Archiv der Kategorie: Frau

Neues zur female choice, dem Sargnagel des Patriarchats

NEUERSCHEINUNG in diesem Jahr:

Gerade veröffentlichte der Ornithologe Richard O. Prum mit seinem Buch „The Evolution of Beauty: How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us“ (dt. Die Evolution der Schönheit: Wie Darwins vergessene Theorie der Partnerwahl die Tierwelt – und uns – formt) eine Untersuchung an Entenvögeln, mit der er den Beweis anführt, dass die female choice auch da arbeitet, wo wir sie nicht vermuten würden, während einer Vergewaltigung, wie sie manchmal bei Enten wahrgenommen wird. Damit wird noch deutlicher, dass die female choice nicht nur bewusst bzw. teilbewusst, sondern auch unbewusst abläuft und von selektierten anatomischen Gegebenheiten geschützt wird.
In einem Interview mit der Zeitschrift „National Geographic“ erläutert er die Beobachtungen seines Teams.
Schon der Titel des Buches verrät, dass der Autor die female choice auch für uns Menschen als evolutionäre Größe ansieht, die durchaus gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Das Buch liegt leider noch nicht in dt. Sprache vor.

Bildquelle: PenguinRandomHouse

Zur Vorgeschichte:

Die Entdeckung der female choice wurde von Charles Darwin 1874  in seinem Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ (engl. The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex) vorgestellt. Das Missfallen darüber war groß, galt es doch nur dann als schicklich, wenn der Mann wählt und die Frau sich erwählen lässt.
Fortan verschwand diese wichtige Entdeckung in der Versenkung.

Als die Anthropologin Meredith M. Small 1995 ihr Buch „Female Choices. Sexual Behavior of Female Primates (dt. Weibliche Auswahlen. Das sexuelle Verhalten der weiblichen Primaten) herausgab, in dem sie die female choice der Primaten beleuchtete, blieb die Begeisterung ebenfalls aus. Dabei liefert das Buch nichts weniger das entscheidende Argument gegen die Existenz eines natürlichen Patriarchats. Zuvor hatte sich der Feminismus ins Aus geschossen mit der Vorgabe, dass jede Betrachtung der Biologie der Frau als Biologismus abzulehnen sei.

Im Jahre 2009 brachte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy ihr Buch „Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat, (engl. Mothers and Others. The Evolutionary Origins of Mutual Understanding) heraus, worin sie die Erkenntnisse Smalls mit der Großmutter-These von Kristen Hawkes verknüpfte und damit nachwies, dass die artgemäße Lebensweise der Menschen matrifokal ist.

Der Patriarchatsforscher Gerhard Bott nahm ebenfalls 2009 auf Meredith M. Small Bezug und machte die Unterdrückung der female choice der Menschenfrau in seinem Buch „Die Erfindung der Götter“ zum Ausgangspunkt seiner Entstehungsgeschichte des Patriarchats.

2015 beschrieb ich in meinem Essay „female choice – unser Menschenrecht“ unter Berücksichtigung aller Erkenntnisse die Wirkungen der female choice und die Bedeutung dieses grundlegendsten aller Menschenrechte für die Überwindung des Patriarchats.

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Der ‚Vater‘ braucht das Kind!

Matrifokale Gegenwart

Unsere „Urnatur“ kommt immer dann zum Vorschein, wenn die Repression der patriarchalen ideologischen und konkret gewaltsamen Zwangsverordnungen an Wucht und Bedeutung in der Gesellschaft verliert.
„… erkennen wir unsere wahre Natur. In unserer etwas freieren westlichen Welt kommt sie langsam wieder an die Oberfläche.“ schreibt Gabriele Uhlmann. Danke, liebe Gabriele, dass du auf diese entscheidenden Punkt hingewiesen hast.
Die Female Choice hatte sich, wie du schon nachgewiesen hast, ohnehin nie völlig unterdrücken lassen, was die Patriarchose einerseits unterlief, andererseits unendlichen vielen Frauen (und auch Kindern) das Leben kostete und heute immer noch als die Sünde schlechthin wider des Vatersystems gewertet wird. Das hat sich seit seinem Beginn bis heute zu der allgemeinen Androzentriertheit ausgewachsen, die sich immer noch in der Gesetzgebung, der Denkungsart des Mainstreams und den kulturellen Dogmen und Tabus der anonymen Großgesellschaft niederschlägt. Dazu gehört auch die sich hartnäckig haltende Behauptung „ein Kind braucht seinen Vater“.

