Evolution: Zum Sammeln geboren

Zum Laufen geboren? Zum Jagen geboren?
Auch in Zeiten des Internet sind Zeitschriften das beste Mittel, auf dem Laufenden zu bleiben. Wer wie ich sogar Abonnentin ist, kennt wahrscheinlich auch die Stapel mit Heften, die in irgendwelchen Ecken vor sich hin wachsen. Meine besten Absichten, sie chronologisch in Schubern zu archivieren, scheitern schließlich am Platzmangel im Schrank. Gelegentlich ist meine Schmerzgrenze erreicht und in einer Hauruck-Aktion schneide ich alle mir wichtigen Artikel heraus und der Rest landet im Altpapier. Dabei entstehen wieder Stapel, aber nun nach Themen sortiert und abgeheftet, und der Papierberg schrumpft auf etwa ein Zwanzigstel seiner ursprünglichen Größe.

Jetzt habe ich wieder solch eine große Aktion hinter mir und diesmal war es sogar sehr inspirierend. Denn dabei fand ich den Artikel „Zum Jagen geboren“ von Kate Wong wieder, der im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 11/2014, abgedruckt war und den ich inzwischen längst vergessen hatte. Nicht dass ich den Artikel für besonders wertvoll hielte – denn das Thema ist für mich ein echtes Reizthema – aber kurz zuvor hatte ich einen ganz ähnlich klingenden Artikel abgeheftet, der – so will es der Zufall – in Heft 01/2020, also erst vor wenigen Wochen, veröffentlicht wurde, und zwar „Zum Laufen geboren“ von Herman Pontzer.

Gut, dass ich so viele Jahre sozusagen aktionslos gesammelt hatte, denn sonst hätte ich diesen Zusammenhang gar nicht mehr herstellen können! Beide Artikel nebeneinander gelegt fragte ich mich: ja, was denn nun, Jagen oder Laufen? Welche neuen Erkenntnisse hat es in diesen etwas mehr als 5 Jahren gegeben, dass zwei so unterschiedliche Aussagen zustande gekommen sind? Gleich nach meiner Aktion begann ich erneut zu lesen.

Kate Wong betont das Jagen als Motor zur Menschwerdung, oder anders gesagt, sie suggeriert, dass der Mann die treibende Kraft, die Krone menschlicher Körperkraft und der Intelligenz sei. Die Wissenschaftsjournalistin liefert tatsächlich eher unfreiwillig den Beleg gleich mit, denn der Artikel ist sozusagen das Sprachrohr für verschiedene Wissenschaftler, die glauben zu wissen, dass unser Skelett dazu gebaut sei, einen Speer nach einer Jagdbeute zu werfen. Und sie triumphiert:

“Sicherlich war solch ein Speer (ein Holzstecken mit einer Spitze aus Vulkanglas; meine Anmerk.) damals der Gipfel der Technik.“[1]

Ich kann gar nicht werfen, ich bin richtig schlecht darin. Weil es bei den Bundesjugendspielen nur Ballwerfen und Kugelstoßen aber kein Hammerwerfen gab, bekam ich regelmäßig nur eine Siegerurkunde. Entweder ich bin zum Werfen nicht geboren, weil ich eine Frau bin, oder an der Theorie ist etwas falsch. Wäre ich deshalb in der Steinzeit verhungert? Da ich viele Frauen kenne, die werfen können, und auch Männer, die nicht werfen können, muss die Theorie also falsch sein.

„Laut Daniel Liebermann von der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) und Dennis Bramble von der University of Utah in Salt Lake City könnten frühe Menschen ihre Beute bis zur völligen Erschöpfung getrieben haben“[2], schreibt sie und bemüht Nina Jablonski von der Pennsylvania State University für die Feststellung, dass die dabei entstehende Wärme von einem nackten Körper besser abgestrahlt würde,

„doch all diese Anpassungen hätten den frühen Menschen bei der Jagd nicht viel gebracht, wenn ihm Möglichkeiten fehlten, das gehetzte Tier am Ende zu erlegen – und das vorzugsweise aus einiger Distanz, also am besten indem man es mit einem geworfenen schweren oder scharfen Gegenstand trifft.“[3]

Auf Deutsch gesagt: wie schön, dass die Evolution vor dem Loslaufen noch schnell das Werfen und Herstellen eines Speeres selektiert hatte, denn sonst hätten die frühen Menschen das gehetzte Tier am Ende doch laufen lassen müssen.
Spaß beiseite. Eigentlich macht das Werfen das Laufen fast überflüssig, es muss jedoch gekonnt sein und das braucht Wurftalent und sehr langes Training, denn ein Jäger muss ja nicht nur weit werfen sondern auch zielen können. Ist das Tier aber schon lahm gehetzt, reicht einfaches Zustechen völlig aus. Nichts davon im Artikel.

Ein weiterer Gewährsmann für die These ist Neil T. Roach von der George Washington University, der als Triebfeder hinter dem evolutionären Umbau der Schulter „Selektionskräfte, die auf die Fähigkeit zu werfen gerichtet waren“ vermutet, denn „mit solchen Schultern und Armen konnten unsere Vorfahren schlechter Bäume erklimmen.“[4] Solche Selektionskräfte hatte Darwin völlig zurecht noch nicht vermutet und ich möchte schon einmal sehen, wie ein Menschenaffe die sog. Silence-Route bewältigen würde, die unter Kletterern als schwierigste der Welt gilt, oder all die anderen Herausforderungen, wo noch nie ein Menschenaffe gesichtet wurde. Dagegen sind Bäume doch ein Witz, um nicht zu sagen: kinderleicht.

Kate Wong setzt noch einen drauf: Der Anthropologe Travis Pickering glaube, dass die Jagd zu stärkerer „sozialer Untergliederung“ geführt habe, also zu jagenden Männern und sammelnden Frauen, und sie konstatiert, dass uns heute „solch eine Verteilung der Verantwortlichkeiten antiquiert vorkommen“ möge, sie sich damals aber als „Organisationsform mit hohem Anpassungswert“ erwiesen hätte.[5]
Komisch nur, dass Frauen trotzdem das Werfen gelernt haben. Was aber eigentlich hinter dieser Aussage steckt, wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Denn Arbeitsteilung ist nicht automatisch soziale Untergliederung. Soziale Untergliederung ist vor allem Hierarchie. Uns wird hier die Überlegenheit des Mannes über die Frau untergejubelt, also ein Patriarchat, das mit der Erfindung des Jagens daher gekommen sei. Die Krönung davon ist Pickerings Vermutung, dass Jagen die Aggressivität gesenkt habe und zu mehr Selbstbeherrschung verholfen hätte! Er begründet das mit dem kühlen Kopf und mit der Besonnenheit, welche ein Jäger bewahren müsse. Er müsse viel stärker seinen Verstand einsetzen als ein jagender Menschenaffe. Das allerdings können wir im Fußballstadion, auf der Autobahn, in Nord-Korea, Russland, der Türkei, den USA etc. nachprüfen. So weit, so schlecht.

Der diesjährige, neue Artikel „Zum Laufen geboren“ des Anthropologen Herman Pontzer von der Duke University in Durham/USA besagt nun, dass wir uns sehr viel mehr bewegen müssten als andere Menschenaffenarten, sonst würden wir krank.
Wie der Autor in Uganda feststellte,

„legen Schimpansen pro Tag eine Strecke von rund 100 Metern klimmend zurück, was dem Kalorienumsatz von (…) anderthalb Kilometern entspricht. Orang Utans verhalten sich ähnlich, und Gorillas dürften noch weniger an Bäumen emporsteigen, auch wenn dies bei ihnen bisher nicht gemessen worden ist.“[6]

Diese erstaunliche Beobachtung entzieht natürlich Neil T. Roachs Hypothese, wonach „Selektionskräfte, die auf die Fähigkeit zu werfen gerichtet waren“ am Werke waren, endgültig den Boden.
Wir Menschen würden sinngemäß durch Bewegung zwar kaum mehr Kalorien verbrauchen als am Schreibtisch – was er im Vergleich mit dem tansanischen Wildbeutervolk der Hazda nachweist – aber unser gesamtes Gewebe würde dann besser funktionieren. Das sei nicht immer so gewesen, aber durch Mutationen unserer Gene bei gleichzeitig viel Bewegung, hätten wir uns schließlich viel bewegen MÜSSEN. Doch nicht einfach irgendeine Bewegung, sondern Laufen.
Laufen zum Selbstzweck also? Wir sind demnach Sklaven unserer Physiologie geworden und es reicht bei weitem nicht, den ganzen Tag werfen zu üben! Werfen findet bei Pontzer auch nur indirekt Berücksichtigung, und zwar – wie könnte es anders sein – bei der Jagd, wo natürlich auch viel gelaufen werden muss. Auch wenn der Titel dem widerspricht, habe ich den Verdacht, dass uns Herman Pontzer aber genau das sagen will:

