Archiv der Kategorie: Eiszeit

Warum man sich von Gott kein Bild machen soll.

„Mythos Frau. Und ewig lockt das Weib! Plastiken der Altsteinzeit in Hamburg“, so lautete die Schlagzeile auf dem Cover der renommierten Zeitschrift Archäologie in Deutschland (1/2017). Dieser Sexismus soll die offenbar männliche Mehrheit der Leserschaft ansprechen.  Ich bin aber eine Frau und äußerst kritische Leserin dieses Blattes. Mann stelle sich das in männlicher Form vor: „Mythos Mann. Und ewig lässt sich der Mann locken.“ Oder so ähnlich, dies vielleicht geschmückt von einem fast unbekleideten Christus am Kreuze als Ankündigung für eine Ausstellung über die Gegenwartskultur. Dann wird klar, wie unsinnig, ja unseriös eine solche Schlagzeile ist. Die unbekleideten Frauenstatuetten, die in der Hamburger Ausstellung gezeigt werden, haben es allerdings nicht aufs Titelblatt geschafft.

Die Ankündigung der aktuellen Hamburger Ausstellung „Eiszeiten“ folgt einem wohlbekannten Muster. Im Heft lautet die Überschrift dann doch etwas weniger reißerisch: „Mythos Frau – altsteinzeitliche Plastiken in Russland“. So ist auch der Artikel recht neutral gehalten und beschreibt, was dort zu sehen ist. Erst der letzte Absatz rückt mit der Botschaft heraus und beginnt mit einem Denkverbot. „Über den Zweck der in ganz Europa verbreiteten Figuren kann nur spekuliert werden. (…) Es springt ins Auge, die sogenannten Venusfigurinen als Ausdruck der weiblichen Sexualität und Fruchtbarkeit aufzufassen. Die meisten Versuche, diese eiszeitlichen Kunstwerke zu erklären, bewegen sich in der gegenwärtigen Diskussion von ‚Pin-up-Girl’ bis Fruchtbarkeitsgöttin.“ (Merkel et al. S. 63)

Wir bekommen eine Warnung mit auf den Weg nach Hamburg: Versucht es gar nicht erst, wir werden Euch mit unserem Schlusssatz zum Schweigen bringen!

Bleiben da noch die anderen Versuche, also die, die nicht zu den „meisten“ zählen, es handelt sich genaugenommen um EINEN Versuch. Dass er nicht mit aufgezählt wird, beweist die alte Ignoranz der Herrschenden Lehre gegenüber der Patriarchatsforschung. Letztere deutet die „Plastiken“ nämlich als Darstellung der Urmutter. Schön, dass der Artikel auf die fehlenden Gesichter aufmerksam macht (es wird aber nicht versäumt, die extrem seltenen Ausnahmen herauszukehren). Die Urmutter ist die eine gesichtslose Ahnin, auf die sich alle Menschen mit ihrer altsteinzeitlichen Spiritualität zurückführten. Sie wäre im christlichen Jargon die Schöpferin allen Lebens. Daher wurden die Urmutter-Statuetten, wie der Artikel richtig erwähnt, an besonderen Plätzen aufgestellt, z.B. in Kulthöhlen.

Urmutter-Statuetten
Urmutter-Statuetten: Hohle Fels (Schwäbische Alb), 35 – 40.000 Jahre; Lespugue (Frankreich), 25.000 Jahre; Willendorf (Österreich), 23.000 Jahre; Grimaldi (Italien), 21.000 Jahre;
Gagarino (Russland), 18.000 Jahre. Collage: Gabriele Uhlmann

Die Urmutter ist das große Geheimnis, das die Herrschende Lehre aus den „Plastiken“ macht. Bei ihr handelt es sich aus christlicher Sicht um Blasphemie, auch aus Sicht aller anderen monotheistischen Weltreligionen, die einen Urvater an den Anfang stellen. Was sich hinter der altsteinzeitlichen künstlerischen Äußerung der Spiritualität verbirgt, könnte jeden Wissenschaftler in Schwierigkeiten und um seine Karriere bringen. Auch dieser Artikel wirkt wie ein Glaubensbekenntnis: Die Urmutter gibt es nicht, nur der Urvater wird anerkannt (Bott 2009). Die Frau ist ein Mythos, der Mann ist echt. Was nicht sein darf, wird in den Bereich purer, nicht ernstzunehmender Spekulation verbannt.
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Zum Artikel „Der Siegeszug des Homo sapiens“ von Curtis W. Marean im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft Juni 2016