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Nazikeule Mutterkult – Wie mit Halbwissen Mütter mundtot gemacht werden und was dagegen hilft

Eine Mutter muss sich heute entschuldigen, wenn sie ihrem Kind oberste Priorität einräumt. Es wird erwartet, dass sie möglichst vollzeitig berufstätig ist, sich selbst versorgt und dem Kind lediglich sog. „Quality time“ widmet. „Kinder brauchen ihre Mutter“, das ist ein Satz, für den sich jede schämen muss, sie bekommt aus allen Lagern Gegenwind, von Feministinnen, Maskulisten und von der Politik. „Kinder brauchen ihren Vater“ ist dagegen ein Satz, der allgemeine Anerkennung findet, wieder von Feministinnen, Maskulisten und von der Politik. Möglich ist das, weil die 8000 Jahre alte Vater-Ideologie im Patriarchat Konsens ist.
Besonders bizarr wird es, wenn sich ausgerechnet ein Kirchenfürst einmischt und für Mütter Partei ergreift. Der wegen diverser Vergehen aus dem Amt geschiedene Bischof Mixa sagte sinngemäß:

Wer mit staatlicher Förderung Mütter dazu verleitet, ihre Kinder bereits kurz nach der Geburt in staatliche Obhut zu geben, degradiert die Frau zur Gebärmaschine.

Der Satz, der für sich gesehen, aus patriarchatskritischer Sicht völlig richtig ist, wird im Munde eines Priesters zur unerträglichen Heuchelei, die wieder gegen Mütter ausgeschlachtet werden kann. Er spielt die Rolle des Anwalts des Teufels.  Es waren ja Tempel und Kirche selbst, die den Vater zum Schöpfer erhoben und seitdem Mutter Natur als Nährboden seines Samen hinstellen, und das nicht einmal nur im Alten Testament. So lesen wir in Matthäus 13:38 als Jesus-Wort:

„der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen;“ (Quelle: Bibleserver.com)

Dieses Denken liegt dem väterlichen Besitzdenken zugrunde, das bis heute in den Gesetzen seinen ungesagten Niederschlag findet und das besonders in den Staaten, die das Haager Kindesentführungsübereinkommen nicht unterzeichnet haben, offen ausgesprochen und gelebt wird. Eine Reform im Gesetz bedeutet aber nicht automatisch, dass sich die Mentalität in der Bevölkerung geändert hat. Tatsächlich haben wir einen ausgeprägten Vaterkult, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, im Namen aller Götter. Es ist die Religion, die den Vater heiligt, und damit dem Patriarchat die ideologische Basis verpasst.
Wir wissen es längst besser: Sperma beinhaltet keine kleinen Menschen, es ist lediglich menschlicher Pollen und kein Same. Weder Kind noch Frau gehören dem Mann. Kinder sind Fleisch und Blut ihrer Mutter. Sie geben ihren Kindern von Natur aus mehr als Väter und sie geben mehr als ihren Körper. Von Natur aus sind sie entsprechend ausgestattet. Allerdings hat das Patriarchat alles dafür getan, dass Mütter sich heute kaum noch darüber bewusst sind und leider sind viele Mütter von den patriarchalen Verhältnissen so traumatisiert oder verblendet, dass sie einen ungünstigen Einfluss auf ihre Kinder ausüben können.