„Wir wissen zwar schon seit Langem, dass uns körperliche Aktivität gut tut. Doch auf welch vielfältige Weise sich unsere Physiologie an die bewegungsintensive Lebensweise des Jagens und Sammelns angepasst hat, beginnen wir gerade erst zu verstehen.“[7]

Da er auch ausgiebig beschreibt, wie „faul“ die nur sammelnden Menschenaffen sind, ist klar, dass er eigentlich die bewegungsintensive Lebensweise des Jagens meint. Aber so ganz eindeutig ist der Fall auch für ihn nicht:

„Fleisch zu erbeuten ist schwierig und nicht immer von Erfolg gekrönt, daher bietet eine verlässliche Grundversorgung mit pflanzlicher Kost überhaupt erst die Vorraussetzung dafür regelmäßig auf Jagd gehen zu können.“[8]

Das lässt zumindest hoffen, denn dass das Jagen die wichtigste Nahrungsbasis sei, ist so häufig unbestritten wie falsch. Immer wieder wird dieser Unsinn reproduziert. Ich habe in meiner Sammlung zahllose Artikel dieser Art.
So wissen „wir“ zwar inzwischen, dass Fleisch nicht den Löwenanteil an der Ernährung ausmacht, aber über die Prozentzahlen herrscht Uneinigkeit. Pontzer schreibt:

„Heutige Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften beziehen ungefähr die Hälfte ihrer Kalorienzufuhr aus Pflanzen. Neuere Analysen von fossilem Zahnstein haben gezeigt, dass selbst die meisterhaft jagenden, wuchtig gebauten und reichlich Fleisch verzehrenden Neanderthaler eine gemischte Diät mit einem hohen pflanzlichen Anteil einschließlich Körnern zu sich nahmen.“[9]

In der Tat hat die Max-Planck-Gesellschaft im Februar diesen Jahres mitgeteilt:

„Eine Besonderheit des modernen Menschen ist, dass er regelmäßig Fisch konsumiert, was sich durch die Analyse von Stickstoffisotopen in Knochen- oder Zahnkollagen nachweisen lässt. Ein internationales Forschungsteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig maß nun bei zwei späten Neandertalern außergewöhnlich hohe Stickstoffisotopenwerte, was traditionell für den Konsum von Süßwasserfisch steht. Eine Analyse der Isotopenwerte einzelner Aminosäuren ergab jedoch, dass sich der erwachsene Neandertaler nicht von Fisch, sondern von großen pflanzenfressenden Säugetieren ernährt hatte. Der zweite Neandertaler war ein noch nicht abgestillter Säugling, dessen Mutter ebenfalls hauptsächlich Fleisch gegessen hatte. Den Isotopendaten zufolge scheinen sich die Ernährungsgewohnheiten der Neandertaler im Laufe der Zeit kaum verändert zu haben, auch nicht nach der Ankunft des modernen Menschen in Europa.[10]

Das aber relativiert ein weiterer Artikel des Spektrum der Wissenschaft „Die wahre Steinzeitdiät“ des Anthropologen Peter S. Ungar und zwar genau eine Ausgabe früher, wo als Quintessenz zu lesen ist:

„Aus Größe und Form von Zähnen lässt sich die Ernährung ausgestorbener Tierarten bestimmen. Wichtiger als die Anatomie ist jedoch die Verfügbarkeit von Nahrung.“[11]

Das bedeutet, dass die Ernährungsweise insbesondere bei der Gattung Homo sehr stark davon abhängt, wo sie lebte. Speziell zu den Neanderthalern resümiert Ungar:

„Demnach besaßen sie einen flexiblen Speiseplan und ernährten sich so, wie es ihrem Lebensraum und der dort verfügbaren Nahrung entsprach.“[12]

Die oben genannte Max-Planck-Studie bezieht sich jedoch nur auf Proben aus Les Cottés und der Grotte du Renne in Frankreich.

Und schon 2015 wurde bekannt, dass sich die Hazda in Tansania geschlechtsspezifisch ernähren:

„Ein weiteres auffälliges Ergebnis bei der Untersuchung der Hadza Darmbakterien war, dass sich die der Männer und Frauen deutlich unterscheiden. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Arbeitsteilung bei den Hadza strikt getrennt ist. Die Frauen sind die Sammlerinnen, sie bringen Früchte und Wurzelgemüse auf den Tisch. Die Männer sind Jäger, sie steuern das Fleisch bei. Da jeder mehr von den selbst beschafften Nahrungsmitteln zu sich nimmt, ergibt sich ein Unterschied in der Zusammensetzung der Darmbakterien. Doch das ist nicht der einzige Grund. Die Frauen der Hadza brauchen die ballaststoffreichen Früchte und Wurzeln, um kräftig genug für Schwangerschaften und Stillzeiten zu sein. Dabei helfen ihnen die Bakterien der Gattung Treponema, das Maximum an Kalorien aus ihrer Nahrung herauszuholen.“[13]

Herman Pontzer ignoriert das alles geflissentlich und sein Artikel kreist hauptsächlich ums Jagen als Bewegungsmotivation Nr. 1, dies auch als würden sich Menschen beim Sammeln nicht bewegen, was jeder, der schon einmal Pilze gesammelt hat, besser weiß.
Und auch hier wieder die Krönung des Ganzen: die Nahrungsbeschaffung durch die Jagd als sozialer Motor:

„Der Übergang vom reinen Sammlerleben der frühen Homini zur Jäger-und-Sammler-Strategie der neuen Gattung Homo hatte weitreichende Konsequenzen. Zum einen stärkte er den Zusammenhalt dieser sozialen Primaten. Sich von Beutetieren zu ernähren, macht es erforderlich, zu kooperieren und zu teilen – schon deshalb, weil es für einen einzelnen Menschen mit einer Steinzeitausrüstung fast unmöglich ist, etwa ein Zebra zu töten und zu verzehren.“[14]

Diese Sätze sind auch sehr schade, weil er oben schon erkannt hatte, dass wir die Voraussetzung mit der Behauptung nicht vertauschen dürfen: ohne die Fähigkeit zu Sammeln, könnten wir ja gar nicht jagen. Darauf, dass wir auch ohne die Voraussetzung einer hohen Sozialität weniger erfolgreiche Jäger wären, will er wohl nicht schließen.
Zum anderen soll Jagen durch die erhöhte Kalorienzufuhr die Intelligenz gefördert haben, etwas, was leicht zu widerlegen ist, denn erhöhte Kalorienzufuhr macht erst einmal dick und nicht klug. Aber das sich vergrößernde Gehirn war zunehmend in der Lage, Jagdstrategien zu entwickeln und vor allem im Sammeln Meisterschaft zu erlangen. Die richtige Reihenfolge ist zwar eine Intelligenzleistung, aber anders herum lässt sich die Jagd besser zum Popanz aufblasen.

Es wäre ja nicht so schlimm, wenn sich nicht die Patriarchatslogik auf diese Lehre stützen würde, seitdem die Bibel ausgedient hat. Schon Charles Darwin hatte erkannt, dass die Natur der Natürlichen und Sexuellen Selektion unterliegt. (Eine kulturelle Selektion kommt bei ihm nicht vor, weil er kein Patriarchatsforscher war.) Die Sexuelle Selektion, auch female choice genannt, wirkt wesentlich unmittelbarer als die Natürliche, denn es sind die Weibchen, die die erfolgreichsten, sprich angepasstesten und in ihren Augen „schönsten“ Männchen wählen. Es steht und fällt daher alles mit der Fortpflanzung, den Müttern und ihrer Sorge dafür, dass die Nachkommen versorgt sind. Dabei hat jede Art ihr spezifisches Verhalten und Sozialverhalten, auch die Gattung Homo, und das ist nicht die Monogamie des Jägers mit seiner in der Höhle wartenden Ehefrau!

Der rein androzentrische Blick, wie es das „Jägerlatein“ ist, kann nicht ansatzweise erklären, warum wir derart soziale Wesen sind, und er ist auch längst überholt seit die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy den Fokus auf die Mutter-Kind-Beziehung gelenkt hat. Sie bestätigt die Patriarchatsforschung darin, dass unser angeborenes Sozialverhalten die Matrifokalität sein muss. Wie so viele andere ignoriert auch Herman Pontzer ihre Erkenntnisse vollständig.
Zur Jagd hat Blaffer Hrdy sich klar geäußert:

„Auch wenn der Jäger noch so geschickt ist, ist das Aufspüren und Töten von Beutetieren ein riskantes Unterfangen mit unbestimmtem Ausgang. Ein Mann kann jeden Tag auf die Jagd gehen und trotzdem wochenlang mit leeren Händen heimkehren. Ein Jäger (…) kann sich den Misserfolg leisten, weil er davon ausgehen kann, einen Anteil an den von den Frauen gesammelten Früchten, Nüssen und Knollen zu erhalten, und auch weil andere Männer an diesem Tag mehr Glück haben mögen“.[15]

In ihrem Buch „Mutter Natur“ weist sie daraufhin, dass es den Jägern weit mehr um – wörtlich – Angeberei geht, als darum, Fleisch für die Kinder ins Lager zu tragen.[16]

Hadzabe Hunters
Bild: Jäger der Hazda, Nord-Tansania. Bildquelle: Wikimedia Commons

Ich gehe daher davon aus, dass insbesondere die Jagd auf Großwild überwiegend eine sexuelle Aufgabe erfüllte. Dabei erwarben sich Männer über Jagdgemeinschaften und den dabei entstandenen Männerfreundschaften auch entsprechendes Vertrauen und den Zutritt in andere Sippen zu fremden Frauen. Auf diese Weise wurde die Exogamie und der Schutz der female choice sicher gestellt.

