Warum gibt es die Schwiegermutter? Neues zur Großmutterthese

Plastik Überbevölkerung im Neanderthal-Museum, Mettmann
Die Anwesenheit der Großmutter hat einen positiven Effekt auf das Überleben ihrer Enkelkinder. Das ist der evolutionäre Grund für die Menopause, also das lange Leben einer Frau nach ihrer gebärfähigen Phase.
Dies war im Jahre 1998 die zentrale Aussage der Anthropologin Kristen Hawkes, die als Großmutter-Hypothese bekannt wurde. Großen Einfluss auf die Anthropologie hatte sie damit allerdings noch nicht. Im Jahre 2003 fragten Jan Breise und Eckard Voland erneut „Warum gibt es Großmütter?“ und überprüften die Hypothese anhand von Kirchenbüchern aus dem 19. Jh. von der Halbinsel Krummhörn. Sie fanden überraschenderweise eine erhöhte Kindersterblichkeit, wenn die väterliche Großmutter mit im Hause lebte, salopp gesagt, wenn die Mutter ihre Schwiegermutter am Halse hatte. Die Sterblichkeit war sogar noch höher als wenn keine der beiden Großmütter mit im Hause wohnte. Die geringste Sterblichkeit war also gegeben, wenn nur die mütterliche Großmutter bei der Kinderpflege mithalf. Damit wurde deutlich, dass es nicht egal ist, welche Großmutter mit im Hause lebt. Kristen Hawkes These musste in dieser Weise modifziert werden und bekam nun politische Relevanz.

Die korrigierte Großmutterhypothese führte weiter ein Schattendasein, weil die Evolutionsbiologie sich nicht von der „schönen“ Vorstellung trennen wollte, dass die Schwiegermutter den Fortpflanzungserfolg erhöhe, dies eingedenk der zunehmenden Überbevölkerung. Die großmütterliche Leistung war und ist den „Herren der Schöpfung“ suspekt, zumal der Großvater nun außen vor bleibt. So sehr die Herrschende Lehre die Großmutterhypothese zu ignorieren sucht, so groß sind aber auch die Zweifel an der Richtigkeit der positiven Bewertung der Schwiegermutter. Daher werden immer wieder Studien aufgelegt, die den Zusammenhang von Mutter, Großmüttern und Enkelkindern untersuchen.

Die Frage muss nun zu vorderst lauten, warum es die Schwiegermutter gibt, wenn sie doch so schädlichen Einfluss auf ihre Enkelkinder ausübt. Denn die Evolution selektiert nichts im großen Stil, was dem Nachwuchs auch nur ansatzweise schaden könnte. Das wäre ja das Ende aller Arten. Die Anwesenheit der Schwiegermutter deutet daraufhin, dass jemand in die Evolution eingegriffen hat, ohne die weitreichenden Folgen erahnen zu können. Und sie ist ein Anzeichen, dass es mit unserer Art zu Ende geht, trotz und wegen der Überbevölkerung.

Warum gibt es die Schwiegermutter?

Eine Antwort auf die Frage kann nur die unabhängige, interdisziplinäre Patriarchatsforschung liefern, denn sie allein stellt bisher die Natürlichkeit der Schwiegermutter infrage, gerade WEIL sie so einen negativen Einfluss ausübt: Die Existenz der Schwiegermutter ist an die Ehe gebunden und sie war seit dieser Erfindung sogar DIE Garantin für das Funktionieren der Familie, denn sie ersetzte die seitdem ausgeschlossene Großmutter mütterlicherseits sowie alle anderen Angehörigen der Mutter und schützte die Ehe. Sie war nie ein Tausendsassa, sondern hat seit jeher nur ein Ziel: Die Sicherstellung der Vaterschaft ihrer Söhne. Ohne die Kenntnis seiner genetischen Kinder kann kein Vater Macht über sie ausüben und auch nicht über andere. Die Herrschaft der Väter, das Patriarchat, muss daher die Mutter regelrecht gefangen nehmen. Zurecht wird vom Gefängnis der Ehe gesprochen.
Aufseherin war von Beginn an die Schwiegermutter, die sich im Alltag an der sexuellen Kontrolle der jungen Ehefrau, die sie eigentlich als Eindringling wahrnahm, beteiligte, und die sie misstrauisch beäugte. In dieser Patrilokalität genannten Zwangslage lebten alle Frauen noch bis vor 100 Jahren, besonders wenn ihre Ehemänner noch Bauern geblieben waren. Das war aber nicht immer so. Bei den viehnomadischen Völkern kam diese Lebensweise zuerst auf, sie haben sie gewaltsam über die Welt verbreitet und bis heute erhalten.

In der Situation der Patrilokalität waren bzw. sind die jungen Mütter den sexuellen Ansprüchen des Ehemannes schutzlos ausgeliefert. Weiterlesen „Warum gibt es die Schwiegermutter? Neues zur Großmutterthese“

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Weibliche Wachtel (Coturnix coturnix)

Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung

Hobby-Geflügelhalter Ingo[1] schrieb vor einiger Zeit in ein Soziales Medium, dass es ja Menschen gäbe, die nicht viel denken, und er finde, es sei bei den Wachteln kaum besser. Dies sei seine Weisheit des Tages.
Ich wurde darauf aufmerksam, weil mir immer wieder Mensch/Tier-Vergleiche auffallen, wenn z.B. in einer Tier-Doku vom Hirschen die Rede ist, der „auf dem Platz als Chef seinen Harem zusammen hält“, wenn „das Silberrückenmännchen als Patriarch die Gorilla-Gruppe beherrscht“ oder auch „die Störche sich ein Leben lang treu bleiben“. Die Herstellung solcher Analogien dient leider viel zu oft der Rechtfertigung unseres eigenen Verhaltens. Die Projektionen von Mensch auf Tier und umgekehrt sind immer falsch. Wie sollen sie auch richtig sein, kennen doch die weitaus meisten Dokumentatoren, Journalisten und auch Naturwissenschaftler nicht einmal mehr unser eigenes natürliches Verhalten (Vgl. Uhlmann 2015).

