Bemerkenswert

Antwort auf Meike Stoverocks „Female Choice“



Das Buch „Female Choice – Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“ der Biologin Dr. Meike Stoverock erschien im Februar 2021 und wurde im November 2020 mit diesem Klappentext angekündigt:

„In der Natur müssen Männchen singen, tanzen, kämpfen, bauen, während die Weibchen die Show genießen und anschließend mit dem Sieger abziehen. Die Konkurrenz liegt bei den Männchen. Das Prinzip nennt man Female Choice. Bei den Menschen wurde dieses Prinzip nach der Entdeckung des Ackerbaus ausgehebelt. Es entstand eine Welt, die von Männern für Männer gemacht ist. … Mit einer bestechenden Verbindung aus Biologie, Kulturgeschichte und einem ebenso klaren wie humorvollen Ton beschreibt Meike Stoverock nicht nur, wo die Menschheit vor über 10 000 Jahren falsch abgebogen ist, sondern auch, was sich ändern muss, damit Mann und Frau heute miteinander glücklich werden.“[1]

Schon jetzt zeichnete sich ab, dass ich diese Rezension bzw. Antwort würde schreiben müssen, enthielt dieser erste kurze Text doch schon schwerwiegende Fehler, die durch eine interdisziplinäre Betrachtung, wie sie die Patriarchatsforschung vornimmt, nicht passiert wären: Denn nicht der Ackerbau war Auslöser der Entstehung des Patriarchats, sondern ein Klimawandel, in dessen Folge der Ackerbau und auch einfache Tierhaltung an Bedeutung verloren und durch die Viehzucht verdrängt wurden.
Wie ich bereits vielfach ausgeführt habe, wurden Frauen im Viehzüchternomadentum der Steppen und Bergregionen Eurasiens erstmals ins Patriarchat gezwungen. Erst hier erklärten Männer die Monogamie (Stoverock nennt sie Monogynie, dies aus Sicht der Männer) mit Ehe und Familie zur „normalen“ Lebensweise. Die so versklavten Frauen hatten nun den Männern zu folgen, denn da wo das Vieh war, war auch der Mann und Gebieter über Mensch und Tier. Auf dieser Basis entstand das von der Viehzüchtermentalität durchdrungene Vaterrecht, das die Patrilinearität mit Namens- und Erbrecht festschrieb. Das Patriarchat entstand damit nicht „vor über 10.000 Jahren“, sondern vor ca. 8200 Jahren (Klimaereignis Misox-Schwankung). Bis zu diesem Zeitpunkt war die Sesshaftigkeit schon über 3000 Jahre friedlich verlaufen. Erste Großsiedlungen wie Çatal Höyük entstanden und erreichten schnell ein hohes Zivilisationsniveau. [siehe hierzu auch Nachtrag: neue Studie vom 14.4.2021]

Um zu retten, was noch zu retten war, bevor das Buch veröffentlicht werden sollte, schrieb ich der Autorin auf Twitter eine kurze Privatnachricht mit meinen Anmerkungen und den Links zu meinem Artikel „Female Choice – unser unbekanntes Menschenrecht„, in dem ich auf diese Zusammenhänge schon 2015 eingegangen war, sowie zu meinem Vortrag „Explosion und Expansion„, in dem ich die regionalen Vorgänge detailliert dargestellt habe.
In ihrer Antwort berief sich Stoverock auf ihre Expertise als Biologin und auf nicht näher spezifizierte Literatur, in der sie schwankende Angaben zum Beginn der „Landwirtschaft“, die sie als „Ackerbau und Viehzucht“ definierte, nachgelesen haben will. Die Jahreszahlen seien Details. Minuten später twitterte sie öffentlich: „Jemand mansplaint mir mein Buch aufgrund des Umschlagtextes. Plottwist: es ist eine Frau.

Weiterlesen „Antwort auf Meike Stoverocks „Female Choice““

Female choice – langsam immer bekannter, aber weiter unverstanden

Es erreichten mich in der letzten Zeit diverse Kommentare, teils – wie erwartet – dumme, teils nachdenkliche und auch solche, die zeigen, dass es nicht leicht ist, aus der patriarchalen Perspektive die Female choice als evolutionäres Faktum anzunehmen, und wenn doch, sich in die Konsequenzen aus ihr hineinzudenken. Kardinalfehler ist immer wieder, das monogame Paar als angeblich evolutionsbiologisch verankert einpassen zu wollen. Die Female choice folgt aber einer anderen Logik, die die ideologischen Fundamente des Patriarchats zum Einsturz bringt, auf denen eben die patriarchale Logik aufbaut. Solange noch Teile patriarchaler Logik im Hirn frei flottieren und nach Anschluss suchen, passieren Denkfehler.

Den folgenden Leserbrief möchte ich daher an dieser Stelle besprechen (der Autor möchte hier sicher nicht genannt werden; Schreibfehler unkorrigiert):

Sehr geehrte Frau Uhlmann!

Ich habe Ihre Ausführungen zur ‚female choice‘ gelesen.

Zwar denke ich, dass es so etwas wie eine ‚female choice‘ tatsächlich gibt und dass sie auch ausgeübt wird – jedoch grundsätzlich nur (einmalig), so lange es nicht um Fortpflanzung geht. Denn es macht die Sache nun mal vielfach komplizierter, wenn eine Frau Kinder von mehreren Männern hat; die jeweiligen Partner werden, begrenzte Ressourcen vorausgesetzt, doch ein immanentes Interesse daran haben, dass primär der von ihm abstammende Nachwuchs durch ihn versorgt wird.

Würde female choice dann bedeuten, dass bspw. bei einer Gruppe aus 20 Männer und 20 Frauen, diese Frauen jeweils nur mit zB 2 bestimmten Männern Kinder haben wollten? Das erscheint auf den ersten Blick aus der Sicht der Frauen auch wünschenswert. Wenn Sie das Beispiel auf die Spitze treiben: Nehmen Sie 1.000 Männer und 1.000 Frauen. Jetzt wollen diese 1000 Frauen alle nur noch mit einem einzigen bestimmen Alpha-Männchen Kinder haben. Jetzt zeigt sich folgendes Problem sehr klar: Diese 1.000 Frauen können nur noch auf die Ressourcen eines einzigen Mannes zur Aufzucht ihrer Kinder zurückgreifen, da die anderen 999 naheliegender Weise kein großes Interesse verspüren werden, diese zu unterstützen – so wie sich eine Frau in erster Linie erst um ihr eigenes Kind kümmern wird.

Wenn man sich vergegenwärtigt, unter welchem Druck alleinerziehende Mütter und ihre Kinder, welche keine oder kaum Unterstützung vom Vater des Kindes erhalten stehen und welche Nachteile das für diese Kinder zur Folge hat, ist es doch klar, wieso Frauen sich dreimal überlegen, ob sie nun noch Kinder von weiteren Männer wollen und damit das heile Vater-Mutter-Kind-Modell kippen. In einer Welt mit freier Wahl der persönlichen Lebensplanung stellte sich daher die Frage, wie man jene Männer, welche ihre Gene nicht weitergegeben haben, zu Investitionen in fremde Gene motivieren will?

Ist es daher nicht denkbar, dass female choice einfach deshalb nicht so gelebt wird, wie Sie schreiben, weil sonst unsere moderne Zivilisation schlicht nicht möglich wäre – so wie es möglicherweise „natürlicher“ wäre, wenn die Stärkeren die Schwächeren nach eigenem Willen umbringen, dies aber in einer Gesellschaft, welche sich am Recht, welches zweifellos Voraussetzung für den schier unglaublichen Fortschritt an Wohlstand ist, orientiert? Zum Beispiel mag es ebenfalls unnatürlich sein, Belohnungen, nach welchen wir gieren, aufzuschieben, uns diesem Appetit nicht hinzugeben und dadurch über steinzeitliche Verhältnisse hinauszuwachsen.
Beste Grüße
(Name bekannt)

(Im Folgenden steht der Begriff der „Fortpflanzung“ stets in Anführungszeichen, weil er sprachlich falsch ist, es dafür aber keinen unkontaminierten anderen Begriff gibt.)