Sammeln ist ein Drang, die Jagd nicht

Mütter mussten schon immer dafür sorgen, dass ihre Kinder regelmäßig etwas zu essen bekamen. Hätten sie sich auf die Männer verlassen, wären wir schon ausgestorben. Nach der Archäologin und Ethnologin Linda Owen beschafften Frauen je nach Region sogar bis zu 70% der Gesamtnahrung.[17] Das waren nicht nur Pflanzen, sondern auch Fische, Muscheln, Reptilien, Weichtiere, Insekten und Kleinsäuger. Wie von der Max-Planck-Gesellschaft neuerdings klargestellt, waren es allerspätestens nach der Ankunft der Gattung Homo in Eurasien keine großen Tiere, die das meiste tierische Protein lieferten, sondern Fische. Die Neubewertung der Fischerei, die nicht nur auf Isotopen-Analysen beruht sondern auch auf Funden von Angelhaken, ist ein Durchbruch in der Anthropologie und entzieht dem Mythos vom männlichen Jäger als Ernährer und Kulturtreiber den Boden. Gefischt wurde immer auch von Frauen, dies oft sogar ein kleines Kind tragend, meist mit Reusen, die in Flechttechnik auch von den Frauen hergestellt wurden.[18] Im Übrigen wurden auch Speere zum Fischen eingesetzt, und zwar eher zustechend als werfend. Das Fischen hat damit insgesamt sehr deutlich Sammel-Charakter, jedenfalls solange es nicht mit Booten und Harpunen betrieben wird.

Die Erfindung des Tragebeutels und die Sammeltasche

Für die Paläoanthropologen Richard Leakey und Roger Lewin war nicht der Speer das Non-Plus-Ultra der Technik, sondern die Sammeltasche, mit der Menschen erstmals größere Mengen ins Lager tragen und damit Vorratshaltung betreiben konnten.[19] Sie ermöglichte es, die Zukunft zu planen. Meines Erachtens muss sie sich aus dem Tragebeutel für das Baby entwickelt haben, denn mit dem Fellverlust verloren Mütter eine freie Hand. Mit dem an den Körper gebundenen Kind waren Frauen weiterhin in der Lage längere Sammelgänge zu unternehmen, aber gleichzeitig Vorräte zu sammeln und damit längere Strecken zu überwinden, wo sie nichts fanden. Auch fürs Sammeln ist der aufrechte Gang hilfreich. Wir sehen die Dinge nicht nur früher und kommen an höhere Zweige heran, wir können die Sammeltasche auch oben tragen, statt sie unter uns herziehen zu müssen. Das erweiterte nicht nur schon früh den Horizont, das war ein echter Durchbruch in der Menschheitsgeschichte. Suchen und Sammeln sind ein wesentlicher Grund, eine Gegend zu verlassen, und so verließen Menschen Afrika auf der Suche nach sammelbarer Nahrung und nicht auf der Suche nach Großtieren, die ja immer dieselben Wege zurücklegten und zum Ausgangspunkt zurückkehrten.

Wer schon einmal in der Natur gesammelt hat, weiß nicht nur, wieviel Strecke dabei zurück gelegt wird, sondern auch, dass genau beobachtet werden muss, wo sich die Früchte, Wurzeln etc. verstecken, welche Zeigerpflanzen in der Nähe sind und natürlich, wo man hin tritt. Fürs erfolgreiche Sammeln braucht es ein hohes Maß an Kenntnissen, sprich Intelligenz. Beim Sammeln sind alle Sinne gefordert. Unsere Lebenserwartung erhöht sich deutlich, wenn wir unser Wissen darüber auch austauschen und z.B. einen Knollenblätterpilz nicht einfach in den Mund stecken, sondern eine erfahrene Person fragen, ob er essbar ist (ist er natürlich nicht). Manche Nahrung können wir nur sammeln, wenn wir trickreich sind, z.B. Bienenhonig. Manche Früchte lassen sich auch durch den Wurf (!) mit einem Stock ohne Leiter vom Baum holen. Kinder haben schon aus dem Tragebeutel heraus von ihren Müttern die Techniken des Sammelns und das Wissen um Essbares oder Heilkräftiges gelernt, Jungen wie Mädchen.

Die Steinzeit in uns

Wenn wir etwas einkaufen, wissen wir meist schon vorher, was wir suchen, aber wir lassen uns auch inspirieren und kaufen impulsiv, wenn uns etwas Besonderes ins Auge fällt. Unsere Vorräte und gefüllten Schränke sind das Ergebnis unserer Sammelgänge durch die Geschäfte. Dieses Sammeln macht erst dann richtig Spaß, wenn wir dabei Neues entdecken, oft genug ist allein das der Grund, shoppen zugehen. Auch der Sammler erlebt einen unerwarteten Neufund als die Krönung seines Hobbies.

Testosteronschwangeres Sammeln wird schnell zum Sonderfall des Jagens. Im Sprachgebrauch jagt der meist männliche Sammler z.B. dem begehrten Objekt hinterher; er sammelt es nicht einfach auf. Gemeint ist dabei die Suche und der Erwerb oder gar die kriminelle Beschaffung. Dabei läuft das Objekt gar nicht weg, sondern es könnte höchstens jemand anderes vorher wegschnappen. Diese Art des Sammelns hat damit auch den Charakter eines Beutezugs. Das Sammeln selbst wird dann mit der Hortung des Gesammelten verwechselt. Es dient der Bereicherung durch Wertsteigerung und vor allem dem Ruhm.
Viele sammeln Objekte auch, weil es sie zutiefst befriedigt, die Sammlung zu vervollständigen. Psychologisch könnte dahinter der Versuch stecken, irgendeine Heilung herbeizuführen und ein Gefühl der Sicherheit herzustellen. Ist die Sammlung dann vollständig, wird ein neues Sammelgebiet eröffnet, und das Sammeln lässt seinen Suchtcharakter erkennen.
All dieses Sammeln dient nicht mehr der Ernährung oder Bekleidung. Es sind Ersatzbefriedigungen, die das Leben in einer kranken Gesellschaft kompensieren und sogar noch als besonders gesund hingestellt werden können, weil sie Reichtum anzeigen und die Wirtschaft ankurbeln. Es sei denn, wir haben es mit einem Messi zu tun.

Unsere Existenz ist vom Sammeln abhängig, und trotzdem empfinden wir es nicht als Arbeit. Der Drang zu Sammeln und der Zwang zu Arbeiten unterscheiden sich dabei fundamental. Das Ernten, das ja nichts anderes ist als das Einsammeln dessen, was wir gesät haben, hat seinen Reiz wegen seiner Eintönigkeit verloren. Ernte ist harte Arbeit und soll mehr einbringen, als wir verbrauchen können. Sobald uns jemand zwingt zu sammeln resp. zu arbeiten, verliert die Sache ihren Reiz, denn wir können keinen Bezug herstellen zwischen der Arbeit und dem Geld, das wir dafür bekommen, und es repräsentiert nur einen Bruchteil dessen, was die Arbeit tatsächlich wert ist, sowohl materiell als auch ideell.
Wir sammeln ein mehr oder weniger gefülltes Bankkonto an, aber das Geld macht uns nicht glücklich, sondern höchstens zufrieden und gibt nur ein brüchiges Gefühl der Sicherheit, denn wie schnell wird es uns wieder aus der Tasche gezogen, und wenn wir krank werden, geht das Konto schlimmstenfalls gegen null.

Krank wurden wir ursächlich nicht vom Bewegungsmangel sondern vom Patriarchat, das uns unsere angeborene Lebensweise bei Strafe verbietet und mit allen Mitteln verhindert, dass wir das erkennen. Dabei gehören Suchen und Finden, also das Sammeln, zu den am meisten entspannenden und erfreulichsten Seinsformen überhaupt und sind uns angeboren, daher hat es lindernde Wirkung. Fakt ist auch, dass die meisten Menschen Scheu haben, ein Tier zu töten und keinen Drang zum Jagen verspüren.

