch nicht!“

Gewalt und Krieg gab es NICHT schon immer.

Der Mensch ist nicht von Natur aus gewalttätig. Ich möchte hier einen Artikel aus der ZEIT-online empfehlen, aus dem hervorgeht, dass Gewalt mit der zunehmend gewaltfreien Erziehung und mit immer weniger Macht der Väter immer weiter zurückgeht. Menschen werden demnach zur Gewalt erzogen. Der Grenzwert der Gewalt liegt also bei Null. Die neuen Statistiken lassen die These vom Schon-immer-Krieg sehr veraltet aussehen. Das Patriarchat ist die Ursache von Gewalt. Die Unvorstellbarkeit von Gewaltlosigkeit beweist nicht das Gegenteil:

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2018/01/kriminalitaet-moerder-amok-psychologie-gewalt-taeter/komplettansicht?print

Machen Männer Frauen krank? – Die wahren Zusammenhänge von Gesundheit, Familienstand und Arbeit


In den letzten Tagen ging durch die Sozialen Netzwerke eine Schlagzeile der Frauenzeitschrift ELLE-online: „Jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt: Männer machen Frauen psychisch krank!“ Die Resonanz war groß; Frauen versahen den Artikel mit einem schallend lachenden Smily und schrieben, dass sie „es ja schon immer gewusst“ hätten, oder, dass sie „ohne Partner schon lange pumperlgsund“ seien. Indirekt schwang bei den Kommentaren mit, dass es ihnen nicht nur um Depression, sondern allgemein um Krankheit geht. Und auch ELLE-online scheint das so zu sehen, denn die Internetseite trägt den Titel „Männer machen Frauen krank“. Was die ELLE da so sicher macht, dazu kommen wir später. Wäre die Krankheit von Frauen aber nicht so ein schwerwiegendes Problem, dann hätte die Schlagzeile wahrscheinlich nicht eine so eine große Aufmerksamkeit erregt.

Ich beschäftige mich mit dem Thema Gesundheit schon sehr lange und sammle wissenschaftliche Artikel und Studien, die gesellschaftspolitische Relevanz besitzen. Daher weiß ich, dass solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind. Das Thema hat in Wahrheit so viel Brisanz und ist so ernst, dass es geradezu fahrlässig ist, die Sache leichtfertig zu behandeln und einen „Scherz-Artikel“ daraus zu machen.

Frau mit den Händen vorm Gesicht
Photo by Melanie Wasser on Unsplash
Auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen, es ist ganz allgemein eine Tatsache, dass wir Frauen in besonderem Maße leidgeprüfte Wesen sind. Frau und Leid sind fast schon synonym. Menstruationsschmerzen, PMS, Geburtsschmerzen, Wechseljahrsbeschwerden, Blasenentzündungen, Inkontinenz, Reizdarm, Endometriose, Fibromyalgie, Lymphödem, Thromboseneigung, Depressionen, PTBS, Panikattacken und so weiter. Manches ist Veranlagung, vieles ist Geburtsfolge, manches ist auf andere – manchmal sehr schlimme – Weise erworben. Fast immer hat es mit dem spezifischen Frauenleben zu tun. Es gibt aber auch Frauen, die nichts von alledem kennen, oder solche, die eine chronische Krankheit haben, welche keine Schmerzen verursacht und gut eingestellt ist. Unter den Berufstätigen gibt es einige von ihnen, die scheinbar schwerelos durchs Leben gleiten. Sie besitzen eine besonders gute Resilienz.

Um nur einmal im Leben ein Kind zu bekommen, hat manche Frau mitunter 40 Jahre lang, manchmal sogar noch länger, jeden Monat starke Schmerzen. Das durchschnittliche Alter bei der Menopause liegt bei 51 Jahren. Die Zahlen schwanken sehr. Jedenfalls verliert sie viel Blut und erleidet häufig einen folgenreichen Eisenmangel, der nur schwer auszugleichen ist und oft gar nicht diagnostiziert wird. Die Krankenkasse zahlt nur in seltenen Fällen. Von der leider immer noch peinlichen Kleckserei und Geruchsentwicklung, die es aufwändig zu verhindern gilt, ganz zu schweigen. Auch der Vater des Kindes zahlt kein Schmerzensgeld, und versucht manchmal sogar ihr das schwer erarbeitete Kind, an dem er so wenig Anteil hat, zu entreißen.