Es ging Ingo aber erstmal um die „Dummheit der Tiere“, insbesondere der Wachteln. In meiner Gewissheit, dass Tiere zwar nicht lesen und schreiben können, aber trotzdem weise sind, nämlich der Weisheit von Mutter Natur folgen, erhob ich stellvertetend für die Wachteln, die übrigens zu den Hühnervögeln gehören, spontan Einspruch und schrieb, dass ich der „Weisheit des Tages“ leider nicht zustimmen könne. Immerhin haben Wachteln nie irgendeine Gehirnwäsche durchlaufen und können sich noch auf ihren gesunden Wachtelverstand verlassen. Sie unterdrücken sich nicht, haben nie Kriege angezettelt und zerstören nicht die Umwelt. Denn Tiere leben nicht im Patriarchat, – und der Mensch nebenbei gesagt von Natur aus auch nicht, hätte er sich nicht vom technischen Fortschritt abhängig gemacht, um dann dessen Opfer bzw. Opfer der eigenen Intelligenz zu werden.
Ich finde, wir können uns an den Wachteln ein Beispiel nehmen und an allen anderen Tieren natürlich auch. Nein, der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.

Ingo meinte darauf, dass das, was sein Wachtelhahn mit den Hennen mache, schon etwas von Unterdrückung hätte. Auf Nachfrage schrieb er: „Er hackt ihnen in den Nacken (Hackordnung!), was teilweise zu üblen Wunden führt.“
Dass ein Hahn so etwas macht, hatte ich noch nie gehört. Ingos Hinweis in Klammern auf die Hackordnung kam mir daher spanisch vor. In meiner Erinnerung gilt sie allgemein vor allem für die Hennen, während Hähne für Kämpfe bekannt sind. Ich halte keine Hühner, aber das knuffige Geflügel war mir schon immer sehr sympathisch. Dass sie notorisch gewalttätig sein sollen, habe ich nie so erkennen können, wann immer ich freilaufende Hühner sah. Das bestätigt auch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung online über Hühner in Gefangenschaft, der eine das Gruseln lehrt:

“Zu Hühnerkannibalismus kommt es vor allem bei der Bodenhaltung. Wenn Hühner dort ihre Eier nicht im Schutz von abgedunkelten Nestern legen können, müssen sie sich direkt nach dem Legen wieder unter ihren Artgenossen tummeln. ‚Die Kloake der Tiere ist dann noch ausgestülpt und zieht mit ihrem roten Glanz die Aufmerksamkeit anderer Tiere auf sich’, beschreibt Aigner (ein professioneller Hühnerhalter) den Auftakt zu einem blutrünstigen Schauspiel. Andere Hühner picken dann auf die Henne ein. Sobald der erste Tropfen Blut erscheint, geraten die Tiere in einen wahren Blutrausch.“ (Fischer 2010, S.2)

Die sog. Hackordnung kannte ich schon aus dem Biologieunterricht der 5. Klasse. Der Lehrer zeigte uns damals Bilder von fast federlosen Hennen und von kämpfenden Hähnen. Derart zugerichtete Exemplare habe ich bei wild lebenden Hühnern in Naturfilmen aber nie gesehen. Dass das Phänomen irgendwie menschengemacht sein muss, wurde mir erst nach der Klassenarbeit klar, in der eine Fangfrage lautete, wieviele Hähne sich auf einem Hühnerhof befänden, wozu wir eine Begründung unserer Antwort schreiben sollten. Ich schrieb, dass es zwei sein müssten, damit die Hähne miteinander kämpfen können. Da „artgerechte Haltung“ damals in den Siebzigern noch nicht in Mode war, bekam ich dafür null Punkte. Ich bin jetzt 53, erinnere mich aber, als wäre es gestern gewesen, weil Biologie zu meinen Lieblingsfächern gehörte und ich mich sehr über den Lehrer geärgert habe. Ich finde noch heute, dass das vor allem eine pä-
dagogische Null-Leistung war. Mittlerweile glaube ich, dass er auch keine Ahnung hatte, was es wirklich mit der Hackordnung auf sich hat.

Ingos Wachtel-Problem nahm ich nun nach all den Jahren zum Anlass intensiver Recherche. Dass die sog. Hackordnung erst in den Neunzehnhundertzwanziger Jahren von dem norwegischen Forscher Thorleif Schjelderup-Ebbe (1894-1976) beschrieben wurde, zeigt mir, dass dieses Verhalten tatsächlich gar nicht so offensichtlich ist, wie es scheint. Seit seine These in den Fünfziger Jahren allgemein verbreitet wurde, glaubten Menschen plötzlich überall, eine Hackordnung bei ihren Hühnern erkennen zu können. Das Wort Hackordnung wurde sogar zu einem Synonym für die Hierarchie in der menschlichen Gesellschaft. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Ein schönes Beispiel dafür ist dieser Film:

Video veröffentlicht von bettelhuhn am 16.04.2010 auf youtube.de

Es gibt aber auch leise Kritik am „Modell der Hackordnung“ wie in diesem Forum: http://www.huehner-info.de/forum/showthread.php/73375-Kritik-am-Modell-der-Hackordnung

Tatsachlich hacken sich wilde Hühner praktisch nicht. Sie picken auf dem Boden nach Nahrung, brüten, glucken, reinigen ihr Gefieder im Staub oder ruhen sich aus. Werden allerdings fremde Hühner in eine Horde (auch Schar oder Herde) gesetzt, gibt es ordentlich Streit, aber das ist menschengemacht. In der Paarungszeit kämpfen die Hähne, um den Weibchen ihre Potenz zu demonstrieren, wie bei vielen anderen Arten auch. Wenn überhaupt, gibt es unter den Hennen Streit ums Futter oder einen Platz im Sandbad. Dabei bleibt es meist bei einem „auf das konkurrierende Tier losgehen“, um es zu verscheuchen. Manchmal wird nach ihm der Kopf gereckt, was wie Picken aussieht, oft ist es nur es Drängeln und Schubsen. Im Englischen heißt es auch nicht „Hackordnung“, wie sie von Schjelderup-Ebbe während seiner Zeit in Deutschland in den Dreißiger Jahren selbst genannt wurde, sondern Pick-Ordnung (pecking order statt hacking order). Eigentlich muss es „Scheuchen“ oder „Drängeln“ heißen. Ein Video zeigt das Verhalten, das beileibe nicht so dramatisch ist, wie der Name „Hackordnung“ suggeriert.

Video veröffentlicht von HenDaisy am 10.05.2011 auf youtube.de

Was in der Allgemeinheit nicht angekommen ist, auch nicht in der gymnasialen Lehre, ist eine andere wichtige Beobachtung Schjelderup-Ebbes, nämlich, dass das Scheuchen und Drängeln von den Haushühnern nicht konsequent nach einer feststehenden Ordnung betrieben wird. Der Forscher will z.B. Dreiecksbildungen beobachtet haben. Danach „hackte“ Huhn A das Huhn B, welches Huhn C „hackte“, das wiederum Huhn A „hackte“. Bei den meisten belesenen Hühnerhaltern und -züchtern ist diese These bekannt, und sie behaupten, das beobachten zu können. Sie berichten aber auch, dass die Unruhe davon abhinge, welche Tiere gerade an einem Platz versammelt sind. Zudem änderten sich die Verhältnisse unter den Tieren immer wieder mal. Hühnerhalter beobachten auch, dass Hühner einunddesselben Geleges bestens miteinander auskommen. Und trotzdem ziehen die Hühnerexperten nicht die richtigen Schlüsse, denn das Dogma Hackordnung scheint beinahe unumstößlich.