Immer wenn wir in Not geraten, verlegen wir uns wieder aufs Sammeln. Das können die Äpfel am Wegesrand sein oder Pfandflaschen. Den Grundbedarf kann dies jedoch nicht mehr decken, weil unser Leben von Technik umgeben wurde, deren Sklaven wir geworden sind. Wir werden gezwungen, mit Technik zu leben. Dagegen sind das Sammeln und die Notwendigkeit uns zu bewegen mit uns selbst so eng verbunden, dass unsere Würde daran niemals Schaden nimmt.
Auf unserem überbevölkerten Planeten würde die Renaissance des Sammelns in der Natur leider zum plötzlichen Aussterben der Arten führen. Wir sind von unserem Glück, ja unserer Würde abgeschnitten worden, weil wir nicht mehr unser angeborenes Sozialverhalten in Matrifokalität leben dürfen, das nicht nur Überbevölkerung verhindern würde, sondern damit auch den Raubbau an der Natur.

Anmerkungen

[1] Wong 2014, S. 26

[2] Wong 2014, S. 27

[3] Ibid.

[4] Vgl. Wong 2014, S. 28

[5] Vgl. Wong 2014, S. 31

[6] Pontzer 2020, S. 48

[7] Pontzer 2020, S. 52

[8] Pontzer 2020, S. 50

[9] ibid.

[10] MPG 2020

[11] Ungar 2019, S. 35

[12] Ungar 2019, S. 41

[13] SWR 2015

[14] Pontzer 2020, S. 50

[15] Hrdy 2010b, S. 27

[16] Hrdy 2010a, S. 312

[17] Owen, Mettmann 1998, S. 167

[18] vgl. Owen, Stuttgart 2009, S. 161

[19] vgl. Leakey/Lewin 1978

Literatur

  • Blaffer Hrdy, Sarah: Mutter Natur. Berlin 2010a
  • Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und andere. Berlin 2010b
  • Leakey, Richard; Lewin, Roger: Wie der Mensch zum Menschen wurde. Neue Erkenntnisse über den Ursprung und die Zukunft des Menschen. Hamburg 1978
  • MPG 2020: Max-Planck-Gesellschaft: Neanderthaler aßen wirklich hauptsächlich Fleisch. https://www.mpg.de/12730634/neandertaler-assen-wirklich-hauptsachlich-fleisch vom 18.2.2020, abgerufen am 11.3.2020
  • Owen, Linda: Männer jagen, Frauen kochen? Die Geschlechterrollen im Jungpaläolithikum. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg und Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Eberhard Karls Universität Tübingen: Eiszeit – Kunst und Kultur, Stuttgart 2009
  • Owen, Linda: Frauen in der Altsteinzeit: Mütter, Sammlerinnen, Jägerinnen, Fischerinnen, Köchinnen, Herstellerinnen, Künstlerinnen Heilerinnen. In: Auffermann, Bärbel, Hrsg.; Weniger, Gerd-Christian, Hrsg.: Frauen – Zeiten – Spuren / Neanderthal-Museum. Mettmann 1998
  • Pontzer, Herman: Zum Laufen geboren. In: Spektrum der Wissenschaft“, Heft 01/2020
  • SWR 2015: Naturvolk – Das Mikrobiom passt sich an. Website zur der Sendung Odysso vom 3.12.2015, abgerufen am 11.3.2020
    https://www.swr.de/odysso/das-mikrobiom-passt-sich-an/-/id=1046894/did=16351966/nid=1046894/j2rbhg/index.html
  • Ungar, Peter S.: Die wahre Steinzeitdiät. In: Spektrum der Wissenschaft“, Heft 12/2019
  • Wong, Kate: Zum Jagen geboren. In: Spektrum der Wissenschaft“, Heft 11/2014

Rebloggt: Autisten, Tiere und natürliche Lebensweise

frauenideen

Ich lese gerade „Hörst du mich?“ von Valerie Paradiž. Im Buch erzählt sie die Geschichte, wie sie feststellte, das ihr kleiner Sohn autistisch ist. Auf der Reise zum Verstehen dieses Syndroms entdeckte sie auch bei sich Schattenzüge dieser Seins-Art. Zudem suchte und fand sie in Biographien prominenter Menschen wie Einstein oder Andy Warhol auch Anzeichen dafür.

Im Abschnitt über Warhol zitiert sie beim Thema Berührungsempfindlichkeit Temple Grandin, eine hochfunktionale Autismus-Aktivistin. „Temple Grandin weist in ihrem Buch darauf hin, daß dieses Zusammenzucken bei der unerwarteten Berührung durch eine andere Person und das ständige Ausschau-Halten nach Anzeichen von Gefahr aus den Augenwinkeln eine Parallele zum Verhalten von Tieren aufweisen könnte. Sie schreibt von einem ‚Schutzsystem gegen Raubtierangriffe‘, das tief in ihrem Gehirn aktiviert wird, wenn sie in Kontakt mit bedrohlichen Stimuli kommt. Diese ‚uralten tierischen Instinkte‘ werden bei Autisten wahrscheinlich leichter aktiviert als bei Neurotypikern.“

Ich finde diesen Gedanken, dass Autisten näher…

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Intervallfasten, die Steinzeit und die „Steinzeitlogik“ der Ernährungsmedizin

Das Intervallfasten wird immer beliebter und ist mittlerweile in öffentlich-rechtlichen Medien die meist beworbene Diät. Die Methode ist denkbar einfach und kostet nichts.
Beim sog. Intermittierenden Fasten, wie es in der Fachsprache heißt, gibt es zwei Ansätze:
1. Wir fasten 24 Stunden lang, und danach dürfen wir 24 Stunden alles essen.
2. Wir fasten innerhalb eines Tages 16 Stunden lang und dann dürfen wir 8 Stunden lang schlemmen.

Ich habe es nicht ausprobiert, aber es soll tatsächlich wirken. Warum das funktioniert, ist dem Durchschnittsmenschen auch durchaus einleuchtend, denn es wird mit unserem steinzeitlichen Erbe erklärt. Kaum eine Doku über das Fasten kommt dabei ohne Zeichentrickfilme aus, in denen wir Steinzeitmänner sehen, die ein Mammut erlegen, es am Lagerfeuer vor der Höhle vertilgen, und dann in den nächsten Tagen hungern, weil alle anderen Mammuts weggerannt sind.



2 Stills aus „Trend: Mehr als eine Diät? Abnehmen durch Intervallfasten | Gut zu wissen“ (Bildzitate: Quelle)

Ein beispielhafter Text dazu lautet: „Unser Körper ist für längere Hungerperioden gerüstet. Unsere Vorfahren waren z.B. auf der Jagd, hatten ein Tier erlegt und ausgiebig gegessen. Dabei dauerte es manchmal Tage, bis sie wieder Jagdglück hatten. Die längeren Essenspausen regen dabei zur Mobilisierung von Reserven an.“[1]

Im Video befindet sich der Zeichentrick ab der 3. Minute. (Quelle Bayerischer Rundfunk veröffentlicht auf Youtube am 8.1.2019)

Eigentlich, so wundere ich mich, hat doch die Steinzeit ein denkbar schlechtes Image: hoffnungslos rückständig, ohne die Segnungen der Schulmedizin, geringe Lebenserwartung, anstrengend, gefährlich. “Keiner will zurück in die Steinzeit mit ihren harten Lebensbedingungen, ihren Gefahren, ihren tödlichen Infektionen[2], so das Bekenntnis in den Medien.
Jetzt auf einmal scheint es aber so, als habe uns die Natur in der Steinzeit mit einem Supertrick ausgestattet, mit dem allein wir die Steinzeit überlebt haben: Das Körperfett!

Plötzlich reden also alle davon, dass wir uns artgemäß ernähren sollen; auch die sog. Paläo-Diät, eine sehr fleisch- und fettlastige Diät, gehört zu diesem Phänomen.
Aber gleich unser ganzes Leben auf „artgemäß“ umstellen, sollen wir bitte schön nicht! Unser angeborenes Sozialverhalten, das uns einst so erfolgreich machte, wird als „verfluchtes Erbe“ und „gefährliche Ideologie“ verteufelt, als wäre die Steinzeit das Problem und nicht unsere heutige Lebensweise im Patriarchat!