(Leserbrief)

Im aktuellen Heft habe ich natürlich zuerst den Artikel von Curtis W. Marean „Der Siegeszug
des Homo sapiens“ gelesen. Und wieder standen mir die Haare zu Berge. Es scheint der
Redaktion einfach der Blick für patriarchatsideologisch kontaminierte Texte zu fehlen. Dabei
ist es eigentlich ganz einfach, denn sobald in Bezug auf die Altsteinzeit Begriffe wie Ehe,
Hochzeit, Familie, Krieg, Fernwaffen, Jagdzauber, Gewalt u.ä. fallen, haben wir es damit zu
tun. Die Patriarchatsforschung, die bedauerlicherweise nicht zum Kreis der vom Spektrum
beachteten Wissenschaften gehört, weiß längst, dass es all das bis vor ca. 8000 Jahren nicht
gegeben hat. Insbesondere Sarah Blaffer Hrdy hat das auf brillante Weise nachgewiesen. Aber auch die Genetik, die Sprachwissenschaften oder die Archäologie bestätigen diesen Befund.
Das Klischee, dass der Mann in der Altsteinzeit die Frau an den Haaren hinter sich her zog
und mit Keulen auf andere Menschen losging, ist genauso veraltet, wie die Vorstellung, dass
der Mensch von Natur aus gewalttätig sei und mit Religion gebändigt werden muss. Auch
Frans de Waal betont das immer wieder. Die Angst vor der Steinzeit als menschen- und
kulturfeindliche Ära ist nicht nur unbegründet, sondern behindert den wissenschaftlichen
Fortschritt, ja schlimmer noch, sie behindert eine wünschenswerte Entwicklung weg vom
Patriarchat. Dabei können wir uns dies kaum noch leisten im Angesicht der weltweiten
Misere, die uns die Lebensweise in Patrilinearität eingebrockt hat.
Und da lese ich nun auf Seite 50, wie wieder Sarah Blaffer Hrdys These missbraucht wird,
diesmal um Mareans These zu stützen. Breit lässt sich der Autor darüber aus, wie hyperprosozial der Mensch doch sei, nur um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass der
Mensch sich schon immer ums Essen geprügelt hätte. Der Affe im Flugzeug muss dafür
herhalten, und ich muss mich wieder fragen, ob der Autor nur den Klappentext ihres Buches
„Mütter und andere“ gelesen hat.
In seiner Logik hält er treu zu der veralteten These, dass Homo Sapiens Sapiens den
Neanderthaler gewaltsam ausgerottet habe, und ignoriert den letzten Stand der Forschung,
nämlich, dass das Neanderthaler-Genom in dem unsrigen regelrecht aufgegangen ist,
zurückzuführen auf ein demographisches Ungleichgewicht. (Schmidt, Maier, Kretschmer: „Ist
da draußen jemand?“ Archäologie in Deutschland, Heft 3, 2016, S. 32 f) Natürlich hat Marean Recht, dass unsere technologischen Errungenschaften „erbarmungslosen Krieg“ ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass der steinzeitliche Moderne Mensch alles
machte, was machbar war, denn sonst gäbe es uns schon lange nicht mehr. Als am sog.
Flaschenhals nur noch wenige Sippen übrig waren, wurde sich nicht um Muschelbänke
gekloppt, sondern andere Sippen waren hochwillkommen, konnte mit ihnen doch der Genpool aufgefrischt werden. Auf gleiche Weise kam es auch zur Vermischung des Neanderthaler-Erbguts mit dem des Homo sapiens sapiens.
Das Patriarchat und der dazugehörige Krieg sowie Umweltzerstörung sind eine Erfindung
nomadischer Viehzüchtergesellschaften in den Steppen und Bergregionen. Da dürfen uns
auch ausgewählte, moderne Jäger und Sammler-Gesellschaften nicht täuschen, denn sie alle
sind durch Kolonisation vom Patriarchat infiziert worden. Sie führen Kriege, auch weil ihre
Welt von der Moderne auf wenige kleine Flecken eingedampft wurde. Die Haszda gehören zu den letzten Völkern, die uns Matrifokalität vorleben und damit nichts vermissen.
Marean ist sich auch nicht zu schade unsere Natur mit der der Vögel zu vergleichen. Vögel
leben in Paaren, wir natürlicherweise aber nicht. Es entsteht bei uns lediglich durch eine
zeitlich begrenzte Paarung ein neuer Mensch, aufgezogen wird er aber in der matrifokalen
Sippe. Der biologische Vater ist damit für den Sozialverband bedeutungslos, und das versucht das Patriarchat durch die Unterdrückung der female choice zu vertuschen. Die Gewalt gegen Frauen, auch der von Marean angeführte Frauenraub, sind nur vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Gesellschaft nachvollziehbar.
Marean passt sicher gut in eine Welt, wie sie sich ein Donald Trump vorstellt. Er scheint
Waffen, die Jagd und den Kampf zu lieben, weniger die Frauen und schon gar keine Kinder.
In seiner Altsteinzeit kommen sie nicht vor. Passenderweise zeigt die Illustration einen
einsamen Mann in heldenhafter Eroberer-Pose, bewaffnet und übermächtig groß. Dies alles,
gepaart mit seinem Bedauern der schädlichen Auswirkungen menschlichen Tuns, führt ihn in eine geistige Endlosschleife aus der es kein Entrinnen gibt.

Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015

(Leserbrief in Auszügen abgedruckt im SdW, Heft Juni 2015)

Nach dem Lesen des Artikels „Stark als Paar“ von Blake EDGAR bleibt mir nur zu hoffen,
sich alle anderen Leser den zugehörigen Literaturtipp zu Herzen nehmen, und das Buch
„Mütter und andere“ von Sarah BLAFFER HRDY (2010) lesen. Leider geht der Einzeiler in
Ihrem Literaturtipp „Die Anthropologin erörtert die erstaunliche Sozialkompetenz von
Kleinkindern“ völlig am Inhalt des Buches vorbei, so dass zu fürchten ist, dass sich nur
Wenige, die sich für das arttypische, menschliche Sexual-Verhalten interessieren, davon
angesprochen fühlen. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird feststellen, dass EDGAR
BLAFFER HRDYs These missbräuchlich verwendet, ihr das Wort im Munde umdreht, und
vielleicht das Buch gar nicht gelesen hat, und statt dessen nur das veraltete „Mutter Natur“
kennt. Auf S. 448 von „Mütter und andere“ in Fußnote 20 schreibt BLAFFER HRDY (2010),
NACH IHRER EMERITIERUNG : „Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.“ Leider kam diese Erkenntnis etwas spät, so dass „Mutter Natur“ eher verwirrte als aufklärte.
BLAFFER HRDYs geht nun auf der Basis der Großmutterhypothese (Kristen HAWKES,
1998) und der Tatsache der female choice (Meredith SMALL, 1995) sowie ihrer eigenen
Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus, und betont, dass die Errichtung des Patriarchats dazu führte, dass die alten matrifokalen Sippen gegen die patrilokale Familie ersetzt wurden: „Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“ (2010 S. 336) Die PATRIARCHATSFORSCHUNG weiß dies schon länger, auch die herrschende Lehre der Archäologie muss sich zunehmend mit dieser Wahrheit auseinander setzen, leider ebenso ungerne wie Blake EDGAR. Die Monogamie, hergestellt durch das theologisch vorgeschriebene Ritual der Ehe, ist eine Einrichtung des Patriarchats, die nur ein Ziel hat,
nämlich die female choice zu unterdrücken. Nur durch Patrilokalität kann der Mann
Monogamie herstellen, denn nur in seinem Hause können er, seine Eltern und Brüder „seine“ Frau kontrollieren. Nur so kann Patrilinearität gesichert werden, die Basis für den
Kapitalismus. Wäre dies schon vor zwei Millionen Jahren der Fall gewesen, wäre die
Menschheit längst ausgestorben. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur die folgenreiche
Überbevölkerung, sondern züchtet eine aggressive und psychisch gestörte Population heran. Weiterlesen

Also doch: Frauen malten die altsteinzeitlichen Höhlen aus

Cueva de las Manos2
Kennen Sie ein einziges Lehrbuch oder populärwissenschaftliches Werk, in dem altsteinzeitliche Frauen dargestellt sind, die Höhlenbilder malen? Von Archäologinnen schon lange gefordert, kamen Autoren und Zeichner der Bitte, auch malende Frauen abzubilden, bisher nicht nach.