Als wichtigste Bindungsperson bleibt die Mutter die erste Anlaufstelle für ihre Kinder. Das ist keine Frage der Besitzverhältnisse, sondern eine evolutionäre Notwendigkeit, die das Leben auf und von der Erde sicherstellt. Die Sehnsucht nach der Mutter ist Kindern angeboren. Jeder noch so gut meinende Vater kennt diese schon magisch anmutende Verbindung, die meist auch dann besteht, wenn die Mutter das Kind vernachlässigt, und die vor allem Vaterrechtlern ein Dorn im Auge ist. Sie unterstellen Müttern Besitzdenken oder Manipulation des Kindes und projizieren doch nur selbst das patriarchale Besitzdenken auf sie.
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Warum man sich von Gott kein Bild machen soll.

„Mythos Frau. Und ewig lockt das Weib! Plastiken der Altsteinzeit in Hamburg“, so lautete die Schlagzeile auf dem Cover der renommierten Zeitschrift Archäologie in Deutschland (1/2017). Dieser Sexismus soll die offenbar männliche Mehrheit der Leserschaft ansprechen.  Ich bin aber eine Frau und äußerst kritische Leserin dieses Blattes. Mann stelle sich das in männlicher Form vor: „Mythos Mann. Und ewig lässt sich der Mann locken.“ Oder so ähnlich, dies vielleicht geschmückt von einem fast unbekleideten Christus am Kreuze als Ankündigung für eine Ausstellung über die Gegenwartskultur. Dann wird klar, wie unsinnig, ja unseriös eine solche Schlagzeile ist. Die unbekleideten Frauenstatuetten, die in der Hamburger Ausstellung gezeigt werden, haben es allerdings nicht aufs Titelblatt geschafft.

Die Ankündigung der aktuellen Hamburger Ausstellung „Eiszeiten“ folgt einem wohlbekannten Muster. Im Heft lautet die Überschrift dann doch etwas weniger reißerisch: „Mythos Frau – altsteinzeitliche Plastiken in Russland“. So ist auch der Artikel recht neutral gehalten und beschreibt, was dort zu sehen ist. Erst der letzte Absatz rückt mit der Botschaft heraus und beginnt mit einem Denkverbot. „Über den Zweck der in ganz Europa verbreiteten Figuren kann nur spekuliert werden. (…) Es springt ins Auge, die sogenannten Venusfigurinen als Ausdruck der weiblichen Sexualität und Fruchtbarkeit aufzufassen. Die meisten Versuche, diese eiszeitlichen Kunstwerke zu erklären, bewegen sich in der gegenwärtigen Diskussion von ‚Pin-up-Girl’ bis Fruchtbarkeitsgöttin.“ (Merkel et al. S. 63)

Wir bekommen eine Warnung mit auf den Weg nach Hamburg: Versucht es gar nicht erst, wir werden Euch mit unserem Schlusssatz zum Schweigen bringen!

Bleiben da noch die anderen Versuche, also die, die nicht zu den „meisten“ zählen, es handelt sich genaugenommen um EINEN Versuch. Dass er nicht mit aufgezählt wird, beweist die alte Ignoranz der Herrschenden Lehre gegenüber der Patriarchatsforschung. Letztere deutet die „Plastiken“ nämlich als Darstellung der Urmutter. Schön, dass der Artikel auf die fehlenden Gesichter aufmerksam macht (es wird aber nicht versäumt, die extrem seltenen Ausnahmen herauszukehren). Die Urmutter ist die eine gesichtslose Ahnin, auf die sich alle Menschen mit ihrer altsteinzeitlichen Spiritualität zurückführten. Sie wäre im christlichen Jargon die Schöpferin allen Lebens. Daher wurden die Urmutter-Statuetten, wie der Artikel richtig erwähnt, an besonderen Plätzen aufgestellt, z.B. in Kulthöhlen.