Das Dogma führt zu vielen Fragezeichen, weshalb widersprüchliche Informationen verbreitet werden wie in diesem Beispiel:

„Wie bereits erwähnt, bestehen oftmals zwischen Alt- und Junghennen erhebliche Unterschiede. Althennen treten viel selbstbewusster in der neuen Herde auf. Unter den Hähnen ist die Machtstellung noch betonter als bei den Hennen, da die Vorrechte des Hahnes noch größer sind. Sind mehrere Hähne in einer Herde, ist die Rangfolge in der Regel auch immer linear, d.h. A zu B zu C usw..
Das ist sehr bedeutend. Verliert ein dominanter Hahn aus irgendeinem Grund seine Stellung, kann das oft dazu führen, dass dieser Hahn nicht nur in der Rangordnung einen Platz weiter hinten einnehmen muss. sondern dass es sogar dazu kommt, dass dieser anschließend erkrankt.
Im Zuchtstamm nimmt der Hahn unter natürlichen Bedingungen den ersten Rang ein. Ihm fügen sich die Hennen. Während der Fortpflanzungzeit, d. h. fast das gesamte Jahr macht der Hahn aber von seinem Hackrecht nicht Gebrauch. In der Mauser ist es anders. Da hackt er auch die Hennen vom Futter weg. Vielleicht ist dies auch ein Regelmechanismus, da der Hahn sehr viel neues Gefieder zu bilden und Körpersubstanzen aufzubauen hat.“ (Golze 2007, S. 13; meine Hervorhebung)

Kritik an der Projektion menschlichen Machtdenkens auf die Tierwelt äußerte schon in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren die sog. Kritische Psychologie[2]:

„(…) in den Ausführungen über Dominanz werden Beobachtungen an domestizierten Tieren und wildlebenden Tieren meist undifferenziert zusammengeworfen, ja, die Resultate von Untersuchungen an domestizierten Tieren haben sogar zu den grundsätzlichen Modellvorstellungen geführt, unter denen seitdem Dominanz-Subordinanz-Beziehungen überhaupt betrachtet werden. Richtungsbestimmend waren hier die Pionier-Untersuchungen von SCHJELDERUP-EBBE (von 1922 an) über das Rangordnungsverhalten am Haushuhn, die die Konzeption der ‚Hackordnung’ erbrachten und eine Vielzahl weiterer Untersuchungen an Hühnern nach sich zogen, wodurch die Vorstellungen über Eigenart und Bedeutung der Dominanz im allgemeinen maßgeblich geprägt wurden.
Verallgemeinerungen von domestizierten Tieren auf wildlebende Tiere im Hinblick auf das Verhältnis Dominanz-Führerschaft erscheinen uns indessen weitgehend unzulässig.“ (Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 172)

Als häufigste Argumente, warum dagegen die Hackordnung biologisch unbedingt sinnvoll sein müsse, fand ich:
1. Die Hackordnung sorge für soziale Ruhe in der Hühnerhorde.
2. Die Hackordnung lege eine Rangordnung fest und ranghohe Tiere übernähmen Aufgaben.
3. Die Hackordnung sichere den Fortbestand der Art.

Diese Argumente wirken erst einmal wie Totschlagargumente; aber was ist davon wirklich zu halten? Im Einzelnen: Weiterlesen „Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung“

Neues zur female choice, dem Sargnagel des Patriarchats

NEUERSCHEINUNG in diesem Jahr:

Gerade veröffentlichte der Ornithologe Richard O. Prum mit seinem Buch „The Evolution of Beauty: How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us“ (dt. Die Evolution der Schönheit: Wie Darwins vergessene Theorie der Partnerwahl die Tierwelt – und uns – formt) eine Untersuchung an Entenvögeln, mit der er den Beweis anführt, dass die female choice auch da arbeitet, wo wir sie nicht vermuten würden, während einer Vergewaltigung, wie sie manchmal bei Enten wahrgenommen wird. Damit wird noch deutlicher, dass die female choice nicht nur bewusst bzw. teilbewusst, sondern auch unbewusst abläuft und von selektierten anatomischen Gegebenheiten geschützt wird.
In einem Interview mit der Zeitschrift „National Geographic“ erläutert er die Beobachtungen seines Teams.
Schon der Titel des Buches verrät, dass der Autor die female choice auch für uns Menschen als evolutionäre Größe ansieht, die durchaus gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Das Buch liegt leider noch nicht in dt. Sprache vor.

Bildquelle: PenguinRandomHouse

Zur Vorgeschichte:

Die Entdeckung der female choice wurde von Charles Darwin 1874  in seinem Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ (engl. The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex) vorgestellt. Das Missfallen darüber war groß, galt es doch nur dann als schicklich, wenn der Mann wählt und die Frau sich erwählen lässt.
Fortan verschwand diese wichtige Entdeckung in der Versenkung.

Als die Anthropologin Meredith M. Small 1995 ihr Buch „Female Choices. Sexual Behavior of Female Primates (dt. Weibliche Auswahlen. Das sexuelle Verhalten der weiblichen Primaten) herausgab, in dem sie die female choice der Primaten beleuchtete, blieb die Begeisterung ebenfalls aus. Dabei liefert das Buch nichts weniger das entscheidende Argument gegen die Existenz eines natürlichen Patriarchats. Zuvor hatte sich der Feminismus ins Aus geschossen mit der Vorgabe, dass jede Betrachtung der Biologie der Frau als Biologismus abzulehnen sei.

Im Jahre 2009 brachte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy ihr Buch „Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat, (engl. Mothers and Others. The Evolutionary Origins of Mutual Understanding) heraus, worin sie die Erkenntnisse Smalls mit der Großmutter-These von Kristen Hawkes verknüpfte und damit nachwies, dass die artgemäße Lebensweise der Menschen matrifokal ist.

Der Patriarchatsforscher Gerhard Bott nahm ebenfalls 2009 auf Meredith M. Small Bezug und machte die Unterdrückung der female choice der Menschenfrau in seinem Buch „Die Erfindung der Götter“ zum Ausgangspunkt seiner Entstehungsgeschichte des Patriarchats.