Die Höhlenmalereien galten als das Werk von männlichen Jägern, die ihre Jadgbeute darstellten, Jagdzauber betrieben und als Schamanen und Künstler die Kultur resp. die Religion und die Horde dominierten. Dagegen standen schon lange die Statuetten, die für Jahrzehntausende nur Frauen oder Tiere abbildeten. Manche Gegenstände wurden krampfhaft als Penis gedeutet, waren letztlich aber doch nur Werkzeuge, erkennbar an den Spuren, die ihre Benutzung als solche dokumentierten. Seltene Abbildungen von Männern aus der für menschliche Verhältnisse schon recht jungen Ära des altsteinzeitlichen Magdaleniens (vor ca. 15000 Jahren) wurden reflexhaft als Bilder von hochstehenden Hordenführern gedeutet. Für die patriarchalisch herrschende Lehre ist daher eine gerade im National Geografic veröffentlichte Meldung ein herber Rückschlag, für die Menschheit aber eine Sensation: Die Handabdrücke in den Höhlen stammen offenbar zu 75% von Frauen.
Der britische Evolutionsbiologe John Manning, fand schon vor über 10 Jahren heraus, dass sich die Hände von Frauen und Männern in der relativen Länge der Finger unterscheiden. Bei Frauen sind Zeigefinger und Ringfinger annährend gleich lang, während bei Männern der Ringfinger länger ist als der Zeigefinger.
Der Evolutionsbiologe R. Dale Guthrie behauptete noch 2006, die Handabdrücke stammten von jungen Männern. Der Prähistoriker Dean Snow von der Pennsylvania State University untersuchte die Handabdrücke in den Höhlen Südfrankreichs und Nordspaniens und veröffentlichte nun seine Ergebnisse. Drei Viertel der Handabdrücke konnte er als weiblich identifizieren. Damit haben auch die Zeichnungen von Tieren, die mit den Handabdrücken „signiert“ wurden, zu 75% weibliche Urheber.
Die Wahrnehmung der weiblichen Kulturleistungen wirft ein anderes Bild auf den frühen Menschen, als es die modernen Cartoonisten und Buchautoren immer wieder reproduzieren. Die Urgeschichte muss, das ist allerdings schon länger klar, neu geschrieben werden. Die herrschende Lehre verweigert das beharrlich, und wer es trotzdem versucht, wird es schwer haben, Gehör zu finden oder Karriere zu machen. Dean Snows Mut ist dieser Durchbruch zu verdanken, der bald in der Versenkung zu verschwinden droht.
Sollte jemand ein Buch kennen oder demnächst finden, das es wagt, eine Ausnahme zu machen, würde ich es mich freuen, davon zu erfahren.

Nachtrag, 21.11.2014.
Australien. Unbekannte prähistorische Felsbilder entdeckt. Es handelt sich um Handabdrücke, die von Frauen und Kindern stammen:
Bericht auf ABC-News

2013: Allen Unkenrufen zum Trotz – Archäologie entdeckt, dass der Mensch vom Wasser abhängt


Ohne Wasser verdurstet alles Leben. Um an das erquickende Nass zu kommen, haben Pflanzen und Tiere die unterschiedlichsten Strategien entwickelt. Pflanzen saugen Wasser aus dem Boden und sammeln es als Regen oder Tau auf speziell geformten Blättern. Kleinen Tierarten reicht oft die Flüssigkeit, die sie mit dem Verzehr von Blättern und Früchten aufnehmen. Viele Tierarten trinken zusätzlich aus Süßwasservorkommen.
Wie der Name schon erahnen lässt, würden Säugetiere ohne die Fähigkeit zu trinken, nicht überleben. Sie saugen und trinken, lange bevor sie beginnen, feste Nahrung zu sich zu nehmen, aus den Milchdrüsen ihrer Mutter. Auch erwachsene Säugetiere müssen trinken, und nur wenige Arten kommen mit der Flüssigkeit aus pflanzlicher Nahrung aus oder haben Strategien entwickelt, längere Durststrecken zu überstehen. Nicht so der Mensch, er muss täglich trinken. Folglich entfernten sich die Menschen der Steinzeit, die ihre Wasserversorgung ohne Gefäße, Brunnen oder Wasserleitungen organisieren mussten, nie weit vom Wasser. Aus dem Wasser bezog der Mensch auch einen großen Teil seiner Eiweißversorgung. Fischen und Muschelsammeln ist schon für die Altsteinzeit belegt. Das Bild vom Steinzeitmenschen, der in der staubigen Savanne auf die Jagd geht, und der in der Tundra allein von der Mammutjagd lebt, bekommt damit einen Kratzer, neue Entdeckungen aus diesem Jahr entlarven es als Fälschung.