Urmutter-Statuetten
Urmutter-Statuetten: Hohle Fels (Schwäbische Alb), 35 – 40.000 Jahre; Lespugue (Frankreich), 25.000 Jahre; Willendorf (Österreich), 23.000 Jahre; Grimaldi (Italien), 21.000 Jahre;
Gagarino (Russland), 18.000 Jahre. Collage: Gabriele Uhlmann

Die Urmutter ist das große Geheimnis, das die Herrschende Lehre aus den „Plastiken“ macht. Bei ihr handelt es sich aus christlicher Sicht um Blasphemie, auch aus Sicht aller anderen monotheistischen Weltreligionen, die einen Urvater an den Anfang stellen. Was sich hinter der altsteinzeitlichen künstlerischen Äußerung der Spiritualität verbirgt, könnte jeden Wissenschaftler in Schwierigkeiten und um seine Karriere bringen. Auch dieser Artikel wirkt wie ein Glaubensbekenntnis: Die Urmutter gibt es nicht, nur der Urvater wird anerkannt (Bott 2009). Die Frau ist ein Mythos, der Mann ist echt. Was nicht sein darf, wird in den Bereich purer, nicht ernstzunehmender Spekulation verbannt.
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Als wir noch kein Erbrecht brauchten. Erben in der Jungsteinzeit.


Neo ancien Echilleuses
Modell eines jungsteinzeitlichen Langhauses (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Die erste jungsteinzeitliche Kultur Mitteleuropas war die Bandkeramik, auch Linearbandkeramik oder kurz Bandkeramik genannt. Vor etwa 7500 Jahren wanderten Menschen dieser Kultur, die sich aus der Starčevo-Kultur im südöstlichen Donauraum entwickelt hatte, nach Mitteleuropa ein und brachten die Landwirtschaft mit. Für die Patriarchatsforschung ist diese Epoche interessant, weil sich in der Bandkeramik der Umbruch hin zum Patriarchat vollzogen hatte. Oberflächlich ablesbar ist das am Aufkommen von Gewalt wie bei den Massakern von Asparn Schletz (Österreich), Schöneck-Kilianstädten bei Frankfurt und Talheim am Neckar. In der Kreisgrabenanlage von Herxheim in der Pfalz wurde, völlig untypisch für die ältere und älteste Bandkeramik, Kannibalismus festgestellt. Auch wurden erste befestige Siedlungen gebaut, was ein erhöhtes Schutzbedürfnis anzeigt. Schließlich beweist der Untergang der Bandkeramik, dass etwas passiert war, das es den Menschen unmöglich machte zu überleben.
Überleben ist das, was die Evolution antreibt. Alle Lebewesen leben so, dass sie unter den Bedingungen, an die sich ihre Vorfahren erfolgreich angepasst hatten, überleben können, das nennt man auch „artgerecht leben“. Basis der Evolution des größten Teils aller Lebewesen ist die sexuelle Selektion, identisch mit der female choice, also der weiblichen, freien Wahl der Sexualpartner. Die artgerechte Lebensweise von Homo sapiens ist die Matrifokalität. Matrifokalität bedeutet ein Leben in der mütterlichen Sippe, in Matrilokalität, und unter Wahrung der rein weiblichen Linie, der Matrilinearität. Dem urgeschichtlichen Menschen war die Vaterschaft, die Patrilinearität und die Patrilokalität unbekannt. Daher hatten Väter keine Macht, und Männer als Onkel, Cousins oder Brüder waren die männlichen Identitätsfiguren für männliche Kinder. Die Matrifokalität wird mit den aktuellen naturwissenschaftlichen Methoden seit einigen Jahren überall an den jungsteinzeitlichen Skelettresten nachgewiesen. Insbesondere auch für die Bandkeramik liegen seit kurzem entsprechende Ergebnisse vor. „Die Starčevo-Farmer sind die Ahnen der Bandkeramiker. Diese wiederum breiteten sich als eine Bewegung von Tanten, Onkeln und Schwestern aus“, sagte Prof. Dr. Kurt Alt, Leiter der Arbeitsgruppe Paläogenetik an der Uni Mainz dem SPIEGEL. Schon seit vielen Jahren weiß das auch die Patriarchatsforschung, allerdings hat sie sich der Fragestellung kulturwissenschaftlich genähert. Es braucht also nicht immer naturwissenschaftliche Beweise, sie können aber bestätigend wirken, und müssen es leider auch, da kulturwissenschaftliche Ergebnisse von Thesengegnern als pure Interpretation angezweifelt werden können. Eingefleischte Patriarchatsideologen haben sich in der Vergangenheit dieser Rhetorik bedient. Sie hatten die Einbindung der Bandkeramik in den großen Kontext der jungsteinzeitlichen Kulturen, in denen ausnahmslos eine Muttergöttin – aber keinerlei eindeutige Anzeichen einer männlichen Dominanz – nachgewiesen wird, geleugnet. Auch den nahtlosen Anschluss an die Urmutterverehrung, die ebenso ausnahmslos für alle Fundplätze der Altsteinzeit beobachtet wird, wurde einfach ignoriert oder geleugnet.
Über die Kleinfunde von Statuetten und weiblich gestalteten Gefäßen, sowie über die Bestattungsweise hinaus sind die Häuser der Bandkeramik ein wichtiges Indiz. Die Bauweise der Häuser, es sind bis zu 71 m lange sog. Langhäuser, entspricht den Langhäusern, wie sie noch heute von den letzten matrifokalen Kulturen gebaut werden. Das Langhaus besitzt keine Zimmer, es ist lediglich in Zonen eingeteilt, die sich aus der Lage des Hauses in Bezug auf die Himmelsrichtungen ergeben. Es besitzt eine Feuerstelle und nach der Sonne orientierte Öffnungen. Im Langhaus findet eine ganze Sippe aus bis zu 80 Personen Platz. Das besondere an diesen Häusern ist die lange Lebensdauer von über 75 Jahren. Sie wurden immer wieder repariert und bei ihrem Ende lediglich um ein paar Meter versetzt am gleichen Platz neu errichtet. In der Archäologie ist das an den Pfostenlöchern gut ablesbar. Das lässt nur einen Schluss zu: das Langhaus wurde von einer Generation an die nächste weitergegeben.