2015 beschrieb ich in meinem Essay „female choice – unser Menschenrecht“ unter Berücksichtigung aller Erkenntnisse die Wirkungen der female choice und die Bedeutung dieses grundlegendsten aller Menschenrechte für die Überwindung des Patriarchats.

Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?

Gerade titeln weltweit viele Zeitungen und Zeitschriften mit der Sensationsmeldung, dass nun endlich klar wäre, warum wir in Monogamie leben. Die Geschlechtskrankheiten seien die Ursache:

„Darum leben die meisten Menschen monogam“ (welt.de)
„Computersimulation: Warum wir monogam leben“ (spiegel-online.de)
„Ohne Kondom zur Monogamie: Warum leben wir in Paaren?“ (spektrum.de)

Alle Artikel beziehen sich auf die Studie „Disease dynamics and costly punishment can foster socially imposed monogamy“ der kanadisch/amerikanischen Forscher Chris T. Bauch und Richard McElreath, die am 12. April 2016 in NATURE COMMUNICATIONS veröffentlicht wurde.

Wie leichtgläubig doch jede noch so schlecht gemachte Studie sofort begierig aufgesaugt wird, wenn sie nur die Monogamie, also das uns allen auferlegte Patriarchat, als natürlich bestätigt! Es ist in der Tat kein Einzelfall. Zum wiederholten Male verbreitet insbesondere das SPEKTRUM einen solchen Artikel, der versucht, die Monogamie des Menschen als evolutionär sinnvoll hinzustellen. Ich erinnere an den Artikel Stark als Paar von Blake Edgar. Damals konnte das SPEKTRUM gar nicht anders, als meinen Leserbrief in der Printausgabe Juni/2015 abzudrucken, denn der Autor zitierte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in missbräuchlicher Weise. Ich habe die Redaktion natürlich auch auf den patriarchatsideologischen Antrieb solcher Artikel hingewiesen. Jedoch statt aus diesem Desaster zu lernen, wird jetzt wieder unkritisch nachgebetet. Da es sich um ein Blatt mit wissenschaftlichem Anspruch handelt, wenn gleich populärwissenschaftlich, beziehe ich meine Kritik im Folgenden nur auf den SPEKTRUM-Artikel, die aber auch für all die anderen gelten soll.

Wie die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy unschlagbar schlüssig nachgewiesen hat, beruht die Entwicklung zum Sozialwesen Mensch auf der female choice und der langen Kindheitsphase, die zusammen automatisch in Matrifokalität, d.h. Matrilokalität und Matrilinearität, führen. Noch in den jungsteinzeitlichen Kulturen ist diese Matrifokalität zu finden, z.B. in Çatal Höyük, Kfar Hahoresh, der Starčevo-Kultur usw., wie es Ian Hodder und Kurt W. Alt nachgewiesen haben.
Völlig veraltet sind die Thesen der Anthropologie, die Caroline Bauer einschiebt: „Bisher glaubten Anthropologen und Anthropologinnen, dass es besonders für Frauen vorteilhafter sei, monogam zu leben, weil der Mann sie somit bei der Kinderaufzucht besser unterstützen könne. Oder dass Männer untereinander im Wettbewerb stünden und darum ihre Partnerin gegen Nebenbuhler abschirmten.“ Auch Sarah Blaffer Hrdy hat das einmal geglaubt, wie sie selbst in Fußnote 20 auf Seite 448 ihres Buches „Mütter und andere“ (2010) schrieb, hat aber den fundamentalen Irrtum erkannt.

Heute sprechen Anthropologen von „Gen-Shopping“, wenn eine Frau fremd geht. Sie trauen sich nicht, die evolutionäre Regel, nach der idealerweise jedes Kind einer Frau von einem anderen Mann ist, auszusprechen, da das erhebliche gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Die Regel ist beinahe selbsterklärend, da eine Frau in ihrem Leben vergleichsweise nur wenige Nachkommen hat und genetische Vielfalt zu einer gesunden Population führt.
Unter diesen natürlichen Umständen kann sich kein Bewusstsein für Patrilinearität herausbilden und auch keine Patrilokalität durchgesetzt werden. Kein Vater lebt in der Sippe seiner leiblichen Kinder. Eine Frau braucht auch keinen männlichen Alleinernährer, denn in ihrer matrifokalen Sippe sind alle als sog. Alloeltern an der Kinderpflege beteiligt, wie Sarah Blaffer Hrdy es schlagkräftig nachweisen konnte.
Die female choice dient auch der unmittelbaren Gesunderhaltung, denn ein offensichtlich erkrankter Mann ist für eine Frau eher nicht attraktiv. Eine geschlechtskranke Frau wird sich enthalten, da die Entzündungen Schmerzen beim Sex verursachen.
Auch zur Geschichte der Geschlechtskrankheiten brauchen die Autoren der Studie offenbar noch etwas Nachhilfe: Die Syphilis stammt aus Südamerika. Die Indigenen dort sind seit Jahrzehntausenden an die Syphilis angepasst und ihr Immunsystem kommt damit gut zurecht. Erst in Europa eingeschleppt wurde die Syphilis zum echten Problem. Weil das die These stört, stellen Bauch/McElreath den südamerikanischen Usprung der Syphilis in Frage: „Syphilis existed for certain by the Fifteenth century, although there is debate about whether its origin was Colombian or pre-Colombian“.
Die Gonorrhoe war schon in der Antike bekannt und sie erzeugt sehr unattraktive und unangenehme Symptome, insbesondere beim Mann. Weiterlesen „Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?“

Das Patriarchat kam aus der Steppe: Kurgan-These international bestätigt


Marija Gimbutas musste sich in der Vergangenheit für ihre sog. Kurgan-These immer wieder in einer unsachlichen, schändlichen Kampagne mit Schmutz bewerfen lassen, weil sie nachweisen konnte, dass die ersten Patriarchen, Reiterkrieger aus der südrussischen Steppe, das matrifokale Alte Europa mit Krieg überzogen und patriarchalisierten. Jetzt hat sie starke Rückendeckung aus der Genetik erhalten, womit die Kritiker eigentlich verstummen müssen.