Was Natur ist, muss ausgehalten werden. Das ist die gerechte Strafe Gottes (welcher im Übrigen selbst ein gebärender Vater sein will)! Ja, wenn sie Schmerzen hat, ist sie selbst Schuld, es gibt doch Tabletten, und es soll ja wie gesagt Frauen geben, die das nicht haben. Was können denn Gesellschaft und Väter dafür?! Tatsächlich finden sich in einer Handtasche jede Menge Tampons, Binden, Schmerztabletten und andere Dinge, die der Frau das (Über-)Leben im Patriarchat ermöglichen. Die Gesellschaft hat sehr viel damit zu tun und der Frauenkörper ist ein kultureller Körper, dessen Integrität ständig infrage gestellt wird, ganz in Gegensatz zum männlichen.

Wenn Männer also tatsächlich Frauen krank machen, wie all die Leserinnen im Internet es spüren, dann sind Frauen schon sehr lange krank, nämlich ungefähr 8000 Jahre, und das muss sich in der Geschichte niedergeschlagen haben und nicht erst heute. Ein Blick in die Bibel und wir werden fündig. Eva wird nach dem Sündenfall mit Geburtsschmerzen bestraft, Adam dagegen mit Arbeit. Das ist interessant, denn heute bekommen Frauen nicht nur unter Schmerzen Kinder, sondern müssen zusätzlich auch zur Arbeit. So will es jedenfalls die Politik, die damit die Strafe Gottes sogar noch übertrifft. Das passiert ausgerechnet in einer Zeit, in der die Bevölkerung beginnt, umzudenken gegen den Zwang zur Arbeit und mit der Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Forderung hat bemerkenswerterweise mehr AnhängerInnen als die Forderung nach einem Müttergehalt und Mütterrente!

Die Katholiken gedenken der Madonna mit den sieben Schmerzen, der Schmerzensmutter immer am 15. September. Diese sieben Schmerzen beziehen sich aber im Wesentlichen auf den Leidensweg ihres Sohnes Jesus, an dem sie als Mutter natürlich mitleiden muss. Das erste Leid ist die Prophezeiung des Simeon, dass ihre Seele von einem Schwert durchbohrt werde. Leid und Mitleiden scheinen in der Maria eins zu sein. Das Schwert symbolisiert aber auch einen vollendeten Muttermord, wenn man so will, das Ende des Leids der Mutter und …den Endsieg des Patriarchats. Wir sehen an diesem Beispiel, dass das Patriarchat eine bizarre Logik verfolgt, die den Namen nicht verdient.

Madonna mit den sieben Schmerzen, Loretokapelle mit Schwarzer Madonna bei Bad Zurzach, eigenes Werk
Bild: Madonna mit den sieben Schmerzen, Loretokapelle mit Schwarzer Madonna (Hintergrund) bei Bad Zurzach/Schweiz (Gabriele Uhlmann)

Maria war höchstens 12 Jahre alt, als sie Jesus gebar. Denn im Judentum gilt ein Mädchen nur so lange als Jung(e)frau. Das Leid, das ihr selbst im erzpatriarchalischen Israel wegen ihrer unehelichen Schwangerschaft – aus einer Vergewaltigung und Kinderschändung – zuteil geworden ist, wurde durch die Lügengeschichte von Mariä Empfängnis vollverschleiert. Wo sie sonst geächtet und zu Tode bestraft worden wäre, muss sie nun „nur“ sieben Schmerzen erleiden, die mit denen ihres Sohnes identisch sind. Selbst Schuld ist sie, so die patriarchalische Denke! Ihr Leid hängt eindeutig mit Männern zusammen, nämlich mit ihrem Vergewaltiger und mit den Männern, die ihren Sohn hingerichtet haben. Mutterleid ist unbeschreiblich, und so manche zerbricht daran. Nicht so Maria, die später noch weitere Kinder bekommen wird, und als Schmerzensheldin gefeiert wird. Maria hält aus, Maria hält durch. Sie weint, aber nicht über sich selbst, sondern über ihren Sohn. Damit ist sie seit jeher ein Vorbild für alle Gläubigen, nicht aber für Frauen, die etwas verändern wollen. Im wahren Leben werden oder sind viele Frauen wegen einer Vergewaltigung oder Missbrauchs im Kindesalter erwerbsunfähig. In der Bibel wird stillschweigend davon ausgegangen, dass Joseph Maria ernährte.