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Langhaus der Ê Đê des Zentralen Hochlandes von Vietnam im Ethnologischem Museum in Hanoi (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Der Archäologe Hans-Christoph Strien schrieb 2010 seine Überlegungen zum Erbrecht in der Bandkeramik auf. Zum damaligen Zeitpunkt galt als bewiesen, dass die Bandkeramiker patrilinear lebten. Am Massaker von Talheim glaubte man nachgewiesen zu haben, dass die Frauen Talheims nicht nur geraubt wurden, sondern, dass sie patrilokal gelebt, also nach Talheim eingeheiratet hatten. Also wurde ein Bild gezeichnet, wonach Familien in den Langhäusern wohnten, denen ein Mann vorstand, eine bäuerliche erweiterte Kleinfamilie, wie sie noch im 19. Jh. üblich war, also Vater, Mutter, Kinder, die Großeltern der väterlichen Linie und vielleicht noch die jüngeren Geschwister des Vaters, die als Knechte und Mädge hätten arbeiten müssen. Dementsprechend wurden dem Langhaus schon vom Altvater der Bandkeramik-Forschung Jens Lüning 6 Personen zugeordnet.

Was dazu aber nicht passt, ist die Größe der Langhäuser in Kombination mit ihrer Langlebigkeit und der geringen Lebenserwartung der jungsteinzeitlichen Bevölkerung. Zudem sprechen die ethnologischen Befunde dagegen. Strien stellte also Überlegungen an, wie die Befunde dennoch an die These vom bandkeramischen Patriarchat angepasst werden können.
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Zum Artikel „Frieden stiftende Ahnen“ von Marion Benz im Spektrum der Wissenschaft, Heft März 2016

(Leserbrief)

Ich beziehe mich insbesondere auf folgenden Absatz von Seite 60: „Fast alle untersuchten Personen wuchsen in Basta und der nächsten Umgebung auf. Hans Georg K. Gebel ist davon überzeugt, dass großfamiliäre Strukturen die Kommunen in der Anfangsphase sozial und wirtschaftlich stabilisieren konnten, was sich auch im Schädelkult, in der Verehrung gemeinsamer Ahnen ausdrückte. „Wenn viele Mitglieder der Gemeinschaft miteinander verwandt sind, reduziert das Konfliktpotenziale. Außerdem steht man füreinander eher ein, als um Ressourcen zu konkurrieren“, meint Gebel. Allerdings folgten nicht alle Megasites diesem Muster. In Kfar HaHoresh (…), das vermutlich der Bestattungsplatz eines solchen Großdorfs war, heirateten etliche Frauen wohl Männer von außerhalb der Siedlung. Isolierte Schädelbestattungen fanden sich jedoch auch dort. Es gab folglich Konventionen, die jeder kannte und die das sesshafte Leben in Ballungsräumen regelten.

Die These von den friedenstiftenden Ahnen mag reizvoll sein. Doch schauen wir uns rezente Kulturen an, in den Ahnen verehrt werden, fällt auf, dass Ahnenverehrung kein Garant für Frieden ist. Manche dieser Kulturen sind sogar ausgesprochen kriegerisch. Das friedliche Zusammenleben wurde offensichtlich von einem anderen Faktor bestimmt und von einem katastrophalen Ereignis beendet. Die Wissenschaftler sollten sich lieber fragen, was davor anders war und was dann passiert ist. Es fällt doch nun wirklich ins Auge, dass die friedlichen Kulturen der Jungsteinzeit ein grundsätzlich anderes Sozialgefüge besaßen, als wir es heute gewöhnt sind. DAS ist die gesuchte „Konvention“. Das Ereignis, das sie änderte, war die Patriarchalisierung. In Kfar HaHoresh haben wir es noch mit einer matrilinearen Kultur zu tun. Wo kein Vater ist, ist keine Patrilinearität und folglich auch kein Patriarchat. Die Frauen hatten Liebhaber in anderen Siedlungen, die sie eben nicht heirateten, wie Frau Benz behauptet, denn dann wären ja die Väter der Kinder in den Gräbern gefunden worden. Es handelt sich demnach auch nicht um Familien, sondern um Sippen, ein soziologischer Begriff, der von der Archäologie konsequent ignoriert wird. Die Bewohner der Siedlung Basta scheinen isoliert gelebt zu haben, dennoch können wir auch hier nicht von Familien sprechen. In matrilinearen Sippen halten sich nur über die Mütter blutsverwandte Personen auf, womit das Konfliktpotenzial nicht nur unter Männern, sondern auch unter den Frauen minimiert ist. Weiterlesen

Zum Artikel „Der Siegeszug des Homo sapiens“ von Curtis W. Marean im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft Juni 2016

(Leserbrief)