Mit einer Großstudie unter Federführung von David Reich von der Harvard Medical School, und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte (Jena), die an der DNA von knapp 100 Skeletten, die 3000 bis 8000 Jahre alt sind und aus unterschiedlichsten Kulturen stammen, vorgenommen wurde, bestätigt sich, dass die indoeuropäische Kultur aus der südrussischen Steppe stammt. Die Untersuchungsergebnisse veröffentliche jüngst das online-Magazin des SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT. Äußerst erfreulich ist dabei, dass in dem Artikel, den Jan Osterkamp schrieb, die Worte „Kurgan“ und „hierarchisch-patriarchisch“ fallen. Zudem ist der Text mit Wikipedia, Stichwort „Kurgan-These“, verknüpft, wo Marija Gimbutas als Begründerin der These erwähnt ist.

http://www.spektrum.de/news/indoeuropaeisch-kommt-aus-der-steppe/1335235

Dagegen scheint es die NEW YORK TIMES nicht für nötig zu halten, sie auch nur zu erwähnen:

http://www.nytimes.com/2015/06/16/science/dna-deciphers-roots-of-modern-europeans.html?_r=1

Der Archäologe David Anthony, der in dem NYT-Artikel als Experte befragt wird, muss sich aus schlechtem Grund dazu äußern. Er hat sich in der Vergangenheit an der Schmutzkampagne gegen Marija Gimbutas immer wieder beteiligt. Dabei ist er es höchstpersönlich, der mit seinen Forschungsergebnissen nichts anderes tut, als immer wieder Gimbutas These zu bestätigen. Mit seiner These der mafiösen „Wolf-Gangs“, Horden junger Männer, die als Wölfe verkleidet raubschatzend durch die Gegend zogen, belegt er auch die Gewaltbereitschaft der Steppenbewohner. Die parasitäre und schizophrene „Wissenschaft“ des David Anthony erreicht mit der Leugnung der aggressiven Natur der Eroberung Europas durch die Leute aus der Steppe (hier die Jamnaya-Kultur) einen neuen Höhepunkt: „David W. Anthony, an archaeologist at Hartwick College and an author of the Harvard study, said it was likely that the expansion of Yamnaya into Europe was relatively peaceful. ‚It wasn’t Attila the Hun coming in and killing everybody.’“ (Zitat aus NYT)

Was David Anthony offenbar nicht wissen will, sind die Fakten, die die Patriarchatsforschung zusammengetragen hat: Das Patriarchat ist nicht die natürliche Lebensform von homo sapiens. Als Hirtennomaden waren die Steppenbewohner die ersten Menschen überhaupt, die in Patriarchaten lebten, denn das Vieh, ihre Hauptnahrungsquelle, gehörte den Männern, die die Frauen zwangen, mit ihnen zu ziehen. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie auch die ersten Frauenunterdrücker waren. Wer immer ihnen auf der Suche nach Weideland im Wege stand, wurde regelrecht wegrasiert. Das betraf vor allem die Ackerbauern. Dies alles hält Anthony für „relativ friedlich“. Damit behauptet er indirekt auch, dass Gewaltbereitschaft dem Menschen angeboren sei. In Internet-Foren lesen wir, dass leider immer noch die Mehrheit der Menschen genau dies glaubt. Dass das Patriarchat die Ursache allen Übels ist, wird daher oft nicht wahrgenommen und geleugnet. Diese Verteidigung des Patriarchats dürfte die Folge des kollektiven Stockholm-Syndroms sein, dem die Menschheit verfallen ist.

Die Ackerbau-Kulturen des Alten Europa, die Marija Gimbutas beschrieb, lebten nicht in Patriarchaten, sondern matrifokal und friedlich. Entsprechend sind bis zum Ende dieser Kulturen keine kriegerische Handlungen nachweisbar, wie ich es in meinem Buch „Archäologie und Macht“ erläutert habe. Erst mit der Einführung der Rinderzucht kam Gewalt auf. Das bandkeramische Massaker von Talheim wurde wahrscheinlich von umherziehenden Rinderzüchtern angerichtet. Mit dem Untergang der Bandkeramik gingen auch die frühen patriarchalen Zellen wieder unter, sie löschten sich selbst aus. Der früheste Nachweis einer Kern-Familie, also Vater, Mutter, Kind, die patriarchale Lebensform, gelang in Eulau, wo Mitglieder einer Siedlung der Schnurkeramik gewaltsam ums Leben kamen. Die ersten stabilen Patriarchte kamen aus der Steppe, und sie überrollten das Alte Europa mit ihrer Masse und mit ihrem Panzer, dem Pferd. Mit dem Patriarchat kam auch die Überbevölkerung, die schon zum Auszug aus der Steppe geführt hatte. Die Überbevölkerung der Menschheit ist immerhin als Ursache aller menschgemachten Probleme allgemein anerkannt. Weniger bekannt ist, dass sie die Folge der Unterdrückung der female choice durch den patriarchalen Mann ist, der einen ausgeprägten Gebär- und Stillneid entwickelte. Bei der Beobachtung, dass der Stier oder der Hengst die Kuh oder die Stute „befruchtete“, was „mit Frucht versah“ bedeutet, verrannte er sich in dem folgenschweren Irrtum, dass die Frau nur das Gefäß seines Samens sei. Diese Haltung hielt mit den Indoeuropäern auch im ackerbäuerlichen Leben Einzug, wo die Ackerfurche mit dem weiblichen Geschlecht gleichgesetzt wurde und der Sämann der Herr über das Leben der Pflanzen wurde, wo ursprünglich die Frauen die Felder bestellten. Dabei ist der vermeintliche Samen des Menschen lediglich Pollen.

Die indoeuropäische, patriarchale Denkweise und Sprache stammt aus den Patriarchaten der Hirtennomaden. Dieses Faktum sollte nun endlich Einzug in die Wissenschaft halten. Da die Kirche, die den „Guten Hirten“ als ihren Gott hochhält, die Herrschende Lehre immer noch in Geiselhaft hält, müssen wir darauf wohl noch länger warten.

Uniprofessorin verbreitet Unwahrheit über die Strontium-Isotopen-Befunde aus Talheim

‚Was Knochen erzählen und was nicht‘ titelt ausgerechnet ein Artikel der MAIN-POST GESCHICHTE vom 09. März 2013 (oder hier auf der Uni-Seite), in dem die Untersuchungsergebnisse der Skelettreste des „Massakers von Talheim“ falsch wiedergegeben werden. Darin wird behauptet, dass „eine Strontium-Isotopen-Analyse der Zähne ergab, dass einige Frauen – im Gegensatz zu den übrigen Opfern – nicht in Talheim aufge­wachsen sind.“ Dies ist die Unwahrheit. Es hat nämlich jene Strontium-Isotopen-Analyse (siehe Abbildung) in Wahrheit ergeben, dass mindestens drei weibliche Opfer einheimisch und nur ca. drei ortsfremd waren. Ebenso stammten auch mindestens fünf Männer von außen. Der extremste ortsfremde Wert stammt sogar explizit von einem Mann! Dies habe ich ausführlich schon 2012 in meinem Buch „Archäologie und Macht“ besprochen.