Steinzeit-Bashing gehört zum „guten Ton“. Für viele Feministinnen ist die Steinzeit ein ganz rotes Tuch: Das „Steinzeitpatriarchat“ ist fast schon sprichwörtlich. Das ist ihrer Definition nach ein Patriarchat, in dem die Mutter dem Ehemann die Hausschuhe vorwärmt, auf die Kinder aufpasst und vor allem am Herd steht. Die Leute glauben tatsächlich überwiegend, dass die Steinzeit erzpatriarchal gewesen sei, wegen der Jagd, und weil die Männer die Frauen mit der Keule bewusstlos geschlagen und dann an den Haaren hinter sich hergezogen haben sollen. Das scheint ja auch plausibel, denn vor der Erfindung des Intervallfastens durfte sich allein der moderne Mann „steinzeitlich“ ausleben und zwar im Garten und auf dem Balkon. Der Mann, der Jäger, der Ernährer, das Oberhaupt der Steinzeit-Familie und der Superheld am Grill!
Wie also kann es dann sein, dass die steinzeitlichen Frauen – wenn es sie überhaupt gab, was leider auch nicht selbstverständlich ist – immer nur gekocht haben, wo doch alle schon vom Grillen satt waren? Weiterlesen „Intervallfasten, die Steinzeit und die „Steinzeitlogik“ der Ernährungsmedizin“

Gibt es den matrifokalen Vater?

Von den seltenen Fällen einer Kindsvertauschung in der Klinik abgesehen, ist sich eine Mutter sicher, dass ihr Kind wirklich von ihr abstammt. Ein Vater kann das nicht behaupten, denn er ist an der Schwangerschaft nicht beteiligt. Wenn eine Mutter ihr Kind stillt, wird ihr Körper mit Oxytocin geflutet und es bildet sich das heraus, was wir als Mutterinstinkt bezeichnen (Blaffer Hrdy 2010). Davon zu unterscheiden ist die Mutterliebe, die sich auch herausbildet, wenn sie nicht stillt. So oder so, schon in der Schwangerschaft knüpfen Mutter und Kind ein fast schon magisch zu bezeichnendes Band, durch das sich beide wortlos verstehen und das lebenslang hält. Ein Kind kennt seine Mutter von Beginn an und durchlebt mit ihr alle Gefühle, was in der Stillzeit noch hormonell bedingt ist und später noch lange nachwirkt, weil der wachsende Verstand diese Gefühle auch einzuordnen lernt.

In unserer Welt leben die meisten Väter mit ihren leiblichen Kinder zusammen, doch 10-20 % sind auch Kuckuckskinder und weitere sind adoptiert oder aus einer früheren Beziehung der Mutter. Ein genetischer Vater, der schon 7-9 Monate vor der Geburt mit der Mutter zusammenlebte, kann das nicht unterscheiden, wenn die Mutter ihn nicht aufklärt. Die Liebe, die ein Mann zu einem Kind entwickeln kann, beruht zunächst auf dem Kindchenschema. Er findet das Kind mehr oder weniger süß. Je länger ein Mann mit einem Kind zusammenlebt, desto größer wird die Bindung, denn das Kind beginnt seinerseits auf liebevolle Weise mit dem Vater zu interagieren. Das Kind entwickelt dabei auch eine intensive Bindung, die jedoch der Bindung zur Mutter nicht gleichkommt, denn es spürt, dass die Liebe des Vaters anders ist. Diese Liebe ist stärker von kulturellen Vorstellungen geprägt. Wir können auch sagen, sie erreicht nicht den Grad an Bedingungslosigkeit wie die Mutterliebe. Manche Kinder werden sogar erst geboren, wenn ihr genetischer Vater bereits verstorben ist. Dann kann ein anderer Mann die Stelle des sozialen Vaters einnehmen und auch das Kind wird von seinem leiblichen Vater erst erfahren, wenn die Mutter es aufklärt. Dieser soziale Vater ist nicht wegen des Kindes mit der Mutter zusammen, woraus sich ein noch einmal anderes Verhältnis zum Kind einstellt.

Auch die junge Mutter kann bei der Geburt oder später versterben. Dann bleibt ein Kind zurück, das versorgt werden muss. Seit der Entdeckung der Bedeutung der mütterlichen Großmutter (Großmutter-These) wissen wir, dass ein Kind in jedem Fall die größten Überlebenschancen hat, wenn es in seiner mütterlichen Sippe aufwachsen kann. Warum also sollte es evolutionär selektiert worden sein, dass eine Mutter beim genetischen Vater ihres Kindes und dessen Familie lebt? Die Matrilokalität, das Leben der Kinder bei Mutter und Großmutter hat automatisch Matrilinearität zur Folge, d.h. ein Mensch versteht sich als aus einer Reihe von Müttern geboren.
Die Evolution beruht auf zwei Prinzipien, die Charles Darwin entdeckte: die Natürliche Selektion und die Sexuelle Selektion. Beide wirken völlig unabhängig voneinander (Prum 2017). Mit der Natürlichen Selektion passen sich Arten an ihre Umwelt an. Die Sexuelle Evolution steuert die Ausprägung der Arten im Sinne der vielfältigen Formen der Attraktivität, wozu auch die Intelligenz gehört, sowie ihr Sozialverhalten. Der Motor der Sexuellen Selektion ist die female choice, die freie weibliche Wahl ihrer Sexualpartner. Salopp gesagt kann kein Männchen mit einem Weibchen Kinder haben, wenn sie nicht will bzw. ihr Körper nicht mitspielt. Die female choice läuft in der Natur dreistufig ab, äußerlich mit der Wahl des Partners, innerlich mit der Aufnahme oder Abstoßung der Spermien durch den Körper oder das Ei und schließlich mit dem Grad des Engagements bei der Pflege des Nachwuchses. Das Kind eines gesunden Weibchens, das sich frei schwanger gemacht hat, wie wir es eigentlich formulieren müssen, wird seine Kindheit in der Regel überleben.

Die Monogamie ist in der Natur die Ausnahme, und wenn, dann leben die Männchen häufiger monogam, wie z.B. bei manchen Spinnenarten, wo das Weibchen das Männchen nach dem Akt auffrisst. Bei immer mehr Tierarten, die als besonders treu galten, wird inzwischen entdeckt, dass sowohl die Weibchen als auch die Männchen weitere Sexualpartner haben. Die Weibchen leben immer ihre female choice frei aus. Wir müssen sie nur lange und gründlich genug beobachten. Auch unsere Lebenswirklichkeit beweist, dass die Spezies Mensch nicht monogam ist. Wenn eine Menschenfrau ihre female choice frei lebt, haben mit größter Wahrscheinlichlichkeit alle ihre Kinder andere leibliche Väter. Wie soll das gut gehen, würde jeder der Kindsväter der Mutter reinreden! In der Evolution wurde alles auf das Wohl und Gedeihen der Kinder ausgerichtet, das ist das Überlebensprinzip der Arten. Eine von Vätern und Schwiegermüttern gestresste Mutter wäre in der Natur bald am Ende und auch ihre Kinder. Weiterlesen „Gibt es den matrifokalen Vater?“

Steinzeit. Nein, Brigitte Röder, so war sie eben auch nicht!

Dies ist meine Antwort auf den Artikel „Die Steinzeit war gar nicht so. Männer jagten, Frauen kochten? Die Urgeschichte dient oft dazu, Geschlechterrollen zu begründen. Bloss: Es stimmt nicht.“ von Hubert Filser im Tagesanzeiger.ch vom 27.03.2018, https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/geschichte/die-steinzeit-war-gar-nicht-so/story/23918288.

Schon der Untertitel dieses Artikels kam mir bekannt vor, er stammt von der Archäologin Linda Owen, die einst im Katalog zur Stuttgarter Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ 2009 einen Artikel schrieb, der den Titel „Männer jagen, Frauen kochen? Die Geschlechterrollen im Jungpaläolithikum“ trägt. Einen darin befindlichen Satz musste ich bereits kritisieren, ist er doch beispielhaft für die Kopfstände der Gender Studies. Ich schrieb:

„‚Obwohl bei Sammler-Jäger-Gruppen die Männer kochen konnten und sich auf Reisen selbstversorgt haben, waren es die Frauen, die für die Familie gekocht haben.‘ (Owen 1998, S. 175). Diese überraschende Aussage korreliert nicht mit der Negation von Geschlechterrollen in der Altsteinzeit und zeichnet zudem das Bild der patriarchalen Kleinfamilie. Später wird diese These von der Autorin selbst verwässert: Im Katalog der Eiszeit-Ausstellung (…) stellt sie nun ihre Aussage (…) infrage. Trotz des Titels äußert sie sich nicht weiter zum Koch-Problem, stellt aber fest: ‚Verallgemeinerungen über die prähistorischen Geschlechterrollen werden auch in der sozial-, geistes- und naturwissenschaftlichen Forschung übernommen. Es wird selten anerkannt, das diese Rekonstruktionen nur hypothetisch sind und auf sehr wenigen archäologischen Daten, ausgewählten ethnographischen Analogien und kulturellen Vorurteilen über die Rollen der Geschlechter und die Fähigkeiten von Frauen basieren.‘ (Owen 2009, S. 158).“ Aus: Uhlmann 2012

Wenn es um die Altsteinzeit geht, ziehen die Gender Studies ihre Schlüsse aus der Beobachtung von rezenten Wildbeutern. Das ist legitim, jedoch wird stets das „Gesamtpaket“ verarbeitet und beinahe alles fraglos übernommen. Das ist letztlich auch nichts anderes als eine vollständige Projektion von der Gegenwart auf die Altsteinzeit. Linda Owen schrieb z.B. auch:

„Die Kinderpflege wird auch nicht allein von der Mutter durchgeführt. Kinder werden auch oft in die Obhut von älteren Kindern oder Erwachsenen gegeben; vor allem die Väter spielen dabei eine größere Rolle als oft angenommen.“ (Owen 2009, S. 158)

Es ist bequem, so zu argumentieren, denn die meisten Wildbeuter-Gruppen sind schon lange vom Patriarchat infiziert. Nur noch sehr wenige Völker sind unkontaktiert, weshalb wir ihre Lebensweise nicht untersuchen können. Ein besonders schönes Beispiel eines unkontaktieren Volkes ging vor einiger Zeit mit dem Luftbild eines Ei-förmigen Gebäudes im brasilianischen Urwald um die Welt.
Luftbild eines Ei-förmigen Gebäudes im brasilianischen Urwald. Bildquelle: Spektrum.de
Bildquelle: Spektrum.de

Wenige, seltene Wildbeuter-Gruppen, wie die Hazda in Afrika, sind noch annähernd natürlich in ihrer Lebensweise, werden aber ständig von Forschern heimgesucht und damit auch beeinflusst.