In der weiblichen Literaturgeschichte heben sich besonders die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë ab, die in der ersten Hälte des 19. Jh. lebten und alle drei sehr früh starben. Ihre Bücher sind Denkmäler des Frauenleids ihrer Zeit. Schon ihre Mutter starb 38-jährig ein Jahr nach der Geburt von Anne. Die Gesundheit der Kinder litt unter der anschließenden Unterbringung im Pensionat, weshalb sie auch oft Zeit zu Hause verbrachten. Ihr Vater, ein Dorfpfarrer, verlangte von ihnen später, als Gouvernanten zu arbeiten, um ihrem Bruder Branwell das Studium zu ermöglichen. Sie hatten keine Freude an diesem Beruf, und litten unter den Arbeitsbedingungen, die sie körperlich und psychisch krank machten. Viel lieber wollen sie daheim und zusammen Autorinnen sein, aber dahin war es im frauenfeindlichen, victorianischen Zeitalter ein weiter Weg. Sie pflegten auch die kranke Kinderfrau bis an deren Lebensende. An ihrem eigenen Ende hatten sie nicht viel von ihrem Ruhm, der sich schließlich doch noch einstellte. Charlotte starb mit 39 während und wegen ihrer Schwangerschaft, Emily starb mit 30 an einer Lungenentzündung und Anne mit 29 an Tuberkulose. Ihr Vater überlebte alle seine Kinder (auch Branwell, 31) und wurde für die Zeit sehr alt. (vgl. Maletzke 2008) Wie wäre ihr Leben verlaufen, hätte die Mutter noch lange gelebt?
Anne, Emily, and Charlotte Brontë
Bild: Anne, Emily und Charlotte Brontë, Gemälde von Branwell Brontë, ca. 1834

In unserer modernen Welt der Hochleistungsmedizin stirbt nur noch ausnahmsweise jemand sehr früh und wer krank ist, hat trotzdem meist noch ein langes Leben vor sich. Damit rückt das Problem der Erwerbsminderung und -unfähigkeit in den Vordergrund. Wer krank ist, der ist von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht. Unsere Leistungsgesellschaft folgt der Philosophie, dass nur der, der arbeitet, auch ein Recht auf ein gutes Leben hat. Vermögende werden in unserem Gesundheitssystem bevorzugt behandelt, und zahlen nicht einmal in die gesetzlichen Krankenkassen ein. Sie können sich in ihrer Freizeit besser regenerieren und für Körperpflege mehr Geld ausgeben. Wer mehr Geld hat, ist in der Regel schneller wieder gesund. Berufstätige Frauen besitzen eine höhere sog. Bewältigungskompetenz und bessere sog. Bewältigungsstrategien bei Belastungen aller Art. Ihre Resilienz, ihre gute Gesundheit macht sie zu dem, was sie sind. Gesundheit und finanzielle Sicherheit stehen in einer engen Wechselbeziehung zu einander.
Aber jeder Kranke steht unter Generalverdacht, stinkfaul zu sein, und es sich auf Kosten anderer nett zu machen. Nun sind Kranke doppelt gestraft, denn sie leiden unter ihrer Krankheit und gut leben dürfen sie auch nicht. Vater Staat hat eine komplexe, sogenannte Sozialpolitik hervorgebracht, die alles tut, um sich davor zu drücken, sich um die kranken Mitglieder der Gesellschaft so zu kümmern, dass sie am allgemeinen Leben und Wohlstand teilhaben können. Zwar gibt es mittlerweile viele Initiativen für ein barrierefreies Leben, was Körperbehinderten zugute kommt, aber psychisch Kranke sind immer noch allein gelassen und obendrein stigmatisiert. Wenn es stimmt, dass Männer Frauen psychisch krank machen, dann wären Männer noch viel unmittelbarer an Frauenarmut beteiligt, als bisher gedacht. Weiterlesen „Machen Männer Frauen krank? – Die wahren Zusammenhänge von Gesundheit, Familienstand und Arbeit“