Ach nach Quelle
Die Ach/Schwäbische Alb nahe ihrer Quelle

Alte und neue Funde (ich berichtete bereits) von technisch ausgereiften Angelhaken und Harpunen aus dem altsteinzeitlichen Zeitabschnitt des Magdalenien geben beredtes Zeugnis davon ab, wie viel geistige Energie auf die Vereinfachung und Optimierung der Nahrungsbeschaffung verwendet wurde. Den Speeren und Speerschleudern und den viel jüngeren Pfeilspitzen wurde aber seit jeher von der Forschung mehr Interesse entgegengebracht. Dies wundert nicht, verstehen sich viele Forscher doch eher als Nachkommen von Hirten denn von Fischern, und sind Speere, Pfeil und Bogen doch mit einer heroischen Ritterromantik verknüpft und taugen als männliche Identifikationsobjekte. Dass mit Speeren auch Fische gejagt werden können, wird nur kaum beachtet. Nur noch aus Felsbildern erschließbar sind Reusen, die aus Bast und biegsamen Zweigen hergestellt wurden. Sie sind lange verrottet und waren doch ein sehr effektives Werkzeug zum Fang von Fischen, Muscheln und Meeresfrüchten. Wie ein internationales Forscherteam gerade herausfand, diente die erste Keramik der Welt (Jomon-Kultur, 15.000 Jahre alt) dem Kochen von Fisch und nicht von Fleisch.

Die Lebensweise am Wasser fand seinen Widerhall in der Heiligung des Wassers, also in Quell-, Fluss-, Teich- und See-Heiligtümern, und in Kultstätten, die nahe am Wasser lagen. Galten Höhlen gemeinhin als Orte eines „Jagdzaubers“, wird mit meiner Entdeckung erkennbar, dass auch sie Wasserheiligtümer waren Weiterlesen

Angelhaken lässt den Mythos vom eiszeitlichen Rentierjäger bröckeln


Mal ehrlich: Den Urmenschen stellen sich die meisten unserer Zeitgenossen entweder als pelzigen Affen vor, der gerade „von den Bäumen gestiegen“ ist, um Afrika zu verlassen, oder als bärtigen, wilden Eiszeitjäger, der mit Fell behängt und mit einem Speer bewaffnet ist. Letzterer macht mit anderen, gleich aussehenden Männern Jagd auf ein großes, gefährliches Mammut. Dass er manchmal auch einer Rentierherde nachgestellt haben muss, wird aus Bildern geschlossen, die ihn mit einem Rentier über der Schulter zeigen, wie er eine dunkle Höhle betritt, in der weitere verschwommen gezeichnete Urmenschen am Lagerfeuer auf ihn warten. Moderne Jäger und Männer am Grill sehen sich gerne in dieser Tradition.
Immer mal meldet sich auch der vor Säbelzahntigern flüchtende Urmensch in uns allen, z.B. dann, wenn uns vor Stress die Verdauung versagt. Er lässt sich mit dem martialischen Bild vom Großwildjäger so gar nicht vereinbaren. Sind nur die altsteinzeitlichen Frauen vor lauter Angst weggerannt? Sie werden selten oder nie abgebildet, und manche Leute glauben sogar, es hätte in der Steinzeit noch gar keine Frauen gegeben. „Der Sammler“ kommt im uns wohlbekannten Klischee vom Urmenschen gar nicht vor.

Dieses völlig verquere Bild verändert sich seit vielen Jahren zumindest in den Köpfen der Wissenschaftler, wie ein Besuch im Neanderthal-Museum bestätigt. Der Wandel ist den Anthropologinnen geschuldet, die begonnen hatten, die weibliche Seite der Urzeit zu erforschen. Dem Klischee-Eiszeitjäger wurde die Sammlerin zur Seite gestellt. Er soll jedoch der Hauptversorger bleiben, sie sei demnach weiterhin als Ehefrau und Mutter von ihm abhängig. In der breiten Masse bleibt es unverändert beim alten Bild, weil die Forschung in den einschlägigen Medien, sogar im öffentlich-rechtlichen „Bildungsfernsehen“ weitgehend ignoriert wird. „Und wo sollen denn bitteschön auch auf einem 3 km hohen Gletscher Nüsse zu finden sein?“, so denken Leute, die unser Bildungssystem durchlaufen haben.

Jüngst gab es wieder einen Durchbruch in der Eiszeitforschung, von dem die Allgemeinheit wahrscheinlich weitere Jahrzehnte kaum Notiz nehmen wird: In Wustermark (Brandenburg) wurden fünf Angelhaken aus der Altsteinzeit gefunden, deren ausgeklügelte Form so noch heute Anwendung findet. Weiterlesen