Aber NEIN, Väter kommen im natürlichen Sozialverhalten des Menschen, der Matrifokalität, gar nicht vor. Vaterschaft setzt die Ehe oder vaterrechtliche Gesetze voraus und beides ist immer patriarchal. Das wollen die Gender Studies partout nicht einsehen, weil sie auch in der Familienpolitik mitmischen und die biologischen Väter stärken wollen, indem sie ihnen die Rolle des Neuen Vaters regelrecht aufdrängen. Die Folge ist eine Verschärfung statt eine Schwächung des Patriarchats, was immer dann erkennbar wird, wenn sich die Mutter vom Kindsvater trennen will und das Kind im Sorgerechtsstreit zerrissen wird. Weiterlesen „Steinzeit. Nein, Brigitte Röder, so war sie eben auch nicht!“

Gewalt und Krieg gab es NICHT schon immer.

Der Mensch ist nicht von Natur aus gewalttätig. Ich möchte hier einen Artikel aus der ZEIT-online empfehlen, aus dem hervorgeht, dass Gewalt mit der zunehmend gewaltfreien Erziehung und mit immer weniger Macht der Väter immer weiter zurückgeht. Menschen werden demnach zur Gewalt erzogen. Der Grenzwert der Gewalt liegt also bei Null. Die neuen Statistiken lassen die These vom Schon-immer-Krieg sehr veraltet aussehen. Das Patriarchat ist die Ursache von Gewalt. Die Unvorstellbarkeit von Gewaltlosigkeit beweist nicht das Gegenteil:

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2018/01/kriminalitaet-moerder-amok-psychologie-gewalt-taeter/komplettansicht?print

Machen Männer Frauen krank? – Die wahren Zusammenhänge von Gesundheit, Familienstand und Arbeit


In den letzten Tagen ging durch die Sozialen Netzwerke eine Schlagzeile der Frauenzeitschrift ELLE-online: „Jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt: Männer machen Frauen psychisch krank!“ Die Resonanz war groß; Frauen versahen den Artikel mit einem schallend lachenden Smily und schrieben, dass sie „es ja schon immer gewusst“ hätten, oder, dass sie „ohne Partner schon lange pumperlgsund“ seien. Indirekt schwang bei den Kommentaren mit, dass es ihnen nicht nur um Depression, sondern allgemein um Krankheit geht. Und auch ELLE-online scheint das so zu sehen, denn die Internetseite trägt den Titel „Männer machen Frauen krank“. Was die ELLE da so sicher macht, dazu kommen wir später. Wäre die Krankheit von Frauen aber nicht so ein schwerwiegendes Problem, dann hätte die Schlagzeile wahrscheinlich nicht eine so eine große Aufmerksamkeit erregt.

Ich beschäftige mich mit dem Thema Gesundheit schon sehr lange und sammle wissenschaftliche Artikel und Studien, die gesellschaftspolitische Relevanz besitzen. Daher weiß ich, dass solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind. Das Thema hat in Wahrheit so viel Brisanz und ist so ernst, dass es geradezu fahrlässig ist, die Sache leichtfertig zu behandeln und einen „Scherz-Artikel“ daraus zu machen.

Frau mit den Händen vorm Gesicht
Photo by Melanie Wasser on Unsplash
Auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen, es ist ganz allgemein eine Tatsache, dass wir Frauen in besonderem Maße leidgeprüfte Wesen sind. Frau und Leid sind fast schon synonym. Menstruationsschmerzen, PMS, Geburtsschmerzen, Wechseljahrsbeschwerden, Blasenentzündungen, Inkontinenz, Reizdarm, Endometriose, Fibromyalgie, Lymphödem, Thromboseneigung, Depressionen, PTBS, Panikattacken und so weiter. Manches ist Veranlagung, vieles ist Geburtsfolge, manches ist auf andere – manchmal sehr schlimme – Weise erworben. Fast immer hat es mit dem spezifischen Frauenleben zu tun. Es gibt aber auch Frauen, die nichts von alledem kennen, oder solche, die eine chronische Krankheit haben, welche keine Schmerzen verursacht und gut eingestellt ist. Unter den Berufstätigen gibt es einige von ihnen, die scheinbar schwerelos durchs Leben gleiten. Sie besitzen eine besonders gute Resilienz.

Um nur einmal im Leben ein Kind zu bekommen, hat manche Frau mitunter 40 Jahre lang, manchmal sogar noch länger, jeden Monat starke Schmerzen. Das durchschnittliche Alter bei der Menopause liegt bei 51 Jahren. Die Zahlen schwanken sehr. Jedenfalls verliert sie viel Blut und erleidet häufig einen folgenreichen Eisenmangel, der nur schwer auszugleichen ist und oft gar nicht diagnostiziert wird. Die Krankenkasse zahlt nur in seltenen Fällen. Von der leider immer noch peinlichen Kleckserei und Geruchsentwicklung, die es aufwändig zu verhindern gilt, ganz zu schweigen. Auch der Vater des Kindes zahlt kein Schmerzensgeld, und versucht manchmal sogar ihr das schwer erarbeitete Kind, an dem er so wenig Anteil hat, zu entreißen.

Was Natur ist, muss ausgehalten werden. Das ist die gerechte Strafe Gottes (welcher im Übrigen selbst ein gebärender Vater sein will)! Ja, wenn sie Schmerzen hat, ist sie selbst Schuld, es gibt doch Tabletten, und es soll ja wie gesagt Frauen geben, die das nicht haben. Was können denn Gesellschaft und Väter dafür?! Tatsächlich finden sich in einer Handtasche jede Menge Tampons, Binden, Schmerztabletten und andere Dinge, die der Frau das (Über-)Leben im Patriarchat ermöglichen. Die Gesellschaft hat sehr viel damit zu tun und der Frauenkörper ist ein kultureller Körper, dessen Integrität ständig infrage gestellt wird, ganz in Gegensatz zum männlichen.

Wenn Männer also tatsächlich Frauen krank machen, wie all die Leserinnen im Internet es spüren, dann sind Frauen schon sehr lange krank, nämlich ungefähr 8000 Jahre, und das muss sich in der Geschichte niedergeschlagen haben und nicht erst heute. Ein Blick in die Bibel und wir werden fündig. Eva wird nach dem Sündenfall mit Geburtsschmerzen bestraft, Adam dagegen mit Arbeit. Das ist interessant, denn heute bekommen Frauen nicht nur unter Schmerzen Kinder, sondern müssen zusätzlich auch zur Arbeit. So will es jedenfalls die Politik, die damit die Strafe Gottes sogar noch übertrifft. Das passiert ausgerechnet in einer Zeit, in der die Bevölkerung beginnt, umzudenken gegen den Zwang zur Arbeit und mit der Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Forderung hat bemerkenswerterweise mehr AnhängerInnen als die Forderung nach einem Müttergehalt und Mütterrente!

Die Katholiken gedenken der Madonna mit den sieben Schmerzen, der Schmerzensmutter immer am 15. September. Diese sieben Schmerzen beziehen sich aber im Wesentlichen auf den Leidensweg ihres Sohnes Jesus, an dem sie als Mutter natürlich mitleiden muss. Das erste Leid ist die Prophezeiung des Simeon, dass ihre Seele von einem Schwert durchbohrt werde. Leid und Mitleiden scheinen in der Maria eins zu sein. Das Schwert symbolisiert aber auch einen vollendeten Muttermord, wenn man so will, das Ende des Leids der Mutter und …den Endsieg des Patriarchats. Wir sehen an diesem Beispiel, dass das Patriarchat eine bizarre Logik verfolgt, die den Namen nicht verdient.