diagramm-korrektur

[ Abbildungsunterschrift: Korrektur des Ergebnisses der Strontium-Isotopen-Analyse auf der Basis des Diagramms von Price et al. 2006, S. 272. Die schwarze gestrichelte Linie bezeichnet den Durchschnitt. Je größer die Abweichung davon nach unten oder nach oben, desto ortsfremder ist das Individuum. Von mir ergänzt sind die Spektren für Ilsfeld und Vaihingen (weiß) sowie die weiße Trennlinie für Hochland- und Niederungswerte und die schwarzen Striche unter den Nummern für ab 10jährige. Mädchen ab ca. 10 Jahren sind für Frauenraub interessant. Schon in meinem Buch veröffentlichte ich die offensichtlichen Fehler, die bei der Übertragung der Daten in das Diagramm gemacht wurden, so dass ich eine Korrektur der Grafik vornehmen musste. ]

Auch wenn die Archäologin Heidi Peter-Röcher, Professorin am Lehrstuhl für Vor- und Frühge­schichtliche Archäologie der Universität Würzburg, zurecht über die Sensationsgier in der Archäologie „den Kopf schüttelt“, beteiligt sie sich hiermit an dem Versuch der Herrschenden Lehre, die Talheimer Funde dazu zu benutzen, eine patriarchalische  Gesellschaft zu zeichnen; denn nur in einem solchen gesellschaftlichem Umfeld sind Ehrenmorde denkbar, über die sie für Talheim spekuliert.

Wie Professor Dr. Kurt ALT in einem SPIEGEL-Artikel mitteilen ließ, fand die Arbeitsgruppe Palaeogenetik der Universität Mainz Folgendes heraus: „Die Starčevo-Farmer sind die Ahnen der Bandkeramiker. Diese wiederum breiteten sich als eine Bewegung von Tanten, Onkeln und Schwestern aus“. Diese Feststellung, die heutzutage auch leicht als ‚gender-korrekt geschrieben‘ überlesen werden kann, muss wörtlich genommen werden. Die Untersuchungen passen in kein patriarchales Szenario, bestätigen also für die Bandkeramische Kultur Matrifokalität und kein Patriarchat!

Dies bedeutet nicht, dass hier eine gewalttätige matrifokale Kultur gefunden wurde. Die Bandkeramik war an ihrem Ende patriarchalem Druck von außen ausgesetzt. Dies dokumentiert das Massaker.

Literaturnachweis:

Jeske, Christine (red.): Was Knochen erzählen und was nicht. In: MAIN-POST GESCHICHTE vom 09. März 2013. Von

Price, T. Douglas; Wahl, Joachim; Bentley, R. Alexander: Isotopic Evidence for Mobility
and Group Organization Among Neolithic Farmers At Talheim, Germany, 5000 BC. In: European Journal of Archaeology. August 2006 vol. 9 no. 2-3 259-284

Schulz, Matthias: Multikulti in der Steinzeit. In: Der Spiegel Nr. 6, 31.1.2015, S.118-119

Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012

 

 

 

Patrilokalität in der LBK verzweifelt gesucht – Neuer Anlauf nach dem Talheim-Desaster

Bereits vor Jahren wurde erfolglos versucht, mit den naturwissenschaftlichen Untersuchungen am sog. Massaker von Talheim der späten LBK uns glauben zu machen, Patrilokalität sei für die erste Ackerbaukultur in Mitteleuropa, die Linienbandkeramik (LBK), bewiesen. In meinem Buch „Archäologie und Macht“, erschienen Anfang 2012, veröffentlichte ich die fundamentale Kritik an der Talheimforschung. Vor kurzem informierte mich eine aufmerksame Leserin, dass Anfang des gleichen Jahres eine neue Studie veröffentlicht wurde, die erneut vorgibt, Patrilokalität für die LBK bewiesen zu haben.

Die Skelettreste von über 300 Individuen der LBK-Zeit aus verschiedenen Gräberfeldern von West- bis Osteuropa und aus verschiedenen Jahrhunderten (5450-5100 v.u.Z.) wurden dazu auf ihre Strontium-Isotopen untersucht. Strontium-Isotopen lassen eine Aussage darüber zu, wo ein Mensch seine Kindheit verbrachte.
Der ORF berichtete über diese Studie in einem Artikel mit der Überschrift „Die Ungleichheit ist älter als gedacht“: „Als die Landwirtschaft vor rund 7.500 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen ist, haben sich schnell soziale Unterschiede entwickelt. Die sesshaften Bauern vererbten Grund und Boden an ihre Söhne. Wer keinen begüterten Vater hatte, musste wandern und sich eine Siedlung suchen.“ Die alte These, die LBK sei von ihrem Wesen her patriarchalisch, wird also wieder aufgekocht. Das Ergebnis der Studie wird allerdings am Ende des Artikels relativiert, lässt sich die Patrilokalität doch nach wie vor nicht für die gesamte LBK feststellen. Es ist zu hoffen, dass die LeserInnen bis dorthin gelesen haben: „Man müsste Skelettserien aus der ganz frühen Phase der Linearbandkeramischen Kultur mit Skeletten aus der ganz späten Periode vergleichen.“ antwortet eine der AutorInnen der Studie, die österreichische Prähistorikerin Maria TESCHLER-NICOLA, auf die Frage, „wie und wann genau es zu einer stark hierarchisch geprägten Gesellschaft gekommen ist“, wie wir sie in der Bronzezeit vorfinden.
Die Ergebnisse der Originalstudie bestätigen natürlich die Ausgangsthese der Forscher. Die Strontium-Isotopen sind bei den Frauen variabler als bei den Männern, und weniger variabel bei denjenigen Männern, die mit einer Axt aus Stein begraben wurden. Daraus wird nicht nur auf Patrilokalität geschlossen, sondern auch, dass Männer, die mit einer Axt bestattet wurden, einst die besten Lößböden besetzt hatten.
Einer der Autoren dieser Studie, R. Alexander BENTLEY, vertritt, wie ich in „Archäologie und Macht“ schon erläutert habe, die These, dass in der LBK bereits Almwirtschaft betrieben wurde. Auch dies wird in der neuen Studie nochmals aufgegriffen. Die Männer von außerhalb könnten, so BENTLEY, auch Hirten gewesen sein, die ja keine Äxte benötigen. Dass auch Frauen auf Almen tätig sind, weiß er offenbar nicht. Die These gefällt ihm vor allem deshalb, weil Hirtengesellschaften stets patriarchal organisiert sind und er damit seine Überlegung verwerfen kann, dass die Ergebnisse auch einfach nur den Umstand reflektieren könnten, dass die Männer mit den Äxten zu den Gruppen gehören, die zuerst die Lößböden besetzten, sie also lediglich die bandkeramische Migration reflektieren.

