Zum Artikel „Stark als Paar“ von Blake Edgar im „Spektrum der Wissenschaft“, Heft April 2015

(Leserbrief in Auszügen abgedruckt im SdW, Heft Juni 2015)

Nach dem Lesen des Artikels „Stark als Paar“ von Blake EDGAR bleibt mir nur zu hoffen,
sich alle anderen Leser den zugehörigen Literaturtipp zu Herzen nehmen, und das Buch
„Mütter und andere“ von Sarah BLAFFER HRDY (2010) lesen. Leider geht der Einzeiler in
Ihrem Literaturtipp „Die Anthropologin erörtert die erstaunliche Sozialkompetenz von
Kleinkindern“ völlig am Inhalt des Buches vorbei, so dass zu fürchten ist, dass sich nur
Wenige, die sich für das arttypische, menschliche Sexual-Verhalten interessieren, davon
angesprochen fühlen. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird feststellen, dass EDGAR
BLAFFER HRDYs These missbräuchlich verwendet, ihr das Wort im Munde umdreht, und
vielleicht das Buch gar nicht gelesen hat, und statt dessen nur das veraltete „Mutter Natur“
kennt. Auf S. 448 von „Mütter und andere“ in Fußnote 20 schreibt BLAFFER HRDY (2010),
NACH IHRER EMERITIERUNG : „Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.“ Leider kam diese Erkenntnis etwas spät, so dass „Mutter Natur“ eher verwirrte als aufklärte.
BLAFFER HRDYs geht nun auf der Basis der Großmutterhypothese (Kristen HAWKES,
1998) und der Tatsache der female choice (Meredith SMALL, 1995) sowie ihrer eigenen
Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus, und betont, dass die Errichtung des Patriarchats dazu führte, dass die alten matrifokalen Sippen gegen die patrilokale Familie ersetzt wurden: „Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“ (2010 S. 336) Die PATRIARCHATSFORSCHUNG weiß dies schon länger, auch die herrschende Lehre der Archäologie muss sich zunehmend mit dieser Wahrheit auseinander setzen, leider ebenso ungerne wie Blake EDGAR. Die Monogamie, hergestellt durch das theologisch vorgeschriebene Ritual der Ehe, ist eine Einrichtung des Patriarchats, die nur ein Ziel hat,
nämlich die female choice zu unterdrücken. Nur durch Patrilokalität kann der Mann
Monogamie herstellen, denn nur in seinem Hause können er, seine Eltern und Brüder „seine“ Frau kontrollieren. Nur so kann Patrilinearität gesichert werden, die Basis für den
Kapitalismus. Wäre dies schon vor zwei Millionen Jahren der Fall gewesen, wäre die
Menschheit längst ausgestorben. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur die folgenreiche
Überbevölkerung, sondern züchtet eine aggressive und psychisch gestörte Population heran.
(Der Begriff „Kapital“ meint ursprünglich die Zahl der Tiere einer nomadischen
Viehzüchtergesellschaft. In den Steppen Eurasiens haben wir es entsprechend mit den ersten Patriarchaten zu tun.)
Matrilinearität ist die dem Menschen zuerst einsichtige religio (Rückbindung), daher haben
wir in der Altsteinzeit nur weibliche Darstellungen, eine Urmutter, die in der Nähe von Höhlen und Gewässern, den Orten, die für Geburt, Tod und Wiedergeburt, deponiert wurden.
Diese erste Religion, deren Ende in Europa erst vor ca. 7000 Jahren eingeleitet wurde, war
matrifokal. Um Patrilokalität (zur Unterdrückung der female choice) durchsetzen zu können,
muss zuerst ein Bewusstsein von Patrilinearität vorhanden sein. Die Keilschrift- und
Hieroglyphentexte und anderen Heiligen Schriften sind Manifeste dieses äußerst mühsamen Prozesses. Die endlosen Listen „wer wen zeugte“ dienen beispielsweise diesem Zweck. Die Schriften sind voll von Beweisen, dass Männer von Anfang an mit ihrem neuen Wissen nicht verantwortungsvoll umgehen konnten. Und so ist es kein Wunder, dass EDGAR 2014 mit „Our Secret Evolutionary Weapon: Monogamy“ titelte. Nur hat die Monogamie des
Menschen eben nichts mit Evolution zu tun, denn Monogamie ist die Waffe des
gebärneidischen Mannes gegen die Frau und damit letztlich gegen sich selbst. In einer Art
Stockholm-Syndrom verhaftet kann es passieren, dass Menschen glauben, dass „Monogamie
unserer Spezies gut tat“, wie EDGAR sich in Ihrer Zeitschrift zu behaupten trauen darf.
Wenn EDGAR dies behauptet, dann muss er auch behaupten, dass es evolutionär von Vorteil
sei, die Schwiegereltern zu versorgen. Tatsächlich ist die Familie bzw. Kleinfamilie, die in
jeder Generation das Rad neu erfinden muss, eine Mangelgemeinschaft, die mit der Aufzucht schon eines Kindes überfordert ist. Es gibt daher heute keine echte Solidarität zwischen den Generationen, es sei denn, sie wird per Gesetz verordnet. Nicht Versorgung aller Mitglieder steht im Vordergrund der Familie, sondern jeder Einzelne ist einem unnatürlichen Leistungszwang ausgesetzt, der letztlich Vater Staat und seinen Protagonisten dient.
So muss ich also nicht im Einzelnen auf die völlig überholen Thesen der im Artikel genannten „Koryphäen“ eingehen, sondern möchte meinerseits dem Autor und der Redaktion des SPEKTRUM Literaturtipps geben, nämlich 1. endlich das Buch „Mütter und andere“ aufmerksam bis zur letzten Fußnote durchzulesen, 2. „Die Erfindung der Götter“ von Gerhard Bott (2009, auch Teil II 2014), 3. mein eigenes Buch „Archäologie und Macht“ (Gabriele Uhlmann 2012) sowie 4. „Matrifokalität. Ein Plädoyer für die Natur“ von Kirsten ARMBRUSTER (2014). Letzteres führt sie zu weiteren Büchern der PATRIARCHATSFORSCHUNG, die systembedingt nur als Citizen Science betrieben werden kann, und sowohl von den Medien als auch den Gender Studies aller beteiligten Fachbereiche ignoriert wird.
Es wäre schön, wenn Sie sich auch an einen Artikel erinnern würden, der in Ihrer Zeitschrift
abgedruckt war, und der die Großmutterhypothese stützt:
http://www.spektrum.de/alias/soziobiologie/warum-gibt-es-grossmuetter/829410
Bitte beachten Sie auch den SPIEGEL-Artikel „Multikulti in der Steinzeit“ (Heft 6, 2015)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-131578982.html Hier lesen wir nämlich, dass aktuelle
Untersuchungen der „Arbeitsgruppe Paläogenetik“ unter Leitung des Anthropologen Kurt
ALT (Universität Mainz) bestätigen, dass es „Tanten, Onkel und Schwestern“ waren, die die
Bandkeramik verbreiteten. Diese Feststellung, die heutzutage auch als „gender-politisch
korrekt geschrieben“ überlesen werden kann, muss wörtlich genommen werden, wie mir Prof. Dr. Alt in privater Korrespondenz mitteilte. Dies meint, dass nicht biologische Väter, sondern soziale Väter, nämlich die Brüder der Großmütter, in die weite Welt zogen, und natürlich auch als Brüder der Mütter an der Kinderfürsorge beteiligt waren.
Weitere Ergebnisse in diesem Sinne aus dem Fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens
werden folgen. Für Çatal Höyük lesen sie bitte hier: Pilloud, Marin A.; Larsen, Clark Spencer:
„Official“ and „practical“ kin: Inferring social and community structure from dental
phenotype at Neolithic Çatalhöyük, Turkey. In: American Journal of Physical Anthropology
(Impact Factor: 2.48). 05/2011; 145(4):519-30. Eine Zusammenfassung davon finden Sie hier
http://www.livescience.com/14824-communal-human-burials-ancient-settlement.html
Des weiteren bitte ich die Redaktion von der Veröffentlichung solcher hanebüchen veralteter, patriarchatsideologisch gefärbter Artikel künftig abzusehen, mit denen die Glaubwürdigkeit des SPEKTRUM zunehmend gefährdet wird.

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