Weibliche Wachtel (Coturnix coturnix)

Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung

Hobby-Geflügelhalter Ingo[1] schrieb vor einiger Zeit in ein Soziales Medium, dass es ja Menschen gäbe, die nicht viel denken, und er finde, es sei bei den Wachteln kaum besser. Dies sei seine Weisheit des Tages.
Ich wurde darauf aufmerksam, weil mir immer wieder Mensch/Tier-Vergleiche auffallen, wenn z.B. in einer Tier-Doku vom Hirschen die Rede ist, der „auf dem Platz als Chef seinen Harem zusammen hält“, wenn „das Silberrückenmännchen als Patriarch die Gorilla-Gruppe beherrscht“ oder auch „die Störche sich ein Leben lang treu bleiben“. Die Herstellung solcher Analogien dient leider viel zu oft der Rechtfertigung unseres eigenen Verhaltens. Die Projektionen von Mensch auf Tier und umgekehrt sind immer falsch. Wie sollen sie auch richtig sein, kennen doch die weitaus meisten Dokumentatoren, Journalisten und auch Naturwissenschaftler nicht einmal mehr unser eigenes natürliches Verhalten (Vgl. Uhlmann 2015).

Es ging Ingo aber erstmal um die „Dummheit der Tiere“, insbesondere der Wachteln. In meiner Gewissheit, dass Tiere zwar nicht lesen und schreiben können, aber trotzdem weise sind, nämlich der Weisheit von Mutter Natur folgen, erhob ich stellvertetend für die Wachteln, die übrigens zu den Hühnervögeln gehören, spontan Einspruch und schrieb, dass ich der „Weisheit des Tages“ leider nicht zustimmen könne. Immerhin haben Wachteln nie irgendeine Gehirnwäsche durchlaufen und können sich noch auf ihren gesunden Wachtelverstand verlassen. Sie unterdrücken sich nicht, haben nie Kriege angezettelt und zerstören nicht die Umwelt. Denn Tiere leben nicht im Patriarchat, – und der Mensch nebenbei gesagt von Natur aus auch nicht, hätte er sich nicht vom technischen Fortschritt abhängig gemacht, um dann dessen Opfer bzw. Opfer der eigenen Intelligenz zu werden.
Ich finde, wir können uns an den Wachteln ein Beispiel nehmen und an allen anderen Tieren natürlich auch. Nein, der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.

Ingo meinte darauf, dass das, was sein Wachtelhahn mit den Hennen mache, schon etwas von Unterdrückung hätte. Auf Nachfrage schrieb er: „Er hackt ihnen in den Nacken (Hackordnung!), was teilweise zu üblen Wunden führt.“
Dass ein Hahn so etwas macht, hatte ich noch nie gehört. Ingos Hinweis in Klammern auf die Hackordnung kam mir daher spanisch vor. In meiner Erinnerung gilt sie allgemein vor allem für die Hennen, während Hähne für Kämpfe bekannt sind. Ich halte keine Hühner, aber das knuffige Geflügel war mir schon immer sehr sympathisch. Dass sie notorisch gewalttätig sein sollen, habe ich nie so erkennen können, wann immer ich freilaufende Hühner sah. Das bestätigt auch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung online über Hühner in Gefangenschaft, der eine das Gruseln lehrt:

“Zu Hühnerkannibalismus kommt es vor allem bei der Bodenhaltung. Wenn Hühner dort ihre Eier nicht im Schutz von abgedunkelten Nestern legen können, müssen sie sich direkt nach dem Legen wieder unter ihren Artgenossen tummeln. ‚Die Kloake der Tiere ist dann noch ausgestülpt und zieht mit ihrem roten Glanz die Aufmerksamkeit anderer Tiere auf sich’, beschreibt Aigner (ein professioneller Hühnerhalter) den Auftakt zu einem blutrünstigen Schauspiel. Andere Hühner picken dann auf die Henne ein. Sobald der erste Tropfen Blut erscheint, geraten die Tiere in einen wahren Blutrausch.“ (Fischer 2010, S.2)