Der Reihe nach:
1. „Zwar denke ich, dass es so etwas wie eine ‚female choice‘ tatsächlich gibt und dass sie auch ausgeübt wird – jedoch grundsätzlich nur (einmalig), so lange es nicht um Fortpflanzung geht.“
Warum sollte die Female choice ausgerechnet aussetzen, wenn es um „Fortpflanzung“ geht, wo sie doch allein der „Fortpflanzung“ dient? Es zeigt sich an dieser Stelle, wie das Patriarchat die Evolution um 180° verdreht, auf den Kopf stellt. Auch mein Leser denkt patriarchal. Im Patriarchat soll EIN Mann an die Frau gebunden werden, damit er sie ernährt. Da will ein Mann nicht allein sein, und Kinder sein Eigen nennen. Da will ein Vater, dass sein Sohn (mindestens) eine Frau an sich bindet, um noch über seine Enkelkinder verfügen zu können, sogar um ihre Genetik zu kontrollieren, damit sie so werden, wie er sie will. Der soziale Status ist dabei wichtiger als körperliche oder seelische Eigenschaften. Aber er macht die Rechnung ohne die Natur, die kein Züchter nachahmen oder sogar übertrumpfen kann. Zucht richtet genetischen und phänotypischen Schaden an, die Female choice verhindert ihn weitgehend.

Es geht bei JEDER sexuellen Verbindung immer auch mehr oder weniger um die „Fortpflanzung“, dagegen kann sich niemand wehren, und sei es im Patriarchat nur, die freie Fortpflanzung zu unterdrücken. Ohne sexuelle „Fortpflanzung“ gäbe es die Lust nicht. Frauen werden so aber nicht immer schwanger, weil die sog. Cryptic female choice es mitunter auch verhindert. Die Female choice setzt nicht aus, sobald eine Frau einfach nur Lust empfindet, ganz im Gegenteil. Und ob sie doch schwanger wird, hängt von vielen Faktoren ab, die erst während des Verkehrs zu wirken beginnen. Sie wählt auch in den Zeiten, wo sie nicht schwanger werden kann, weil sie den fruchtbaren Zeitraum nicht genau kennt.
Als Mann wissen Sie es vielleicht nicht, und glauben es daher nicht, aber wir Frauen prüfen genau, mehr oder weniger bewusst, aber immer, das ist die ungeschminkte Wahrheit. Im Patriarchat sind nur die Gedanken frei.

Die Sexualität ist ein Verhalten, deren ursprünglicher Sinn evolutionär weiterentwickelt auch dem Lustgewinn dient und dienen muss. Dies war offensichtlich notwendig geworden bei den Arten, die zur Reflexion fähig sind. Ohne den Lustgewinn würden sie viel seltener oder gar nicht Sex zur „Fortpflanzung“ eingehen wollen, denn es handelt sich bei Sex um einen Eingriff in die körperliche Integrität. Frauen können ohne Lust keinen Sex haben, ohne wund oder krank zu werden.

In einer Gemeinschaft, die durch die gemeinsame Sorge für die Kinder zusammengehalten wird, und nicht durch die Vormacht eines Geschlechts, wie es im Patriarchat der Fall ist, hat Sex natürlich keine soziale Funktion, wie sie mein Leser möglicherweise auch im Hinterkopf hat. Wo der Vater keine Bedeutung hat, wo er die Mutter nicht versorgen muss, gibt es keinerlei Veranlassung, ihn mit Sex zu binden, um nicht zu sagen, einzukaufen. Tatsächlich ist die Female choice nur frei ausgeübt, wenn keine Absicht mit dem Sex verbunden ist, so wie auch die Evolution absichtslos ist. Im Patriarchat darf die Frau einmal wählen; nach Ende der Verliebtheit ist mit dem Sex stets etwas Materielles verbunden. Da lügen sich Männer etwas in die Tasche, wenn sie glauben, geliebt zu werden, nur weil ihre Partnerin noch Sex mit ihnen hat. Patriarchale Sexualität ist von Würdelosigkeit geprägt, und die betrifft auch die Männer. Liebe ist etwas anderes.

2. „Denn es macht die Sache nun mal vielfach komplizierter, wenn eine Frau Kinder von mehreren Männern hat; die jeweiligen Partner werden, begrenzte Ressourcen vorausgesetzt, doch ein immanentes Interesse daran haben, dass primär der von ihm abstammende Nachwuchs durch ihn versorgt wird.“
Seit mindestens 3 Mio. Jahren lebten die Vorfahren von Homo Sapiens in Matrifokalität. Bis heute ist sie unser angeborenes Sozialverhalten. Und weil es in der Tat so kompliziert gewesen wäre, ist der biologische Vater weder bedeutsam noch der Ernährer gewesen. Die Länge der Kindheit ist der Schlüssel zum Verständnis, warum die menschliche Vaterschaft und die Female choice, die lebenslang erhalten bleibt, nicht kompatibel sind. Übrigens auch unfassbar viele andere Arten, unter denen auch viele Säugetiere sind, kennen keinen ernährenden Vater.
Der Vater hat nicht einmal heute, unter patriarchalen Bedingungen, ein unbedingtes Interesse, seine Nachkommen zu ernähren, das ihn qualitativ und quantitativ mit beispielsweise den Singvogelvätern auf eine Stufe stellen würde. Tatsächlich ernähren Väter im Patriarchat ihre Kinder nicht selbstlos, wie der Vogelvater, sondern, weil sie sonst das Risiko führten, in der Einsamkeit zu enden, aber unbedingt auch, um Macht über sie und ihre Mutter ausüben zu können.
Er weiß auch häufig nicht einmal, dass er Vater ist; er hatte Sex und ging seiner Wege. Allein geschriebene und ungeschriebene Gesetze bringen einen Mann dazu, sich darum zu kümmern, ob „die Nacht“ Konsequenzen hatte. Oft aber interessiert es ihn nicht einmal.

3. „Würde female choice dann bedeuten, dass bspw. bei einer Gruppe aus 20 Männer und 20 Frauen, diese Frauen jeweils nur mit zB 2 bestimmten Männern Kinder haben wollten? …“
Dieses Szenario ist Stoff fürs Privatfernsehen, wo sich die Frauen dann um diese Männer streiten würden, weil alle patriarchalen Frauen doch nur von der Romantik der Kleinfamilie träumen (die es gar nicht gibt), um dann irgendwann aufzuwachen und festzustellen, dass der Märchenprinz nur ein Frosch war. Eine initial durch die Female choice hergestellte Polygamie hat geringe Halbwertszeit.
In polygamen Kulturen, wo immer die Männer wählen und viele Frauen haben, gibt es ein großes Problem mit unverpaarten Männern, was noch durch vor- und nachgeburtlichen Gynozid verstärkt wird.

In der Natur gibt es keine Gruppe von gleich viel Männern und Frauen. Wir haben es natürlicherweise mit vielen – nicht nur zwei – mütterlichen Sippen zu tun, die auch nicht in gleicher Personenzahl aufeinander zugehen. In jeder Sippe gibt es Frauen und Mütter, die aktuell kein Interesse an Sex haben. Gleiches gilt für Männer, wobei das sicherlich weniger sind, auch weil sie nicht hormonell auf Babys eingestellt sind. Female choice bedeutet vor allem nicht die einmalige Wahl eines Partners, mit dem eine Frau fortan Sex hat, sondern die lebenslange Wahl immer neuer Sexualpartner! Was ein „Alpha-Mann“ ist, ist nicht von vornherein in Beton gegossen, er ist im Grunde eine patriarchale Erfindung, ein von Männern selbstgeschaffenes Problem. Das bedeutet, dass es wahrscheinlich ist, dass auch scheinbare „Beta-Männer“ irgendwann einmal „an der Reihe sind“ und der „Alpha-Mann“ „absteigt“. Jede Frau hat andere Vorlieben, die insbesondere mit ihrer Genetik und ihrem Hormonstatus zusammenhängen und erst in zweiter Linie von kulturellen Einflüssen abhängen. Es ist eben nicht immer nur der „kernige Handwerker“, sondern immer wieder auch der (im Auge der Betrachterin) schöne und vor allem charmante, freundliche Mann, gern auch der intelligente.

Überlegen wir uns im Gegenzug dazu, was es für eine Frau bedeutet, die im Patriarchat einen „Beta-Mann“ heiraten muss und nur von ihm Kinder haben darf. Mindestens die Sexualität dürfte von Beginn an gestört sein, mit verheerenden Folgen für die ganze Familie. Es ist unwahrscheinlich, dass sich unter solchen Bedingungen etwas an ihrer Einstellung zu ihm ändert, selbst wenn sie die berühmtesten Sexual- und PaartherapeutInnen bemüht. Es ist ein Irrtum, dass die Versorgung der „Beta-Männer“ im Patriarchat mit einer ihnen gehörenden Frau Gewalt verhindert. Wir können m. E. sogar davon ausgehen, dass der Großteil der Gewalt genau darauf zurückzuführen ist. Aus lauter Angst vor Incels die Female choice als Bedrohung darzustellen, zeugt von grundlegendem Unverständnis der Zusammenhänge.
Dass ein einziger Mann Vater aller Kinder ist, wie es im o.g. Szenario passieren könnte, entspricht auch nicht der Logik der Entstehung der Sexualität im Laufe der Evolution. Nicht einmal bei den berühmten Platzhirschen ist das gegeben. Genau dies passiert aber im Grunde im Patriarchat, wo eine Frau nur Kinder von EINEM Mann haben DARF und auch Polygamie üblich ist. Es zeigt sich in jeder Familie aufs Neue, dass der Vater schon mit einem einzigen Kind, für das er Verantwortung tragen muss, überfordert ist. Entweder er lebt diese Überforderung mit entsprechenden Folgen für die Familie und ihn selbst, wie der häuslichen Gewalt und Stresserkrankungen, oder er entzieht sich vollständig und lässt die Mutter mit ihrem Kind/ern allein, die im Patriarchat auch MIT einem Mann überfordert ist, fehlt ihr ja ihre mütterliche Sippe, ein riesiger Personenkreis. Meistens trägt der Vater sogar noch zur Überforderung der Mutter bei, indem er (und die Schwiegereltern) Gewalt gegen sie ausüben, sich von ihr bemuttern lässt (lassen), von der Überforderung durch die patriarchale Kultur, die noch weitere Anforderungen an Mütter stellt, einmal ganz abgesehen.

4. „Wenn man sich vergegenwärtigt, unter welchem Druck alleinerziehende Mütter und ihre Kinder, welche keine oder kaum Unterstützung vom Vater des Kindes erhalten stehen und welche Nachteile das für diese Kinder zur Folge hat, ist es doch klar, wieso Frauen sich dreimal überlegen, ob sie nun noch Kinder von weiteren Männer wollen und damit das heile Vater-Mutter-Kind-Modell kippen.“
Viele Mütter in unserer Gesellschaft bereuen ihre Mutterschaft: #regrettingmotherhood ist ein sehr erfolgreicher Hashtag. Sie werden wohl mehrheitlich verhindern, noch weitere Kinder von anderen Männern zu bekommen. Doch mit ihrer puren Masse haben die alleinerziehenden Mütter längst „das heile Vater-Mutter-Kind-Modell“ gekippt. Leider unterdrückt eine Frau mit diesen Überlegungen ihre Female choice nun selbst, eine in der Natur völlig absurde Situation, zu der sie systematisch genötigt wird. Zwar hat dies auf einer überbevölkerten Erde zeitweilig einen positiven Effekt, langfristig und global stürbe die Menschheit aber aus. Eine Mutter hat das Menschenrecht nicht nur auf freie Sexualität, sondern auch auf Unterstützung, aber eben nicht von einem egoistischen Vater, sondern von einer Sippe, die jedes ihrer Kinder, egal von welchem Vater, als neuen, „wertvollen“ Menschen aufnimmt und bedingungslos mitversorgt.

5. „In einer Welt mit freier Wahl der persönlichen Lebensplanung stellte sich daher die Frage, wie man jene Männer, welche ihre Gene nicht weitergegeben haben, zu Investitionen in fremde Gene motivieren will?“
Die zahllosen Kuckucksväter beweisen, dass männliches Kümmern um Kinder nicht an die genetische Vaterschaft gekoppelt ist. Natürlich erwachsen Männern daraus immer Vorteile, ob Patriarchat oder nicht. Es stimmt auch, dass sich Männer schwertun, zu akzeptieren, dass eine Frau bereits Kinder von einem anderen Mann hat. Dies ist dem Patriarchat geschuldet, das Kinder als eine geldwerte Investition betrachtet. Es müssen auch die eigenen Gene sein, weil diese von jedem Mann grundsätzlich als die besten angesehen werden. Damit beweist sich der Mann als Züchter bzw. hier zeigt sich der Ursprung des Patriarchats in der Viehzucht. In seiner ja auch notwendigen Selbstüberschätzung – ohne die er es nicht einmal probieren würde, eine Frau anzusprechen – belehrt ihn die Female choice mit ihren komplexen Kriterien eines Besseren. Er ist nur in ganz wenigen Momenten der Beste.
In unserer individualisierten Risikogesellschaft (nach Ulrich Beck) ist Motivation genug geworden, dass ein Mann sich sicher sein kann, wenn er Kinder gut behandelt, dass diese gerne eine Beziehung zu ihm aufbauen und aufrechterhalten. Jedoch kann er diese jederzeit verspielen, so dass er sich hüten sollte, Forderungen zu stellen und Rechte einzuklagen.
Unter gelebter Matrifokalität kümmern sich die Brüder der Mutter um ihre Neffen und Nichten. Für sie besteht eigentlich der unschlagbare Vorteil darin, dass sie zu 100% sicher gehen können, dass sie in Gene investieren, die sie mit der Schwester und Großmutter teilen, also damit auch ihre eigenen. Jedoch, der matrifokale Mann denkt gar nicht über seine Gene nach, das tut nur der Patriarch. Das soziale Miteinander von Homo Sapiens dient stets der mütterlichen Linie, weil Mütter auf Verlässlichkeit angewiesen sind, Brüder können das viel besser gewährleisten als Väter, ohne jedes Risiko.

6. „Ist es daher nicht denkbar, dass female choice einfach deshalb nicht so gelebt wird, wie Sie schreiben, weil sonst unsere moderne Zivilisation schlicht nicht möglich wäre“
Zu zeigen, wie sehr das Patriarchat mit all seinen „Errungenschaften“ von der Unterdrückung der Female choice abhängt, ist seit nun mehr über 10 Jahren das elementare Anliegen der Patriarchatsforschung. Dass unsere moderne Zivilisation in jedem Fall ein schützenswertes Gut ist, wage ich zu bezweifeln angesichts der existenziellen Bedrohung, in die uns das Patriarchat getrieben hat und des Leides, dass sie erzeugt. Zivilisation (nach Marija Gimbutas) ist jedoch nicht an Patriarchat gebunden, sondern allein an Kooperation und Kreativität. Matrifokale Siedlungen wie das jungsteinzeitliche Çatal Höyük oder die heute lebenden Mosuo beweisen, dass ein hohes Maß an Kultur und Glück überhaupt nicht an Vaterschaft und väterliche Macht geknüpft sind.

7. „so wie es möglicherweise ’natürlicher‘ wäre, wenn die Stärkeren die Schwächeren nach eigenem Willen umbringen, dies aber in einer Gesellschaft, welche sich am Recht, welches zweifellos Voraussetzung für den schier unglaublichen Fortschritt an Wohlstand ist, orientiert? Zum Beispiel mag es ebenfalls unnatürlich sein, Belohnungen, nach welchen wir gieren, aufzuschieben, uns diesem Appetit nicht hinzugeben und dadurch über steinzeitliche Verhältnisse hinauszuwachsen.“
Es wäre natürlich nicht „natürlicher“, wenn die Stärkeren die Schwächeren nach eigenem Willen umbringen, es entspricht aber in der Tat der inneren Logik des Patriarchats, so gesehen hat es mein Leser richtig erkannt. Eine solche sozialdarwinistische Verhaltensprämisse entspricht nicht unserem angeborenen Sozialverhalten, sondern ist durch und durch patriarchale Viehzüchterideologie. Die Sexuelle Selektion, die Female choice, ist das oberste Naturgesetz allen sich sexuell „fortpflanzenden“ Lebens. Die Mehrung von Besitz ist nicht der Antrieb der Evolution. Es ist auch eine Irrlehre, dass Männer den Besitz erfanden, um sexuell interessanter zu erscheinen. Selbst Vogelmännchen, die eine schöne Hütte bauen, um ein Weibchen zu beeindrucken, sammeln nicht viele Hütten an, sondern bauen ständig neue. Es geht darum zu zeigen, was mann ist und nicht, was mann hat.

Im mütterlichen Sozialverband von Homo Sapiens werden ALLE Kinder geliebt und versorgt. Das Wesen der Mütterlichkeit ist die bedingungslose Liebe. Wir sehen Affenmütter, die tagelang ein totes Kind herumtragen oder Elefantenmütter, die tagelang versuchen, ein totes Kind zum Aufstehen zu bewegen. Wir brauchen nicht zu den Tieren blicken; auf jeder Kinderstation wird der Beweis geführt, wie sehr Mütter sich um ihr krankes Kind sorgen und alles in Bewegung setzen, damit es am Leben bleibt. Erst wenn ein Sozialverband in ein lebensfeindliches Umfeld gelangt, müssen Mütter schwere Entscheidungen treffen. Das hat die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy für unsere Spezies sehr breit ausgeführt. Gleichzeitig kennen wir die römische Sitte, die Vätern erlaubte, kranke Kinder auszusetzen, und Rechtsradikale, die die Abtreibung und Tötung „unwerten“ Lebens fordern und vielfach schon durchgesetzt haben.
Mein Leser glaubt aber leider, so scheint es mir gerade, dass der Mensch der Steinzeit zur Entwicklung unfähig gewesen sei. Die Steinzeit als hoffnungslos rückständig, als aus ihrem kulturellen Stupor durch das Patriarchat zu errettende niedere Stufe der Menschheit; hier haben wir es mit der stereotypen Falschbewertung der Steinzeit zu tun. Tatsächlich war sie enorm innovativ und kreativ. Die Höhlenmalereien und die sesshafte Landwirtschaft wurden aus der Matrifokalität der Altsteinzeit hervorgebracht, ebenso wichtige Erfindungen wie Weben, Flechten, Kleidung, Töpferei und Hausbau, nicht ohne diese Dinge aufwändig zu verzieren oder mit Symbolen zu versehen. Selbst die Verarbeitung von Metallen geht auf steinzeitliche Ursprünge zurück, bis…bis mächtige Männer diese Erfindungen in die Finger bekamen und für ihre Zwecke missbrauchten und weiterentwickelten, so aber gleichzeitig die Chancen für eine friedliche Weiterentwicklung ausbremsten. Wo wären wir heute ohne Patriarchat? Sicherlich hätten wir keine Überbevölkerung, keine Umweltverschmutzung, keine Sklaverei, keinen Stress, keinen Krieg etc. etc.. Aber sicherlich hätte die Medizin ein hohes Maß an Fortschritt erreicht, ohne den Umweg über menschenverachtende Geburts“heil“kunde und Menschenversuche.

Fazit
Mein Leser liefert mit seinen Überlegungen unbeabsichtigt genau die Argumente, die gegen die Vaterschaft als evolutionsbiologisch sinnvolles oder alternatives Konzept sprechen. Dennoch gelingt ihm nicht der logische Schluss, dass das Patriarchat durch und durch der falsche Film ist. Es ist ihm nicht zu verdenken. Das Patriarchat steckt in uns, physisch verankert in den Gehirn-Synapsen. Sie sind seit der Kindheit in einem Geflecht aus Verdrehungen, Verwirrungen und Glaubenssätzen zu einem scheinbar logischen Gebäude verknäuelt. Jedoch lassen sich mit diesen Synapsen nicht die Probleme erklären, mit denen wir es im Laufe des Lebens zu tun bekommen. Sich den Problemen stellen, bedeutet Kröten zu schlucken. Wer keinen Leidensdruck hat, sieht keine Veranlassung etwas zu ändern.
Das Leid gehört nicht in der Weise zum Leben, wie wir es erleben müssen. Mit diesem Narrativ werden ja gerne alle Probleme marginalisiert. Aber genau da, wo es hakt, sollten wir nicht flapsig drüber hinweggehen, sondern beginnen zu zweifeln, dass das alles so seine Richtigkeit hat. Hier sind die Stellen, wo patriarchale Logik versagt. Im Grunde versucht mein Leser zu verstehen. Aber gewisse Schlaglöcher haben vom eigentlich kerzengeraden Weg abgelenkt. Die Female choice zu verstehen wird einfach, wenn wir wagen, sie konsequent zu denken: Es ist die Frau, die wählt und abwählt, immer und immer wieder, und nicht nur bei der „Fortpflanzung“ und auch nicht nur außerhalb der „Fortpflanzung“.

Diesem, meinem Leser, und Ihnen allen sende ich freundliche Grüße.

Siehe auch: Antwort auf Meike Stoverocks „Female Choice“.

Neue Studie zeigt: Die Matrifokalität ist über 3 Millionen Jahre alt

Eine neue, bahnbrechende Veröffentlichung der Paläoanthropologen Philipp Gunz und Simon Neubauer u.a. (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig) enthüllt die wesentliche Frage, nämlich, wann sich die lange Kindheit zu entwickeln begann. Die Max-Planck-Gesellschaft schreibt:

„Bei Primaten hängen das Wachstumsmuster und die Fürsorge-Strategie für die Jungtiere miteinander zusammen. Die verlängerte Wachstumsphase des Gehirns bei Australopithecus afarensis könnte also möglicherweise auf eine lange Abhängigkeit der Kinder von den Eltern hindeuten.“ (MPG 2020)

Untersucht wurde nicht das berühmte Fossil „Lucy“, sondern das sog. „Dikika-Kind“, ein Mädchen, das ebenfalls der Art Australopithecus afarensis angehört und über 3 Millionen Jahre alt ist. Anhand des Gehirnabdrucks und einer Synchrotron-Mikrotomographie der Zähne, deren baumringartige Wachstumsspuren auf diese Weise sichtbar gemacht werden können, konnte nachgewiesen werden, dass das Gehirn des Kindes für sein Alter noch unerwartet gering entwickelt war. Das deutet auf eine bereits lange Kindheit hin, wie sie für uns, Homo sapiens typisch ist.

Der von den Autoren verwendete Eltern-Begriff zeichnet wieder einmal das Bild der patriarchalen Kleinfamilie. Spätestens seit dem Spätwerk der Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy (Blaffer Hrdy 2010) sollte jede/r verstanden haben, dass diese Lebensweise die denkbar schlechteste gewesen wäre und zum Aussterben geführt hätte. Davon ausgehend wissen wir jetzt also endlich, ab wann Mütter und Kinder auf eine Fürsorgegruppe angewiesen waren, entsprechend unserer angeborenen Matrifokalität, aus der sich mit zunehmender Lebenserwartung auch das Großmutter-Mutter-Tochter-Kontinuum entwickelte.

SelamAustralopithecus

Bilder: „Dikika-Kind. Oben: Fossil von Selam (Australopithecus afarensis) oder „DIK 1-1“.
Den Versuch einer lebensechten Rekonstruktion im National Museum of Addis Ababa, Äthiopien finden Sie hier.

Verbunden mit dem Irrglauben an die Paarbindung als typische Lebensweise von Homo sapiens wird immer wieder versucht, die Jagd als Motor für die Entwicklung unseres Sozialverhaltens und auch unserer Intelligenz zu stilisieren, und sie damit auch auf männliche Potenz zurückzuführen. Als früheste Spur der Großwildjagd gelten die Schöninger Speere, deren Alter auf 300.000 Jahre eingeordnet wird und die Funden der Menschenart Homo heidelbergensis zugerechnet werden. Lucy und ihre Kinder lebten jedoch schon vor mehr als drei Millionen Jahren! Seit 2013 ist auch bekannt, dass Australopithecus afarensis sich rein pflanzlich ernährte, und zwar vor allem von Gräsern und anderen sog. C4-Pflanzen, die hartfaserig sind (Vgl. Wynn et al. 2013).
Diese Ernährung aus der typischen Flora der Savanne zeigt, dass das Leben außerhalb der Wälder nicht von der Jagd auf Großtiere abhing. Das bedeutet vor allem auch, dass die These „Jagd führt zu Intelligenz“ vollständig entkräftet ist und eine Vertauschung von Ursache und Wirkung darstellt, die vor dem Hintergrund patriarchaler Wissenschaft nur als mutwillig bezeichnet werden kann.
Weiterlesen „Neue Studie zeigt: Die Matrifokalität ist über 3 Millionen Jahre alt“

Evolution: Zum Sammeln geboren

Zum Laufen geboren? Zum Jagen geboren?
Auch in Zeiten des Internet sind Zeitschriften das beste Mittel, auf dem Laufenden zu bleiben. Wer wie ich sogar Abonnentin ist, kennt wahrscheinlich auch die Stapel mit Heften, die in irgendwelchen Ecken vor sich hin wachsen. Meine besten Absichten, sie chronologisch in Schubern zu archivieren, scheitern schließlich am Platzmangel im Schrank. Gelegentlich ist meine Schmerzgrenze erreicht und in einer Hauruck-Aktion schneide ich alle mir wichtigen Artikel heraus und der Rest landet im Altpapier. Dabei entstehen wieder Stapel, aber nun nach Themen sortiert und abgeheftet, und der Papierberg schrumpft auf etwa ein Zwanzigstel seiner ursprünglichen Größe.

Jetzt habe ich wieder solch eine große Aktion hinter mir und diesmal war es sogar sehr inspirierend. Denn dabei fand ich den Artikel „Zum Jagen geboren“ von Kate Wong wieder, der im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft 11/2014, abgedruckt war und den ich inzwischen längst vergessen hatte. Nicht dass ich den Artikel für besonders wertvoll hielte – denn das Thema ist für mich ein echtes Reizthema – aber kurz zuvor hatte ich einen ganz ähnlich klingenden Artikel abgeheftet, der – so will es der Zufall – in Heft 01/2020, also erst vor wenigen Wochen, veröffentlicht wurde, und zwar „Zum Laufen geboren“ von Herman Pontzer.

Gut, dass ich so viele Jahre sozusagen aktionslos gesammelt hatte, denn sonst hätte ich diesen Zusammenhang gar nicht mehr herstellen können! Beide Artikel nebeneinander gelegt fragte ich mich: ja, was denn nun, Jagen oder Laufen? Welche neuen Erkenntnisse hat es in diesen etwas mehr als 5 Jahren gegeben, dass zwei so unterschiedliche Aussagen zustande gekommen sind? Gleich nach meiner Aktion begann ich erneut zu lesen.

Kate Wong betont das Jagen als Motor zur Menschwerdung, oder anders gesagt, sie suggeriert, dass der Mann die treibende Kraft, die Krone menschlicher Körperkraft und der Intelligenz sei. Die Wissenschaftsjournalistin liefert tatsächlich eher unfreiwillig den Beleg gleich mit, denn der Artikel ist sozusagen das Sprachrohr für verschiedene Wissenschaftler, die glauben zu wissen, dass unser Skelett dazu gebaut sei, einen Speer nach einer Jagdbeute zu werfen. Und sie triumphiert:

“Sicherlich war solch ein Speer (ein Holzstecken mit einer Spitze aus Vulkanglas; meine Anmerk.) damals der Gipfel der Technik.“[1]

Ich kann gar nicht werfen, ich bin richtig schlecht darin. Weil es bei den Bundesjugendspielen nur Ballwerfen und Kugelstoßen aber kein Hammerwerfen gab, bekam ich regelmäßig nur eine Siegerurkunde. Entweder ich bin zum Werfen nicht geboren, weil ich eine Frau bin, oder an der Theorie ist etwas falsch. Wäre ich deshalb in der Steinzeit verhungert? Da ich viele Frauen kenne, die werfen können, und auch Männer, die nicht werfen können, muss die Theorie also falsch sein.

„Laut Daniel Liebermann von der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) und Dennis Bramble von der University of Utah in Salt Lake City könnten frühe Menschen ihre Beute bis zur völligen Erschöpfung getrieben haben“[2], schreibt sie und bemüht Nina Jablonski von der Pennsylvania State University für die Feststellung, dass die dabei entstehende Wärme von einem nackten Körper besser abgestrahlt würde,

„doch all diese Anpassungen hätten den frühen Menschen bei der Jagd nicht viel gebracht, wenn ihm Möglichkeiten fehlten, das gehetzte Tier am Ende zu erlegen – und das vorzugsweise aus einiger Distanz, also am besten indem man es mit einem geworfenen schweren oder scharfen Gegenstand trifft.“[3]

Auf Deutsch gesagt: wie schön, dass die Evolution vor dem Loslaufen noch schnell das Werfen und Herstellen eines Speeres selektiert hatte, denn sonst hätten die frühen Menschen das gehetzte Tier am Ende doch laufen lassen müssen.
Spaß beiseite. Eigentlich macht das Werfen das Laufen fast überflüssig, es muss jedoch gekonnt sein und das braucht Wurftalent und sehr langes Training, denn ein Jäger muss ja nicht nur weit werfen sondern auch zielen können. Ist das Tier aber schon lahm gehetzt, reicht einfaches Zustechen völlig aus. Nichts davon im Artikel.

Ein weiterer Gewährsmann für die These ist Neil T. Roach von der George Washington University, der als Triebfeder hinter dem evolutionären Umbau der Schulter „Selektionskräfte, die auf die Fähigkeit zu werfen gerichtet waren“ vermutet, denn „mit solchen Schultern und Armen konnten unsere Vorfahren schlechter Bäume erklimmen.“[4] Solche Selektionskräfte hatte Darwin völlig zurecht noch nicht vermutet und ich möchte schon einmal sehen, wie ein Menschenaffe die sog. Silence-Route bewältigen würde, die unter Kletterern als schwierigste der Welt gilt, oder all die anderen Herausforderungen, wo noch nie ein Menschenaffe gesichtet wurde. Dagegen sind Bäume doch ein Witz, um nicht zu sagen: kinderleicht.

Kate Wong setzt noch einen drauf: Der Anthropologe Travis Pickering glaube, dass die Jagd zu stärkerer „sozialer Untergliederung“ geführt habe, also zu jagenden Männern und sammelnden Frauen, und sie konstatiert, dass uns heute „solch eine Verteilung der Verantwortlichkeiten antiquiert vorkommen“ möge, sie sich damals aber als „Organisationsform mit hohem Anpassungswert“ erwiesen hätte.[5]
Komisch nur, dass Frauen trotzdem das Werfen gelernt haben. Was aber eigentlich hinter dieser Aussage steckt, wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Denn Arbeitsteilung ist nicht automatisch soziale Untergliederung. Soziale Untergliederung ist vor allem Hierarchie. Uns wird hier die Überlegenheit des Mannes über die Frau untergejubelt, also ein Patriarchat, das mit der Erfindung des Jagens daher gekommen sei. Die Krönung davon ist Pickerings Vermutung, dass Jagen die Aggressivität gesenkt habe und zu mehr Selbstbeherrschung verholfen hätte! Er begründet das mit dem kühlen Kopf und mit der Besonnenheit, welche ein Jäger bewahren müsse. Er müsse viel stärker seinen Verstand einsetzen als ein jagender Menschenaffe. Das allerdings können wir im Fußballstadion, auf der Autobahn, in Nord-Korea, Russland, der Türkei, den USA etc. nachprüfen. So weit, so schlecht.

Weiterlesen „Evolution: Zum Sammeln geboren“

Von den Mosuo lernen – Wie frau sich aus dem Patriarchat befreien kann

Die ersten westlichen Ostasienwissenschaftler, die Kenntnis von der Ethnie der Mosuo (oder Moso) bekamen, waren Jaques Barnot und Edouard Chavannes, und zwar über ein Dokument, das die angebliche „Genealogie der Könige der Mosuo“ enthielt. Die beiden Männer wussten jedoch nicht, dass die Mosuo matrilinear lebten. Es stellte sich daher erst später heraus, dass es sich lediglich um die Königsliste der Feudalherren der Naxi (oder Na-khi) handelte.[1] Der Jahrhunderte alten chinesischen Lehrmeinung zufolge gehören die Mosuo in Yongning zum Volk der Naxi in Lijiang auf der anderen Seite des Flusses Yangtse, und beide werden daher von den Chinesen Mosuo genannt. So kam Barnots und Chavannes Irrtum zustande. Die Mosuo-Angehörige Yang Erche Namu fand dies u.a. heraus, als sie ihre Doktorarbeit schrieb, um die Ursprünge ihres Volkes zu erhellen.
Wie sie berichtet, ist jedoch der amerikanische Botaniker Joseph Rock bei den Mosuo beinahe legendär geworden, als er in den Jahren nach 1922 Forschungsreisen in ihr Gebiet unternahm und dabei gute Bekanntschaft mit ihnen machte.[2] Durch seine in erster Linie botanischen Abhandlungen wurden die Mosuo auch in der westlichen Ethnologie bekannter. Einem breiten europäischen Publikum wurden sie jedoch erst durch die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth, die 1993 zu den Mosuo reiste, sowie durch die Filmemacherinnen Uschi Madeisky, Daniela Parr, Dagmar Margotsdotter-Fricke gegenwärtig[3]. Sie veranstalten auch öffentliche Kongresse, zu denen Angehörige der Mosuo nach Europa kommen.

Mosuo girls
Mosuo-Frauen. Bild: wikimedia commons

Die Mosuo und die Naxi, die seit dem 7. Jh. in chinesischen Chroniken auftauchen, sollen aus der Mongolei stammen.[4] Yang Erche Namu ist zwar von dieser These ebenfalls überzeugt, meint aber aufgrund der unterschiedlichen Sprachen, Kleidung und Ernährungsweise, dass beide Volksgruppen eine eigene Herkunftsgeschichte haben:

„Zu beiden Ufern des Yangtse führten die Feudalherren ihre Abstammung auf einen Armeeoffizier zurück, den angeblich Kublai Khan[5] bei seiner Eroberung Chinas zurückgelassen hatte. Aber abgesehen von dem gemeinsam erhobenen Anspruch auf ferne mongolische Vorfahren unterscheiden sich die Genealogien der Moso- und Naxi-Herrscher vollständig. So weist der Stammbaum der Herren von Lijiang eine durchgängige Erbfolge vom Vater auf den Sohn auf, während die Genealogie der Feudalherren von Yongning darauf hindeutet, dass die Moso-Herrscher ihre Stellung auf matrilinearem Weg vererbten, vom Onkel auf den Neffen, und zwar bis zum 18. Jahrhundert, als durch kaiserliches Edikt das Erstgeburtsrecht und die patrilineare Erbfolge eingeführt wurden. Und das ist sehr interessant, nicht nur weil diese Genealogien die Moso und Naxi grundsätzlich unterscheiden, sondern auch weil sie darauf hinweisen, dass die alte Moso-Elite ihre edle Abstammung nicht nur bei den Mongolen zu suchen hat.“[6]

Wie sie auch mitteilt, wurden die Feudal-Bezirke 1381 von der Ming-Dynastie geteilt.[7]
Zahlreiche Eigenarten, die Yang Erche Namu in ihrer Biographie beschreibt, sprechen für die mongolische Herkunft. Das Yak spielt in der Wirtschaftsweise eine große Rolle, und sie bauen nicht nur Häuser aus Holz, sondern auch Zelte aus Yak-Leder, die genau so aussehen wie die Yurten der Mongolei.[8] Die Frauen verlängern ihr Haar mit Yak-Schwänzen und reiben es mit Yak-Butter ein.[9] Weiterlesen „Von den Mosuo lernen – Wie frau sich aus dem Patriarchat befreien kann“

Gewalt ist die Voraussetzung des Patriarchats, also der Vaterschaft

Hinter jedem Vater steht die Gewalt des Gesetzes, deshalb kann er sich ausruhen und sich als „guter Vater“ stilisieren. Aber wenn er trotzdem zuschlägt, wird das häufig vom Staat geduldet, wie wir wissen. Ohne Gewalt kein Patriarchat, und das ist gewollt. Allein die Möglichkeit, dass ein Vater zuschlagen, vergewaltigen, erpressen oder morden kann, weil Mutter und Kind ihm ausgeliefert sind, diszipliniert Mütter und Kinder. Allein die Möglichkeit ist also schon Gewalt, die sich aus dem Entführungscharakter des Patriarchats erklärt. Das Patriarchat ist seit seiner Entstehung ein fortgesetztes Entführungsverbrechen, das sich über das kollektive Stockholm-Syndrom perpetuiert.

Gibt oder gab es matriarchale Gesellschaften? Eine notwendige Stellungnahme von Stephanie Gogolin und Gabriele Uhlmann

“Matriarchale Gesellschaften“ ist ein Begriff, der uns oft begegnet, wenn eigentlich von Matrifokalität, unserem angeborenen Sozialverhalten, gesprochen wird oder von indigenen Ethnien, deren kulturelles Alltagsgeschehen noch im matrifokalem Kontext stattfindet. Von „matriarchalen Gesellschaften“ wird aber auch gern gesprochen, wenn die oberste Gottheit eine Göttin war oder ist und die Frauen „selbstbewusst“ und „emanzipiert“ gewesen sein sollen. „Matriarchale Gesellschaften“ seien egalitär und friedlich und manchmal stünde eine Königin oder sogar ein König an ihrer Spitze, die ihre Untertanen weise regierten.

Die führende Mariarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth setzt der Definition von Matriarchat als „Herrschaft der Mütter“ eine eigene dagegen:

Die begriffliche Verwirrung geht auf die scheinbare Parallele der Begriffe ‚Patriarchat’ und ‚Matriarchat’ zurück. Doch der Schein trügt! In sprachlicher Hinsicht muss man keineswegs der üblichen, vorurteilshaften Übersetzung des Begriffs als ‚Herrschaft der Mütter’ folgen. Das griechische Wort ‚arché’ hat nämlich eine doppelte Bedeutung und heißt sowohl ‚Anfang’ als auch ‚Herrschaft’. Der Begriff ‚Matriarchat’ bedeutet daher korrekt übersetzt ‚am Anfang die Mütter’, und das trifft die Sache. Im Falle der patriarchalen Gesellschaftsform ist hingegen die Übersetzung mit ‚Herrschaft der Väter/Männer’ zutreffend.[1]

Auf diese Weise erfährt man jedoch nicht, dass es der niederländische Rechtsethnologe George Alexander Wilken war, der die Bezeichnung Matriarchat 1884 einführte. In seinem Buch Das Matriarchat (Das Mutterrecht) bei den alten Arabern schrieb er:

„Die Frage nach einem ursprünglichen Matriarchat (Mutterrecht) hat in letzter Zeit die Aufmerksamkeit Vieler auf sich gelenkt. Man weiß, was darunter verstanden werden muss. Das Matriarchat ist die Verwandtschaft durch die Mutter, wie das Patriarchat (Vaterrecht) die durch den Vater ist; bei jenem wird die Abstammung ausschließlich in der weiblichen, bei diesem in der männlichen Linie verfolgt. Von diesen beiden ist die mütterliche Verwandtschaft die am meisten ursprüngliche. Man könnte behaupten, dass sie einer der Phasen ist, welche das Familienleben überall in seiner Entwicklung durchlaufen hat.“[2]

Wilken sagte damit, dass ein Matriarchat ein umgedrehtes Patriarchat sei, dies, weil er nicht verstanden hatte, dass Patrilinearität („männliche Linie“) nicht einfach der natürliche Gegenpart zur Matrilinearität („weibliche Linie“) ist. Denn Matrilinearität ist die unmittelbare Folge der angeborenen Matrilokalität (Kinder bleiben bei der Mutter) unserer Spezies. Männer stellten eine kulturelle Ideologie von Patrilinearität dagegen. Und nur wenn sie zusätzlich Patrilokalität (Kinder müssen beim Vater wohnen) erzwingen, wird aus der Idee auch eine stabile Realität. Zwar bezieht Wilken sich in der Tat auf den Ursprung, aber er setzt den Begriff mit Bachofens „Mutterrecht“ gleich und schafft damit die Grundlage für die Begriffsverwirrung und angeblich „scheinbare Parallele“. Denn schon bei Bachofen haben wir die Verknüpfung von Recht und Herrschaft.
Der Patriarchatsforscher Gerhard Bott schrieb dazu in der Antwort auf einen Leserinnenbrief, nach dem Bachofen deutlich gemacht habe, dass aus „dem gebärenden Muttertum“ eben nicht „Weiberherrschaft“ aufsteige, sondern „die allgemeine Brüderlichkeit aller Menschen, deren Bewusstsein und Anerkennung mit der Ausbildung der Paternität untergehe“, (sie zitiert Bachofen, 1954, S. 89) das Folgende:

Das ‚Mutterrecht’ ist für Bachofen immer grausam und negativ. (…) Aus Bachofens ‚Mutterrecht‚ geht (…) eindeutig hervor, dass er immer dann, wenn er vom MutterTUM spricht, nicht etwa die fürchterliche Zeit des MutterRECHTS meint, sondern die ‚befriedete Zeit, nach der ‚Versöhnungder Frauen mit dem Primat der Männer. Er bezieht sich damit auf jene ‚gute‘ Zeit, die nach dem Ende des Mutterrechts, der Gynaikokratie oder ‚Weiberherrschaft, ihren Anfang nahm, und zwar durch die ‚Versöhnung’ der Frau mit dem Mann. Erst in der vaterrechtlichen monogamen Ehe, in der sich die Frau dem Mann ‚lustvoll’. unterordnet, wurde das ‚Durchdringen’ der Frau zum ‚Muttertum’ möglich. Das ‚Mutterrecht’, hingegen stellt Bachofen durchgehend als negativen ZERR-Spiegel des ‚Vaterrechts‚, des Patriarchats, dar.[3]

Schon Bachofens Begriff der Brüderlichkeit hätte aufmerken lassen müssen, dass da etwas grundsätzlich nicht stimmig ist. Weiterlesen „Gibt oder gab es matriarchale Gesellschaften? Eine notwendige Stellungnahme von Stephanie Gogolin und Gabriele Uhlmann“

Gibt es menschliche Rassen? Von Zeugung, Erziehung, Zucht und Züchtigung.*

Das Interview „‚Wir waren alle mal schwarz'“ mit dem Untertitel „Der Zoologe Martin Fischer und der Paläogenetiker Johannes Krause erklären, wieso es keine menschlichen ‚Rassen‘ gibt – und warum die Angst vor einer ‚Überfremdung‘ falsch ist“ von Felix Hütten (Süddeutsche Zeitung Online vom 24.11.2019) sowie der Artikel „Gibt es menschliche Rassen“ von Jörg Albrecht (FAZ Online vom 17.11.2015), die beide sehr lesenswert sind, waren für mich Anlass mich einmal zu diesem brisanten Thema zu äußern, denn beide lassen leider einen wesentlichen Punkt vermissen, nämlich die Zucht des Menschen durch den Menschen im Patriarchat.

Natürlich haben wir unterschiedliche Gene: die Afrikaner haben einen wesentlich geringeren Neanderthaler-Anteil [1], den Europäern fehlt überwiegend das Denisova-Gen. Den Männern fehlen ca. 1000 Gene auf dem Y-Chromosom, und wir sehen alle anders aus, was ja in den Genen festgelegt ist. Aber das ist auch egal, denn wir teilen alle dasselbe angeborene Sozialverhalten, die MATRIFOKALITÄT. Sie hat in der Urgeschichte dafür gesorgt, dass wir uns friedlich vermischten! Denn Matrifokalität macht neugierig auf Menschen mit anderen Genen. Dieses Verhalten ist evolutionär durch die Sexuelle Selektion (nach Darwin), auch Female Choice genannt, abgesichert und dient auf natürliche Weise der Auffrischung des Gen-Pools.

Der Rasse-Begriff soll für Menschen keine Anwendung mehr finden. RASSEN beschreiben aber weniger natürliche Unterschiede, als vielmehr ZUCHTMERKMALE, die durch aufgezwungene Isolation und künstliche Selektion entstehen. Leider gehören auch wir Menschen inzwischen zu solchen Zuchtrassen, und zwar seit ca. 8200 Jahren. Das sind die patrilinearen STÄMME, die die Gesamtheit aller patriarchal lebenden Menschen bilden.

Erst durch das gewaltsam installierte PATRIARCHAT im Viehzüchternomadentum kam die Idee der Rasse auf. Männer begannen Tiere zu züchten, indem sie weibliche Tiere festbanden und so ermöglichten, dass ausgesuchte männliche Tiere sie vergewaltigen konnten. Dabei produzierten sie nicht nur bestimmte Merkmale, sondern auch eine Überbevölkerung der Tiere, und wurden dadurch zu Kapitalisten (lat. Caput=Kopf).
Dieses Vorbild wendeten Männer auch auf die Frauen an und tun es bis heute. Sie produzier(t)en auf diese Weise die Überbevölkerung der Menschheit, den Hauptgrund für Migration. Bei der Menschenzucht, die mit der gewaltsamen Installation der Vaterschaft begann, kann noch der Großvater Einfluss auf die genetische Zusammensetzung seiner Enkelkinder nehmen, indem er seine Tochter zwangsverheiratet, oder sie so erzieht (das Wort Erziehung stammt von Zucht ab, das Wort Vater bedeutet indoeurop. „Hirte“ und „Führer“), dass sie „freiwillig“ nach seinem Willen handelt. Die Töchter haben sich wählen zu lassen, von Söhnen anderer Männer, die „standesgemäß“ sind. Die Rassenlehre treibt das Patriarchat auf die Spitze, indem bewusst nur innerhalb der Ethnie/des Stammes geheiratet werden darf.
Wenn wir uns ansehen, wie das Patriarchat in Mitteleuropa entstanden ist (siehe Marburger Vortrag), nämlich durch die Migration gewaltbereiter Viehzüchternomaden, dann ist gut vorstellbar, dass Menschen am Ende der Jungsteinzeit panische Angst vor Einwanderung bekommen hatten. Denn in dieser Zeit der Entstehung des Patriarchats war sie meist mit (Massen)mord und Totschlag zum Zwecke der Vergewaltigung und Entführung der Frauen verbunden (wiss. Nachweise im Vortrag). Ist diese Angst möglicherweise traumatogen epigenetisch verankert worden, und haben deshalb so viele Menschen Angst vor Flüchtlingen?
Wenn auch die meisten in friedlicher Absicht und aus echter Not kommen, und ihnen geholfen werden muss, ist die Angst vor ihnen leider immer noch nicht völlig unberechtigt, denn immer noch wandern überwiegend Männer ein, und zwar aus Ländern mit einer extrem frauenfeindlichen Mentalität und entsprechender Überbevölkerung. Unsere feministischen Errungenschaften werden plötzlich wieder infrage gestellt, wenn z.B. Schulleiter Mädchen verbieten, kurze Röcke zu tragen, damit sie die männlichen Mitschüler nicht reizen, oder wenn das Kopftuch bei Kindern erlaubt bleibt und das Gesetz sogar Polygamie zulässt. Das alles zu kritisieren ist kein Rassismus, sondern radikale Patriarchatskritik, die Rassismus- und Sexismuskritik beeinhaltet. Dazu kommt der patriarchale Backlash als Reaktion auf die berechtigten und legitimen Autonomiebestrebungen der Mütter: Politikerinnen, die auf Druck gewaltbereiter Vaterrechtler Gesetze verabschieden, die alleinerziehende Mütter und deren Kinder aushungern und an den Kindsvater fesseln, selbst, wenn er gewalttätig ist oder keinen Cent bezahlt. RichterInnen, die in Täter-Opfer-Umkehr Müttern das Sorgerecht entziehen, weil sie vor Gericht seine Gewalt thematisiert.


Rassismus und Diskriminierung hat viele offensichtliche Gesichter, aber alle Aufklärung war bislang erfolglos. Eine wesentliche Grundannahme, die zum normalen Leben der weitaus meisten Menschen gehört – ein Dogma – bewirkt, dass in der Mitte der Gesellschaft ein latenter Rassismus vorhanden ist, aus dem immer wieder schamloser und gewalttätiger Rassismus aufblüht. Wir können mit dem heutigen Wissen den Rassisten den Wind endgültig aus den Segeln nehmen, weil deren menschenverachtende Haltung und Argumentation auf als falsch erkannten evolutionären Annahmen basiert. Aber alle gutgemeinten Artikel thematisieren das noch zu benennende Dogma leider nicht, sie gehen nicht an die Wurzel. Darum sind unter Anderem die Wirkungen der Female choice bei Rassisten gänzlich unbekannt: Es hat zum Beispiel absolut nichts mit Epigenetik zu tun, wenn Neonazis Angst haben, dass Ausländer ihnen die Frauen wegnehmen könnten, als wären die Frauen irgend jemandes Besitz! Das ist in der Tat reinster Rassismus, aber es ist auch immer Sexismus. Sexismus ist der Ur-Rassismus.

Es ist erfreulich, dass sich Wissenschaftler zu der fatalen Idee der Rasse äußern. Mir fällt aber auf, dass keinem Wissenschaftler wirklich bewusst ist, dass wir Menschen uns selber züchten. Nicht nur Nazis wollen Menschen züchten. Ganz normale Bürger beteiligen sich sogar aktiv daran, ohne es zu wollen: Weiterlesen „Gibt es menschliche Rassen? Von Zeugung, Erziehung, Zucht und Züchtigung.*“

Vortrag: Explosion und Expansion. Wie Vatermacht die Welt unterjocht.

Der Vortrag wurde erstmals anlässlich der Öffentlichen Studientage „Nachhaltigkeit und Gesellschaftsformen aus kritisch geographischer Sicht“ (17.5.2019) am Geographischen Institut der Philipps-Universität Marburg gehalten.

:: Lesen Sie den ganzen Vortrag auf gabriele-uhlmann.de ::

Es werden folgende Themen behandelt:

  • Überbevölkerung heute und historisch, Patriarchat als Ursache
  • Geburtenkontrolle
  • Matrifokalität, unser angeborenes Sozialverhalten
  • Die beiden Siedlungshügel von Çatal Höyük, Entstehung und Untergang
  • Klimatischer Wandel und Klimakrisen
  • Zweck von Patrilinearität und Patrilokalität
  • Entstehung des Patriarchats in der Steppe
  • Kurgan-These
  • Frauenraub am Beginn aller Patriarchate
  • Jungsteinzeitliche Kulturen seit der Misox-Schwankung
  • Erste Kriege und Massaker vor 7000 Jahren
  • Genetische Spuren der Patriarchalisierung
  • Einflüsse der Steppenkulturen Maikop und Jamnaja auf Eurasien
  • Gilgamesh-Epos und Heilige Hochzeit

 

Gar nicht einfach. Die Vaterschaft als Erklärung für alle menschengemachten Probleme.

Die Existenz des Patriarchats zu erkennen, ist das eine. Nicht nur Frauen rund um den Erdball leiden. Aber nur die mutigsten unter den Frauen haben ihre Stimme erhoben und seitdem hat sich zumindest in der westlich geprägten Welt einiges verändert. Der Ruf nach Gleichberechtigung wird immer öfter laut und oft auch gehört. Der Wille scheint da zu sein. Jungen Frauen wird nun vermittelt, die Welt stünde ihnen offen. Wir erleben trotzdem gerade einen gewalttätigen Backlash, der vielen ein Rätsel ist: Von Gewalt und Bedrohung durch Armut sind auch berufstätige und gebildete Frauen betroffen, insbesondere die häusliche Gewalt nimmt zu.

Eigenes Geld zu haben, das hielten Frauen für den Inbegriff der Freiheit. Bildung und finanzielle Gleichstellung galt als Königsweg aus dem Patriarchat. Es war ein Irrtum. Denn beides sind nur Zugeständnisse, die nicht nur jederzeit zurückgenommen werden können, sondern auch nicht am Fundament des Patriarchats rütteln. Das haben viele westliche Männer mittlerweile erleichtert wahrgenommen und der Widerstand gegen den Mainstream-Feminismus schwindet. Jubel und Bewunderung sind ihnen sicher, wenn sie Freiheit und Gerechtigkeit für Frauen fordern und sich sogar als Feministen bezeichnen. Die Sache ist weniger heldenhaft als sie aussieht. Jeder noch so liebe Ehemann oder Vater ist kraft des Gesetzes ein Patriarch. Erst die Trennung von der Mutter der gemeinsamen Kinder oder ihre „Untreue“ wird zur Nagelprobe für ihn und seine hehren Verlautbarungen.