Im aktuellen Heft habe ich natürlich zuerst den Artikel von Curtis W. Marean „Der Siegeszug
des Homo sapiens“ gelesen. Und wieder standen mir die Haare zu Berge. Es scheint der
Redaktion einfach der Blick für patriarchatsideologisch kontaminierte Texte zu fehlen. Dabei
ist es eigentlich ganz einfach, denn sobald in Bezug auf die Altsteinzeit Begriffe wie Ehe,
Hochzeit, Familie, Krieg, Fernwaffen, Jagdzauber, Gewalt u.ä. fallen, haben wir es damit zu
tun. Die Patriarchatsforschung, die bedauerlicherweise nicht zum Kreis der vom Spektrum
beachteten Wissenschaften gehört, weiß längst, dass es all das bis vor ca. 8000 Jahren nicht
gegeben hat. Insbesondere Sarah Blaffer Hrdy hat das auf brillante Weise nachgewiesen. Aber auch die Genetik, die Sprachwissenschaften oder die Archäologie bestätigen diesen Befund.
Das Klischee, dass der Mann in der Altsteinzeit die Frau an den Haaren hinter sich her zog
und mit Keulen auf andere Menschen losging, ist genauso veraltet, wie die Vorstellung, dass
der Mensch von Natur aus gewalttätig sei und mit Religion gebändigt werden muss. Auch
Frans de Waal betont das immer wieder. Die Angst vor der Steinzeit als menschen- und
kulturfeindliche Ära ist nicht nur unbegründet, sondern behindert den wissenschaftlichen
Fortschritt, ja schlimmer noch, sie behindert eine wünschenswerte Entwicklung weg vom
Patriarchat. Dabei können wir uns dies kaum noch leisten im Angesicht der weltweiten
Misere, die uns die Lebensweise in Patrilinearität eingebrockt hat.
Und da lese ich nun auf Seite 50, wie wieder Sarah Blaffer Hrdys These missbraucht wird,
diesmal um Mareans These zu stützen. Breit lässt sich der Autor darüber aus, wie hyperprosozial der Mensch doch sei, nur um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass der
Mensch sich schon immer ums Essen geprügelt hätte. Der Affe im Flugzeug muss dafür
herhalten, und ich muss mich wieder fragen, ob der Autor nur den Klappentext ihres Buches
„Mütter und andere“ gelesen hat.
In seiner Logik hält er treu zu der veralteten These, dass Homo Sapiens Sapiens den
Neanderthaler gewaltsam ausgerottet habe, und ignoriert den letzten Stand der Forschung,
nämlich, dass das Neanderthaler-Genom in dem unsrigen regelrecht aufgegangen ist,
zurückzuführen auf ein demographisches Ungleichgewicht. (Schmidt, Maier, Kretschmer: „Ist
da draußen jemand?“ Archäologie in Deutschland, Heft 3, 2016, S. 32 f) Natürlich hat Marean Recht, dass unsere technologischen Errungenschaften „erbarmungslosen Krieg“ ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass der steinzeitliche Moderne Mensch alles
machte, was machbar war, denn sonst gäbe es uns schon lange nicht mehr. Als am sog.
Flaschenhals nur noch wenige Sippen übrig waren, wurde sich nicht um Muschelbänke
gekloppt, sondern andere Sippen waren hochwillkommen, konnte mit ihnen doch der Genpool aufgefrischt werden. Auf gleiche Weise kam es auch zur Vermischung des Neanderthaler-Erbguts mit dem des Homo sapiens sapiens.
Das Patriarchat und der dazugehörige Krieg sowie Umweltzerstörung sind eine Erfindung
nomadischer Viehzüchtergesellschaften in den Steppen und Bergregionen. Da dürfen uns
auch ausgewählte, moderne Jäger und Sammler-Gesellschaften nicht täuschen, denn sie alle
sind durch Kolonisation vom Patriarchat infiziert worden. Sie führen Kriege, auch weil ihre
Welt von der Moderne auf wenige kleine Flecken eingedampft wurde. Die Haszda gehören zu den letzten Völkern, die uns Matrifokalität vorleben und damit nichts vermissen.
Marean ist sich auch nicht zu schade unsere Natur mit der der Vögel zu vergleichen. Vögel
leben in Paaren, wir natürlicherweise aber nicht. Es entsteht bei uns lediglich durch eine
zeitlich begrenzte Paarung ein neuer Mensch, aufgezogen wird er aber in der matrifokalen
Sippe. Der biologische Vater ist damit für den Sozialverband bedeutungslos, und das versucht das Patriarchat durch die Unterdrückung der female choice zu vertuschen. Die Gewalt gegen Frauen, auch der von Marean angeführte Frauenraub, sind nur vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Gesellschaft nachvollziehbar.
Marean passt sicher gut in eine Welt, wie sie sich ein Donald Trump vorstellt. Er scheint
Waffen, die Jagd und den Kampf zu lieben, weniger die Frauen und schon gar keine Kinder.
In seiner Altsteinzeit kommen sie nicht vor. Passenderweise zeigt die Illustration einen
einsamen Mann in heldenhafter Eroberer-Pose, bewaffnet und übermächtig groß. Dies alles,
gepaart mit seinem Bedauern der schädlichen Auswirkungen menschlichen Tuns, führt ihn in eine geistige Endlosschleife aus der es kein Entrinnen gibt.