Die sog. Hackordnung kannte ich schon aus dem Biologieunterricht der 5. Klasse. Der Lehrer zeigte uns damals Bilder von fast federlosen Hennen und von kämpfenden Hähnen. Derart zugerichtete Exemplare habe ich bei wild lebenden Hühnern in Naturfilmen aber nie gesehen. Dass das Phänomen irgendwie menschengemacht sein muss, wurde mir erst nach der Klassenarbeit klar, in der eine Fangfrage lautete, wieviele Hähne sich auf einem Hühnerhof befänden, wozu wir eine Begründung unserer Antwort schreiben sollten. Ich schrieb, dass es zwei sein müssten, damit die Hähne miteinander kämpfen können. Da „artgerechte Haltung“ damals in den Siebzigern noch nicht in Mode war, bekam ich dafür null Punkte. Ich bin jetzt 53, erinnere mich aber, als wäre es gestern gewesen, weil Biologie zu meinen Lieblingsfächern gehörte und ich mich sehr über den Lehrer geärgert habe. Ich finde noch heute, dass das vor allem eine pä-
dagogische Null-Leistung war. Mittlerweile glaube ich, dass er auch keine Ahnung hatte, was es wirklich mit der Hackordnung auf sich hat.

Ingos Wachtel-Problem nahm ich nun nach all den Jahren zum Anlass intensiver Recherche. Dass die sog. Hackordnung erst in den Neunzehnhundertzwanziger Jahren von dem norwegischen Forscher Thorleif Schjelderup-Ebbe (1894-1976) beschrieben wurde, zeigt mir, dass dieses Verhalten tatsächlich gar nicht so offensichtlich ist, wie es scheint. Seit seine These in den Fünfziger Jahren allgemein verbreitet wurde, glaubten Menschen plötzlich überall, eine Hackordnung bei ihren Hühnern erkennen zu können. Das Wort Hackordnung wurde sogar zu einem Synonym für die Hierarchie in der menschlichen Gesellschaft. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Ein schönes Beispiel dafür ist dieser Film:

Video veröffentlicht von bettelhuhn am 16.04.2010 auf youtube.de

Es gibt aber auch leise Kritik am „Modell der Hackordnung“ wie in diesem Forum: http://www.huehner-info.de/forum/showthread.php/73375-Kritik-am-Modell-der-Hackordnung

Tatsachlich hacken sich wilde Hühner praktisch nicht. Sie picken auf dem Boden nach Nahrung, brüten, glucken, reinigen ihr Gefieder im Staub oder ruhen sich aus. Werden allerdings fremde Hühner in eine Horde (auch Schar oder Herde) gesetzt, gibt es ordentlich Streit, aber das ist menschengemacht. In der Paarungszeit kämpfen die Hähne, um den Weibchen ihre Potenz zu demonstrieren, wie bei vielen anderen Arten auch. Wenn überhaupt, gibt es unter den Hennen Streit ums Futter oder einen Platz im Sandbad. Dabei bleibt es meist bei einem „auf das konkurrierende Tier losgehen“, um es zu verscheuchen. Manchmal wird nach ihm der Kopf gereckt, was wie Picken aussieht, oft ist es nur es Drängeln und Schubsen. Im Englischen heißt es auch nicht „Hackordnung“, wie sie von Schjelderup-Ebbe während seiner Zeit in Deutschland in den Dreißiger Jahren selbst genannt wurde, sondern Pick-Ordnung (pecking order statt hacking order). Eigentlich muss es „Scheuchen“ oder „Drängeln“ heißen. Ein Video zeigt das Verhalten, das beileibe nicht so dramatisch ist, wie der Name „Hackordnung“ suggeriert.