Madonna mit den sieben Schmerzen, Loretokapelle mit Schwarzer Madonna bei Bad Zurzach, eigenes Werk
Bild: Madonna mit den sieben Schmerzen, Loretokapelle mit Schwarzer Madonna (Hintergrund) bei Bad Zurzach/Schweiz (Gabriele Uhlmann)

Maria war höchstens 12 Jahre alt, als sie Jesus gebar. Denn im Judentum gilt ein Mädchen nur so lange als Jung(e)frau. Das Leid, das ihr selbst im erzpatriarchalischen Israel wegen ihrer unehelichen Schwangerschaft – aus einer Vergewaltigung und Kinderschändung – zuteil geworden ist, wurde durch die Lügengeschichte von Mariä Empfängnis vollverschleiert. Wo sie sonst geächtet und zu Tode bestraft worden wäre, muss sie nun „nur“ sieben Schmerzen erleiden, die mit denen ihres Sohnes identisch sind. Selbst Schuld ist sie, so die patriarchalische Denke! Ihr Leid hängt eindeutig mit Männern zusammen, nämlich mit ihrem Vergewaltiger und mit den Männern, die ihren Sohn hingerichtet haben. Mutterleid ist unbeschreiblich, und so manche zerbricht daran. Nicht so Maria, die später noch weitere Kinder bekommen wird, und als Schmerzensheldin gefeiert wird. Maria hält aus, Maria hält durch. Sie weint, aber nicht über sich selbst, sondern über ihren Sohn. Damit ist sie seit jeher ein Vorbild für alle Gläubigen, nicht aber für Frauen, die etwas verändern wollen. Im wahren Leben werden oder sind viele Frauen wegen einer Vergewaltigung oder Missbrauchs im Kindesalter erwerbsunfähig. In der Bibel wird stillschweigend davon ausgegangen, dass Joseph Maria ernährte.

In der weiblichen Literaturgeschichte heben sich besonders die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë ab, die in der ersten Hälte des 19. Jh. lebten und alle drei sehr früh starben. Ihre Bücher sind Denkmäler des Frauenleids ihrer Zeit. Schon ihre Mutter starb 38-jährig ein Jahr nach der Geburt von Anne. Die Gesundheit der Kinder litt unter der anschließenden Unterbringung im Pensionat, weshalb sie auch oft Zeit zu Hause verbrachten. Ihr Vater, ein Dorfpfarrer, verlangte von ihnen später, als Gouvernanten zu arbeiten, um ihrem Bruder Branwell das Studium zu ermöglichen. Sie hatten keine Freude an diesem Beruf, und litten unter den Arbeitsbedingungen, die sie körperlich und psychisch krank machten. Viel lieber wollen sie daheim und zusammen Autorinnen sein, aber dahin war es im frauenfeindlichen, victorianischen Zeitalter ein weiter Weg. Sie pflegten auch die kranke Kinderfrau bis an deren Lebensende. An ihrem eigenen Ende hatten sie nicht viel von ihrem Ruhm, der sich schließlich doch noch einstellte. Charlotte starb mit 39 während und wegen ihrer Schwangerschaft, Emily starb mit 30 an einer Lungenentzündung und Anne mit 29 an Tuberkulose. Ihr Vater überlebte alle seine Kinder (auch Branwell, 31) und wurde für die Zeit sehr alt. (vgl. Maletzke 2008) Wie wäre ihr Leben verlaufen, hätte die Mutter noch lange gelebt?
Anne, Emily, and Charlotte Brontë
Bild: Anne, Emily und Charlotte Brontë, Gemälde von Branwell Brontë, ca. 1834

In unserer modernen Welt der Hochleistungsmedizin stirbt nur noch ausnahmsweise jemand sehr früh und wer krank ist, hat trotzdem meist noch ein langes Leben vor sich. Damit rückt das Problem der Erwerbsminderung und -unfähigkeit in den Vordergrund. Wer krank ist, der ist von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht. Unsere Leistungsgesellschaft folgt der Philosophie, dass nur der, der arbeitet, auch ein Recht auf ein gutes Leben hat. Vermögende werden in unserem Gesundheitssystem bevorzugt behandelt, und zahlen nicht einmal in die gesetzlichen Krankenkassen ein. Sie können sich in ihrer Freizeit besser regenerieren und für Körperpflege mehr Geld ausgeben. Wer mehr Geld hat, ist in der Regel schneller wieder gesund. Berufstätige Frauen besitzen eine höhere sog. Bewältigungskompetenz und bessere sog. Bewältigungsstrategien bei Belastungen aller Art. Ihre Resilienz, ihre gute Gesundheit macht sie zu dem, was sie sind. Gesundheit und finanzielle Sicherheit stehen in einer engen Wechselbeziehung zu einander.
Aber jeder Kranke steht unter Generalverdacht, stinkfaul zu sein, und es sich auf Kosten anderer nett zu machen. Nun sind Kranke doppelt gestraft, denn sie leiden unter ihrer Krankheit und gut leben dürfen sie auch nicht. Vater Staat hat eine komplexe, sogenannte Sozialpolitik hervorgebracht, die alles tut, um sich davor zu drücken, sich um die kranken Mitglieder der Gesellschaft so zu kümmern, dass sie am allgemeinen Leben und Wohlstand teilhaben können. Zwar gibt es mittlerweile viele Initiativen für ein barrierefreies Leben, was Körperbehinderten zugute kommt, aber psychisch Kranke sind immer noch allein gelassen und obendrein stigmatisiert. Wenn es stimmt, dass Männer Frauen psychisch krank machen, dann wären Männer noch viel unmittelbarer an Frauenarmut beteiligt, als bisher gedacht. Weiterlesen „Machen Männer Frauen krank? – Die wahren Zusammenhänge von Gesundheit, Familienstand und Arbeit“

Weibliche Wachtel (Coturnix coturnix)

Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung

Hobby-Geflügelhalter Ingo[1] schrieb vor einiger Zeit in ein Soziales Medium, dass es ja Menschen gäbe, die nicht viel denken, und er finde, es sei bei den Wachteln kaum besser. Dies sei seine Weisheit des Tages.

Ich wurde darauf aufmerksam, weil mir immer wieder Mensch/Tier-Vergleiche auffallen, wenn z.B. in einer Tier-Doku vom Hirschen die Rede ist, der „auf dem Platz als Chef seinen Harem zusammen hält“, wenn „das Silberrückenmännchen als Patriarch die Gorilla-Gruppe beherrscht“ oder auch „die Störche sich ein Leben lang treu bleiben“. Die Herstellung solcher Analogien dient leider viel zu oft der Rechtfertigung unseres eigenen Verhaltens. Die Projektionen von Mensch auf Tier und umgekehrt sind immer falsch. Wie sollen sie auch richtig sein, kennen doch die weitaus meisten Dokumentatoren, Journalisten und auch Naturwissenschaftler nicht einmal mehr unser eigenes natürliches Verhalten (Vgl. Uhlmann 2015).

Es ging Ingo aber erstmal um die „Dummheit der Tiere“, insbesondere der Wachteln. In meiner Gewissheit, dass Tiere zwar nicht lesen und schreiben können, aber trotzdem weise sind, nämlich der Weisheit von Mutter Natur folgen, erhob ich stellvertetend für die Wachteln, die übrigens zu den Hühnervögeln gehören, spontan Einspruch und schrieb, dass ich der „Weisheit des Tages“ leider nicht zustimmen könne. Immerhin haben Wachteln nie irgendeine Gehirnwäsche durchlaufen und können sich noch auf ihren gesunden Wachtelverstand verlassen. Sie unterdrücken sich nicht, haben nie Kriege angezettelt und zerstören nicht die Umwelt. Denn Tiere leben nicht im Patriarchat, – und der Mensch nebenbei gesagt von Natur aus auch nicht, hätte er sich nicht vom technischen Fortschritt abhängig gemacht, um dann dessen Opfer bzw. Opfer der eigenen Intelligenz zu werden.

Ich finde, wir können uns an den Wachteln ein Beispiel nehmen und an allen anderen Tieren natürlich auch. Nein, der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.