Männer profitieren nun also ganz erheblich von der Berufstätigkeit der Frau. Die angebliche Befreiung der Frau ist im Grunde eine Befreiung der Männer von der finanziellen Verantwortung als Partner, Ehemann und Vater, die eigentlich von ihnen getragen werden muss, da sie die Macht gar nicht aus den Händen gegeben haben! Schon die sog. Sexuelle Befreiung hatte sich bald als Mogelpackung erwiesen. An der Gewalt der Männer hat sich trotz aller Maßnahmen nichts zum Guten geändert.

Mit Gewalt meine ich die Gewalt des Gesetzes, die tätliche Gewalt und die Gewalt des Normalen, die normative Gewalt. Ein Mann, der nicht gewalttätig ist, hat immer noch die Gewalt des Gesetzes und die öffentliche Meinung hinter sich. Allein die pure Möglichkeit, dass Männer in diesem System leicht Gewalt ausüben können, macht Frauen gefügig.

Auch sexistische Männer üben nicht einfach eine diffuse Macht aus. Sie geben der Frau unmissverständlich zu verstehen, dass ihr Körper dem Mann allein zu gehören hat. Vielen ist aber schleierhaft, warum Männer Macht ausüben wollen. Es gibt dafür nur eine Erklärung, und das ist nicht die Machtgier, denn auch sie hat immer einen Grund: Jeder Mann braucht die Macht über den Körper der Frau, um seine Vaterschaft ausüben zu können. Das Wissen um diese Ohnmacht, die es in Wirklichkeit ist, macht ihn aggressiv, denn es wird von ihm erwartet, dass er das Patriarchat fortführt, und wenn er es nicht tut, droht ihm Isolation.

Diese Aggression ist ihm nicht angeboren, sondern vom Patriarchat verursacht. Daher wird männliche Gewalt oft entschuldigt und legitimiert, auch vor Gericht; anders ergeht es den Frauen:

„Der in der Rechtsprechung in sein Gegenteil verkehrte Begriff der Wehrlosigkeit ermöglicht das Paradoxon, daß Frauen, die von den partnerschaftlichen Kräfteverhältnissen her an sich unterlegen sind, auch dann wegen Mordes verurteilt werden können, wenn sie aus einer notwehrähnlichen Situation heraus töten. Dagegen macht es die Rechtsprechung mit ihrer derzeitigen Auslegung den Männern fast unmöglich, ihre Frauen heimtückisch zu töten. Tatsächlich konnten alle weiblichen Opfer nur unter Ausnützung ihrer Wehrlosigkeit getötet werden, versteht man die Ausnutzung von Macht und Abhängigkeit als „Heimtücke“. Auch hier zeigt sich wieder: zweierlei Recht für zweierlei Geschlecht!“

(Junger, Ilka: Geschlechtsspezifische Rechtsprechung beim Mordmerkmal Heimtücke, In: STREIT. Feministische Rechtszeitschrift, Heft 2/1984, S. 42; zitiert nach Wolters 2018, S. 18)

Es muss nicht erst so weit kommen. Frauen in jeder Lebenssituation kämpfen gegen Ungerechtigkeit, Gewalt, Minderbezahlung und Altersarmut, aber insbesondere Müttern geht es schlechter als noch vor 30 Jahren. Nie waren sie seitdem unfreier. Nicht einmal in vorindustrieller Zeit war eine alleinerziehende Mutter an den Kindsvater gekettet, heute ist das aber so.

Was in der Schule nicht gelehrt wird, was Eltern auch nicht wissen, was in den Medien kaum ein Thema ist, was daher kaum eine junge Frau weiß und worüber sie auch bei der Unterschrift unter den Ehekontrakt nicht explizit aufgeklärt wird – was dort nicht einmal im Kleingedruckten steht –, das sind die neuen Familiengesetze.

Nicht zu heiraten war bis vor einigen Jahren für Mütter die Rückversicherung, ein Kind ohne Vater großziehen zu dürfen. Mittlerweile ist es egal, ob sie heiratet oder nicht, was das Sorge- und Umgangsrecht angeht. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Väter haben nun alle Rechte, müssen dafür aber nichts mehr zahlen.

Sicher, die Ehe diente von Beginn an der Unterdrückung der Mutter, aber eben nur der legitimen Mutter. Seitdem die sog. Illegitimität eines Kindes abgeschafft wurde, glauben immer mehr junge Mütter, nicht mehr heiraten zu müssen und halten das für einen feministischen Akt. Damit bringen sie sich nun um Vergünstigungen und die Absicherung des Alters, Geld, das ihnen eigentlich zusteht, denn der Vater profitiert ganz erheblich von der Lebensleistung einer Mutter, dies weit mehr als umgekehrt: Ohne sie könnte er nicht mit seinen Kindern leben, während eine Frau theoretisch auch ohne Partner Mutter sein kann. Nebenbei leistet ihm die treue Partnerin sexuelle Dienste und viele andere Annehmlichkeiten.

Das Ehegattingsplitting steht auf dem Prüfstand, aber das Rentenproblem bleibt, und verschärft sich sogar noch, denn schon jetzt ist die Rente ungerecht verteilt: In der Ehe verdientes Geld wird gemeinsam versteuert, aber was die Rente angeht, gilt das auf einmal nicht mehr. Wenn der in der Regel mehr verdienende Mann seine Frau überlebt, bezieht er weiter eine relativ hohe Rente, aber wenn sie ihn überlebt, wird sie mit einer kümmerlichen Witwenrente abgespeist. Einst sollte dies verhindern, dass sie ihren Mann umbringt und mit seiner Rente ein „lustiges Leben“ führt. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Überwiegend Männer ermorden ihre Partnerin.

„Ich bin für Gleichberechtigung, aber alles hat seine Grenzen“ sagte neulich ein Mann in den Sozialen Medien. Ja, Männer setzen absurde Grenzen, nicht Frauen. Weibliche Grenzen werden ungefragt überschritten, denn ihr Körper und alles, was aus ihr geboren wird, soll dem Mann gehören. Die Abgabe dieses und anderer Privilegien löst bei den Männern Angst aus, und zwar vor dem Gespenst eines Matriarchats, einer Frauenherrschaft. Männer haben Angst vor dem Echo. Alle Frauen leben ja vor, wie furchtbar es ist, beherrscht zu werden. Statt aber daraus abzuleiten, dass Frauen anständig zu behandeln sind, schützen Männer nur sich selbst vor dem Gespenst, das es selbst in vorpatriarchaler Zeit nicht gegeben hat.

Es ist ein selten dummer Kurzschluss, der nachfolgenden Generationen Schaden zufügt. Denn im Patriarchat werden alle Männer von leidenden Frauen geboren. Schon im Mutterleib leiden auch männliche Kinder, und zwar nachhaltig über die Epigenetik, und wenn sie geboren werden, leiden sie unter der mehr oder weniger sichtbaren Herrschaft ihres Vaters und der von Vater Staat, aber auch nicht selten unter einer Mutter, die mit dem Vater oder dem patriarchalen System kooperieren muss, statt, dass sie ihr Kind davor beschützen kann. Insbesondere von Söhnen erwarten Väter mehr oder weniger bewusst, dass sie in ihre Fußstapfen treten oder es sogar noch besser machen. Selbst das weitere Umfeld erwartet nun vom Sohn, dass er es dem Vater zumindest gleich tut. Wenn nicht, gibt es Gerede. Insbesondere bei Söhnen berühmter Männer kennen wir das. Diese in der Kindheit erworbenen Verletzungen können im Patriarchat nicht geheilt, sondern höchstens kompensiert werden und sie sind für den überall grassierenden Narzissmus verantwortlich. Männer suchen dafür die Schuld bei der Mutter – das Wesen, von dem sie unter natürlichen Bedingungen Schutz erwarten könnten. Diese Täter-Opfer-Umkehr wird zum zentralen Verhaltenskodex des Patriarchats und mündet in einer generationenübergreifenden Männersolidarität gegen Frauen. Frauenfeindlichkeit ist automatisch jedem patriarchal sozialisierten Mann anerzogen, mehr oder weniger. Es ist seine Aufgabe, das zu erkennen und zu therapieren.

Weiterlesen „Gar nicht einfach. Die Vaterschaft als Erklärung für alle menschengemachten Probleme.“