Die Ergebnisse lassen, so die Forscher, auch einen anderen Schluss zu, nämlich, dass die Männer, die ohne Äxte bestattet wurden, zu ihren Ehefrauen zogen, und diese Frauen von den Axt-Männern von den besten Böden verdrängt wurden. Diese Interpretation lassen die Forscher aber nicht gelten, da solche Erklärungen weder archäologisch noch genetisch gestützt seien. Sie tun nicht nur so, als gäbe es die archäologischen Befunde von Marija GIMBUTAS nicht, sondern sie haben die Chuzpe, ausgerechnet die Forschungsergebnisse von Sarah Blaffer HRDY „Mütter und andere“ (2010) für ihre These zu vereinnahmen. HRDY sagt, und dass wird von ihnen offenbar anerkannt (!), dass wir Menschen im Schutz matrifokaler Gruppen der Altsteinzeit erst zu dem sozialen und kreativen Wesen wurden, das wir heute sind. So ärgerlich dies für alle Seiten ist, es wird damit indirekt bestätigt, dass matrifokale Gruppen vom aufkommenden Patriarchat gewaltsam verdrängt wurden. Allein der Zeitpunkt ist noch strittig.

Die Forschergruppe versucht, anhand von insgesamt sieben Gräberfeldern die vermeintliche Patrilokalität der LBK nachzuweisen. Besagte Leserin lieferte mir dankenswerterweise dazu einen wertvollen Hinweis: „Wie Peter-Röcher jedoch zeigen konnte, handelt es sich bei den bandkeramischen Gräberfeldern lediglich um einen bestimmten Ausschnitt aus einer ganzen Anzahl von praktizierten Bestattungssitten, die nur wegen ihrer Ähnlichkeit mit den heutigen Verhältnissen in der Literatur unverhältnismäßig große Beachtung fanden. Die im Vergleich zu den Siedlungsfunden geringe Zahl der Gräberfelder, zugleich die Vielzahl der intramuralen Bestattungen gerade von Frauen und Kindern ist dabei ebensowenig berücksichtigt worden wie die Funde einzelner Knochenfragmente, die ebenfalls für Sekundärbestattungen sprechen“, stellt Ina WUNN in ihrer Dissertation aus dem Jahre 1999 fest. Die Leserin schreibt mir: „Wenn jetzt nur Friedhöfe untersucht werden, wird logischerweise ein systematischer Bias produziert, da ja diejenigen eng miteinander verwandten und in besonderem Maße mit dem jeweiligen Dorf verbundenen Frauen nicht erfasst werden können. Allein deswegen dürfte der Aussagewert der Studie eher als gering einzustufen sein.
Recht hat sie, es handelt sich bei den Skeletten der Studie keineswegs um einen repräsentativen Querschnitt aus der LBK, sondern um schon von den LBK-Leuten selbst vorsortierten Individuen. Auch die Auswahl der Gräberfelder selbst könnte mehr oder weniger bewusst ergebnisorientiert getroffen worden sein. Dieses fundamentale Problem bleibt nicht das einzige…

Natürlich hat es mich interessiert, die Studie genauer unter die Lupe zu nehmen – so wie ich es schon mit den Talheim-Studien getan habe – und tatsächlich bin ich fündig geworden.
Auf den ersten Blick ist nicht sichtbar, wie viele Männer und Frauen in jedem Ort untersucht wurden, ein ausgewogenes Verhältnis wäre wünschenswert. Warum müssen wir erst mühsam anhand des online zur Verfügung gestellten Materials selbst nachzählen? Das Dataset S1 ist nicht chronologisch aufgelistet, wie es sinnvoll wäre, sondern alphabetisch, so dass ich erst einmal in dieser Beziehung aufgeräumt habe. Die folgende, so aus dem Material generierte Tabelle zeigt auf, dass die in Dataset S1 vermerkten Individuen-Anzahlen (n-DS1, Spalte links) in Teilen nicht mit den Zahlen im Text der Studie (n-angeb, Spalte links) übereinstimmen.

Gräberfeld
(Jahr v.u.Z.)
Männer

Männer
(unsicher)

Frauen

Frauen
(unsicher)

Kinder Unbestimmt
Vedrovice (5450)
n-DS1=78
(n-angeb=64)

19

7

30

2

18

2

9A

1AA

1A

2A

1AA

Aiterhofen (5300)
n-DS1=63
(n-angeb=64)

26

9

20

4

2

2

11A

2A

2A

2A

1A

Ensisheim (5200)
n-DS1=34
(n-angeb=34)

15

10

2

6

1

6A

2AA

Souffelweyersheim (5200)
n-DS1=18
(n-angeb=18)

6

3

3

6

2A

1A

Kleinhadersdorf (5200)
n-DS1=33
(n-angeb=34)

11

9

8

5

6A

1A

Schwetzingen (5100)
n-DS1=101
(n-angeb=103)

34

7

48

1

11

12A

2A

Nitra (5100)
n-DS1=62
(n-angeb=62)

11

6

21

4

20

7A

1A

2A

Summen Individ.

122

32

141

12

55

27

154

153

55

27

n-DS1=389
(n-angeb=379)

307

82

Summen Äxte

53A

6AA

3A

3A

3A

5A

3A

1AA

LEGENDE:
n-DS1 = Anzahl nach Tabelle Dataset S1
n-angeb = angebliche Anzahl nach Studien-TEXT
A = 1 Axt pro Bestattung
AA = 2 Äxte pro Bestattung
Rot = nicht übereinstimmend
Grün = bemerkenswert

Die Studie wurde offenbar wieder einmal schlampig verfasst. Oder gibt es einen anderen Grund für die Diskrepanzen? Wir wissen es nicht, aber so wird es uns erschwert, die Studie nachzuvollziehen. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit sämtlicher Zahlen ist damit auf jeden Fall beschädigt. Schon bei den Talheimer Befunden wurde nachweislich eine Frau zum Mann gemacht und ein Mann hinzuerfunden, ob dies hier auch der Fall ist, lässt sich nicht ohne Weiteres erkennen.

Das Geschlechterverhältnis ist bei jeden Ort unausgewogen. Vielleicht glauben die Macher der Studie, auf diese Weise das Ergebnis für die weiblichen Individuen überzeugender, repräsentativer zu gestalten. Nach welchem Kriterium aber die Männer ausgewählt wurden, außer dem der Untersuchbarkeit natürlich, ist unbekannt.
Interessant ist, dass im Text der Studie explizit nicht mitgeteilt wurde, dass auch Frauen und Kinder mit Äxten bestattet wurden. Dies erweckt beim Leser natürlich den Eindruck, als handele es sich bei den Äxten um Herrschaftssymbole.

Wie immer bei Untersuchungen an sehr alten Knochen gibt es auch hier eine Fehlerquote. Wir können uns nach den strengen Regeln der Anthropologie nur mit 75-95%iger Sicherheit darauf verlassen, dass die Geschlechter der als sicher geltenden Befunde wahrheitsgemäß bestimmt wurden. Es fehlen zudem jegliche Nachweise von Verwandtschaftsverhältnissen. Sogar die Methode der Strontium-Isotopen-Bestimmung ist keine fehlerfreie Methode. Für die Zuverlässigkeit des Messergebnisses ist entscheidend, dass das untersuchte Individuum nicht regelmäßig ortsfremde Nahrung zu sich genommen hat  (siehe dazu A.u.M., S.165 FN 31).

Wie dem auch sei, zwei von sieben untersuchten Gräberfeldern, nämlich Aiterhofen und Ensisheim, die nicht zu den jüngsten Gräberfeldern zählen, zeigen nach Aussage der Forscher eine signifikante Abweichung von ihrer Patriarchatsthese, was sie jedoch nicht weiter kümmert. Meine Leserin fasst ihre Beobachtungen treffend zusammen: „Nur ganz wenige Frauen sind für die statistisch signifikante Abweichung verantwortlich. Das ist nicht das Muster, dass ich bei patrilokalen Heiratsregeln erwarten würde.

Selbst wenn die Fehlerfaktoren Technik, Alter und Mensch ausgeschlossen werden können, bestätigt die Studie letztlich nur das, was die Patriarchatsforschung schon länger weiß, nämlich dass mit dem Patriarchat der Untergang der Bandkeramik eingeleitet wurde. Wenn auch gerade die ältesten Befunde der Studie aus Vedrovice 5450 v.u.Z. angeblich besonders signifikant sind, spricht das nicht dagegen. Vedrovice liegt im Osten des LBK-Gebietes, von wo sich die Kultur verbreitet hat, nachdem sie voll ausgebildet war, hat also ihrerseits schon eine längere Entwicklung hinter sich. Der Befund könnte ein Licht auf die schnelle Ausbreitung der LBK nach Westen werfen, die der herrschenden Lehre immer noch unerklärlich erscheint. Ich vertrete in „Archäologie und Macht“ die Ansicht, dass die schnelle Ausbreitung der LBK auch von den Mesolithikern mitgetragen wurde, die ebenfalls matrifokal, aber nicht sesshaft lebten, und sich den LBK-Leuten anschlossen. Ich möchte nicht ausschließen, dass der Grund, dass sich die LBK-Leute überhaupt auf den Weg machten, darin lag, dass sie sich der Patriarchalisierung entziehen wollten. Aber aufgrund der unsauber gemachten Studie lassen sich keine sicheren Aussagen diesbezüglich treffen.

Zu guter Letzt ist anzumerken, dass auch in matrilokalen Gruppen die Männer an ihrem Geburtsort leben und ihr Heim nur verlassen, wenn sie eine geliebte Frau besuchen. Der Befund sagt aus, dass die einheimischen Männer typischerweise Äxte ins Grab bekamen und die nicht einheimischen Männer nicht, doch auch davon gibt es Ausnahmen. Die ortsfremden Männer waren offenbar nicht der Sippe zugehörig und waren vielleicht exogame Liebhaber, was die hohe Zahl der ortfremden Männer erklären kann. Das könnte wiederum bedeuten, dass „exogam tätige“ Männer eher nicht an der täglichen Arbeit in der Sippe ihrer Liebhaberin teilnahmen und ohne Werkzeug (bzw. Waffe) das fremde Sippengebiet betreten mussten. Es bestand dabei offenbar eine fifty-fifty-Chance am Wohnort der Geliebten zu sterben. Weiter könnten unter den untersuchten Skeletten viele Mesolithiker sein, was die fremden Strontium-Isotopen leicht erklären würde. In irgendeiner Weise müsste sich auch in den Gräberfeldern niederschlagen, dass schon zur Zeit der LBK fahrende Händlerinnen und Händler sich weit von ihrer Heimat entfernten und nicht zurückkehrten. Dass die ortsfremden Frauen zum Zwecke der patriarchalen Ehe an den Ort gezogen sind, ist nicht beweisbar. Nachdem matrifokalen Modell bandkeramischer Ausbreitung, wie ich es in „Archäologie und Macht“ beschrieben habe, waren Frauen mit ihren Sippen unterwegs auf der Suche nach neuen Siedlungsplätzen.

Die Studie beweist weder Patrilokalität, noch, dass die Felder den Männern gehörten, noch dass die Auswärtigen unterdrückt wurden. Letztlich wissen wir nicht, welche kostbaren Gegenstände aus den Gräbern längst verrottet sind, z.B. Stoffe oder hölzerne Objekte, die mindestens genauso wertvoll erachtet worden sein können wie die Äxte. Von einer stark hierarchischen Gesellschaft kann also keine Rede sein, und es ist auffällig, dass sich die Forscher nicht wundern, dass sich in den Bauwerken keine Hierarchie bemerkbar macht, dies auch noch lange nach der LBK, wie in „Archäologie und Macht“ erläutert.

Literatur:

Bentley, R. Alexander; Bickle, Penny; Fibigerc, Linda; Nowell, Geoff M.; Dale, Christopher W.; Hedges, Robert E. M.; Hamilton, Julie; Wahl, Joachim; Francken, Michael; Grupe, Gisela; Lenneish, Eva; Teschler-Nicola, Maria; Arbogast, Rose-Marie; Hofmann, Daniela; Whittle, Alasdair: Community differentiation and kinship among Europe’s first farmers. In: PNAS 12.06.2012. Vol. 109 No. 24, S. 9326–9330 http://www.pnas.org/content/109/24/9326.full

Peter-Röcher, Heidi: Kannibalismus in der prähistorischen Forschung. Berlin/Bonn 1994 (dort bes. S. 103)

Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012 http://www.amazon.de/dp/3844814205

Wieselberg, Lukas: Die Ungleichheit ist älter als gedacht. Online-Dokument vom 29.05.2012. http://science.orf.at/stories/1699108/

Wunn, Ina: Götter, Mütter, Ahnenkult. Neolithische Religionen in Anatolien, Griechenland und Deutschland. Dissertation an der Gemeinsamen Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover. 1999 (dort bes. S. 228)
http://d-nb.info/958530386/34