Video veröffentlicht von HenDaisy am 10.05.2011 auf youtube.de

Was in der Allgemeinheit nicht angekommen ist, auch nicht in der gymnasialen Lehre, ist eine andere wichtige Beobachtung Schjelderup-Ebbes, nämlich, dass das Scheuchen und Drängeln von den Haushühnern nicht konsequent nach einer feststehenden Ordnung betrieben wird. Der Forscher will z.B. Dreiecksbildungen beobachtet haben. Danach „hackte“ Huhn A das Huhn B, welches Huhn C „hackte“, das wiederum Huhn A „hackte“. Bei den meisten belesenen Hühnerhaltern und -züchtern ist diese These bekannt, und sie behaupten, das beobachten zu können. Sie berichten aber auch, dass die Unruhe davon abhinge, welche Tiere gerade an einem Platz versammelt sind. Zudem änderten sich die Verhältnisse unter den Tieren immer wieder mal. Hühnerhalter beobachten auch, dass Hühner einunddesselben Geleges bestens miteinander auskommen. Und trotzdem ziehen die Hühnerexperten nicht die richtigen Schlüsse, denn das Dogma Hackordnung scheint beinahe unumstößlich.

Das Dogma führt zu vielen Fragezeichen, weshalb widersprüchliche Informationen verbreitet werden wie in diesem Beispiel:

„Wie bereits erwähnt, bestehen oftmals zwischen Alt- und Junghennen erhebliche Unterschiede. Althennen treten viel selbstbewusster in der neuen Herde auf. Unter den Hähnen ist die Machtstellung noch betonter als bei den Hennen, da die Vorrechte des Hahnes noch größer sind. Sind mehrere Hähne in einer Herde, ist die Rangfolge in der Regel auch immer linear, d.h. A zu B zu C usw..
Das ist sehr bedeutend. Verliert ein dominanter Hahn aus irgendeinem Grund seine Stellung, kann das oft dazu führen, dass dieser Hahn nicht nur in der Rangordnung einen Platz weiter hinten einnehmen muss. sondern dass es sogar dazu kommt, dass dieser anschließend erkrankt.
Im Zuchtstamm nimmt der Hahn unter natürlichen Bedingungen den ersten Rang ein. Ihm fügen sich die Hennen. Während der Fortpflanzungzeit, d. h. fast das gesamte Jahr macht der Hahn aber von seinem Hackrecht nicht Gebrauch. In der Mauser ist es anders. Da hackt er auch die Hennen vom Futter weg. Vielleicht ist dies auch ein Regelmechanismus, da der Hahn sehr viel neues Gefieder zu bilden und Körpersubstanzen aufzubauen hat.“ (Golze 2007, S. 13; meine Hervorhebung)

Kritik an der Projektion menschlichen Machtdenkens auf die Tierwelt äußerte schon in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren die sog. Kritische Psychologie[2]:

„(…) in den Ausführungen über Dominanz werden Beobachtungen an domestizierten Tieren und wildlebenden Tieren meist undifferenziert zusammengeworfen, ja, die Resultate von Untersuchungen an domestizierten Tieren haben sogar zu den grundsätzlichen Modellvorstellungen geführt, unter denen seitdem Dominanz-Subordinanz-Beziehungen überhaupt betrachtet werden. Richtungsbestimmend waren hier die Pionier-Untersuchungen von SCHJELDERUP-EBBE (von 1922 an) über das Rangordnungsverhalten am Haushuhn, die die Konzeption der ‚Hackordnung’ erbrachten und eine Vielzahl weiterer Untersuchungen an Hühnern nach sich zogen, wodurch die Vorstellungen über Eigenart und Bedeutung der Dominanz im allgemeinen maßgeblich geprägt wurden.
Verallgemeinerungen von domestizierten Tieren auf wildlebende Tiere im Hinblick auf das Verhältnis Dominanz-Führerschaft erscheinen uns indessen weitgehend unzulässig.“ (Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 172)

Als häufigste Argumente, warum dagegen die Hackordnung biologisch unbedingt sinnvoll sein müsse, fand ich:
1. Die Hackordnung sorge für soziale Ruhe in der Hühnerhorde.
2. Die Hackordnung lege eine Rangordnung fest und ranghohe Tiere übernähmen Aufgaben.
3. Die Hackordnung sichere den Fortbestand der Art.

Diese Argumente wirken erst einmal wie Totschlagargumente; aber was ist davon wirklich zu halten? Im Einzelnen: Weiterlesen „Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung“