Neue Studie zeigt: Die Matrifokalität ist über 3 Millionen Jahre alt

Eine neue, bahnbrechende Veröffentlichung der Paläoanthropologen Philipp Gunz und Simon Neubauer u.a. (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig) enthüllt die wesentliche Frage, nämlich, wann sich die lange Kindheit zu entwickeln begann. Die Max-Planck-Gesellschaft schreibt:

„Bei Primaten hängen das Wachstumsmuster und die Fürsorge-Strategie für die Jungtiere miteinander zusammen. Die verlängerte Wachstumsphase des Gehirns bei Australopithecus afarensis könnte also möglicherweise auf eine lange Abhängigkeit der Kinder von den Eltern hindeuten.“ (MPG 2020)

Untersucht wurde nicht das berühmte Fossil „Lucy“, sondern das sog. „Dikika-Kind“, ein Mädchen, das ebenfalls der Art Australopithecus afarensis angehört und über 3 Millionen Jahre alt ist. Anhand des Gehirnabdrucks und einer Synchrotron-Mikrotomographie der Zähne, deren baumringartige Wachstumsspuren auf diese Weise sichtbar gemacht werden können, konnte nachgewiesen werden, dass das Gehirn des Kindes für sein Alter noch unerwartet gering entwickelt war. Das deutet auf eine bereits lange Kindheit hin, wie sie für uns, Homo sapiens typisch ist.

Der von den Autoren verwendete Eltern-Begriff zeichnet wieder einmal das Bild der patriarchalen Kleinfamilie. Spätestens seit dem Spätwerk der Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy (Blaffer Hrdy 2010) sollte jede/r verstanden haben, dass diese Lebensweise die denkbar schlechteste gewesen wäre und zum Aussterben geführt hätte. Davon ausgehend wissen wir jetzt also endlich, ab wann Mütter und Kinder auf eine Fürsorgegruppe angewiesen waren, entsprechend unserer angeborenen Matrifokalität, aus der sich mit zunehmender Lebenserwartung auch das Großmutter-Mutter-Tochter-Kontinuum entwickelte.

SelamAustralopithecus

Selam
Bilder: „Dikika-Kind. Oben: Fossil von Selam (Australopithecus afarensis) oder „DIK 1-1“. Unten:Versuch einer Rekonstruktion. The National Museum of Addis Ababa, Ethiopia. Wikimedia Commons.

Verbunden mit dem Irrglauben an die Paarbindung als typische Lebensweise von Homo sapiens wird immer wieder versucht, die Jagd als Motor für die Entwicklung unseres Sozialverhaltens und auch unserer Intelligenz zu stilisieren, und sie damit auch auf männliche Potenz zurückzuführen. Als früheste Spur der Großwildjagd gelten die Schöninger Speere, deren Alter auf 300.000 Jahre eingeordnet wird und die Funden der Menschenart Homo heidelbergensis zugerechnet werden. Lucy und ihre Kinder lebten jedoch schon vor mehr als drei Millionen Jahren! Seit 2013 ist auch bekannt, dass Australopithecus afarensis sich rein pflanzlich ernährte, und zwar vor allem von Gräsern und anderen sog. C4-Pflanzen, die hartfaserig sind (Vgl. Wynn et al. 2013).
Diese Ernährung aus der typischen Flora der Savanne zeigt, dass das Leben außerhalb der Wälder nicht von der Jagd auf Großtiere abhing. Das bedeutet vor allem auch, dass die These „Jagd führt zu Intelligenz“ vollständig entkräftet ist und eine Vertauschung von Ursache und Wirkung darstellt, die vor dem Hintergrund patriarchaler Wissenschaft nur als mutwillig bezeichnet werden kann.

Wie die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy es dargestellt hat, ist die lange Kindheit mit der Entstehung unseres einzigartigen Sozialsystems verbunden. Dies ist ein wechselseitiger Prozess, der auch zur Notwendigkeit der vollen Mitarbeit der Großmutter führte. In diesem Rahmen steigerte sich die Intelligenz auf das Niveau des sog. Modernen Menschen. Blaffer Hrdy bezog die Überlegungen der Anthropologin Kristen Hawkes und die Entdeckungen der Soziobiologen Jan Beise und Eckhard Voland mit ein, die zur sog. Großmutter-Hypothese führten, und die die Herrschende Lehre wohl bis zum Sankt-Nimmerleinstag überprüfen will, um ihr nicht das Prädikat „These“ verleihen zu müssen. Die Großmutter-These, wie ich sie also nenne, besagt, dass es allein die Großmutter mütterlicherseits gewesen sein muss, die die Mutter (ihre Tochter) lebenslang fürsorglich begleitete und so das Kontinuum der Sippe erst ermöglichte, während die Großmutter väterlicherseits so unbekannt war wie der Vater. Wir können glücklicherweise selbst nachprüfen, wie gut eine Mutter mit der Schwiegermutter zurecht kommt und wie engagiert sich eine Schwiegermutter um die Kinder ihrer Schwiegertochter kümmert, dies im Vergleich zu deren eigener Mutter.

Die neue Studie zeigt nun, dass die Entwicklung der matrifokalen Fürsorgegruppe, der Sippe, schon sehr früh einsetzte, und zwar schon lange vor der ersten Gruppenjagd. Zur Jagd hat Sarah Blaffer Hrdy sich klar geäußert:

„Auch wenn der Jäger noch so geschickt ist, ist das Aufspüren und Töten von Beutetieren ein riskantes Unterfangen mit unbestimmtem Ausgang. Ein Mann kann jeden Tag auf die Jagd gehen und trotzdem wochenlang mit leeren Händen heimkehren. Ein Jäger (…) kann sich den Misserfolg leisten, weil er davon ausgehen kann, einen Anteil an den von den Frauen gesammelten Früchten, Nüssen und Knollen zu erhalten, und auch weil andere Männer an diesem Tag mehr Glück haben mögen“. (Hrdy 2010, S. 27)

Da die Herrschende Lehre aber immer noch von der überragenden Bedeutung der männlichen Jagd ausgeht, den chronischen Mangel also einkalkuliert, muss sie das bei der Thesen-Bildung irgendwie berücksichtigen. Tatsächlich warten die MPG-Forscher mit einer neuen Hypothese auf, die die Rolle des hochsozialen Fürsorgeraums marginalisiert, ja überflüssig erscheinen lässt:

„Alternativ [zu der Fürsorge-Strategie, A.d.V.] könnte ein langes Gehirnwachstum auch in erster Linie eine Anpassung an Umweltbedingungen sein: Bei Nahrungsmangel würde der Energiebedarf abhängiger Nachkommen so über viele Jahre verteilt.“ (MPG 2020)

Diese rein auf die Natürliche Selektion abzielende, zur Sozialität in Konkurrenz gestellte Hypothese geht davon aus, dass der Mangel die Regel war und im Übrigen allein im Falle der Hominiden diese Anpassung auch notwendig wurde, zwei Grundannahmen, die für sich schon nicht nachvollziehbar sind.
Gegen die Hypothese spricht auch die Entwicklung weiterer Strategien, die das Problem von Mangelzeiten kompensieren können. Aufrecht gehende Hominiden der Savanne, wie Australopithecus afarensis, konnten ihre angestammten Gebiete schnell verlassen. Sie konnten ihre Nahrung umstellen. Sie verfügten bereits über eine gute Beobachtungs- und Erinnerungsgabe und waren in der Lage, ungewöhnlich weit die Zukunft zu planen. Hätten ihnen Mutationen die Sorge um die Zukunft abnehmen können, wären all diese Fähigkeiten nicht ausgebaut worden.
Gegen die Hypothese spricht besonders das Verständnis von Evolution, die nicht planmäßig vorgeht, sondern ein Prozess ist, bei dem sich Mutationen bewähren oder nicht. Die lange Kindheit war eine Mutation, die sich halten und weiter entwickeln konnte, weil Mütter bereits hochsozial lebten, als sich die Kindheit verlängerte. Denken wir die Hypothese doch kurz zuende: Was nützt denn einem langlebigen Kind ohne weiteren Anhang eine tote Mutter? Gleichzeitig muss die Lebenserwartung der Mütter auch deutlich gestiegen sein, und zwar vorher! Langes Leben kann im Tierreich nur durch eine harte Schale (z.B. Schildkröte, Muschel), angeborene, extreme Wehrhaftigkeit (Tiger, Kasuar) oder eben einen Sozialverband gesichert werden (Elefanten, Hominiden).
Primaten entwickelten die Schutzstrategie des matrifokalen Sozialverbandes schon sehr früh, weil sie ihre Kinder auf den Bäumen nicht alleine lassen konnten, dies im Gegensatz zu anderen Arten, die Höhlen nutzen können, und/oder deren Nachwuchs sich still verhält, bis die Mutter zurückkommt, und/oder der keinen Eigengeruch besitzt.
Die Notwendigkeit eines langen Lebens der Erwachsenen und ihre hohe Emotionalität führte zwangläufig auch zu Strategien, wie Krankheiten und Verletzungen zu verhindern oder zu heilen waren, ein sich selbst verstärkender Prozess also. Ohne die Sippe hätte, nebenbei erwähnt, eine Mutter auch keine Zeit für eine kulturelle Weiterentwicklung gehabt. Dies käme nur der Herrschenden Lehre entgegen, die immer noch versucht, die Kultur als männliche Errungenschaft hinzustellen.
Die lange Kindheit war aber keine Anpassung an eine unsichere Ernährungslage des Kindes. Die absurde Hypothese ist weit hergeholt und kann höchstens einen ökonomischen Nebeneffekt beschreiben, nicht aber eine sinnvolle Alternative zum Sozialverband.
Die MPG schreibt weiter:

„In beiden Fällen [Sozialverband oder Mangelhypothese, A.d.V.] bildete das lange Gehirnwachstum bei Australopithecus afarensis eine Grundlage für die spätere Evolution des Gehirns und des Sozialverhaltens bei Homininen, und für die Evolution einer langen Kindheit.“ (MPG 2020)

Abgesehen von der Tautologie dieses Satzes wird deutlich, dass die Entwicklung des Sozialverhaltens auf jeden Fall in eine spätere Phase verlegt werden soll. Stillschweigend wird auf diese Weise sogar der Fürsorge der „Eltern“ die Sozialität abgesprochen. Diesen Widerspruch können die Herren aber nicht auflösen.

Die eigentliche Triebfeder der Evolution ist die Sexuelle Selektion (female choice), zu der bei vielen Tierarten, insbesondere den Säugetieren, auch die „Evolution der Sozialität“ hinzukam. Dass die frühen Hominiden nicht kooperierten, oder gar trotz der langen Kindheit nicht kooperieren brauchten, ist nicht plausibel.

Es ist vor diesem Hintergrund auch bemerkenswert, dass die MPG bei ihrer Presseinformation die Überschrift: “Lucy hatte ein affenähnliches Gehirn“ gewählt hat und erst in der Sub-Headline das Wesentliche mitteilt: „Drei Millionen Jahre alte Gehirnabdrücke zeigen, dass die Kinder von Australopithecus afarensis lange auf elterliche Fürsorge angewiesen waren“ . Tatsächlich wird in der Veröffentlichung bestätigt, dass Australopithecus afarensis ein affenähnliches Gehirn hatte, was lange umstritten war. Nachgewiesen wurde dies mit der Entdeckung der Spur des für Affen typischen sog. Sulcus lunatus, einer Furche, die den vorderen vom hinteren Teil des Gehirnes trennt. Doch diese Meldung lässt bei Laien, die den Zustand der Fossilien und entsprechende Merkmale nicht kennen, höchstens Verwunderung darüber aufkommen, dass dies den Forschern nicht schon immer klar war. In den Gehirnen spukt ja: „Der Mensch stammt vom Affen ab.“ Entsprechend gering war auch das Interesse der Mainstream-Medien an dieser Veröffentlichung. Mit der Schlagzeile wird die eigentliche Brisanz nicht ansatzweise deutlich. Es sollen offensichtlich keine Schlüsse gezogen werden, die der Herrschenden Lehre Schwierigkeiten machen könnten. Aber nicht nur ihr passt die Erkenntnis der Matrifokalität des Menschen nicht, Journalisten selbst behindern bewusst die Verbreitung dieses Wissens.
Wesentlich besser und allein auf weiter Flur klingt die Überschrift in der online-Ausgabe von „Bild der Wissenschaft“: „’Lucy’: Affen-Hirn – aber lange Kindheit“. Diese Überschrift regt zudem zum Nachdenken darüber an, ob Affen tatsächlich dümmer sind als Menschen, oder gar Tiere überhaupt.

Literatur:

Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und andere. Berlin 2010

MPG 2020: „Lucy hatte ein affenähnliches Gehirn“. Online-Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft vom 1.4.2020. https://www.mpg.de/14624926/0325-evan-019609-lucy-hatte-ein-affenaehnliches-gehirn

Gunz, Philipp; Neubauer, Simon et al.: Australopithecus afarensis endocasts suggest ape-like brain organization and prolonged brain growth. In: Science Advances, 1.4.2020, DOI: 10.1126/sciadv.aaz4729

Krämer, Tanja: Kind der Vorzeit. In: online-Ausgabe des Spektrum der Wissenschaft vom 20.09.2006, abgerufen am 2.5.2020
https://www.spektrum.de/news/kind-der-vorzeit/851870

Podbregar, Nadja: Urmenschen: Hungern als Ausnahme. Online-Veröffentlichung von „Bild der Wissenschaft“ vom 8. Januar 2014 https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/urmenschen-hungern-als-ausnahme/, abgerufen am 2.1.2019

Vieweg, Martin: „Lucy“: Affen-Hirn – aber lange Kindheit. Online-Veröffentlichung von „Bild der Wissenschaft“ vom 1.4.2020. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/lucy-affen-hirn-aber-lange-kindheit/

Wynn, Jonathan G. et al.: Diet of Australopithecus afarensis from the Pliocene Hadar Formation, Ethiopia. In: PNAS, Band 110, Nr. 26, 2013, S. 10495–10500, DOI: 10.1073/pnas.1222559110

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