Ingo meinte darauf, dass das, was sein Wachtelhahn mit den Hennen mache, schon etwas von Unterdrückung hätte. Auf Nachfrage schrieb er: „Er hackt ihnen in den Nacken (Hackordnung!), was teilweise zu üblen Wunden führt.“

Dass ein Hahn so etwas macht, hatte ich noch nie gehört. Ingos Hinweis in Klammern auf die Hackordnung kam mir daher spanisch vor. In meiner Erinnerung gilt sie allgemein vor allem für die Hennen, während Hähne für Kämpfe bekannt sind. Ich halte keine Hühner, aber das knuffige Geflügel war mir schon immer sehr sympathisch. Dass sie notorisch gewalttätig sein sollen, habe ich nie so erkennen können, wann immer ich freilaufende Hühner sah. Das bestätigt auch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung online über Hühner in Gefangenschaft, der eine das Gruseln lehrt:

“Zu Hühnerkannibalismus kommt es vor allem bei der Bodenhaltung. Wenn Hühner dort ihre Eier nicht im Schutz von abgedunkelten Nestern legen können, müssen sie sich direkt nach dem Legen wieder unter ihren Artgenossen tummeln. ‚Die Kloake der Tiere ist dann noch ausgestülpt und zieht mit ihrem roten Glanz die Aufmerksamkeit anderer Tiere auf sich’, beschreibt Aigner (ein professioneller Hühnerhalter) den Auftakt zu einem blutrünstigen Schauspiel. Andere Hühner picken dann auf die Henne ein. Sobald der erste Tropfen Blut erscheint, geraten die Tiere in einen wahren Blutrausch.“ (Fischer 2010, S.2)

Die sog. Hackordnung kannte ich schon aus dem Biologieunterricht der 5. Klasse. Der Lehrer zeigte uns damals Bilder von fast federlosen Hennen und von kämpfenden Hähnen. Derart zugerichtete Exemplare habe ich bei wild lebenden Hühnern in Naturfilmen aber nie gesehen. Dass das Phänomen irgendwie menschengemacht sein muss, wurde mir erst nach der Klassenarbeit klar, in der eine Fangfrage lautete, wieviele Hähne sich auf einem Hühnerhof befänden, wozu wir eine Begründung unserer Antwort schreiben sollten. Ich schrieb, dass es zwei sein müssten, damit die Hähne miteinander kämpfen können. Da „artgerechte Haltung“ damals in den Siebzigern noch nicht in Mode war, bekam ich dafür null Punkte. Ich bin jetzt 53, erinnere mich aber, als wäre es gestern gewesen, weil Biologie zu meinen Lieblingsfächern gehörte und ich mich sehr über den Lehrer geärgert habe. Ich finde noch heute, dass das vor allem eine pädagogische Null-Leistung war. Mittlerweile glaube ich, dass er auch keine Ahnung hatte, was es wirklich mit der Hackordnung auf sich hat.

Ingos Wachtel-Problem nahm ich nun nach all den Jahren zum Anlass intensiver Recherche. Dass die sog. Hackordnung erst in den Neunzehnhundertzwanziger Jahren von dem norwegischen Forscher Thorleif Schjelderup-Ebbe (1894-1976) beschrieben wurde, zeigt mir, dass dieses Verhalten tatsächlich gar nicht so offensichtlich ist, wie es scheint. Seit seine These in den Fünfziger Jahren allgemein verbreitet wurde, glaubten Menschen plötzlich überall, eine Hackordnung bei ihren Hühnern erkennen zu können. Das Wort Hackordnung wurde sogar zu einem Synonym für die Hierarchie in der menschlichen Gesellschaft. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Ein schönes Beispiel dafür ist dieser Film:

Video veröffentlicht von bettelhuhn am 16.04.2010 auf youtube.de

Es gibt aber auch leise Kritik am „Modell der Hackordnung“ wie in diesem Forum: http://www.huehner-info.de/forum/showthread.php/73375-Kritik-am-Modell-der-Hackordnung

Tatsachlich hacken sich wilde Hühner praktisch nicht. Sie picken auf dem Boden nach Nahrung, brüten, glucken, reinigen ihr Gefieder im Staub oder ruhen sich aus. Werden allerdings fremde Hühner in eine Horde (auch Schar oder Herde) gesetzt, gibt es ordentlich Streit, aber das ist menschengemacht. In der Paarungszeit kämpfen die Hähne, um den Weibchen ihre Potenz zu demonstrieren, wie bei vielen anderen Arten auch. Wenn überhaupt, gibt es unter den Hennen Streit ums Futter oder einen Platz im Sandbad. Dabei bleibt es meist bei einem „auf das konkurrierende Tier losgehen“, um es zu verscheuchen. Manchmal wird nach ihm der Kopf gereckt, was wie Picken aussieht, oft ist es nur es Drängeln und Schubsen. Im Englischen heißt es auch nicht „Hackordnung“, wie sie von Schjelderup-Ebbe während seiner Zeit in Deutschland in den Dreißiger Jahren selbst genannt wurde, sondern Pick-Ordnung (pecking order statt hacking order). Eigentlich muss es „Scheuchen“ oder „Drängeln“ heißen. Ein Video zeigt das Verhalten, das beileibe nicht so dramatisch ist, wie der Name „Hackordnung“ suggeriert.

Video veröffentlicht von HenDaisy am 10.05.2011 auf youtube.de

Was in der Allgemeinheit nicht angekommen ist, auch nicht in der gymnasialen Lehre, ist eine andere wichtige Beobachtung Schjelderup-Ebbes, nämlich, dass das Scheuchen und Drängeln von den Haushühnern nicht konsequent nach einer feststehenden Ordnung betrieben wird. Der Forscher will z.B. Dreiecksbildungen beobachtet haben. Danach „hackte“ Huhn A das Huhn B, welches Huhn C „hackte“, das wiederum Huhn A „hackte“. Bei den meisten belesenen Hühnerhaltern und -züchtern ist diese These bekannt, und sie behaupten, das beobachten zu können. Sie berichten aber auch, dass die Unruhe davon abhinge, welche Tiere gerade an einem Platz versammelt sind. Zudem änderten sich die Verhältnisse unter den Tieren immer wieder mal. Hühnerhalter beobachten auch, dass Hühner einunddesselben Geleges bestens miteinander auskommen. Und trotzdem ziehen die Hühnerexperten nicht die richtigen Schlüsse, denn das Dogma Hackordnung scheint beinahe unumstößlich.

Das Dogma führt zu vielen Fragezeichen, weshalb widersprüchliche Informationen verbreitet werden wie in diesem Beispiel:

„Wie bereits erwähnt, bestehen oftmals zwischen Alt- und Junghennen erhebliche Unterschiede. Althennen treten viel selbstbewusster in der neuen Herde auf. Unter den Hähnen ist die Machtstellung noch betonter als bei den Hennen, da die Vorrechte des Hahnes noch größer sind. Sind mehrere Hähne in einer Herde, ist die Rangfolge in der Regel auch immer linear, d.h. A zu B zu C usw..

Das ist sehr bedeutend. Verliert ein dominanter Hahn aus irgendeinem Grund seine Stellung, kann das oft dazu führen, dass dieser Hahn nicht nur in der Rangordnung einen Platz weiter hinten einnehmen muss. sondern dass es sogar dazu kommt, dass dieser anschließend erkrankt.

Im Zuchtstamm nimmt der Hahn unter natürlichen Bedingungen den ersten Rang ein. Ihm fügen sich die Hennen. Während der Fortpflanzungzeit, d. h. fast das gesamte Jahr macht der Hahn aber von seinem Hackrecht nicht Gebrauch. In der Mauser ist es anders. Da hackt er auch die Hennen vom Futter weg. Vielleicht ist dies auch ein Regelmechanismus, da der Hahn sehr viel neues Gefieder zu bilden und Körpersubstanzen aufzubauen hat.“ (Golze 2007, S. 13; meine Hervorhebung)

Kritik an der Projektion menschlichen Machtdenkens auf die Tierwelt äußerte schon in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren die sog. Kritische Psychologie[2]:

„(…) in den Ausführungen über Dominanz werden Beobachtungen an domestizierten Tieren und wildlebenden Tieren meist undifferenziert zusammengeworfen, ja, die Resultate von Untersuchungen an domestizierten Tieren haben sogar zu den grundsätzlichen Modellvorstellungen geführt, unter denen seitdem Dominanz-Subordinanz-Beziehungen überhaupt betrachtet werden. Richtungsbestimmend waren hier die Pionier-Untersuchungen von SCHJELDERUP-EBBE (von 1922 an) über das Rangordnungsverhalten am Haushuhn, die die Konzeption der ‚Hackordnung’ erbrachten und eine Vielzahl weiterer Untersuchungen an Hühnern nach sich zogen, wodurch die Vorstellungen über Eigenart und Bedeutung der Dominanz im allgemeinen maßgeblich geprägt wurden.

Verallgemeinerungen von domestizierten Tieren auf wildlebende Tiere im Hinblick auf das Verhältnis Dominanz-Führerschaft erscheinen uns indessen weitgehend unzulässig.“ (Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 172)

Als häufigste Argumente, warum dagegen die Hackordnung biologisch unbedingt sinnvoll sein müsse, fand ich:

1. Die Hackordnung sorge für soziale Ruhe in der Hühnerhorde.

2. Die Hackordnung lege eine Rangordnung fest und ranghohe Tiere übernähmen Aufgaben.

3. Die Hackordnung sichere den Fortbestand der Art.

Diese Argumente wirken erst einmal wie Totschlagargumente; aber was ist davon wirklich zu halten? Im Einzelnen: Weiterlesen „Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung“