Evolution: Zum Sammeln geboren

Zum Laufen geboren? Zum Jagen geboren?
Auch in Zeiten des Internet sind Zeitschriften das beste Mittel, auf dem Laufenden zu bleiben. Wer wie ich sogar Abonnentin ist, kennt wahrscheinlich auch die Stapel mit Heften, die in irgendwelchen Ecken vor sich hin wachsen. Meine besten Absichten, sie chronologisch in Schubern zu archivieren, scheitern schließlich am Platzmangel im Schrank. Gelegentlich ist meine Schmerzgrenze erreicht und in einer Hauruck-Aktion schneide ich alle mir wichtigen Artikel heraus und der Rest landet im Altpapier. Dabei entstehen wieder Stapel, aber nun nach Themen sortiert und abgeheftet, und der Papierberg schrumpft auf etwa ein Zwanzigstel seiner ursprünglichen Größe.

Jetzt habe ich wieder solch eine große Aktion hinter mir und diesmal war es sogar sehr inspirierend. Denn dabei fand ich den Artikel „Zum Jagen geboren“ von Kate Wong wieder, der im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 11/2014, abgedruckt war und den ich inzwischen längst vergessen hatte. Nicht dass ich den Artikel für besonders wertvoll hielte – denn das Thema ist für mich ein echtes Reizthema – aber kurz zuvor hatte ich einen ganz ähnlich klingenden Artikel abgeheftet, der – so will es der Zufall – in Heft 01/2020, also erst vor wenigen Wochen, veröffentlicht wurde, und zwar „Zum Laufen geboren“ von Herman Pontzer.

Gut, dass ich so viele Jahre sozusagen aktionslos gesammelt hatte, denn sonst hätte ich diesen Zusammenhang gar nicht mehr herstellen können! Beide Artikel nebeneinander gelegt fragte ich mich: ja, was denn nun, Jagen oder Laufen? Welche neuen Erkenntnisse hat es in diesen etwas mehr als 5 Jahren gegeben, dass zwei so unterschiedliche Aussagen zustande gekommen sind? Gleich nach meiner Aktion begann ich erneut zu lesen.

Kate Wong betont das Jagen als Motor zur Menschwerdung, oder anders gesagt, sie suggeriert, dass der Mann die treibende Kraft, die Krone menschlicher Körperkraft und der Intelligenz sei. Die Wissenschaftsjournalistin liefert tatsächlich eher unfreiwillig den Beleg gleich mit, denn der Artikel ist sozusagen das Sprachrohr für verschiedene Wissenschaftler, die glauben zu wissen, dass unser Skelett dazu gebaut sei, einen Speer nach einer Jagdbeute zu werfen. Und sie triumphiert:

“Sicherlich war solch ein Speer (ein Holzstecken mit einer Spitze aus Vulkanglas; meine Anmerk.) damals der Gipfel der Technik.“[1]

Ich kann gar nicht werfen, ich bin richtig schlecht darin. Weil es bei den Bundesjugendspielen nur Ballwerfen und Kugelstoßen aber kein Hammerwerfen gab, bekam ich regelmäßig nur eine Siegerurkunde. Entweder ich bin zum Werfen nicht geboren, weil ich eine Frau bin, oder an der Theorie ist etwas falsch. Wäre ich deshalb in der Steinzeit verhungert? Da ich viele Frauen kenne, die werfen können, und auch Männer, die nicht werfen können, muss die Theorie also falsch sein.

„Laut Daniel Liebermann von der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) und Dennis Bramble von der University of Utah in Salt Lake City könnten frühe Menschen ihre Beute bis zur völligen Erschöpfung getrieben haben“[2], schreibt sie und bemüht Nina Jablonski von der Pennsylvania State University für die Feststellung, dass die dabei entstehende Wärme von einem nackten Körper besser abgestrahlt würde,

„doch all diese Anpassungen hätten den frühen Menschen bei der Jagd nicht viel gebracht, wenn ihm Möglichkeiten fehlten, das gehetzte Tier am Ende zu erlegen – und das vorzugsweise aus einiger Distanz, also am besten indem man es mit einem geworfenen schweren oder scharfen Gegenstand trifft.“[3]

Auf Deutsch gesagt: wie schön, dass die Evolution vor dem Loslaufen noch schnell das Werfen und Herstellen eines Speeres selektiert hatte, denn sonst hätten die frühen Menschen das gehetzte Tier am Ende doch laufen lassen müssen.
Spaß beiseite. Eigentlich macht das Werfen das Laufen fast überflüssig, es muss jedoch gekonnt sein und das braucht Wurftalent und sehr langes Training, denn ein Jäger muss ja nicht nur weit werfen sondern auch zielen können. Ist das Tier aber schon lahm gehetzt, reicht einfaches Zustechen völlig aus. Nichts davon im Artikel.

Ein weiterer Gewährsmann für die These ist Neil T. Roach von der George Washington University, der als Triebfeder hinter dem evolutionären Umbau der Schulter „Selektionskräfte, die auf die Fähigkeit zu werfen gerichtet waren“ vermutet, denn „mit solchen Schultern und Armen konnten unsere Vorfahren schlechter Bäume erklimmen.“[4] Solche Selektionskräfte hatte Darwin völlig zurecht noch nicht vermutet und ich möchte schon einmal sehen, wie ein Menschenaffe die sog. Silence-Route bewältigen würde, die unter Kletterern als schwierigste der Welt gilt, oder all die anderen Herausforderungen, wo noch nie ein Menschenaffe gesichtet wurde. Dagegen sind Bäume doch ein Witz, um nicht zu sagen: kinderleicht.

Kate Wong setzt noch einen drauf: Der Anthropologe Travis Pickering glaube, dass die Jagd zu stärkerer „sozialer Untergliederung“ geführt habe, also zu jagenden Männern und sammelnden Frauen, und sie konstatiert, dass uns heute „solch eine Verteilung der Verantwortlichkeiten antiquiert vorkommen“ möge, sie sich damals aber als „Organisationsform mit hohem Anpassungswert“ erwiesen hätte.[5]
Komisch nur, dass Frauen trotzdem das Werfen gelernt haben. Was aber eigentlich hinter dieser Aussage steckt, wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Denn Arbeitsteilung ist nicht automatisch soziale Untergliederung. Soziale Untergliederung ist vor allem Hierarchie. Uns wird hier die Überlegenheit des Mannes über die Frau untergejubelt, also ein Patriarchat, das mit der Erfindung des Jagens daher gekommen sei. Die Krönung davon ist Pickerings Vermutung, dass Jagen die Aggressivität gesenkt habe und zu mehr Selbstbeherrschung verholfen hätte! Er begründet das mit dem kühlen Kopf und mit der Besonnenheit, welche ein Jäger bewahren müsse. Er müsse viel stärker seinen Verstand einsetzen als ein jagender Menschenaffe. Das allerdings können wir im Fußballstadion, auf der Autobahn, in Nord-Korea, Russland, der Türkei, den USA etc. nachprüfen. So weit, so schlecht.

Der diesjährige, neue Artikel „Zum Laufen geboren“ des Anthropologen Herman Pontzer von der Duke University in Durham/USA besagt nun, dass wir uns sehr viel mehr bewegen müssten als andere Menschenaffenarten, sonst würden wir krank.
Wie der Autor in Uganda feststellte,

„legen Schimpansen pro Tag eine Strecke von rund 100 Metern klimmend zurück, was dem Kalorienumsatz von (…) anderthalb Kilometern entspricht. Orang Utans verhalten sich ähnlich, und Gorillas dürften noch weniger an Bäumen emporsteigen, auch wenn dies bei ihnen bisher nicht gemessen worden ist.“[6]

Diese erstaunliche Beobachtung entzieht natürlich Neil T. Roachs Hypothese, wonach „Selektionskräfte, die auf die Fähigkeit zu werfen gerichtet waren“ am Werke waren, endgültig den Boden.
Wir Menschen würden sinngemäß durch Bewegung zwar kaum mehr Kalorien verbrauchen als am Schreibtisch – was er im Vergleich mit dem tansanischen Wildbeutervolk der Hazda nachweist – aber unser gesamtes Gewebe würde dann besser funktionieren. Das sei nicht immer so gewesen, aber durch Mutationen unserer Gene bei gleichzeitig viel Bewegung, hätten wir uns schließlich viel bewegen MÜSSEN. Doch nicht einfach irgendeine Bewegung, sondern Laufen.
Laufen zum Selbstzweck also? Wir sind demnach Sklaven unserer Physiologie geworden und es reicht bei weitem nicht, den ganzen Tag werfen zu üben! Werfen findet bei Pontzer auch nur indirekt Berücksichtigung, und zwar – wie könnte es anders sein – bei der Jagd, wo natürlich auch viel gelaufen werden muss. Auch wenn der Titel dem widerspricht, habe ich den Verdacht, dass uns Herman Pontzer aber genau das sagen will:

„Wir wissen zwar schon seit Langem, dass uns körperliche Aktivität gut tut. Doch auf welch vielfältige Weise sich unsere Physiologie an die bewegungsintensive Lebensweise des Jagens und Sammelns angepasst hat, beginnen wir gerade erst zu verstehen.“[7]

Da er auch ausgiebig beschreibt, wie „faul“ die nur sammelnden Menschenaffen sind, ist klar, dass er eigentlich die bewegungsintensive Lebensweise des Jagens meint. Aber so ganz eindeutig ist der Fall auch für ihn nicht:

„Fleisch zu erbeuten ist schwierig und nicht immer von Erfolg gekrönt, daher bietet eine verlässliche Grundversorgung mit pflanzlicher Kost überhaupt erst die Vorraussetzung dafür regelmäßig auf Jagd gehen zu können.“[8]

Das lässt zumindest hoffen, denn dass das Jagen die wichtigste Nahrungsbasis sei, ist so häufig unbestritten wie falsch. Immer wieder wird dieser Unsinn reproduziert. Ich habe in meiner Sammlung zahllose Artikel dieser Art.
So wissen „wir“ zwar inzwischen, dass Fleisch nicht den Löwenanteil an der Ernährung ausmacht, aber über die Prozentzahlen herrscht Uneinigkeit. Pontzer schreibt:

„Heutige Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften beziehen ungefähr die Hälfte ihrer Kalorienzufuhr aus Pflanzen. Neuere Analysen von fossilem Zahnstein haben gezeigt, dass selbst die meisterhaft jagenden, wuchtig gebauten und reichlich Fleisch verzehrenden Neanderthaler eine gemischte Diät mit einem hohen pflanzlichen Anteil einschließlich Körnern zu sich nahmen.“[9]

In der Tat hat die Max-Planck-Gesellschaft im Februar diesen Jahres mitgeteilt:

„Eine Besonderheit des modernen Menschen ist, dass er regelmäßig Fisch konsumiert, was sich durch die Analyse von Stickstoffisotopen in Knochen- oder Zahnkollagen nachweisen lässt. Ein internationales Forschungsteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig maß nun bei zwei späten Neandertalern außergewöhnlich hohe Stickstoffisotopenwerte, was traditionell für den Konsum von Süßwasserfisch steht. Eine Analyse der Isotopenwerte einzelner Aminosäuren ergab jedoch, dass sich der erwachsene Neandertaler nicht von Fisch, sondern von großen pflanzenfressenden Säugetieren ernährt hatte. Der zweite Neandertaler war ein noch nicht abgestillter Säugling, dessen Mutter ebenfalls hauptsächlich Fleisch gegessen hatte. Den Isotopendaten zufolge scheinen sich die Ernährungsgewohnheiten der Neandertaler im Laufe der Zeit kaum verändert zu haben, auch nicht nach der Ankunft des modernen Menschen in Europa.[10]

Das aber relativiert ein weiterer Artikel des Spektrum der Wissenschaft „Die wahre Steinzeitdiät“ des Anthropologen Peter S. Ungar und zwar genau eine Ausgabe früher, wo als Quintessenz zu lesen ist:

„Aus Größe und Form von Zähnen lässt sich die Ernährung ausgestorbener Tierarten bestimmen. Wichtiger als die Anatomie ist jedoch die Verfügbarkeit von Nahrung.“[11]

Das bedeutet, dass die Ernährungsweise insbesondere bei der Gattung Homo sehr stark davon abhängt, wo sie lebte. Speziell zu den Neanderthalern resümiert Ungar:

„Demnach besaßen sie einen flexiblen Speiseplan und ernährten sich so, wie es ihrem Lebensraum und der dort verfügbaren Nahrung entsprach.“[12]

Die oben genannte Max-Planck-Studie bezieht sich jedoch nur auf Proben aus Les Cottés und der Grotte du Renne in Frankreich.

Und schon 2015 wurde bekannt, dass sich die Hazda in Tansania geschlechtsspezifisch ernähren:

„Ein weiteres auffälliges Ergebnis bei der Untersuchung der Hadza Darmbakterien war, dass sich die der Männer und Frauen deutlich unterscheiden. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Arbeitsteilung bei den Hadza strikt getrennt ist. Die Frauen sind die Sammlerinnen, sie bringen Früchte und Wurzelgemüse auf den Tisch. Die Männer sind Jäger, sie steuern das Fleisch bei. Da jeder mehr von den selbst beschafften Nahrungsmitteln zu sich nimmt, ergibt sich ein Unterschied in der Zusammensetzung der Darmbakterien. Doch das ist nicht der einzige Grund. Die Frauen der Hadza brauchen die ballaststoffreichen Früchte und Wurzeln, um kräftig genug für Schwangerschaften und Stillzeiten zu sein. Dabei helfen ihnen die Bakterien der Gattung Treponema, das Maximum an Kalorien aus ihrer Nahrung herauszuholen.“[13]

Herman Pontzer ignoriert das alles geflissentlich und sein Artikel kreist hauptsächlich ums Jagen als Bewegungsmotivation Nr. 1, dies auch als würden sich Menschen beim Sammeln nicht bewegen, was jeder, der schon einmal Pilze gesammelt hat, besser weiß.
Und auch hier wieder die Krönung des Ganzen: die Nahrungsbeschaffung durch die Jagd als sozialer Motor:

„Der Übergang vom reinen Sammlerleben der frühen Homini zur Jäger-und-Sammler-Strategie der neuen Gattung Homo hatte weitreichende Konsequenzen. Zum einen stärkte er den Zusammenhalt dieser sozialen Primaten. Sich von Beutetieren zu ernähren, macht es erforderlich, zu kooperieren und zu teilen – schon deshalb, weil es für einen einzelnen Menschen mit einer Steinzeitausrüstung fast unmöglich ist, etwa ein Zebra zu töten und zu verzehren.“[14]

Diese Sätze sind auch sehr schade, weil er oben schon erkannt hatte, dass wir die Voraussetzung mit der Behauptung nicht vertauschen dürfen: ohne die Fähigkeit zu Sammeln, könnten wir ja gar nicht jagen. Darauf, dass wir auch ohne die Voraussetzung einer hohen Sozialität weniger erfolgreiche Jäger wären, will er wohl nicht schließen.
Zum anderen soll Jagen durch die erhöhte Kalorienzufuhr die Intelligenz gefördert haben, etwas, was leicht zu widerlegen ist, denn erhöhte Kalorienzufuhr macht erst einmal dick und nicht klug. Aber das sich vergrößernde Gehirn war zunehmend in der Lage, Jagdstrategien zu entwickeln und vor allem im Sammeln Meisterschaft zu erlangen. Die richtige Reihenfolge ist zwar eine Intelligenzleistung, aber anders herum lässt sich die Jagd besser zum Popanz aufblasen.

Es wäre ja nicht so schlimm, wenn sich nicht die Patriarchatslogik auf diese Lehre stützen würde, seitdem die Bibel ausgedient hat. Schon Charles Darwin hatte erkannt, dass die Natur der Natürlichen und Sexuellen Selektion unterliegt. (Eine kulturelle Selektion kommt bei ihm nicht vor, weil er kein Patriarchatsforscher war.) Die Sexuelle Selektion, auch female choice genannt, wirkt wesentlich unmittelbarer als die Natürliche, denn es sind die Weibchen, die die erfolgreichsten, sprich angepasstesten und in ihren Augen „schönsten“ Männchen wählen. Es steht und fällt daher alles mit der Fortpflanzung, den Müttern und ihrer Sorge dafür, dass die Nachkommen versorgt sind. Dabei hat jede Art ihr spezifisches Verhalten und Sozialverhalten, auch die Gattung Homo, und das ist nicht die Monogamie des Jägers mit seiner in der Höhle wartenden Ehefrau!

Der rein androzentrische Blick, wie es das „Jägerlatein“ ist, kann nicht ansatzweise erklären, warum wir derart soziale Wesen sind, und er ist auch längst überholt seit die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy den Fokus auf die Mutter-Kind-Beziehung gelenkt hat. Sie bestätigt die Patriarchatsforschung darin, dass unser angeborenes Sozialverhalten die Matrifokalität sein muss. Wie so viele andere ignoriert auch Herman Pontzer ihre Erkenntnisse vollständig.
Zur Jagd hat Blaffer Hrdy sich klar geäußert:

„Auch wenn der Jäger noch so geschickt ist, ist das Aufspüren und Töten von Beutetieren ein riskantes Unterfangen mit unbestimmtem Ausgang. Ein Mann kann jeden Tag auf die Jagd gehen und trotzdem wochenlang mit leeren Händen heimkehren. Ein Jäger (…) kann sich den Misserfolg leisten, weil er davon ausgehen kann, einen Anteil an den von den Frauen gesammelten Früchten, Nüssen und Knollen zu erhalten, und auch weil andere Männer an diesem Tag mehr Glück haben mögen“.[15]

In ihrem Buch „Mutter Natur“ weist sie daraufhin, dass es den Jägern weit mehr um – wörtlich – Angeberei geht, als darum, Fleisch für die Kinder ins Lager zu tragen.[16]

Hadzabe Hunters
Bild: Jäger der Hazda, Nord-Tansania. Bildquelle: Wikimedia Commons

Ich gehe daher davon aus, dass insbesondere die Jagd auf Großwild überwiegend eine sexuelle Aufgabe erfüllte. Dabei erwarben sich Männer über Jagdgemeinschaften und den dabei entstandenen Männerfreundschaften auch entsprechendes Vertrauen und den Zutritt in andere Sippen zu fremden Frauen. Auf diese Weise wurde die Exogamie und der Schutz der female choice sicher gestellt.

Sammeln ist ein Drang, die Jagd nicht

Mütter mussten schon immer dafür sorgen, dass ihre Kinder regelmäßig etwas zu essen bekamen. Hätten sie sich auf die Männer verlassen, wären wir schon ausgestorben. Nach der Archäologin und Ethnologin Linda Owen beschafften Frauen je nach Region sogar bis zu 70% der Gesamtnahrung.[17] Das waren nicht nur Pflanzen, sondern auch Fische, Muscheln, Reptilien, Weichtiere, Insekten und Kleinsäuger. Wie von der Max-Planck-Gesellschaft neuerdings klargestellt, waren es allerspätestens nach der Ankunft der Gattung Homo in Eurasien keine großen Tiere, die das meiste tierische Protein lieferten, sondern Fische. Die Neubewertung der Fischerei, die nicht nur auf Isotopen-Analysen beruht sondern auch auf Funden von Angelhaken, ist ein Durchbruch in der Anthropologie und entzieht dem Mythos vom männlichen Jäger als Ernährer und Kulturtreiber den Boden. Gefischt wurde immer auch von Frauen, dies oft sogar ein kleines Kind tragend, meist mit Reusen, die in Flechttechnik auch von den Frauen hergestellt wurden.[18] Im Übrigen wurden auch Speere zum Fischen eingesetzt, und zwar eher zustechend als werfend. Das Fischen hat damit insgesamt sehr deutlich Sammel-Charakter, jedenfalls solange es nicht mit Booten und Harpunen betrieben wird.

Die Erfindung des Tragebeutels und die Sammeltasche

Für die Paläoanthropologen Richard Leakey und Roger Lewin war nicht der Speer das Non-Plus-Ultra der Technik, sondern die Sammeltasche, mit der Menschen erstmals größere Mengen ins Lager tragen und damit Vorratshaltung betreiben konnten.[19] Sie ermöglichte es, die Zukunft zu planen. Meines Erachtens muss sie sich aus dem Tragebeutel für das Baby entwickelt haben, denn mit dem Fellverlust verloren Mütter eine freie Hand. Mit dem an den Körper gebundenen Kind waren Frauen weiterhin in der Lage längere Sammelgänge zu unternehmen, aber gleichzeitig Vorräte zu sammeln und damit längere Strecken zu überwinden, wo sie nichts fanden. Auch fürs Sammeln ist der aufrechte Gang hilfreich. Wir sehen die Dinge nicht nur früher und kommen an höhere Zweige heran, wir können die Sammeltasche auch oben tragen, statt sie unter uns herziehen zu müssen. Das erweiterte nicht nur schon früh den Horizont, das war ein echter Durchbruch in der Menschheitsgeschichte. Suchen und Sammeln sind ein wesentlicher Grund, eine Gegend zu verlassen, und so verließen Menschen Afrika auf der Suche nach sammelbarer Nahrung und nicht auf der Suche nach Großtieren, die ja immer dieselben Wege zurücklegten und zum Ausgangspunkt zurückkehrten.

Wer schon einmal in der Natur gesammelt hat, weiß nicht nur, wieviel Strecke dabei zurück gelegt wird, sondern auch, dass genau beobachtet werden muss, wo sich die Früchte, Wurzeln etc. verstecken, welche Zeigerpflanzen in der Nähe sind und natürlich, wo man hin tritt. Fürs erfolgreiche Sammeln braucht es ein hohes Maß an Kenntnissen, sprich Intelligenz. Beim Sammeln sind alle Sinne gefordert. Unsere Lebenserwartung erhöht sich deutlich, wenn wir unser Wissen darüber auch austauschen und z.B. einen Knollenblätterpilz nicht einfach in den Mund stecken, sondern eine erfahrene Person fragen, ob er essbar ist (ist er natürlich nicht). Manche Nahrung können wir nur sammeln, wenn wir trickreich sind, z.B. Bienenhonig. Manche Früchte lassen sich auch durch den Wurf (!) mit einem Stock ohne Leiter vom Baum holen. Kinder haben schon aus dem Tragebeutel heraus von ihren Müttern die Techniken des Sammelns und das Wissen um Essbares oder Heilkräftiges gelernt, Jungen wie Mädchen.

Die Steinzeit in uns

Wenn wir etwas einkaufen, wissen wir meist schon vorher, was wir suchen, aber wir lassen uns auch inspirieren und kaufen impulsiv, wenn uns etwas Besonderes ins Auge fällt. Unsere Vorräte und gefüllten Schränke sind das Ergebnis unserer Sammelgänge durch die Geschäfte. Dieses Sammeln macht erst dann richtig Spaß, wenn wir dabei Neues entdecken, oft genug ist allein das der Grund, shoppen zugehen. Auch der Sammler erlebt einen unerwarteten Neufund als die Krönung seines Hobbies.

Testosteronschwangeres Sammeln wird schnell zum Sonderfall des Jagens. Im Sprachgebrauch jagt der meist männliche Sammler z.B. dem begehrten Objekt hinterher; er sammelt es nicht einfach auf. Gemeint ist dabei die Suche und der Erwerb oder gar die kriminelle Beschaffung. Dabei läuft das Objekt gar nicht weg, sondern es könnte höchstens jemand anderes vorher wegschnappen. Diese Art des Sammelns hat damit auch den Charakter eines Beutezugs. Das Sammeln selbst wird dann mit der Hortung des Gesammelten verwechselt. Es dient der Bereicherung durch Wertsteigerung und vor allem dem Ruhm.
Viele sammeln Objekte auch, weil es sie zutiefst befriedigt, die Sammlung zu vervollständigen. Psychologisch könnte dahinter der Versuch stecken, irgendeine Heilung herbeizuführen und ein Gefühl der Sicherheit herzustellen. Ist die Sammlung dann vollständig, wird ein neues Sammelgebiet eröffnet, und das Sammeln lässt seinen Suchtcharakter erkennen.
All dieses Sammeln dient nicht mehr der Ernährung oder Bekleidung. Es sind Ersatzbefriedigungen, die das Leben in einer kranken Gesellschaft kompensieren und sogar noch als besonders gesund hingestellt werden können, weil sie Reichtum anzeigen und die Wirtschaft ankurbeln. Es sei denn, wir haben es mit einem Messi zu tun.

Unsere Existenz ist vom Sammeln abhängig, und trotzdem empfinden wir es nicht als Arbeit. Der Drang zu Sammeln und der Zwang zu Arbeiten unterscheiden sich dabei fundamental. Das Ernten, das ja nichts anderes ist als das Einsammeln dessen, was wir gesät haben, hat seinen Reiz wegen seiner Eintönigkeit verloren. Ernte ist harte Arbeit und soll mehr einbringen, als wir verbrauchen können. Sobald uns jemand zwingt zu sammeln resp. zu arbeiten, verliert die Sache ihren Reiz, denn wir können keinen Bezug herstellen zwischen der Arbeit und dem Geld, das wir dafür bekommen, und es repräsentiert nur einen Bruchteil dessen, was die Arbeit tatsächlich wert ist, sowohl materiell als auch ideell.
Wir sammeln ein mehr oder weniger gefülltes Bankkonto an, aber das Geld macht uns nicht glücklich, sondern höchstens zufrieden und gibt nur ein brüchiges Gefühl der Sicherheit, denn wie schnell wird es uns wieder aus der Tasche gezogen, und wenn wir krank werden, geht das Konto schlimmstenfalls gegen null.

Krank wurden wir ursächlich nicht vom Bewegungsmangel sondern vom Patriarchat, das uns unsere angeborene Lebensweise bei Strafe verbietet und mit allen Mitteln verhindert, dass wir das erkennen. Dabei gehören Suchen und Finden, also das Sammeln, zu den am meisten entspannenden und erfreulichsten Seinsformen überhaupt und sind uns angeboren, daher hat es lindernde Wirkung. Fakt ist auch, dass die meisten Menschen Scheu haben, ein Tier zu töten und keinen Drang zum Jagen verspüren.

Immer wenn wir in Not geraten, verlegen wir uns wieder aufs Sammeln. Das können die Äpfel am Wegesrand sein oder Pfandflaschen. Den Grundbedarf kann dies jedoch nicht mehr decken, weil unser Leben von Technik umgeben wurde, deren Sklaven wir geworden sind. Wir werden gezwungen, mit Technik zu leben. Dagegen sind das Sammeln und die Notwendigkeit uns zu bewegen mit uns selbst so eng verbunden, dass unsere Würde daran niemals Schaden nimmt.
Auf unserem überbevölkerten Planeten würde die Renaissance des Sammelns in der Natur leider zum plötzlichen Aussterben der Arten führen. Wir sind von unserem Glück, ja unserer Würde abgeschnitten worden, weil wir nicht mehr unser angeborenes Sozialverhalten in Matrifokalität leben dürfen, das nicht nur Überbevölkerung verhindern würde, sondern damit auch den Raubbau an der Natur.

Anmerkungen

[1] Wong 2014, S. 26

[2] Wong 2014, S. 27

[3] Ibid.

[4] Vgl. Wong 2014, S. 28

[5] Vgl. Wong 2014, S. 31

[6] Pontzer 2020, S. 48

[7] Pontzer 2020, S. 52

[8] Pontzer 2020, S. 50

[9] ibid.

[10] MPG 2020

[11] Ungar 2019, S. 35

[12] Ungar 2019, S. 41

[13] SWR 2015

[14] Pontzer 2020, S. 50

[15] Hrdy 2010b, S. 27

[16] Hrdy 2010a, S. 312

[17] Owen, Mettmann 1998, S. 167

[18] vgl. Owen, Stuttgart 2009, S. 161

[19] vgl. Leakey/Lewin 1978

Literatur

  • Blaffer Hrdy, Sarah: Mutter Natur. Berlin 2010a
  • Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und andere. Berlin 2010b
  • Leakey, Richard; Lewin, Roger: Wie der Mensch zum Menschen wurde. Neue Erkenntnisse über den Ursprung und die Zukunft des Menschen. Hamburg 1978
  • MPG 2020: Max-Planck-Gesellschaft: Neanderthaler aßen wirklich hauptsächlich Fleisch. https://www.mpg.de/12730634/neandertaler-assen-wirklich-hauptsachlich-fleisch vom 18.2.2020, abgerufen am 11.3.2020
  • Owen, Linda: Männer jagen, Frauen kochen? Die Geschlechterrollen im Jungpaläolithikum. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg und Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Eberhard Karls Universität Tübingen: Eiszeit – Kunst und Kultur, Stuttgart 2009
  • Owen, Linda: Frauen in der Altsteinzeit: Mütter, Sammlerinnen, Jägerinnen, Fischerinnen, Köchinnen, Herstellerinnen, Künstlerinnen Heilerinnen. In: Auffermann, Bärbel, Hrsg.; Weniger, Gerd-Christian, Hrsg.: Frauen – Zeiten – Spuren / Neanderthal-Museum. Mettmann 1998
  • Pontzer, Herman: Zum Laufen geboren. In: Spektrum der Wissenschaft“, Heft 01/2020
  • SWR 2015: Naturvolk – Das Mikrobiom passt sich an. Website zur der Sendung Odysso vom 3.12.2015, abgerufen am 11.3.2020
    https://www.swr.de/odysso/das-mikrobiom-passt-sich-an/-/id=1046894/did=16351966/nid=1046894/j2rbhg/index.html
  • Ungar, Peter S.: Die wahre Steinzeitdiät. In: Spektrum der Wissenschaft“, Heft 12/2019
  • Wong, Kate: Zum Jagen geboren. In: Spektrum der Wissenschaft“, Heft 11/2014

Der „Hirschmensch“ aus der Höhle Trois-Frères – was sehen wir da wirklich?


Pintura Trois Freres
Foto: Clottes via Wikimedia Commons

Eine der bekanntesten Höhlenzeichnungen der Welt wird gemeinhin als „Hirschmensch“ bezeichnet. Gefunden wurde sie in der Grotte des Trois-Frères in Südfrankreich. Immer wieder wird mit dieser Zeichnung versucht zu belegen, dass männliches Schamanentum seit der Altsteinzeit die Regel sei und bereits männliche Götter angebetet wurden. Es soll sich demnach um einen Gott der Tiere, um einen „gehörnten Gott“ (frz. dieu cornu), Zauberer oder einen tanzenden, männlichen Schamanen handeln. Auch als „matrifokaler Vater“ musste er schon herhalten.

Wir wissen dagegen inzwischen, dass die altsteinzeitlichen Höhlen die Heiligtumer einer Erdmutter bzw. Metaphern auf die Gebärmutter der Urmutter waren und überwiegend von Frauen ausgemalt wurden. Der spektakuläre Fund eines Frauengrabes in der Hilazon Tachtit-Höhle in Israel belegt, dass auch die Schamanen weiblich waren. Dafür sprechen auch die vielen Frauendarstellungen als Zeichnung, Plastik oder Relief, die ohne männliche Entsprechung in den Höhlen gefunden wurden.

Es stellt sich also die Frage, ob es sich bei dieser Erkenntnis doch um Wunschdenken handelt oder etwas mit der Deutung der Höhlenzeichnung nicht stimmt. Schauen wir uns dazu Original und Abzeichnung genauer an:
Weiterlesen „Der „Hirschmensch“ aus der Höhle Trois-Frères – was sehen wir da wirklich?“

Steinzeit. Nein, Brigitte Röder, so war sie eben auch nicht!

Dies ist meine Antwort auf den Artikel „Die Steinzeit war gar nicht so. Männer jagten, Frauen kochten? Die Urgeschichte dient oft dazu, Geschlechterrollen zu begründen. Bloss: Es stimmt nicht.“ von Hubert Filser im Tagesanzeiger.ch vom 27.03.2018, https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/geschichte/die-steinzeit-war-gar-nicht-so/story/23918288.

Schon der Untertitel dieses Artikels kam mir bekannt vor, er stammt von der Archäologin Linda Owen, die einst im Katalog zur Stuttgarter Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ 2009 einen Artikel schrieb, der den Titel „Männer jagen, Frauen kochen? Die Geschlechterrollen im Jungpaläolithikum“ trägt. Einen darin befindlichen Satz musste ich bereits kritisieren, ist er doch beispielhaft für die Kopfstände der Gender Studies. Ich schrieb:

„‚Obwohl bei Sammler-Jäger-Gruppen die Männer kochen konnten und sich auf Reisen selbstversorgt haben, waren es die Frauen, die für die Familie gekocht haben.‘ (Owen 1998, S. 175). Diese überraschende Aussage korreliert nicht mit der Negation von Geschlechterrollen in der Altsteinzeit und zeichnet zudem das Bild der patriarchalen Kleinfamilie. Später wird diese These von der Autorin selbst verwässert: Im Katalog der Eiszeit-Ausstellung (…) stellt sie nun ihre Aussage (…) infrage. Trotz des Titels äußert sie sich nicht weiter zum Koch-Problem, stellt aber fest: ‚Verallgemeinerungen über die prähistorischen Geschlechterrollen werden auch in der sozial-, geistes- und naturwissenschaftlichen Forschung übernommen. Es wird selten anerkannt, das diese Rekonstruktionen nur hypothetisch sind und auf sehr wenigen archäologischen Daten, ausgewählten ethnographischen Analogien und kulturellen Vorurteilen über die Rollen der Geschlechter und die Fähigkeiten von Frauen basieren.‘ (Owen 2009, S. 158).“ Aus: Uhlmann 2012

Wenn es um die Altsteinzeit geht, ziehen die Gender Studies ihre Schlüsse aus der Beobachtung von rezenten Wildbeutern. Das ist legitim, jedoch wird stets das „Gesamtpaket“ verarbeitet und beinahe alles fraglos übernommen. Das ist letztlich auch nichts anderes als eine vollständige Projektion von der Gegenwart auf die Altsteinzeit. Linda Owen schrieb z.B. auch:

„Die Kinderpflege wird auch nicht allein von der Mutter durchgeführt. Kinder werden auch oft in die Obhut von älteren Kindern oder Erwachsenen gegeben; vor allem die Väter spielen dabei eine größere Rolle als oft angenommen.“ (Owen 2009, S. 158)

Es ist bequem, so zu argumentieren, denn die meisten Wildbeuter-Gruppen sind schon lange vom Patriarchat infiziert. Nur noch sehr wenige Völker sind unkontaktiert, weshalb wir ihre Lebensweise nicht untersuchen können. Ein besonders schönes Beispiel eines unkontaktieren Volkes ging vor einiger Zeit mit dem Luftbild eines Ei-förmigen Gebäudes im brasilianischen Urwald um die Welt.
Luftbild eines Ei-förmigen Gebäudes im brasilianischen Urwald. Bildquelle: Spektrum.de
Bildquelle: Spektrum.de

Wenige, seltene Wildbeuter-Gruppen, wie die Hazda in Afrika, sind noch annähernd natürlich in ihrer Lebensweise, werden aber ständig von Forschern heimgesucht und damit auch beeinflusst.

Aber NEIN, Väter kommen im natürlichen Sozialverhalten des Menschen, der Matrifokalität, gar nicht vor. Vaterschaft setzt die Ehe oder vaterrechtliche Gesetze voraus und beides ist immer patriarchal. Das wollen die Gender Studies partout nicht einsehen, weil sie auch in der Familienpolitik mitmischen und die biologischen Väter stärken wollen, indem sie ihnen die Rolle des Neuen Vaters regelrecht aufdrängen. Die Folge ist eine Verschärfung statt eine Schwächung des Patriarchats, was immer dann erkennbar wird, wenn sich die Mutter vom Kindsvater trennen will und das Kind im Sorgerechtsstreit zerrissen wird. Weiterlesen „Steinzeit. Nein, Brigitte Röder, so war sie eben auch nicht!“

Warum man sich von Gott kein Bild machen soll

„Mythos Frau. Und ewig lockt das Weib! Plastiken der Altsteinzeit in Hamburg“, so lautete die Schlagzeile auf dem Cover der renommierten Zeitschrift Archäologie in Deutschland (1/2017). Dieser Sexismus soll die offenbar männliche Mehrheit der Leserschaft ansprechen.  Ich bin aber eine Frau und äußerst kritische Leserin dieses Blattes. Mann stelle sich das in männlicher Form vor: „Mythos Mann. Und ewig lässt sich der Mann locken.“ Oder so ähnlich, dies vielleicht geschmückt von einem fast unbekleideten Christus am Kreuze als Ankündigung für eine Ausstellung über die Gegenwartskultur. Dann wird klar, wie unsinnig, ja unseriös eine solche Schlagzeile ist. Die unbekleideten Frauenstatuetten, die in der Hamburger Ausstellung gezeigt werden, haben es allerdings nicht aufs Titelblatt geschafft.

Die Ankündigung der aktuellen Hamburger Ausstellung „Eiszeiten“ folgt einem wohlbekannten Muster. Im Heft lautet die Überschrift dann doch etwas weniger reißerisch: „Mythos Frau – altsteinzeitliche Plastiken in Russland“. So ist auch der Artikel recht neutral gehalten und beschreibt, was dort zu sehen ist. Erst der letzte Absatz rückt mit der Botschaft heraus und beginnt mit einem Denkverbot. „Über den Zweck der in ganz Europa verbreiteten Figuren kann nur spekuliert werden. (…) Es springt ins Auge, die sogenannten Venusfigurinen als Ausdruck der weiblichen Sexualität und Fruchtbarkeit aufzufassen. Die meisten Versuche, diese eiszeitlichen Kunstwerke zu erklären, bewegen sich in der gegenwärtigen Diskussion von ‚Pin-up-Girl’ bis Fruchtbarkeitsgöttin.“ (Merkel et al. S. 63)

Wir bekommen eine Warnung mit auf den Weg nach Hamburg: Versucht es gar nicht erst, wir werden Euch mit unserem Schlusssatz zum Schweigen bringen!

Bleiben da noch die anderen Versuche, also die, die nicht zu den „meisten“ zählen, es handelt sich genaugenommen um EINEN Versuch. Dass er nicht mit aufgezählt wird, beweist die alte Ignoranz der Herrschenden Lehre gegenüber der Patriarchatsforschung. Letztere deutet die „Plastiken“ nämlich als Darstellung der Urmutter. Schön, dass der Artikel auf die fehlenden Gesichter aufmerksam macht (es wird aber nicht versäumt, die extrem seltenen Ausnahmen herauszukehren). Die Urmutter ist die eine gesichtslose Ahnin, auf die sich alle Menschen mit ihrer altsteinzeitlichen Spiritualität zurückführten. Sie wäre im christlichen Jargon die Schöpferin allen Lebens. Daher wurden die Urmutter-Statuetten, wie der Artikel richtig erwähnt, an besonderen Plätzen aufgestellt, z.B. in Kulthöhlen.

Urmutter-Statuetten
Urmutter-Statuetten: Hohle Fels (Schwäbische Alb), 35 – 40.000 Jahre; Lespugue (Frankreich), 25.000 Jahre; Willendorf (Österreich), 23.000 Jahre; Grimaldi (Italien), 21.000 Jahre;
Gagarino (Russland), 18.000 Jahre. Collage: Gabriele Uhlmann

Die Urmutter ist das große Geheimnis, das die Herrschende Lehre aus den „Plastiken“ macht. Bei ihr handelt es sich aus christlicher Sicht um Blasphemie, auch aus Sicht aller anderen monotheistischen Weltreligionen, die einen Urvater an den Anfang stellen. Was sich hinter der altsteinzeitlichen künstlerischen Äußerung der Spiritualität verbirgt, könnte jeden Wissenschaftler in Schwierigkeiten und um seine Karriere bringen. Auch dieser Artikel wirkt wie ein Glaubensbekenntnis: Die Urmutter gibt es nicht, nur der Urvater wird anerkannt (Bott 2009). Die Frau ist ein Mythos, der Mann ist echt. Was nicht sein darf, wird in den Bereich purer, nicht ernstzunehmender Spekulation verbannt.
Weiterlesen „Warum man sich von Gott kein Bild machen soll“

Zum Artikel „Der Siegeszug des Homo sapiens“ von Curtis W. Marean im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft Juni 2016

(Leserbrief)

Im aktuellen Heft habe ich natürlich zuerst den Artikel von Curtis W. Marean „Der Siegeszug
des Homo sapiens“ gelesen. Und wieder standen mir die Haare zu Berge. Es scheint der
Redaktion einfach der Blick für patriarchatsideologisch kontaminierte Texte zu fehlen. Dabei
ist es eigentlich ganz einfach, denn sobald in Bezug auf die Altsteinzeit Begriffe wie Ehe,
Hochzeit, Familie, Krieg, Fernwaffen, Jagdzauber, Gewalt u.ä. fallen, haben wir es damit zu
tun. Die Patriarchatsforschung, die bedauerlicherweise nicht zum Kreis der vom Spektrum
beachteten Wissenschaften gehört, weiß längst, dass es all das bis vor ca. 8000 Jahren nicht
gegeben hat. Insbesondere Sarah Blaffer Hrdy hat das auf brillante Weise nachgewiesen. Aber auch die Genetik, die Sprachwissenschaften oder die Archäologie bestätigen diesen Befund.
Das Klischee, dass der Mann in der Altsteinzeit die Frau an den Haaren hinter sich her zog
und mit Keulen auf andere Menschen losging, ist genauso veraltet, wie die Vorstellung, dass
der Mensch von Natur aus gewalttätig sei und mit Religion gebändigt werden muss. Auch
Frans de Waal betont das immer wieder. Die Angst vor der Steinzeit als menschen- und
kulturfeindliche Ära ist nicht nur unbegründet, sondern behindert den wissenschaftlichen
Fortschritt, ja schlimmer noch, sie behindert eine wünschenswerte Entwicklung weg vom
Patriarchat. Dabei können wir uns dies kaum noch leisten im Angesicht der weltweiten
Misere, die uns die Lebensweise in Patrilinearität eingebrockt hat.
Und da lese ich nun auf Seite 50, wie wieder Sarah Blaffer Hrdys These missbraucht wird,
diesmal um Mareans These zu stützen. Breit lässt sich der Autor darüber aus, wie hyperprosozial der Mensch doch sei, nur um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass der
Mensch sich schon immer ums Essen geprügelt hätte. Der Affe im Flugzeug muss dafür
herhalten, und ich muss mich wieder fragen, ob der Autor nur den Klappentext ihres Buches
„Mütter und andere“ gelesen hat.
In seiner Logik hält er treu zu der veralteten These, dass Homo Sapiens Sapiens den
Neanderthaler gewaltsam ausgerottet habe, und ignoriert den letzten Stand der Forschung,
nämlich, dass das Neanderthaler-Genom in dem unsrigen regelrecht aufgegangen ist,
zurückzuführen auf ein demographisches Ungleichgewicht. (Schmidt, Maier, Kretschmer: „Ist
da draußen jemand?“ Archäologie in Deutschland, Heft 3, 2016, S. 32 f) Natürlich hat Marean Recht, dass unsere technologischen Errungenschaften „erbarmungslosen Krieg“ ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass der steinzeitliche Moderne Mensch alles
machte, was machbar war, denn sonst gäbe es uns schon lange nicht mehr. Als am sog.
Flaschenhals nur noch wenige Sippen übrig waren, wurde sich nicht um Muschelbänke
gekloppt, sondern andere Sippen waren hochwillkommen, konnte mit ihnen doch der Genpool aufgefrischt werden. Auf gleiche Weise kam es auch zur Vermischung des Neanderthaler-Erbguts mit dem des Homo sapiens sapiens.
Das Patriarchat und der dazugehörige Krieg sowie Umweltzerstörung sind eine Erfindung
nomadischer Viehzüchtergesellschaften in den Steppen und Bergregionen. Da dürfen uns
auch ausgewählte, moderne Jäger und Sammler-Gesellschaften nicht täuschen, denn sie alle
sind durch Kolonisation vom Patriarchat infiziert worden. Sie führen Kriege, auch weil ihre
Welt von der Moderne auf wenige kleine Flecken eingedampft wurde. Die Haszda gehören zu den letzten Völkern, die uns Matrifokalität vorleben und damit nichts vermissen.
Marean ist sich auch nicht zu schade unsere Natur mit der der Vögel zu vergleichen. Vögel
leben in Paaren, wir natürlicherweise aber nicht. Es entsteht bei uns lediglich durch eine
zeitlich begrenzte Paarung ein neuer Mensch, aufgezogen wird er aber in der matrifokalen
Sippe. Der biologische Vater ist damit für den Sozialverband bedeutungslos, und das versucht das Patriarchat durch die Unterdrückung der female choice zu vertuschen. Die Gewalt gegen Frauen, auch der von Marean angeführte Frauenraub, sind nur vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Gesellschaft nachvollziehbar.
Marean passt sicher gut in eine Welt, wie sie sich ein Donald Trump vorstellt. Er scheint
Waffen, die Jagd und den Kampf zu lieben, weniger die Frauen und schon gar keine Kinder.
In seiner Altsteinzeit kommen sie nicht vor. Passenderweise zeigt die Illustration einen
einsamen Mann in heldenhafter Eroberer-Pose, bewaffnet und übermächtig groß. Dies alles,
gepaart mit seinem Bedauern der schädlichen Auswirkungen menschlichen Tuns, führt ihn in eine geistige Endlosschleife aus der es kein Entrinnen gibt.

Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015

(Leserbrief in Auszügen abgedruckt im SdW, Heft Juni 2015)

Nach dem Lesen des Artikels „Stark als Paar“ von Blake EDGAR bleibt mir nur zu hoffen, sich alle anderen Leser den zugehörigen Literaturtipp zu Herzen nehmen, und das Buch „Mütter und andere“ von Sarah BLAFFER HRDY (2010) lesen. Leider geht der Einzeiler in Ihrem Literaturtipp „Die Anthropologin erörtert die erstaunliche Sozialkompetenz von Kleinkindern“ völlig am Inhalt des Buches vorbei, so dass zu fürchten ist, dass sich nur Wenige, die sich für das arttypische, menschliche Sexual-Verhalten interessieren, davon angesprochen fühlen. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird feststellen, dass Edgar BLAFFER HRDYs These missbräuchlich verwendet, ihr das Wort im Munde umdreht, und vielleicht das Buch gar nicht gelesen hat, und statt dessen nur das veraltete „Mutter Natur“ kennt. Auf S. 448 von „Mütter und andere“ in Fußnote 20 schreibt BLAFFER HRDY (2010),NACH IHRER EMERITIERUNG : „Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.“ Leider kam diese Erkenntnis etwas spät, so dass „Mutter Natur“ eher verwirrte als aufklärte.
BLAFFER HRDYs geht nun auf der Basis der Großmutterhypothese (Kristen HAWKES,
1998) und der Tatsache der female choice (Meredith SMALL, 1995) sowie ihrer eigenen Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus, und betont, dass die Errichtung des Patriarchats dazu führte, dass die alten matrifokalen Sippen gegen die patrilokale Familie ersetzt wurden: „Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“ (2010 S. 336) Die PATRIARCHATSFORSCHUNG weiß dies schon länger, auch die herrschende Lehre der Archäologie muss sich zunehmend mit dieser Wahrheit auseinander setzen, leider ebenso ungerne wie Blake EDGAR. Die Monogamie, hergestellt durch das theologisch vorgeschriebene Ritual der Ehe, ist eine Einrichtung des Patriarchats, die nur ein Ziel hat,nämlich die female choice zu unterdrücken. Nur durch Patrilokalität kann der Mann Monogamie herstellen, denn nur in seinem Hause können er, seine Eltern und Brüder „seine“ Frau kontrollieren. Nur so kann Patrilinearität gesichert werden, die Basis für den Kapitalismus. Wäre dies schon vor zwei Millionen Jahren der Fall gewesen, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur die folgenreiche Überbevölkerung, sondern züchtet eine aggressive und psychisch gestörte Population heran. Weiterlesen „Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015″

Also doch: Frauen malten die altsteinzeitlichen Höhlen aus

Cueva de las Manos2
Kennen Sie ein einziges Lehrbuch oder populärwissenschaftliches Werk, in dem altsteinzeitliche Frauen dargestellt sind, die Höhlenbilder malen? Von Archäologinnen schon lange gefordert, kamen Autoren und Zeichner der Bitte, auch malende Frauen abzubilden, bisher nicht nach.

Die Höhlenmalereien galten als das Werk von männlichen Jägern, die ihre Jadgbeute darstellten, Jagdzauber betrieben und als Schamanen und Künstler die Kultur resp. die Religion und die Horde dominierten. Dagegen standen schon lange die Statuetten, die für Jahrzehntausende nur Frauen oder Tiere abbildeten. Manche Gegenstände wurden krampfhaft als Penis gedeutet, waren letztlich aber doch nur Werkzeuge, erkennbar an den Spuren, die ihre Benutzung als solche dokumentierten. Seltene Abbildungen von Männern aus der für menschliche Verhältnisse schon recht jungen Ära des altsteinzeitlichen Magdaleniens (vor ca. 15000 Jahren) wurden reflexhaft als Bilder von hochstehenden Hordenführern gedeutet. Für die patriarchalisch herrschende Lehre ist daher eine gerade im National Geografic veröffentlichte Meldung ein herber Rückschlag, für die Menschheit aber eine Sensation: Die Handabdrücke in den Höhlen stammen offenbar zu 75% von Frauen.
Der britische Evolutionsbiologe John Manning, fand schon vor über 10 Jahren heraus, dass sich die Hände von Frauen und Männern in der relativen Länge der Finger unterscheiden. Bei Frauen sind Zeigefinger und Ringfinger annährend gleich lang, während bei Männern der Ringfinger länger ist als der Zeigefinger.
Der Evolutionsbiologe R. Dale Guthrie behauptete noch 2006, die Handabdrücke stammten von jungen Männern. Der Prähistoriker Dean Snow von der Pennsylvania State University untersuchte die Handabdrücke in den Höhlen Südfrankreichs und Nordspaniens und veröffentlichte nun seine Ergebnisse. Drei Viertel der Handabdrücke konnte er als weiblich identifizieren. Damit haben auch die Zeichnungen von Tieren, die mit den Handabdrücken „signiert“ wurden, zu 75% weibliche Urheber.
Die Wahrnehmung der weiblichen Kulturleistungen wirft ein anderes Bild auf den frühen Menschen, als es die modernen Cartoonisten und Buchautoren immer wieder reproduzieren. Die Urgeschichte muss, das ist allerdings schon länger klar, neu geschrieben werden. Die herrschende Lehre verweigert das beharrlich, und wer es trotzdem versucht, wird es schwer haben, Gehör zu finden oder Karriere zu machen. Dean Snows Mut ist dieser Durchbruch zu verdanken, der bald in der Versenkung zu verschwinden droht.
Sollte jemand ein Buch kennen oder demnächst finden, das es wagt, eine Ausnahme zu machen, würde ich es mich freuen, davon zu erfahren.

Nachtrag, 21.11.2014.
Australien. Unbekannte prähistorische Felsbilder entdeckt. Es handelt sich um Handabdrücke, die von Frauen und Kindern stammen:
Bericht auf ABC-News

2013: Allen Unkenrufen zum Trotz – Archäologie entdeckt, dass der Mensch vom Wasser abhängt


Ohne Wasser verdurstet alles Leben. Um an das erquickende Nass zu kommen, haben Pflanzen und Tiere die unterschiedlichsten Strategien entwickelt. Pflanzen saugen Wasser aus dem Boden und sammeln es als Regen oder Tau auf speziell geformten Blättern. Kleinen Tierarten reicht oft die Flüssigkeit, die sie mit dem Verzehr von Blättern und Früchten aufnehmen. Viele Tierarten trinken zusätzlich aus Süßwasservorkommen.
Wie der Name schon erahnen lässt, würden Säugetiere ohne die Fähigkeit zu trinken, nicht überleben. Sie saugen und trinken, lange bevor sie beginnen, feste Nahrung zu sich zu nehmen, aus den Milchdrüsen ihrer Mutter. Auch erwachsene Säugetiere müssen trinken, und nur wenige Arten kommen mit der Flüssigkeit aus pflanzlicher Nahrung aus oder haben Strategien entwickelt, längere Durststrecken zu überstehen. Nicht so der Mensch, er muss täglich trinken. Folglich entfernten sich die Menschen der Steinzeit, die ihre Wasserversorgung ohne Gefäße, Brunnen oder Wasserleitungen organisieren mussten, nie weit vom Wasser. Aus dem Wasser bezog der Mensch auch einen großen Teil seiner Eiweißversorgung. Fischen und Muschelsammeln ist schon für die Altsteinzeit belegt. Das Bild vom Steinzeitmenschen, der in der staubigen Savanne auf die Jagd geht, und der in der Tundra allein von der Mammutjagd lebt, bekommt damit einen Kratzer, neue Entdeckungen aus diesem Jahr entlarven es als Fälschung.

Ach nach Quelle
Die Ach/Schwäbische Alb nahe ihrer Quelle

Alte und neue Funde (ich berichtete bereits) von technisch ausgereiften Angelhaken und Harpunen aus dem altsteinzeitlichen Zeitabschnitt des Magdalenien geben beredtes Zeugnis davon ab, wie viel geistige Energie auf die Vereinfachung und Optimierung der Nahrungsbeschaffung verwendet wurde. Den Speeren und Speerschleudern und den viel jüngeren Pfeilspitzen wurde aber seit jeher von der Forschung mehr Interesse entgegengebracht. Dies wundert nicht, verstehen sich viele Forscher doch eher als Nachkommen von Hirten denn von Fischern, und sind Speere, Pfeil und Bogen doch mit einer heroischen Ritterromantik verknüpft und taugen als männliche Identifikationsobjekte. Dass mit Speeren auch Fische gejagt werden können, wird nur kaum beachtet. Nur noch aus Felsbildern erschließbar sind Reusen, die aus Bast und biegsamen Zweigen hergestellt wurden. Sie sind lange verrottet und waren doch ein sehr effektives Werkzeug zum Fang von Fischen, Muscheln und Meeresfrüchten. Wie ein internationales Forscherteam gerade herausfand, diente die erste Keramik der Welt (Jomon-Kultur, 15.000 Jahre alt) dem Kochen von Fisch und nicht von Fleisch.

Die Lebensweise am Wasser fand seinen Widerhall in der Heiligung des Wassers, also in Quell-, Fluss-, Teich- und See-Heiligtümern, und in Kultstätten, die nahe am Wasser lagen. Galten Höhlen gemeinhin als Orte eines „Jagdzaubers“, wird mit meiner Entdeckung erkennbar, dass auch sie Wasserheiligtümer waren Weiterlesen „2013: Allen Unkenrufen zum Trotz – Archäologie entdeckt, dass der Mensch vom Wasser abhängt“

Angelhaken lässt den Mythos vom eiszeitlichen Rentierjäger bröckeln


Mal ehrlich: Den Urmenschen stellen sich die meisten unserer Zeitgenossen entweder als pelzigen Affen vor, der gerade „von den Bäumen gestiegen“ ist, um Afrika zu verlassen, oder als bärtigen, wilden Eiszeitjäger, der mit Fell behängt und mit einem Speer bewaffnet ist. Letzterer macht mit anderen, gleich aussehenden Männern Jagd auf ein großes, gefährliches Mammut. Dass er manchmal auch einer Rentierherde nachgestellt haben muss, wird aus Bildern geschlossen, die ihn mit einem Rentier über der Schulter zeigen, wie er eine dunkle Höhle betritt, in der weitere verschwommen gezeichnete Urmenschen am Lagerfeuer auf ihn warten. Moderne Jäger und Männer am Grill sehen sich gerne in dieser Tradition.
Immer mal meldet sich auch der vor Säbelzahntigern flüchtende Urmensch in uns allen, z.B. dann, wenn uns vor Stress die Verdauung versagt. Er lässt sich mit dem martialischen Bild vom Großwildjäger so gar nicht vereinbaren. Sind nur die altsteinzeitlichen Frauen vor lauter Angst weggerannt? Sie werden selten oder nie abgebildet, und manche Leute glauben sogar, es hätte in der Steinzeit noch gar keine Frauen gegeben. „Der Sammler“ kommt im uns wohlbekannten Klischee vom Urmenschen gar nicht vor.

Dieses völlig verquere Bild verändert sich seit vielen Jahren zumindest in den Köpfen der Wissenschaftler, wie ein Besuch im Neanderthal-Museum bestätigt. Der Wandel ist den Anthropologinnen geschuldet, die begonnen hatten, die weibliche Seite der Urzeit zu erforschen. Dem Klischee-Eiszeitjäger wurde die Sammlerin zur Seite gestellt. Er soll jedoch der Hauptversorger bleiben, sie sei demnach weiterhin als Ehefrau und Mutter von ihm abhängig. In der breiten Masse bleibt es unverändert beim alten Bild, weil die Forschung in den einschlägigen Medien, sogar im öffentlich-rechtlichen „Bildungsfernsehen“ weitgehend ignoriert wird. „Und wo sollen denn bitteschön auch auf einem 3 km hohen Gletscher Nüsse zu finden sein?“, so denken Leute, die unser Bildungssystem durchlaufen haben.

Jüngst gab es wieder einen Durchbruch in der Eiszeitforschung, von dem die Allgemeinheit wahrscheinlich weitere Jahrzehnte kaum Notiz nehmen wird: In Wustermark (Brandenburg) wurden fünf Angelhaken aus der Altsteinzeit gefunden, deren ausgeklügelte Form so noch heute Anwendung findet. Weiterlesen „Angelhaken lässt den Mythos vom eiszeitlichen Rentierjäger bröckeln“